SSRI
SSRI hemmen selektiv den Serotonintransporter. Sie sind Mittel der ersten Wahl bei Depression und Angststörungen. Im Kern geht es darum, die unerwünschten Wirkungen aus den 5-HT-Rezeptorsubtypen abzuleiten und die Vertreter nach Kinetik und CYP-Hemmung zu unterscheiden. Hier haben auch Serotoninsyndrom und Absetzsyndrom ihre Heimat.
Dein roter Faden
- Einordnung: SSRI hemmen selektiv den Serotonintransporter, blockieren aber kaum Rezeptoren oder Na⁺-Kanäle. Deshalb sind sie anders als TCA kaum sedierend, nicht anticholinerg und bei Überdosis wenig kardiotoxisch.
- Mechanismus und Latenz: Das zusätzliche Serotonin erreicht alle 5-HT-Subtypen. Die antidepressive Wirkung setzt erst nach Desensitisierung der 5-HT₁A-Autorezeptoren über Wochen ein.
- Indikationen: Sie sind erste Wahl bei Depression und Angststörungen, außerdem bei Zwangsstörung (hochdosiert) und PTBS. Fluoxetin ist bei Bulimie zugelassen.
- UAW aus dem Mechanismus: Übelkeit entsteht über 5-HT₃, Unruhe und sexuelle Funktionsstörungen über 5-HT₂. Hinzu kommen Hyponatriämie über SIADH, Blutungsneigung durch Serotoninverarmung der Thrombozyten, QT-Verlängerung unter Citalopram und Escitalopram sowie initiale Suizidalität bei Jüngeren.
- Serotoninsyndrom und Interaktionen: Mit MAO-Hemmern und Linezolid sind SSRI kontraindiziert, mit Tramadol, Triptanen und Johanniskraut addiert sich das Serotoninrisiko. NSAR und Antikoagulanzien erhöhen das Blutungsrisiko.
- Vertreterwahl nach Kinetik: Fluoxetin und Paroxetin hemmen CYP2D6, Fluvoxamin hemmt CYP1A2. Sertralin und Escitalopram sind interaktionsarm. Paroxetin zeigt das stärkste Absetzsyndrom, Fluoxetin wegen Norfluoxetin kaum eines.
Kostenlos weiterlesen mit deinem Relaxed-Konto
Lege dir ein kostenloses Konto an, dann ist das ganze 2. Staatsexamen für dich frei. Kein Abo, keine Zahlungsdaten.
Bitte bestätige zuerst deine E-Mail-Adresse
Wir haben dir einen Link geschickt. Mit bestätigter E-Mail-Adresse liest du hier gleich weiter.
Überblick
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) hemmen den präsynaptischen Serotonintransporter (SERT) und erhöhen so die Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt. Anders als trizyklische Antidepressiva blockieren sie kaum Rezeptoren oder Ionenkanäle.
- Keine relevante M-, H₁- oder α₁-Blockade: kaum sedierend, nicht anticholinerg, keine Orthostase.
- Keine Na⁺-Kanal-Blockade: bei Überdosis wenig kardiotoxisch.
- Stellenwert: erste Wahl bei Depression und Angststörungen, dazu Zwangsstörung und PTBS.
- Escitalopram: das S-Enantiomer des Racemats Citalopram, das die SERT-Hemmung allein trägt.
Typischer Vertreter ist Sertralin, das bei breiter Zulassung kaum Interaktionen verursacht.
- Prinzip: selektive SERT-Hemmung, schwach auch am Dopamintransporter.
- Kinetik: \(t_{1/2}\) etwa ein Tag, Abbau über mehrere CYP-Isoenzyme, CYP2D6 erst hochdosiert mäßig gehemmt.
- Einsatz: Depression, Panik- und Zwangsstörung, soziale Phobie, PTBS.
- Besonderheit: keine relevante QT-Verlängerung, bei Herzpatienten gut untersucht.
Vertreter
Pharmakodynamisch sind die SSRI nahezu gleich und vergleichbar wirksam. Sie unterscheiden sich in der Kinetik, vor allem in der Hemmung von CYP-Enzymen. Davon hängen Interaktionen und Absetzverhalten ab.
Wirkmechanismus
SSRI blockieren den Na⁺/Cl⁻-gekoppelten SERT (SLC6A4). Die Hemmung ist selektiv, die Folge nicht: Das zusätzliche Serotonin (5-HT) erreicht alle Rezeptorsubtypen (Physiologie: Serotonin), und je nach Subtyp entstehen Wirkung oder UAW.
- 5-HT₁A (limbisch, postsynaptisch): antidepressiv, anxiolytisch.
- 5-HT₂A/₂C: Unruhe, Schlafstörung, sexuelle Funktionsstörungen.
- 5-HT₃ (Area postrema, Darm): Übelkeit.
- 5-HT₄ (enterisches Nervensystem): Diarrhö.
Antwort anzeigen
Der SERT ist ab der ersten Dosis gehemmt, und die peripheren 5-HT₃-Rezeptoren reagieren sofort auf das zusätzliche Serotonin. In den Raphe-Kernen bremsen dagegen somatodendritische 5-HT₁A-Autorezeptoren die Feuerrate. Deshalb steigt die Freisetzung im limbischen System zunächst kaum. Erst wenn diese Autorezeptoren über zwei bis vier Wochen desensitisieren und neuroplastische Anpassungen folgen, setzt die Wirkung ein (allgemein: Grundlagen der Psychopharmakologie).
Wirkungen und Anwendung
SSRI wirken stimmungsaufhellend, anxiolytisch und antiobsessiv, ohne zu sedieren.
- Depression: erste Wahl, weil sie so wirksam sind wie andere Antidepressiva, aber besser verträglich.
- Angststörungen: Panikstörung, generalisierte Angststörung und soziale Phobie. Die Dosis-Wirkungs-Kurve ist flach.
- Zwangsstörung: meist hochdosiert und mit längerer Latenz.
- PTBS: Sertralin, Paroxetin.
- Bulimia nervosa: Fluoxetin.
- Weitere: bipolare Depression nur zusammen mit einem Stimmungsstabilisierer, weil das Switch-Risiko geringer ist als unter TCA. Bei neuropathischen Schmerzen werden sie anders als TCA nicht empfohlen.
Pharmakokinetik
Alle SSRI werden oral gut resorbiert und hepatisch über CYP abgebaut, die meisten erlauben eine Einmalgabe. Entscheidend sind die Ausnahmen (Prinzip: Arzneimittelwechselwirkungen):
- Fluoxetin: Der aktive Metabolit Norfluoxetin hat eine \(t_{1/2}\) von 1 bis 2 Wochen → Steady State und Auswaschung dauern Wochen.
- Fluoxetin, Paroxetin: starke CYP2D6-Hemmer. Paroxetin hemmt seinen eigenen Abbau → nichtlineare Kinetik.
- Fluvoxamin: starker CYP1A2-Hemmer.
- Sertralin, Escitalopram: kaum CYP-Hemmung, daher interaktionsarm.
Unerwünschte Wirkungen
Die UAW folgen aus dem Serotoninüberschuss am jeweiligen Rezeptor. Gastrointestinale UAW und Unruhe klingen nach einigen Wochen ab, sexuelle Funktionsstörungen oft nicht.
| UAW | warum | |
|---|---|---|
Magen-Darm |
Übelkeit, Diarrhö (initial, häufig) | 5-HT₃, 5-HT₄ |
ZNS |
Unruhe, Schlafstörung (initial) | 5-HT₂A/₂C |
Sexualität |
Libido ↓, Orgasmusstörung | 5-HT₂-vermittelte Dämpfung dopaminerger Bahnen |
Niere |
Hyponatriämie, v. a. bei Älteren | SIADH |
Blut |
Blutungsneigung, v. a. gastrointestinal | Thrombozyten nehmen 5-HT nur über SERT auf → verarmen → Aggregation ↓ |
Herz |
QT-Verlängerung | Citalopram, Escitalopram, dosisabhängig (Herzrhythmusstörungen) |
ZNS |
Suizidalität bei unter 25-Jährigen | Aktivierung zu Therapiebeginn, bevor sich die Stimmung bessert |
Zwei Syndrome sind klassenübergreifend wichtig.
Serotoninüberschuss, meist nach Kombination serotonerger Stoffe, mit der Trias neuromuskuläre Übererregbarkeit (Tremor, Myoklonus, Hyperreflexie), autonome Instabilität (Fieber, Tachykardie, Schwitzen) und Agitation bis Verwirrtheit. Therapie: Auslöser absetzen, kühlen, Benzodiazepine.
Nach abruptem Absetzen treten Schwindel, stromschlagartige Missempfindungen, Übelkeit, Schlafstörung und Reizbarkeit auf. Es ist meist selbstlimitierend, kein Zeichen einer Abhängigkeit und lässt sich durch Ausschleichen vermeiden.
Kontraindikationen und Wechselwirkungen
Gefährlich sind vor allem pharmakodynamische Additionen. Häufiger sind die CYP-Interaktionen einzelner Vertreter.
- MAO-Hemmer, Linezolid: kontraindiziert, weil Abbau und Rückaufnahme von Serotonin zugleich blockiert sind.
- Tramadol, Methadon, Fentanyl, Triptane, Johanniskraut: additives Risiko für ein Serotoninsyndrom (Morphin kaum betroffen).
- NSAR, Thrombozytenaggregationshemmer, Antikoagulanzien: Blutungsrisiko ↑, bei Älteren Magenschutz erwägen.
- CYP2D6-Substrate unter Fluoxetin oder Paroxetin: Metoprolol → Bradykardie. Bei den Prodrugs Tamoxifen und Codein entsteht weniger Wirkform.
- CYP1A2-Substrate unter Fluvoxamin: Spiegel von Clozapin und Theophyllin ↑. Agomelatin und Tizanidin sind kontraindiziert.
- QT-verlängernde Arzneistoffe, Long-QT-Syndrom: mit Citalopram und Escitalopram kontraindiziert.
Nie gleichzeitig geben. Nach einem irreversiblen MAO-Hemmer zwei Wochen bis zum SSRI warten, nach Fluoxetin wegen Norfluoxetin etwa fünf Wochen bis zum MAO-Hemmer.
Unterschiede innerhalb der Klasse
Da die Wirksamkeit vergleichbar ist, entscheiden Kinetik und Sicherheit über den Vertreter.
| Wirkstoff | \(t_{1/2}\) | CYP-Hemmung | QT-Risiko | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| Sertralin | ca. 26 h | gering | gering | kardial gut untersucht |
| Citalopram | ca. 35 h | gering | ↑ | Racemat |
| Escitalopram | ca. 30 h | gering | ↑ | S-Enantiomer |
| Fluoxetin | 1 bis 4 d (Norfluoxetin länger) | 2D6 stark | gering | kaum Absetzsyndrom, Interaktionen wochenlang |
| Paroxetin | ca. 20 h, nichtlinear | 2D6 stark | gering | stärkstes Absetzsyndrom |
| Fluvoxamin | ca. 15 h | 1A2 stark | gering | viele Interaktionen |
- Polymedikation → Sertralin oder Escitalopram: Beide hemmen CYP kaum, deshalb ändern sich die Spiegel der Begleitmedikation wenig. Bei QT-Risiko ist Sertralin vorzuziehen.
- Paroxetin absetzempfindlich: Es hat eine kurze Halbwertszeit ohne aktiven Metaboliten. Wegen der nichtlinearen Kinetik fällt der Spiegel beim Reduzieren überproportional. Hinzu kommt ein cholinerger Rebound, weil Paroxetin eine schwache Affinität zu Muscarinrezeptoren hat.
Teste dich
Aussage 1
Die Hyponatriämie unter SSRI beruht auf einer vermehrten Aldosteronsekretion.
Ursache ist ein SIADH, also eine inadäquat hohe ADH-Sekretion mit Wasserretention. Ältere sind besonders gefährdet.
Wer bin ich?
Aussage 3
Fluoxetin verursacht kaum ein Absetzsyndrom, weil Norfluoxetin sehr langsam eliminiert wird.
Durch die lange Halbwertszeit von Norfluoxetin sinkt der Spiegel nach dem Absetzen nur langsam. Das Medikament schleicht sich damit gewissermaßen selbst aus.
Aussage 4
Die Blutungsneigung unter SSRI entsteht, weil Thrombozyten Serotonin nicht selbst bilden, sondern über den SERT aufnehmen.
Ist der SERT gehemmt, verarmen die Thrombozyten an Serotonin, und ihre Aggregation nimmt ab.
Aussage 5
Escitalopram ist das S-Enantiomer des Racemats Citalopram.
Die SERT-Hemmung von Citalopram beruht praktisch allein auf dem S-Enantiomer. Escitalopram ist dieses Enantiomer als Reinsubstanz.
Zuordnen
Warum?
Aussage 8
Fluvoxamin ist vor allem ein starker Hemmstoff von CYP2D6.
Fluvoxamin hemmt vor allem CYP1A2, daher steigen etwa Clozapin und Theophyllin an. Starke CYP2D6-Hemmer sind Fluoxetin und Paroxetin.
Aussage 9
SSRI sind bei Überdosis ähnlich kardiotoxisch wie TCA, weil sie ebenfalls kardiale Na⁺-Kanäle blockieren.
SSRI blockieren keine Na⁺-Kanäle und sind daher bei Überdosis wenig kardiotoxisch. Die Na⁺-Kanal-Blockade ist typisch für TCA.
Lückentext
Prüferin fragt
Fehler entdeckt oder eine Idee? Wir verbessern die Inhalte laufend. Melde es uns gerne über dieses Formular ❤️
Teile der Inhalte wurden mithilfe von KI-Systemen erstellt und werden fortlaufend redaktionell geprüft. Trotz Sorgfalt können Fehler enthalten sein. Wichtige Informationen bitte anhand offizieller Quellen prüfen. Relaxed ins Stex ist ein unabhängiges Angebot und steht in keiner Kooperation mit dem IMPP. Das Angebot ist weder vom IMPP autorisiert noch mit diesem verbunden.