Krankheitsbilder

Hypo- und Hyperkaliämie

Hypo- und Hyperkaliämie gefährden über das Membranpotenzial vor allem den Herzrhythmus und sind oft arzneimittelbedingt. Den Kern bilden die Unterscheidung von Shift und Bilanz, die Akuttherapie der Hyperkaliämie in drei Schritten, Kaliumbinder und die richtige Substitution bei Hypokaliämie.

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  • Definition: Hypokaliämie unter 3,5, Hyperkaliämie über 5,0 mmol/l; beide gefährden vor allem den Herzrhythmus, eine Pseudohyperkaliämie durch Hämolyse wird vorher ausgeschlossen.
  • Shift vs. Bilanz: Kalium verschiebt sich zwischen Zelle und Extrazellulärraum (Insulin, β₂-Agonisten, Alkalose nach innen, Azidose und Zellzerfall nach außen) oder die renale und enterale Bilanz ist gestört.
  • Arzneimittel als Ursache: Schleifendiuretika, Thiazide und Laxanzien senken Kalium, RAAS-Hemmer, MRA, kaliumsparende Diuretika, NSAR und Trimethoprim steigern es, besonders bei Niereninsuffizienz.
  • Membran und EKG: Hyperkaliämie depolarisiert und inaktiviert Na⁺-Kanäle (spitzes T, breites QRS, Asystolie), Hypokaliämie verlängert die Repolarisation (U-Welle) und verstärkt die Glykosidtoxizität.
  • Akuttherapie Hyperkaliämie: Calcium stabilisiert die Membran, Insulin-Glucose und Salbutamol verschieben Kalium nach intrazellulär, Diuretika, Kaliumbinder und Dialyse entfernen es.
  • Langzeitmanagement: Kaliumbinder erlauben, RAAS-Hemmer fortzuführen; bei Hypokaliämie Kaliumchlorid oral bevorzugt, i.v. nur verdünnt und langsam, Magnesium mitbehandeln, bei chronischem Verlust kaliumsparende Diuretika oder MRA.

Überblick

Eine Hypokaliämie ist eine Serum-Kaliumkonzentration unter 3,5 mmol/l, eine Hyperkaliämie eine Konzentration über 5,0 mmol/l (Referenzbereich je nach Labor leicht verschieden). Weil Kalium das Ruhemembranpotenzial erregbarer Zellen bestimmt, gefährden beide Störungen vor allem den Herzrhythmus. Arzneimittel sind sehr häufig Ursache oder Mitauslöser.

Drei EKG-Kurven nebeneinander: normal, Hypokaliämie mit U-Welle, Hyperkaliämie mit spitzem T und breitem QRS

Typische EKG-Veränderungen bei Hypokaliämie und schwerer Hyperkaliämie im Vergleich zur Normokaliämie
Hypokaliämie Hyperkaliämie
Schwer < 2,5 mmol/l ≥ 6,5 mmol/l
Klinik Muskelschwäche, Obstipation bis paralytischer Ileus, Arrhythmien Muskelschwäche, Parästhesien, Bradykardie bis Asystolie
EKG T flach, ST-Senkung, U-Welle, QT(U) verlängert T hoch und spitz, PQ verlängert, P-Verlust, QRS breit
📖 Definition: Pseudohyperkaliämie

Falsch hoher Kaliumwert durch K⁺-Freisetzung in vitro, etwa bei Hämolyse nach langem Stauen, starker Thrombo- oder Leukozytose oder verzögerter Probenverarbeitung. Das EKG ist unauffällig, vor jeder Therapie wird der Wert kontrolliert.

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Kaliumstörungen entstehen entweder durch eine Verschiebung zwischen Intra- und Extrazellulärraum (Shift, interne Bilanz) oder durch ein Missverhältnis von Zufuhr und überwiegend renaler Ausscheidung (externe Bilanz), Physiologie siehe Wasser- und Elektrolythaushalt. Da fast das gesamte Kalium intrazellulär liegt, verändern schon kleine Shifts den Serumwert deutlich.

Störung Ursachen warum
Hypo, Bilanz Schleifendiuretika, Thiazide, Laxanzien, Erbrechen, Hyperaldosteronismus mehr Na⁺ im Sammelrohr und Aldosteron → K⁺-Sekretion ↑ (Diuretika); enteraler Verlust
Hypo, Shift β₂-Sympathomimetika, Insulin, Alkalose Na⁺/K⁺-ATPase ↑ → K⁺ nach intrazellulär
Hyper, Bilanz Niereninsuffizienz, ACE-Hemmer, AT1-Antagonisten, MRA, kaliumsparende Diuretika, NSAR, Trimethoprim weniger Nephrone, Aldosteron ↓, MR- oder ENaC-Blockade, Renin ↓ → K⁺-Sekretion ↓
Hyper, Shift Azidose, Zellzerfall (Hämolyse, Rhabdomyolyse, Tumorlyse) K⁺ tritt aus den Zellen aus

Das Ruhemembranpotenzial folgt weitgehend dem K⁺-Gradienten. Hyperkaliämie depolarisiert es: Spannungsabhängige Na⁺-Kanäle bleiben teilweise inaktiviert, Erregbarkeit und Leitung sinken bis zur Asystolie. Hypokaliämie verlängert die Repolarisation, fördert ektope Erregungen (Herzrhythmusstörungen) und steigert die Toxizität von Herzglykosiden, weil weniger K⁺ mit ihnen an der Na⁺/K⁺-ATPase konkurriert.

Diagramm mit drei Balkenpaaren für Ruhe- und Schwellenpotenzial bei normalem Kalium, hohem Kalium und nach Calciumgabe

Hyperkaliämie verkleinert den Abstand zwischen Ruhe- und Schwellenpotenzial, Calcium stellt ihn wieder her

Daraus ergeben sich die Angriffspunkte:

Schema von Herzzelle, Muskelzelle, Nephron und Darm mit den Angriffsorten von Calcium, Insulin, β₂-Agonisten, Diuretika, MRA und Kaliumbindern

Angriffspunkte bei Kaliumstörungen: Membranschutz, Shift, renale und enterale Elimination, Kaliumsparen
Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
Myokardmembran (Schwellenpotenzial) Calciumsalze (Mineralstoffe) Membranstabilisierung, K⁺ unverändert
Na⁺/K⁺-ATPase (Shift) Insulin plus Glucose, β₂-Sympathomimetika Serum-K⁺ ↓ für Stunden
H⁺/K⁺-Austausch Natriumhydrogencarbonat Shift, nur bei metabolischer Azidose
Renale K⁺-Sekretion Schleifendiuretika Elimination bei erhaltener Diurese
Darmlumen Kaliumbinder Elimination über den Stuhl
Kaliumbilanz bei Mangel Kaliumsalze (Mineralstoffe) Substitution
Distales Nephron (ENaC, MR) Kaliumsparende Diuretika, MRA renaler K⁺-Verlust ↓

Therapie

Ziel ist, Arrhythmien zu verhindern, den Kaliumwert zu normalisieren und die Ursache zu beseitigen, ohne prognostisch wichtige Arzneimittel unnötig abzusetzen.

Akute Hyperkaliämie

Bei schwerer Hyperkaliämie oder EKG-Veränderungen wird unter Monitoring behandelt, die Schritte werden rasch nacheinander angestoßen:

  1. Membran stabilisieren: Calciumgluconat i.v., im Kreislaufstillstand Calciumchlorid → wirkt in Minuten, aber kurz, senkt K⁺ nicht.
  2. Kalium verschieben: Normalinsulin i.v. mit Glucose (Blutzucker engmaschig kontrollieren, Hypoglykämie), additiv Salbutamol vernebelt (Tachykardie); Natriumhydrogencarbonat nur bei metabolischer Azidose.
  3. Kalium entfernen: Schleifendiuretika bei erhaltener Nierenfunktion, Kaliumbinder, bei Niereninsuffizienz oder refraktärem Verlauf Dialyse.
  4. Ursache beheben: kaliumsteigernde Arzneimittel pausieren, Kaliumzufuhr stoppen.
Prüferinnenfrage
Warum geben Sie zuerst Calcium, obwohl es das Kalium gar nicht senkt?
Antwort anzeigen

Die Hyperkaliämie depolarisiert das Ruhemembranpotenzial, Na⁺-Kanäle werden inaktiviert und die Erregungsleitung bricht ein. Ca²⁺ verschiebt das Schwellenpotenzial zu positiveren Werten und stellt den Abstand zum Ruhepotenzial wieder her, das Myokard ist binnen Minuten geschützt. Weil der Effekt nur kurz anhält, müssen Shift und Elimination sofort folgen.

💡 Merke

Calcium schützt das Herz, Insulin und Salbutamol verschieben das Kalium, nur Diuretika, Kaliumbinder und Dialyse entfernen es.

Kaliumbinder

Kaliumbinder sind nicht resorbierbare Kationenaustauscher, die K⁺ im Darmlumen gegen ein anderes Kation tauschen und mit dem Stuhl ausscheiden. Sie wirken über Stunden, dienen daher vor allem der chronischen Hyperkaliämie. Bei Herzinsuffizienz oder chronischer Niereninsuffizienz können sie helfen, prognoseverbessernde RAAS-Hemmer und MRA fortzuführen statt abzusetzen.

Wirkstoff Austausch, Ort Besonderheit, wichtigste UAW
Polystyrolsulfonat (Na⁺- oder Ca²⁺-Salz) Na⁺ bzw. Ca²⁺ gegen K⁺, v. a. Kolon langsam, wenig selektiv; Obstipation, selten Darmnekrosen
Patiromer Ca²⁺ gegen K⁺, v. a. Kolon Hypomagnesiämie, Obstipation; bindet andere orale Arzneimittel → zeitlicher Abstand
Natriumzirconiumcyclosilicat anorganisches Gitter fängt K⁺ selektiv gegen Na⁺ und H⁺, im gesamten Darm schnellster Wirkeintritt; Ödeme durch Na⁺-Last

Hypokaliämie

Substituiert wird nach Schwere und Symptomen, zugleich wird die Ursache gesucht, meist ein Diuretikum oder Laxanzien.

  • Oral bevorzugt: Kaliumchlorid, weil diuretika- oder erbrechensbedingte Hypokaliämie meist mit hypochlorämischer Alkalose einhergeht; Kaliumcitrat nur bei Azidose. Retardtabletten aufrecht mit viel Flüssigkeit einnehmen (Schleimhautulzera).
  • Intravenös: bei schwerer Hypokaliämie, Arrhythmien oder Digitalistherapie; Infusionsrate und Konzentration sind begrenzt, höhere Konzentrationen nur zentralvenös unter EKG-Monitoring. Keine glucosehaltige Trägerlösung, weil Insulin K⁺ nach intrazellulär verschiebt.
  • Magnesium mitbehandeln: Mg²⁺-Mangel enthemmt die renale K⁺-Sekretion über ROMK-Kanäle, die Hypokaliämie bleibt sonst refraktär (Magnesiumstörungen).
  • Chronischer Verlust: kaliumsparende Diuretika (Amilorid, Triamteren, oft fix mit Hydrochlorothiazid) oder MRA (bei Hyperaldosteronismus kausal) statt hoher Dauersubstitution.
⚠️ Achtung: Kalium i.v. nie als Bolus

Kaliumchlorid-Konzentrat wird nie unverdünnt oder als Bolus injiziert: Ein abrupter Anstieg des Serum-Kaliums kann einen Herzstillstand auslösen.

Fall aus der Apotheke
Medikationsanalyse bei Herzinsuffizienz

Herr K., 74 Jahre, Herzinsuffizienz und chronische Niereninsuffizienz, nimmt Ramipril und Spironolacton. Er bringt ein Rezept über Cotrimoxazol gegen einen Harnwegsinfekt und möchte Ibuprofen gegen Rückenschmerzen kaufen.

  1. Welches Risiko ergibt sich?
  2. Was empfehlen Sie?
Lösung anzeigen
  1. Ein hohes Hyperkaliämierisiko, weil alle Wirkstoffe die distale K⁺-Sekretion senken: Ramipril über Aldosteron ↓, Spironolacton über MR-Blockade, Trimethoprim über ENaC-Blockade wie Amilorid, Ibuprofen über Renin ↓ und GFR ↓. Die Niereninsuffizienz verstärkt das.
  2. Statt Ibuprofen Paracetamol empfehlen. Mit dem Arzt ein Antibiotikum ohne kaliumsteigernde Wirkung besprechen oder eine zeitnahe Kaliumkontrolle vereinbaren und über Warnzeichen wie Muskelschwäche aufklären.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Warum?

Reihenfolge

Zuordnen

Aussage 4

Insulin plus Glucose senkt bei Hyperkaliämie das Gesamtkörperkalium.

Insulin stimuliert die Na⁺/K⁺-ATPase und verschiebt Kalium nur nach intrazellulär. Entfernt wird Kalium erst durch Schleifendiuretika, Kaliumbinder oder Dialyse.

Aussage 5

Eine Hypokaliämie steigert die Toxizität von Herzglykosiden.

Weniger K⁺ konkurriert mit Herzglykosiden um die Bindung an die Na⁺/K⁺-ATPase, die Glykosidwirkung und damit die Toxizität nehmen zu.

Aussage 6

Eine Pseudohyperkaliämie entsteht durch Kaliumfreisetzung in vitro, etwa bei Hämolyse nach langem Stauen.

Der Wert ist im Röhrchen falsch hoch, das EKG unauffällig. Vor einer Therapie wird der Wert kontrolliert.

Aussage 7

Thiazide verursachen eine Hyperkaliämie, weil sie ENaC im Sammelrohr blockieren.

Thiazide verursachen eine Hypokaliämie: Mehr Na⁺ erreicht das Sammelrohr, zusammen mit Aldosteron steigt die K⁺-Sekretion. ENaC blockieren kaliumsparende Diuretika wie Amilorid, die eine Hyperkaliämie auslösen können.

Lückentext

Aussage 9

Patiromer tauscht Kalium gegen Natrium und führt deshalb typischerweise zu Ödemen.

Patiromer tauscht Kalium gegen Calcium, typische UAW sind Hypomagnesiämie und Obstipation. Ödeme durch Natriumlast sind typisch für Natriumzirconiumcyclosilicat.

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