Lokalantibiotika
Lokalantibiotika wirken topisch an Haut, Nase und Auge, weil sie systemisch zu toxisch, unwirksam oder als Reserve zu schonen sind. Den Kern bilden fünf Vertreter mit fünf verschiedenen Targets, die nasale MRSA-Dekolonisation und die zwei Klassenprobleme Kontaktsensibilisierung und Resistenz.
Dein roter Faden
- Prinzip: Lokalantibiotika wirken topisch weit über der MHK, weil sie systemisch zu toxisch, unwirksam oder als Reserve zu schonen sind.
- Mechanismen: Fusidinsäure hält EF-G am Ribosom fest, Mupirocin hemmt die Isoleucyl-tRNA-Synthetase, Retapamulin die Peptidyltransferase, Neomycin die 30S-Untereinheit, Bacitracin das Bactoprenol-Recycling.
- Pleuromutiline: halbsynthetische Diterpen-Derivate mit eigener Bindungsstelle am 50S-Ribosom, daher kaum Kreuzresistenz.
- Indikationen: kleinflächige Impetigo und impetiginisierte Dermatosen kurzzeitig, bakterielle Augeninfektionen.
- Dekolonisation: Mupirocin-Nasensalbe beseitigt eine MRSA-Besiedlung im Nasenvorhof, kombiniert mit antiseptischer Körperwaschung.
- UAW: Kontaktsensibilisierung (Neomycin mit Kreuzallergie zu Aminoglykosiden) und Resistenzselektion bei Langzeitanwendung.
- Grenzen und Alternative: keine großflächige Anwendung, keine Aminoglykoside bei Trommelfellperforation; Antiseptika sind oft vorzuziehen.
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Überblick
Lokalantibiotika sind antibakterielle Wirkstoffe, die auf Haut, Nasenschleimhaut, Auge oder Ohr aufgetragen werden und dort weit über der minimalen Hemmkonzentration (MHK) wirken. Topisch bleiben sie, weil sie systemisch zu toxisch (Neomycin, Bacitracin) oder unwirksam sind (Mupirocin) oder weil man sie als Reserve vor Resistenz schützen will. Allgemeine Wirkprinzipien und Resistenz: Grundlagen der Antibiotikatherapie.
- Wenig systemische Exposition: intakte Haut und Schleimhaut resorbieren kaum, wie stark, hängt von Barriere und Grundlage ab (Grundlagen der Dermatotherapie).
- Schmale Indikationen: umschriebene Infektionen mit Staphylococcus aureus und Streptokokken, nasale MRSA-Besiedlung, bakterielle Augeninfektionen.
- Zwei Klassenprobleme: Kontaktsensibilisierung und Resistenzselektion, beide wachsen mit Dauer und Fläche.
- Stellenwert: begrenzt, für viele Haut- und Wundindikationen sind Antiseptika vorzuziehen.
Typischer Vertreter ist Fusidinsäure, das klassische Lokalantibiotikum der Dermatologie gegen Staphylokokken.
- Prinzip: hält EF-G am Ribosom fest → Translokation blockiert, bakteriostatisch gegen Staphylokokken.
- Kinetik: lipophiles, steroidähnliches Fusidan-Gerüst ohne Hormonwirkung, penetriert gut in Haut und Krusten.
- Einsatz: Impetigo, impetiginisierte Dermatosen (auch fix mit Glucocorticoid), Augentropfen.
- Besonderheit: Resistenz durch Punktmutation im fusA-Gen entsteht rasch → nur kurz anwenden.
Vertreter
Die Vertreter sind chemisch völlig verschieden (Steroidgerüst, Pseudomonsäure, Diterpen, Aminoglykosid, Cyclopeptid) und teilen nur die topische Anwendung. Man ordnet sie nach dem Target: Proteinsynthese an jeweils eigener Stelle oder Zellwandsynthese. Neomycin erfasst als einziger auch gramnegative Keime.
Wirkmechanismus
Vier der fünf Vertreter hemmen die bakterielle Proteinsynthese, jeweils an einem eigenen Schritt. Deshalb besteht untereinander und gegenüber den meisten systemischen Klassen kaum Kreuzresistenz, Ausnahme ist Neomycin mit den übrigen Aminoglykosiden.
- Fusidinsäure: bindet den Elongationsfaktor G (EF-G) im Komplex mit GDP am Ribosom, EF-G kann nach der Translokation nicht abdissoziieren → nächster Elongationszyklus blockiert, bakteriostatisch.
- Mupirocin: Pseudomonsäure A aus Pseudomonas fluorescens, imitiert Isoleucyl-Adenylat und hemmt kompetitiv die bakterielle Isoleucyl-tRNA-Synthetase → keine beladene Ile-tRNA, Proteinsynthese stoppt; in hoher topischer Konzentration bakterizid.
- Retapamulin: bindet an das Peptidyltransferase-Zentrum der 23S-rRNA (50S) und stört die Positionierung der tRNA-Enden in A- und P-Stelle → keine Peptidbindung.
- Neomycin: bindet die A-Stelle der 16S-rRNA (30S) → Fehlablesung, fehlerhafte Membranproteine, bakterizid (Klassenmechanismus bei den Aminoglykosiden).
- Bacitracin: zyklisches Polypeptid, komplexiert metallionenabhängig Undecaprenylpyrophosphat (Bactoprenol-PP) und verhindert dessen Dephosphorylierung → der Lipidcarrier wird nicht recycelt, Mureinbausteine gelangen nicht mehr über die Membran.
Retapamulin gehört zu den Pleuromutilinen, halbsynthetischen Derivaten des Diterpens Pleuromutilin aus dem Pilz Clitopilus (früher Pleurotus) mutilus. Ihre eigene Bindungsstelle am Ribosom erklärt die geringe Kreuzresistenz, in der Tiermedizin wird etwa Tiamulin eingesetzt.
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Mupirocin ist ein Ester und wird nach Resorption rasch zur inaktiven Monsäure hydrolysiert, zudem ist es stark plasmaproteingebunden. Wirksame Konzentrationen entstehen nur dort, wo man es direkt aufträgt. Sein einzigartiges Target macht es zugleich wertvoll: Es wirkt meist auch bei MRSA und wird deshalb für die Dekolonisation geschont.
Wirkungen und Anwendung
Lokalantibiotika gehören zu oberflächlichen, umschriebenen Infektionen. Bei Ausbreitung, Fieber oder tiefer Weichteilinfektion wird systemisch behandelt.
- Impetigo contagiosa: (S. aureus, Streptococcus pyogenes) bei kleiner Fläche Fusidinsäure oder Retapamulin kurzzeitig, alternativ Antiseptika; ausgedehnt systemisch.
- Infizierte Dermatosen und kleine Wunden: etwa impetiginisiertes Ekzem, oft fix mit Glucocorticoid; bei Neurodermitis wegen Resistenz und Sensibilisierung nicht längerfristig.
- Nasale MRSA-Dekolonisation: Mupirocin-Nasensalbe über wenige Tage, kombiniert mit antiseptischer Körperwaschung.
- Bakterielle Konjunktivitis und Blepharitis: Augentropfen und -salben mit Aminoglykosiden (Gentamicin, Neomycin in Kombination), Fluorchinolonen oder Fusidinsäure; zur kurzen Verweildauer am Auge Anatomie und Physiologie des Auges.
Gezielte Beseitigung einer symptomlosen Besiedlung mit einem Erreger, typischerweise MRSA im Nasenvorhof, um eigene Infektionen (etwa vor Operationen) und Übertragung zu verhindern. Der Erfolg wird mit Kontrollabstrichen geprüft.
Unerwünschte Wirkungen
Beide Klassenprobleme folgen aus der Anwendungsform: Am Rand des Auftragsorts entstehen subinhibitorische Konzentrationen, und geschädigte Haut präsentiert die Wirkstoffe als Haptene dem Immunsystem.
| UAW | warum | |
|---|---|---|
Haut |
Allergisches Kontaktekzem (Typ IV) | Hapten auf gestörter Barriere, wiederholte Exposition; Neomycin häufiges Kontaktallergen, auch Bacitracin, seltener Fusidinsäure |
Immunsystem |
Kreuzallergie | Neomycin ↔︎ Gentamicin, Framycetin, weil gemeinsames 2-Desoxystreptamin-Gerüst |
Immunsystem |
Resistenzselektion | Langzeit- und Wiederholungsanwendung; Fusidinsäure (fusA-Mutation, fusB), Mupirocin (hochgradig über plasmidkodierte mupA-Synthetase) |
Haut |
Brennen, Reizung | Grundlage und Konservierungsmittel, v. a. an Schleimhaut und Auge |
Ohr · Niere |
Oto- und Nephrotoxizität | nur nach Resorption über große Wundflächen (Neomycin, Bacitracin) |
Tückisch ist das Neomycin-Kontaktekzem: Es sieht wie eine Verschlechterung der behandelten Dermatose aus und wird dann oft mit noch mehr Salbe behandelt.
Kontraindikationen und Wechselwirkungen
Systemische Wechselwirkungen spielen kaum eine Rolle, solange die Haut die Resorption begrenzt. Kontraindikationen entstehen dort, wo diese Barriere fehlt.
- Großflächige Anwendung, Verbrennungen, Ulzera: relevante Resorption → bei Neomycin Oto- und Nephrotoxizität, additiv mit systemischen Aminoglykosiden, Schleifendiuretika oder bei Niereninsuffizienz.
- Mupirocin-Hautsalbe mit Macrogol-Grundlage: Polyethylenglykol wird über große Wunden resorbiert und ist nephrotoxisch → Vorsicht bei Niereninsuffizienz.
- Trommelfellperforation: aminoglykosidhaltige Ohrentropfen erreichen über das Mittelohr das Innenohr → Schädigung der Haarzellen.
- Bekannte Neomycin-Allergie: auch andere topische Aminoglykoside meiden, Augentropfen eingeschlossen.
Bei Trommelfelldefekt oder Paukenröhrchen keine neomycin- oder gentamicinhaltigen Ohrentropfen, denn die Innenohrschäden sind irreversibel. Nur nicht ototoxische, dafür zugelassene Präparate verwenden.
Unterschiede innerhalb der Klasse
Die Vertreter unterscheiden sich vor allem im Spektrum und darin, was ihren Einsatz begrenzt.
| Wirkstoff | Angriff | Spektrum | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Fusidinsäure | EF-G | grampositiv, v. a. Staphylokokken | rasche Resistenz |
| Mupirocin | Ile-tRNA-Synthetase | Staphylokokken inkl. MRSA, Streptokokken | als MRSA-Reserve schonen |
| Retapamulin | Peptidyltransferase 50S | grampositiv | kaum Kreuzresistenz |
| Neomycin | 30S | gramnegativ, Staphylokokken, Lücke bei Streptokokken | stärkstes Kontaktallergen |
| Bacitracin | Bactoprenol-Recycling | grampositiv inkl. Streptokokken | meist in Kombination |
Bacitracin schließt die Streptokokkenlücke von Neomycin, daher die klassische Kombination. Für oberflächliche Haut- und Wundinfektionen sind Antiseptika wie Octenidin oder Polihexanid trotzdem oft vorzuziehen: Sie selektieren praktisch keine Resistenzen, sensibilisieren selten und schonen Antibiotika, die man gegen Staphylokokken und MRSA noch braucht.
Teste dich
Aussage 1
Mupirocin hemmt kompetitiv die bakterielle Isoleucyl-tRNA-Synthetase.
Mupirocin imitiert Isoleucyl-Adenylat, dadurch fehlt beladene Ile-tRNA und die Proteinsynthese stoppt.
Lückentext
Zuordnen
Warum?
Aussage 5
Retapamulin zeigt als Pleuromutilin eine ausgeprägte Kreuzresistenz mit den Aminoglykosiden.
Pleuromutiline binden eine eigene Stelle am Peptidyltransferase-Zentrum der 50S-Untereinheit, daher besteht kaum Kreuzresistenz. Kreuzresistenz mit Aminoglykosiden betrifft Neomycin.
Wer bin ich?
Aussage 7
Bacitracin verhindert die Dephosphorylierung von Bactoprenol-Pyrophosphat, sodass der Lipidcarrier nicht recycelt wird.
Ohne recyceltes Bactoprenol-Phosphat gelangen keine Mureinbausteine mehr über die Membran.
Aussage 8
Neomycin wird mit Bacitracin kombiniert, weil Neomycin schwach gegen Streptokokken wirkt.
Bacitracin erfasst grampositive Keime einschließlich Streptokokken und schließt so die Lücke von Neomycin.
Aussage 9
Fusidinsäure bindet an die 30S-Untereinheit und verursacht Fehlablesung der mRNA.
Das ist der Mechanismus von Neomycin. Fusidinsäure hält den Elongationsfaktor G mit GDP am Ribosom fest und blockiert so die Elongation.
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