Arzneistoffe

β3-Adrenozeptor-Agonisten

β3-Adrenozeptor-Agonisten relaxieren den Detrusor in der Speicherphase über cAMP und behandeln die überaktive Blase ohne anticholinerge Nebenwirkungen. Den Kern bilden der Mechanismus mit erhaltener Entleerung, der Blutdruck und die CYP2D6-Hemmung durch Mirabegron.

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  • Einordnung: β3-Agonisten wie Mirabegron und Vibegron behandeln die überaktive Blase als Alternative oder Ergänzung zu Antimuskarinika.
  • Mechanismus: β3-Rezeptor am Detrusor → Gs → cAMP ↑ → Ca²⁺ ↓ und Hyperpolarisation → Relaxation in der Speicherphase.
  • Entleerung: Die M₃-vermittelte Miktionskontraktion bleibt erhalten, deshalb steigt der Restharn kaum.
  • Anwendung: Bei Dranginkontinenz und OAB sind sie Antimuskarinika gleichwertig, bei Älteren bevorzugt und mit Antimuskarinika kombinierbar. Beim BPS kommen sie nur als Add-on bei Speichersymptomen infrage.
  • UAW: Blutdruckanstieg und Tachykardie über β1-Mitstimulation, häufig Harnwegsinfektionen, aber keine anticholinergen UAW.
  • KI und WW: Kontraindiziert bei schwerer unkontrollierter Hypertonie. Mirabegron hemmt CYP2D6 (Metoprolol, trizyklische Antidepressiva ↑), beide Wirkstoffe erhöhen den Digoxinspiegel.
  • Unterschiede: Vibegron ohne relevante CYP2D6-Hemmung und mit geringerem Blutdruckeffekt.

Überblick

β3-Adrenozeptor-Agonisten aktivieren β3-Rezeptoren des Detrusor vesicae. Über cAMP relaxieren sie ihn in der Speicherphase. Damit behandeln sie die überaktive Blase auf anderem Weg als die urologischen Antimuskarinika, die die cholinerge Kontraktion blockieren.

  • Keine Muscarinrezeptor-Blockade: daher keine Mundtrockenheit, keine Obstipation und keine zentralen anticholinergen Effekte.
  • Entleerung erhalten: Die parasympathisch getriggerte Miktionskontraktion bleibt intakt, deshalb steigt der Restharn kaum.
  • Indikation: überaktive Blase (OAB) mit Harndrang, Pollakisurie und Dranginkontinenz.
  • Stellenwert: Antimuskarinika gleichwertig. Eingesetzt werden sie bei Unverträglichkeit, Kontraindikation oder Versagen eines Antimuskarinikums, bei Älteren bevorzugt und als Kombinationspartner.

Typischer Vertreter ist Mirabegron, der erste zugelassene β3-Agonist.

Strukturformel von Mirabegron
Mirabegron
β3-Adrenozeptor-Agonisten · Leitsubstanz
  • Prinzip: selektiver β3-Agonist, relaxiert den Detrusor und erhöht die Blasenkapazität.
  • Kinetik: Retardtablette, lange Halbwertszeit. Abbau über mehrere Wege (u. a. CYP3A4, Glucuronidierung), moderater Hemmstoff von CYP2D6.
  • Einsatz: überaktive Blase, als Monotherapie oder zusätzlich zu einem Antimuskarinikum.
  • Besonderheit: Blutdruck vor Beginn und unter der Therapie kontrollieren.

Vertreter

In Deutschland stehen zwei Wirkstoffe mit gleichem Wirkprinzip und gleicher Indikation zur Verfügung. Unterscheiden muss man sie beim Interaktionspotenzial: Mirabegron hemmt CYP2D6, Vibegron nicht relevant. Beim Blutdruck wirkt Vibegron in Studien neutraler.

Wirkstoffe
Strukturformel von Mirabegron
CYP2D6-Hemmer Mirabegron Retardtablette
Strukturformel von Vibegron
ohne relevante CYP-Hemmung Vibegron keine Titration nötig

Wirkmechanismus

Der β3-Rezeptor ist der vorherrschende β-Subtyp im humanen Detrusor. In der Füllungsphase hält der Sympathikus die Blase über Noradrenalin entspannt. Die Subtypen und ihre Signalwege allgemein stehen beim adrenergen System.

  1. Bindung: Der Agonist aktiviert β3-Rezeptoren an glatten Detrusormuskelzellen.
  2. Signal: Gs → Adenylatcyclase → cAMP ↑ → Proteinkinase A.
  3. Effektoren: intrazelluläres Ca²⁺ ↓, Öffnung von Ca²⁺-aktivierten K⁺-Kanälen (BK) → Hyperpolarisation.
  4. Folge: Detrusorrelaxation → weniger unwillkürliche Kontraktionen, Blasenkapazität ↑, Miktionsfrequenz und Drangepisoden ↓.

Schema einer glatten Muskelzelle der Blase mit β3-Rezeptor, Gs-Protein, Adenylatcyclase, cAMP, Proteinkinase A, sinkendem Calcium und offenem Kaliumkanal; daneben M3-Rezeptor mit Gq.

β3-Agonisten relaxieren den Detrusor über Gs und cAMP, Antimuskarinika blockieren die M₃-vermittelte Kontraktion.

Warum bleibt die Entleerung erhalten? Die Miktion wird durch eine massive Acetylcholin-Freisetzung an M₃-Rezeptoren ausgelöst. Diese Kontraktion übertrifft die cAMP-vermittelte Relaxation deutlich. Die β3-Agonisten dämpfen also vor allem die schwachen spontanen Kontraktionen der Speicherphase, wahrscheinlich auch afferente Drangsignale. Die Willkürmiktion lassen sie weitgehend unberührt.

Zwei Blasenschemata nebeneinander: links Speicherphase mit Sympathikus und β3-Rezeptor, rechts Entleerungsphase mit Parasympathikus und M3-Rezeptor.

β3-Agonisten wirken in der Speicherphase, die M₃-getriebene Miktion bleibt erhalten.

Wirkungen und Anwendung

Die Wirkung beschränkt sich praktisch auf die Speicherfunktion der Blase.

  • Überaktive Blase und Dranginkontinenz: Drang, Pollakisurie und Inkontinenzepisoden nehmen ab. Die Wirkung ist Placebo überlegen und den Antimuskarinika gleichwertig, die Adhärenz ist höher. Die Stufentherapie steht bei der Harninkontinenz.
  • Kombination mit Antimuskarinika: Zwei Angriffspunkte (β3-Relaxation plus M₃-Blockade) addieren sich. Die Zugabe nützt mehr als eine Dosissteigerung des Antimuskarinikums, die UAW nehmen kaum zu.
  • Speichersymptome beim BPS: Bei persistierenden Speichersymptomen unter α1-Blocker-Monotherapie ist ein Add-on möglich. Die Obstruktionskomponente beeinflussen sie nicht, bei ausgeprägter kardiovaskulärer Komorbidität scheiden sie aus (Benignes Prostatasyndrom).
Prüferinnenfrage
Warum geben Sie einer 82-jährigen Patientin mit Dranginkontinenz eher Mirabegron als Oxybutynin?
Antwort anzeigen

Oxybutynin ist ein tertiäres Amin. Es passiert die Blut-Hirn-Schranke und erhöht über die zentrale Muscarinrezeptor-Blockade die anticholinerge Last, bei Älteren mit dem Risiko von Verwirrtheit, Delir und kognitivem Abbau (Antimuskarinika). Mirabegron wirkt gleich gut, hat keine muskarinische Wirkung und verursacht weder Mundtrockenheit noch Obstipation noch Restharn. Im Gegenzug kontrolliere ich den Blutdruck und prüfe die Komedikation auf CYP2D6-Substrate.

Unerwünschte Wirkungen

Die UAW sind insgesamt mild. Kardiovaskuläre Effekte erklären sich aus einer Restaktivität an β1-Rezeptoren, vor allem bei höheren Konzentrationen von Mirabegron.

UAW warum
Gefäße
Blutdruckanstieg (gelegentlich, dosisabhängig) β1-Mitstimulation, ausgeprägter bei Mirabegron
Herz
Tachykardie, Palpitationen β1-Stimulation am Sinusknoten
Immunsystem
Harnwegsinfektionen (häufig) Mechanismus ungeklärt, in Studien regelmäßig häufiger
ZNS · Immunsystem
Kopfschmerz, Nasopharyngitis unspezifisch, häufig
Blase
Harnverhalt (selten) Detrusorrelaxation, relevant nur bei infravesikaler Obstruktion oder zusätzlich zu Antimuskarinika

Der eigentliche Vorteil liegt im Fehlen der anticholinergen UAW. Mundtrockenheit, Obstipation, Akkommodationsstörungen und kognitive Effekte fehlen, weil kein Muscarinrezeptor blockiert wird. Deshalb brechen Patientinnen die Therapie seltener ab.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die Kontraindikationen folgen aus dem kardiovaskulären Profil, die Wechselwirkungen vor allem aus der Kinetik von Mirabegron.

  • Schwere unkontrollierte Hypertonie (systolisch ≥ 180 mmHg und/oder diastolisch ≥ 110 mmHg): kontraindiziert, weil der Blutdruck weiter steigen kann.
  • Schwere Leber- oder Niereninsuffizienz: nicht empfohlen, sonst Dosis an die Organfunktion anpassen.
  • CYP2D6-Substrate: Mirabegron hemmt CYP2D6 → Spiegel von Metoprolol, trizyklischen Antidepressiva (z. B. Desipramin), Flecainid und Propafenon ↑.
  • Digoxin: Spiegel ↑ über eine P-gp-Interaktion. Mit niedriger Digoxin-Dosis beginnen und den Spiegel kontrollieren, das gilt auch für Vibegron.
  • Starke CYP3A4-/P-gp-Hemmer (Itraconazol, Clarithromycin, Ritonavir): Spiegel des β3-Agonisten ↑, Induktoren wie Rifampicin senken ihn.
⚠️ Achtung: Mirabegron und CYP2D6-Substrate

Unter Mirabegron steigen die Spiegel von Metoprolol (Bradykardie, Hypotonie) und trizyklischen Antidepressiva (QT-Verlängerung, Toxizität). Bei enger therapeutischer Breite ist eine Dosisanpassung oder ein Monitoring nötig.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Beide Wirkstoffe sind gleich wirksam. Die Wahl richtet sich nach Blutdruck und Komedikation: Bei Polymedikation mit CYP2D6-Substraten oder grenzwertigem Blutdruck spricht vieles für Vibegron.

Strukturformeln von Mirabegron und Vibegron nebeneinander.

Mirabegron und Vibegron im Strukturvergleich.
Merkmal Mirabegron Vibegron
CYP2D6-Hemmung moderat → Interaktionen klinisch nicht relevant
Blutdruck Anstieg möglich, KI bei schwerer unkontrollierter Hypertonie in Studien kaum Effekt, Kontrolle trotzdem sinnvoll
Elimination mehrere Abbauwege, u. a. CYP3A4 überwiegend unverändert, CYP3A4 nachrangig
Digoxin Spiegel ↑ Spiegel ↑
Titration möglich entfällt

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Zuordnen

Aussage 2

Bei unzureichendem Ansprechen auf ein Antimuskarinikum kann die Zugabe eines β3-Agonisten mehr nützen als eine Dosissteigerung des Antimuskarinikums.

Zwei verschiedene Angriffspunkte (β3-Relaxation und M₃-Blockade) addieren sich, und die UAW nehmen dabei kaum zu.

Lückentext

Aussage 4

β3-Adrenozeptor-Agonisten relaxieren den Detrusor über eine Gs-vermittelte Erhöhung von cAMP.

Der β3-Rezeptor ist Gs-gekoppelt: Adenylatcyclase → cAMP ↑ → PKA → Ca²⁺ ↓ und Hyperpolarisation → Relaxation.

Aussage 5

Mirabegron wirkt über eine Blockade der M₃-Rezeptoren am Detrusor.

Falsch. Mirabegron ist ein β3-Agonist und hat keine muskarinische Wirkung. M₃-Blockade ist das Prinzip der Antimuskarinika.

Aussage 6

Mirabegron senkt den Plasmaspiegel von Metoprolol, weil es CYP2D6 induziert.

Falsch. Mirabegron hemmt CYP2D6, deshalb steigt der Metoprolol-Spiegel.

Aussage 7

Eine schwere unkontrollierte Hypertonie ist eine Kontraindikation für Mirabegron.

Mirabegron kann über eine β1-Mitstimulation den Blutdruck erhöhen. Bei systolisch ≥ 180 mmHg und/oder diastolisch ≥ 110 mmHg ist es kontraindiziert.

Warum?

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