Grundlagen

Grundlagen der Psychopharmakologie

Brückenseite der Psychopharmakologie: Einteilung der Psychopharmaka, zentrale Transmittersysteme und dopaminerge Bahnen, das Rezeptorprofil als Schlüssel zu den UAW und die Wirklatenz durch adaptive Veränderungen. Am Ende stehen die Angriffspunkte mit Links zu den Arzneistoffklassen.

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Dein roter Faden6 Punkte
  • Einteilung: Psychopharmaka werden klassisch nach klinischer Hauptwirkung eingeteilt, die Einteilung nach Wirkprinzip sagt aber UAW und Wechselwirkungen besser voraus; Abhängigkeitspotenzial haben vor allem Benzodiazepine, Z-Substanzen und Psychostimulanzien.
  • Transmittersysteme: Noradrenalin, Serotonin und Dopamin steuern Antrieb, Stimmung und Motivation, GABA und Glutamat die Erregbarkeit, Acetylcholin und Histamin Kognition und Wachheit.
  • Dopaminerge Bahnen: D2-Blockade wirkt mesolimbisch antipsychotisch, verursacht aber nigrostriatal EPS, tuberoinfundibulär Hyperprolaktinämie und mesokortikal eher Verschlechterung von Antrieb und Kognition.
  • Rezeptorprofil: Off-Target-Blockade aminerger Rezeptoren erklärt die UAW: muscarinerg anticholinerg, H1 sedierend, α1 orthostatisch, H1 und 5-HT2C Gewichtszunahme.
  • Wirklatenz: Transporterhemmung wirkt sofort, die Besserung erst nach Wochen durch Autorezeptor-Desensitisierung, Rezeptor-Downregulation und BDNF-vermittelte Neuroplastizität; deshalb spät beurteilen und ausschleichen.
  • Angriffspunkte: Transporter, MAO, Autorezeptoren, postsynaptische Rezeptoren, GABA-A, Melatonin-, Orexin- und NMDA-Rezeptoren sowie intrazelluläre Signalwege bei Lithium.

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Einteilung der Psychopharmaka

Psychopharmaka sind Arzneistoffe, die über Angriffspunkte im ZNS Stimmung, Antrieb, Denken, Wahrnehmung oder Schlaf beeinflussen. Klassisch teilt man sie nach der klinischen Hauptwirkung ein:

  • Antidepressiva: stimmungsaufhellend.
  • Antipsychotika: antipsychotisch über D2-Blockade.
  • Stimmungsstabilisierer: Phasenprophylaxe (Lithium).
  • Anxiolytika und Hypnotika: angstlösend, schlafanstoßend.
  • Psychostimulanzien: antriebs- und aufmerksamkeitssteigernd.

Die Namen täuschen: Antidepressiva wirken auch bei Angststörungen und neuropathischen Schmerzen, Antipsychotika bei Manie. Die Einteilung nach Wirkprinzip (etwa D2-Antagonist) sagt dagegen UAW und Wechselwirkungen voraus.

Abhängigkeitspotenzial haben vor allem Benzodiazepine, Z-Substanzen und Psychostimulanzien (Abhängigkeit und Sucht). Antidepressiva und Antipsychotika machen nicht abhängig, zeigen nach abruptem Absetzen aber Absetzphänomene.

Transmittersysteme im ZNS

Psychopharmaka greifen in wenige Transmittersysteme ein, deren Grundlagen bei den Neurotransmittern und Mediatoren stehen:

  • Noradrenalin (Locus coeruleus): Wachheit, Aufmerksamkeit, Antrieb.
  • Serotonin (Raphe-Kerne): Stimmung, Angst, Impulskontrolle, Appetit (Serotonin).
  • Dopamin (Substantia nigra, ventrales Tegmentum, Hypothalamus): Motorik, Motivation, Prolaktinhemmung.
  • GABA und Glutamat: wichtigster hemmender (GABA-A: Cl⁻-Kanal) bzw. erregender Transmitter (NMDA: Ca²⁺-durchlässiger Kanal); ihr Gleichgewicht bestimmt die Erregbarkeit.
  • Acetylcholin und Histamin: Kognition bzw. Wachheit; ihre Blockade erklärt Verwirrtheit und Sedierung.

Stellschrauben sind jeweils Synthese, vesikuläre Speicherung, Wiederaufnahme und Abbau.

Dopaminerge Bahnen

Dopaminerge Neurone projizieren in vier dopaminerge Bahnen mit verschiedenen Funktionen. Ein systemisch gegebener D2-Antagonist erreicht alle vier, deshalb liegen erwünschte Wirkung und typische UAW nebeneinander:

Gehirnschnitt mit vier farbigen Bahnen vom ventralen Tegmentum, der Substantia nigra und dem Nucleus arcuatus zu Nucleus accumbens, präfrontalem Kortex, Striatum und Hypophyse.

Die vier dopaminergen Bahnen und die Folgen ihrer D2-Blockade
Bahn Verlauf Funktion Folge der D2-Blockade
mesolimbisch ventrales Tegmentum → Nucleus accumbens, limbisches System Motivation, Belohnung antipsychotisch (Positivsymptome ↓)
mesokortikal ventrales Tegmentum → präfrontaler Kortex Antrieb, Kognition Negativsymptome, kognitive Defizite eher verstärkt
nigrostriatal Substantia nigra → Striatum extrapyramidale Motorik EPS: Frühdyskinesien, Parkinsonoid, Akathisie, Spätdyskinesien
tuberoinfundibulär Nucleus arcuatus → Hypophysenvorderlappen Prolaktinhemmung Hyperprolaktinämie: Galaktorrhö, Amenorrhö

Umgekehrt steigern Psychostimulanzien Dopamin mesolimbisch und mesokortikal: Antrieb und Aufmerksamkeit nehmen zu, mesolimbisch entsteht aber Missbrauchspotenzial. Die D2-Blockade selbst behandeln die Antipsychotika der 1. Generation.

Prüferinnenfrage
Warum kann dasselbe Antipsychotikum eine Psychose bessern und ein Parkinsonoid auslösen?
Antwort anzeigen

Weil die D2-Blockade nicht bahnselektiv ist. Mesolimbisch wirkt sie antipsychotisch, nigrostriatal fehlt Dopamin für die Motorik, und das striatale cholinerge System überwiegt relativ. Deshalb helfen beim Parkinsonoid Anticholinergika, nicht Levodopa, dessen Dopamin auf blockierte Rezeptoren träfe.

Rezeptorprofil und Nebenwirkungen

Das Rezeptorprofil ist das Muster der Affinitäten eines Arzneistoffs zu seinem Target und zu weiteren Rezeptoren. Viele Psychopharmaka sind lipophile Amine mit protonierbarem Stickstoff, der an ein konserviertes Aspartat in der Bindungstasche aminerger G-Protein-gekoppelter Rezeptoren bindet. So entstehen Off-Target-Blockaden, aus denen sich die meisten UAW ableiten:

blockierter Rezeptor Folge warum
Muscarinrezeptoren Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt, Akkommodationsstörung, Tachykardie, Delir Parasympathikus gehemmt, zentral cholinerges Defizit
H1 Sedierung, Gewichtszunahme histaminerge Wachheit und Sättigung fallen weg
α1 orthostatische Hypotonie, Schwindel sympathische Vasokonstriktion fehlt
5-HT2C Appetit ↑, Gewichtszunahme hypothalamisches Sättigungssignal (POMC-Neurone) fehlt
D2 EPS, Prolaktin ↑ Blockade der dopaminergen Bahnen

Der Profilvergleich erklärt Klassenunterschiede: Trizyklische Antidepressiva blockieren neben SERT und NET auch M-, H1- und α1-Rezeptoren und sind daher anticholinerg, sedierend und hypotensiv. SSRI haben kaum Off-Target-Affinität; ihre UAW (Übelkeit, sexuelle Funktionsstörungen, Unruhe) folgen aus dem serotonergen Mechanismus selbst.

💡 Merke

Erst fragen, welche Rezeptoren ein Stoff außer seinem Target blockiert, dann die UAW aus der Physiologie dieser Rezeptoren ableiten.

Wirklatenz und adaptive Veränderungen

Ein SSRI hemmt den Transporter innerhalb von Stunden, die antidepressive Wirkung setzt aber erst nach etwa zwei bis vier Wochen ein. Diese Wirklatenz spiegelt adaptive Veränderungen wider, nicht die akute Transmittererhöhung:

Diagramm mit mehreren Kurven über die Zeit in Wochen: sofortige Transporterhemmung, vorübergehend sinkende Feuerrate und verzögert ansteigende klinische Wirkung.

Wirklatenz: Transporterhemmung, Autorezeptor-Desensitisierung und klinische Wirkung im Zeitverlauf
  1. Akut: SERT-Hemmung → Serotonin ↑, auch somatodendritisch an den Raphe-Neuronen.
  2. Autorezeptor-Bremse: 5-HT1A-Autorezeptoren (Gi-gekoppelt) aktiviert → Feuerrate ↓, Freisetzung netto kaum erhöht.
  3. Autorezeptor-Desensitisierung: über Wochen entkoppeln und internalisieren die Autorezeptoren → Feuerrate normalisiert, serotonerge Übertragung ↑.
  4. Downregulation: postsynaptische Rezeptoren (z. B. β-Adrenozeptoren, 5-HT2A) nehmen ab.
  5. Neuroplastizität: Transkription über CREB → BDNF ↑ → Synaptogenese, hippocampale Neurogenese.

Neuroplastizität ist die aktivitätsabhängige Anpassung von Synapsen, Dendriten und Neuronen. Sie gilt als gemeinsames Endglied verschiedener Antidepressiva.

  • Wirkbeurteilung: frühestens nach zwei bis vier Wochen in ausreichender Dosis.
  • UAW vor Wirkung: Übelkeit und Unruhe kommen sofort, die Besserung später; das gefährdet die Adhärenz.
  • Absetzen: ausschleichen, weil das adaptierte System auf abruptes Absetzen mit Absetzsymptomen reagiert.

Pharmakologische Angriffspunkte

Die Angriffspunkte verbinden diese Grundlagen mit den Arzneistoffklassen, deren Seiten die Details erklären:

Schema einer Synapse mit Transportern, Vesikeln, MAO, Autorezeptoren und postsynaptischen Rezeptoren, jeweils beschriftet mit den angreifenden Arzneistoffklassen.

Angriffspunkte der Psychopharmaka an der monoaminergen Synapse sowie am GABA-A- und NMDA-Rezeptor
Angriffspunkt Prinzip Klassen
SERT, NET Wiederaufnahmehemmung SSRI, SSNRI und SNRI, TZA
DAT, NET Hemmung bzw. Umkehr des Transports Psychostimulanzien
VMAT2 Hemmung → Speicher entleert Tetrabenazin bei Hyperkinesien
MAO-A, MAO-B Abbau ↓ MAO-Hemmer
α2-Autorezeptor Antagonismus → NA- und 5-HT-Freisetzung ↑ Mirtazapin
5-HT1A partieller Agonismus Buspiron (weitere Anxiolytika)
D2, 5-HT2A Antagonismus, teils partieller Agonismus 1. Generation, 2. Generation
H1 Antagonismus sedierende H1-Antihistaminika
GABA-A positive allosterische Modulation Benzodiazepine, Z-Substanzen
MT1/MT2, OX1/OX2 Agonismus bzw. Antagonismus Melatonin- und Orexin-Liganden
NMDA Antagonismus Esketamin (weitere Antidepressiva)
intrazelluläre Signalwege Hemmung von Inositolmonophosphatase, GSK-3β Lithium

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Zuordnen

Aussage 2

Antidepressiva haben kein relevantes Abhängigkeitspotenzial, können nach abruptem Absetzen aber Absetzsymptome auslösen.

Das adaptierte System reagiert auf den plötzlichen Wegfall; deshalb wird ausgeschlichen, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt.

Aussage 3

Die antidepressive Wirkung eines SSRI setzt typischerweise gleichzeitig mit der Hemmung des Serotonintransporters ein.

Die Transporterhemmung tritt innerhalb von Stunden ein, die Wirkung erst nach etwa zwei bis vier Wochen, weil adaptive Veränderungen wie die Autorezeptor-Desensitisierung nötig sind.

Warum?

Aussage 5

Die orthostatische Hypotonie unter trizyklischen Antidepressiva beruht auf der Blockade muscarinerger Rezeptoren.

Ursache ist die α1-Blockade, weil die sympathische Vasokonstriktion fehlt. Die Muscarinblockade verursacht Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt und Tachykardie.

Aussage 6

Die tuberoinfundibuläre Bahn hemmt über D2-Rezeptoren die Prolaktinfreisetzung, ihre Blockade führt zu Hyperprolaktinämie.

Dopamin aus dem Nucleus arcuatus hemmt tonisch die Prolaktinsekretion im Hypophysenvorderlappen; fällt diese Hemmung weg, steigt Prolaktin.

Aussage 7

Benzodiazepine aktivieren den GABA-A-Rezeptor als direkte Agonisten an der GABA-Bindungsstelle.

Benzodiazepine sind positive allosterische Modulatoren des GABA-A-Rezeptors; sie verstärken die Wirkung von GABA, ersetzen GABA aber nicht.

Aussage 8

Mirtazapin steigert die Freisetzung von Noradrenalin und Serotonin durch Blockade präsynaptischer α2-Autorezeptoren.

α2-Autorezeptoren bremsen die eigene Transmitterfreisetzung; ihre Blockade hebt diese Bremse auf.

Reihenfolge

Prüferin fragt

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