Arzneistoffe

Lokalantibiotika

Lokalantibiotika wirken topisch an Haut, Nase und Auge, weil sie systemisch zu toxisch, unwirksam oder als Reserve zu schonen sind. Den Kern bilden fünf Vertreter mit fünf verschiedenen Targets, die nasale MRSA-Dekolonisation und die zwei Klassenprobleme Kontaktsensibilisierung und Resistenz.

✓ gelesen
Dein roter Faden7 Punkte
  • Prinzip: Lokalantibiotika wirken topisch weit über der MHK, weil sie systemisch zu toxisch, unwirksam oder als Reserve zu schonen sind.
  • Mechanismen: Fusidinsäure hält EF-G am Ribosom fest, Mupirocin hemmt die Isoleucyl-tRNA-Synthetase, Retapamulin die Peptidyltransferase, Neomycin die 30S-Untereinheit, Bacitracin das Bactoprenol-Recycling.
  • Pleuromutiline: halbsynthetische Diterpen-Derivate mit eigener Bindungsstelle am 50S-Ribosom, daher kaum Kreuzresistenz.
  • Indikationen: kleinflächige Impetigo und impetiginisierte Dermatosen kurzzeitig, bakterielle Augeninfektionen.
  • Dekolonisation: Mupirocin-Nasensalbe beseitigt eine MRSA-Besiedlung im Nasenvorhof, kombiniert mit antiseptischer Körperwaschung.
  • UAW: Kontaktsensibilisierung (Neomycin mit Kreuzallergie zu Aminoglykosiden) und Resistenzselektion bei Langzeitanwendung.
  • Grenzen und Alternative: keine großflächige Anwendung, keine Aminoglykoside bei Trommelfellperforation; Antiseptika sind oft vorzuziehen.

Kostenlos weiterlesen mit deinem Relaxed-Konto

Lege dir ein kostenloses Konto an, dann ist das ganze 2. Staatsexamen für dich frei. Kein Abo, keine Zahlungsdaten.

Kostenloses Konto anlegen

Bitte bestätige zuerst deine E-Mail-Adresse

Wir haben dir einen Link geschickt. Mit bestätigter E-Mail-Adresse liest du hier gleich weiter.

Zum Konto

Überblick

Lokalantibiotika sind antibakterielle Wirkstoffe, die auf Haut, Nasenschleimhaut, Auge oder Ohr aufgetragen werden und dort weit über der minimalen Hemmkonzentration (MHK) wirken. Topisch bleiben sie, weil sie systemisch zu toxisch (Neomycin, Bacitracin) oder unwirksam sind (Mupirocin) oder weil man sie als Reserve vor Resistenz schützen will. Allgemeine Wirkprinzipien und Resistenz: Grundlagen der Antibiotikatherapie.

  • Wenig systemische Exposition: intakte Haut und Schleimhaut resorbieren kaum, wie stark, hängt von Barriere und Grundlage ab (Grundlagen der Dermatotherapie).
  • Schmale Indikationen: umschriebene Infektionen mit Staphylococcus aureus und Streptokokken, nasale MRSA-Besiedlung, bakterielle Augeninfektionen.
  • Zwei Klassenprobleme: Kontaktsensibilisierung und Resistenzselektion, beide wachsen mit Dauer und Fläche.
  • Stellenwert: begrenzt, für viele Haut- und Wundindikationen sind Antiseptika vorzuziehen.

Typischer Vertreter ist Fusidinsäure, das klassische Lokalantibiotikum der Dermatologie gegen Staphylokokken.

Fusidinsäure
Lokalantibiotika · Leitsubstanz
  • Prinzip: hält EF-G am Ribosom fest → Translokation blockiert, bakteriostatisch gegen Staphylokokken.
  • Kinetik: lipophiles, steroidähnliches Fusidan-Gerüst ohne Hormonwirkung, penetriert gut in Haut und Krusten.
  • Einsatz: Impetigo, impetiginisierte Dermatosen (auch fix mit Glucocorticoid), Augentropfen.
  • Besonderheit: Resistenz durch Punktmutation im fusA-Gen entsteht rasch → nur kurz anwenden.

Vertreter

Die Vertreter sind chemisch völlig verschieden (Steroidgerüst, Pseudomonsäure, Diterpen, Aminoglykosid, Cyclopeptid) und teilen nur die topische Anwendung. Man ordnet sie nach dem Target: Proteinsynthese an jeweils eigener Stelle oder Zellwandsynthese. Neomycin erfasst als einziger auch gramnegative Keime.

Wirkstoffe
Ribosom, Elongation Fusidinsäure EF-G-Hemmer
Strukturformel von Retapamulin
Ribosom, Elongation Retapamulin Pleuromutilin
Strukturformel von Mupirocin
tRNA-Beladung Mupirocin MRSA-Dekolonisation
Strukturformel von Neomycin
Ribosom 30S Neomycin Aminoglykosid, meist kombiniert
Zellwand Bacitracin Cyclopeptid

Wirkmechanismus

Vier der fünf Vertreter hemmen die bakterielle Proteinsynthese, jeweils an einem eigenen Schritt. Deshalb besteht untereinander und gegenüber den meisten systemischen Klassen kaum Kreuzresistenz, Ausnahme ist Neomycin mit den übrigen Aminoglykosiden.

Schema einer Bakterienzelle mit markierten Angriffspunkten von Fusidinsäure, Mupirocin, Retapamulin, Neomycin und Bacitracin.

Angriffspunkte der Lokalantibiotika: vier Schritte der Proteinsynthese und das Recycling des Lipidcarriers.
  • Fusidinsäure: bindet den Elongationsfaktor G (EF-G) im Komplex mit GDP am Ribosom, EF-G kann nach der Translokation nicht abdissoziieren → nächster Elongationszyklus blockiert, bakteriostatisch.
  • Mupirocin: Pseudomonsäure A aus Pseudomonas fluorescens, imitiert Isoleucyl-Adenylat und hemmt kompetitiv die bakterielle Isoleucyl-tRNA-Synthetase → keine beladene Ile-tRNA, Proteinsynthese stoppt; in hoher topischer Konzentration bakterizid.
  • Retapamulin: bindet an das Peptidyltransferase-Zentrum der 23S-rRNA (50S) und stört die Positionierung der tRNA-Enden in A- und P-Stelle → keine Peptidbindung.
  • Neomycin: bindet die A-Stelle der 16S-rRNA (30S) → Fehlablesung, fehlerhafte Membranproteine, bakterizid (Klassenmechanismus bei den Aminoglykosiden).
  • Bacitracin: zyklisches Polypeptid, komplexiert metallionenabhängig Undecaprenylpyrophosphat (Bactoprenol-PP) und verhindert dessen Dephosphorylierung → der Lipidcarrier wird nicht recycelt, Mureinbausteine gelangen nicht mehr über die Membran.

Kreisförmiger Ablauf des Lipidcarriers Bactoprenol mit Hemmstelle von Bacitracin.

Bacitracin unterbricht den Bactoprenol-Zyklus bei der Dephosphorylierung.

Retapamulin gehört zu den Pleuromutilinen, halbsynthetischen Derivaten des Diterpens Pleuromutilin aus dem Pilz Clitopilus (früher Pleurotus) mutilus. Ihre eigene Bindungsstelle am Ribosom erklärt die geringe Kreuzresistenz, in der Tiermedizin wird etwa Tiamulin eingesetzt.

Prüferinnenfrage
Warum kann man Mupirocin nicht systemisch geben?
Antwort anzeigen

Mupirocin ist ein Ester und wird nach Resorption rasch zur inaktiven Monsäure hydrolysiert, zudem ist es stark plasmaproteingebunden. Wirksame Konzentrationen entstehen nur dort, wo man es direkt aufträgt. Sein einzigartiges Target macht es zugleich wertvoll: Es wirkt meist auch bei MRSA und wird deshalb für die Dekolonisation geschont.

Wirkungen und Anwendung

Lokalantibiotika gehören zu oberflächlichen, umschriebenen Infektionen. Bei Ausbreitung, Fieber oder tiefer Weichteilinfektion wird systemisch behandelt.

  • Impetigo contagiosa: (S. aureus, Streptococcus pyogenes) bei kleiner Fläche Fusidinsäure oder Retapamulin kurzzeitig, alternativ Antiseptika; ausgedehnt systemisch.
  • Infizierte Dermatosen und kleine Wunden: etwa impetiginisiertes Ekzem, oft fix mit Glucocorticoid; bei Neurodermitis wegen Resistenz und Sensibilisierung nicht längerfristig.
  • Nasale MRSA-Dekolonisation: Mupirocin-Nasensalbe über wenige Tage, kombiniert mit antiseptischer Körperwaschung.
  • Bakterielle Konjunktivitis und Blepharitis: Augentropfen und -salben mit Aminoglykosiden (Gentamicin, Neomycin in Kombination), Fluorchinolonen oder Fusidinsäure; zur kurzen Verweildauer am Auge Anatomie und Physiologie des Auges.
📖 Definition: Dekolonisation

Gezielte Beseitigung einer symptomlosen Besiedlung mit einem Erreger, typischerweise MRSA im Nasenvorhof, um eigene Infektionen (etwa vor Operationen) und Übertragung zu verhindern. Der Erfolg wird mit Kontrollabstrichen geprüft.

Unerwünschte Wirkungen

Beide Klassenprobleme folgen aus der Anwendungsform: Am Rand des Auftragsorts entstehen subinhibitorische Konzentrationen, und geschädigte Haut präsentiert die Wirkstoffe als Haptene dem Immunsystem.

UAW warum
Haut
Allergisches Kontaktekzem (Typ IV) Hapten auf gestörter Barriere, wiederholte Exposition; Neomycin häufiges Kontaktallergen, auch Bacitracin, seltener Fusidinsäure
Immunsystem
Kreuzallergie Neomycin ↔︎ Gentamicin, Framycetin, weil gemeinsames 2-Desoxystreptamin-Gerüst
Immunsystem
Resistenzselektion Langzeit- und Wiederholungsanwendung; Fusidinsäure (fusA-Mutation, fusB), Mupirocin (hochgradig über plasmidkodierte mupA-Synthetase)
Haut
Brennen, Reizung Grundlage und Konservierungsmittel, v. a. an Schleimhaut und Auge
Ohr · Niere
Oto- und Nephrotoxizität nur nach Resorption über große Wundflächen (Neomycin, Bacitracin)

Tückisch ist das Neomycin-Kontaktekzem: Es sieht wie eine Verschlechterung der behandelten Dermatose aus und wird dann oft mit noch mehr Salbe behandelt.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Systemische Wechselwirkungen spielen kaum eine Rolle, solange die Haut die Resorption begrenzt. Kontraindikationen entstehen dort, wo diese Barriere fehlt.

  • Großflächige Anwendung, Verbrennungen, Ulzera: relevante Resorption → bei Neomycin Oto- und Nephrotoxizität, additiv mit systemischen Aminoglykosiden, Schleifendiuretika oder bei Niereninsuffizienz.
  • Mupirocin-Hautsalbe mit Macrogol-Grundlage: Polyethylenglykol wird über große Wunden resorbiert und ist nephrotoxisch → Vorsicht bei Niereninsuffizienz.
  • Trommelfellperforation: aminoglykosidhaltige Ohrentropfen erreichen über das Mittelohr das Innenohr → Schädigung der Haarzellen.
  • Bekannte Neomycin-Allergie: auch andere topische Aminoglykoside meiden, Augentropfen eingeschlossen.
⚠️ Achtung: Aminoglykoside am offenen Ohr

Bei Trommelfelldefekt oder Paukenröhrchen keine neomycin- oder gentamicinhaltigen Ohrentropfen, denn die Innenohrschäden sind irreversibel. Nur nicht ototoxische, dafür zugelassene Präparate verwenden.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Die Vertreter unterscheiden sich vor allem im Spektrum und darin, was ihren Einsatz begrenzt.

Wirkstoff Angriff Spektrum Besonderheit
Fusidinsäure EF-G grampositiv, v. a. Staphylokokken rasche Resistenz
Mupirocin Ile-tRNA-Synthetase Staphylokokken inkl. MRSA, Streptokokken als MRSA-Reserve schonen
Retapamulin Peptidyltransferase 50S grampositiv kaum Kreuzresistenz
Neomycin 30S gramnegativ, Staphylokokken, Lücke bei Streptokokken stärkstes Kontaktallergen
Bacitracin Bactoprenol-Recycling grampositiv inkl. Streptokokken meist in Kombination

Bacitracin schließt die Streptokokkenlücke von Neomycin, daher die klassische Kombination. Für oberflächliche Haut- und Wundinfektionen sind Antiseptika wie Octenidin oder Polihexanid trotzdem oft vorzuziehen: Sie selektieren praktisch keine Resistenzen, sensibilisieren selten und schonen Antibiotika, die man gegen Staphylokokken und MRSA noch braucht.

Teste dich

Teste dich mit 10 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Mupirocin hemmt kompetitiv die bakterielle Isoleucyl-tRNA-Synthetase.

Mupirocin imitiert Isoleucyl-Adenylat, dadurch fehlt beladene Ile-tRNA und die Proteinsynthese stoppt.

Lückentext

Zuordnen

Warum?

Aussage 5

Retapamulin zeigt als Pleuromutilin eine ausgeprägte Kreuzresistenz mit den Aminoglykosiden.

Pleuromutiline binden eine eigene Stelle am Peptidyltransferase-Zentrum der 50S-Untereinheit, daher besteht kaum Kreuzresistenz. Kreuzresistenz mit Aminoglykosiden betrifft Neomycin.

Wer bin ich?

Aussage 7

Bacitracin verhindert die Dephosphorylierung von Bactoprenol-Pyrophosphat, sodass der Lipidcarrier nicht recycelt wird.

Ohne recyceltes Bactoprenol-Phosphat gelangen keine Mureinbausteine mehr über die Membran.

Aussage 8

Neomycin wird mit Bacitracin kombiniert, weil Neomycin schwach gegen Streptokokken wirkt.

Bacitracin erfasst grampositive Keime einschließlich Streptokokken und schließt so die Lücke von Neomycin.

Aussage 9

Fusidinsäure bindet an die 30S-Untereinheit und verursacht Fehlablesung der mRNA.

Das ist der Mechanismus von Neomycin. Fusidinsäure hält den Elongationsfaktor G mit GDP am Ribosom fest und blockiert so die Elongation.

Prüferin fragt

Fehler entdeckt oder eine Idee? Wir verbessern die Inhalte laufend. Melde es uns gerne über dieses Formular ❤️

Teile der Inhalte wurden mithilfe von KI-Systemen erstellt und werden fortlaufend redaktionell geprüft. Trotz Sorgfalt können Fehler enthalten sein. Wichtige Informationen bitte anhand offizieller Quellen prüfen. Relaxed ins Stex ist ein unabhängiges Angebot und steht in keiner Kooperation mit dem IMPP. Das Angebot ist weder vom IMPP autorisiert noch mit diesem verbunden.

Zurück nach oben