Krankheitsbilder

Status epilepticus

Der Status epilepticus ist ein epileptischer Anfall, der nicht von selbst endet, und damit ein zeitkritischer neurologischer Notfall. Den Kern bilden der Rezeptorumbau, der Benzodiazepine mit jeder Minute unwirksamer macht, und das vierstufige Therapieschema mit seiner Begründung.

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  • Definition: Ein Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, oder Anfälle ohne Erholung dazwischen sind ein Status epilepticus; ab t2 (30 Minuten, tonisch-klonisch) drohen bleibende Schäden.
  • Formen: Der konvulsive SE ist sichtbar und systemisch bedrohlich, der nonkonvulsive SE zeigt sich als Bewusstseinsstörung und ist nur im EEG sicher zu erkennen.
  • Rezeptorumbau: Daueraktivität internalisiert synaptische GABA-A-Rezeptoren und baut NMDA-Rezeptoren ein, daher wachsende Benzodiazepin-Resistenz und Exzitotoxizität.
  • Stufe 1: Benzodiazepin sofort und ausreichend hoch dosiert, Lorazepam i.v. oder ohne Zugang Midazolam i.m. oder i.n., höchstens einmal wiederholen.
  • Stufe 2: Levetiracetam, Valproat oder Phenytoin i.v. sind gleich wirksam; die Wahl richtet sich nach Interaktionen, Kreislauf, Leber und Teratogenität.
  • Stufe 3 und 4: Der refraktäre SE wird mit Propofol, Midazolam oder Thiopental in Narkose unter EEG behandelt, der superrefraktäre unter anderem mit dem NMDA-Antagonisten Ketamin.
  • Begleitend: Vitalfunktionen sichern, Blutzucker korrigieren und die Ursache suchen, etwa einen Spiegelabfall des Antiepileptikums.

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Überblick

Der Status epilepticus (SE) ist ein epileptischer Anfall, der nicht spontan endet, oder eine Serie von Anfällen ohne Erholung dazwischen. Er ist ein neurologischer Notfall: Behandelt wird jeder Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, ebenso zwei oder mehr Anfälle ohne Rückkehr zum Ausgangszustand. Mit der Dauer sinkt das Ansprechen auf die Therapie, und die Mortalität steigt.

📖 Definition: Operationale Zeitgrenzen (t1/t2)

t1 ist der Zeitpunkt, ab dem ein Anfall als SE gilt und behandelt werden muss (tonisch-klonisch: 5 Minuten), t2 der Zeitpunkt, ab dem bleibende neuronale Schäden drohen (tonisch-klonisch: 30 Minuten). Bei fokalen Anfällen mit Bewusstseinsstörung liegen beide Grenzen höher.

  • Konvulsiver SE: sichtbare tonisch-klonische Entäußerungen, systemisch bedrohlich durch Hypoxie, Azidose und Hyperthermie.
  • Nonkonvulsiver SE (NCSE): Bewusstseinsstörung oder Verwirrtheit ohne deutliche Motorik, sicher nur im EEG erkennbar, oft nach einem scheinbar beendeten konvulsiven SE.
  • Refraktär und superrefraktär: refraktär, wenn der SE trotz Benzodiazepin und einem ausreichend dosierten Antiepileptikum der Stufe 2 anhält; superrefraktär, wenn er 24 Stunden nach Narkosebeginn fortbesteht oder beim Ausschleichen wiederkehrt.
  • Ursachen: Spiegelabfall des Antiepileptikums (Non-Adhärenz, Interaktion), Entzug von Alkohol oder Benzodiazepinen, Hypoglykämie, akute Hirnschädigung, krampfschwellensenkende Arzneistoffe (z. B. Tramadol, Bupropion, Clozapin). Grunderkrankung und Anfallsformen: Epilepsie.

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Ein gewöhnlicher Anfall endet nach wenigen Minuten durch aktive Terminierung, vor allem GABAerge Hemmung. Beim SE versagt sie, und die Daueraktivität baut die Synapse innerhalb von Minuten um. Die Erregung wird so selbstunterhaltend.

  1. Versagen der Terminierung: inhibitorische Mechanismen erschöpfen sich, die Exzitation überwiegt.
  2. GABA-A-Internalisierung: synaptische, benzodiazepinempfindliche GABA-A-Rezeptoren (mit γ2-Untereinheit) werden per Endozytose aus der Membran entfernt → die Benzodiazepin-Resistenz wächst mit der Dauer.
  3. NMDA-Hochregulation: NMDA- und AMPA-Rezeptoren werden vermehrt in die Synapse eingebaut → mehr Erregung, der Prozess verstärkt sich selbst.
  4. Exzitotoxizität: Ca²⁺-Einstrom über NMDA-Rezeptoren aktiviert Proteasen und Lipasen → Neuronenuntergang, vor allem im Hippocampus.

Daraus folgt die Therapielogik: GABAerg verstärken, solange die Rezeptoren noch in der Synapse sitzen, danach andere Targets wählen, im späten Status den NMDA-Rezeptor.

Zwei Synapsenschemata nebeneinander: links früher Status mit GABA-A-Rezeptoren in der Membran, rechts später Status mit internalisierten GABA-A- und vermehrten NMDA-Rezeptoren, beschriftet mit den angreifenden Wirkstoffen.

Rezeptorumbau im Status epilepticus und die Angriffspunkte der Stufentherapie
Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
GABA-A-Rezeptor (Benzodiazepin-Bindungsstelle) Benzodiazepine Öffnungsfrequenz des Cl⁻-Kanals ↑, früh hochwirksam
GABA-A-Rezeptor (Barbiturat- und Anästhetika-Bindungsstelle) Phenobarbital, Propofol, Thiopental (Injektionsanästhetika) Öffnungsdauer ↑, hochdosiert direkte Öffnung
Spannungsabhängiger Na⁺-Kanal Phenytoin, Lacosamid (Na⁺-Kanal-blockierende Antiepileptika) hochfrequente Entladungen ↓
SV2A (synaptisches Vesikelprotein) Levetiracetam (SV2A-Liganden) Transmitterfreisetzung ↓
Mehrere Targets (Na⁺, T-Typ-Ca²⁺, GABA ↑) Valproat (Weitere Antiepileptika) breites Spektrum
NMDA-Rezeptor Ketamin (Injektionsanästhetika) glutamaterge Erregung ↓, auch spät wirksam

Therapie

Ziel ist, den Status so schnell wie möglich zu durchbrechen, bis die Anfälle sistieren und das Bewusstsein sich bessert. Die deutsche Leitlinie gliedert die Therapie in vier Stufen, jede beginnt, wenn die vorige versagt.

Zeitstrahl mit Markierungen bei 5 und 30 Minuten und vier aufeinanderfolgenden Therapiestufen von Benzodiazepin bis superrefraktärer Status.

Stufentherapie des Status epilepticus entlang der Zeitachse (t₁ und t₂ für den tonisch-klonischen SE); jede Stufe folgt auf das Versagen der vorigen.
Stufe Situation Therapie Begründung
1 initialer SE, auch prähospital Benzodiazepin, ggf. einmal wiederholen GABA-A-Rezeptoren noch synaptisch
2 benzodiazepinrefraktär Levetiracetam, Valproat oder (Fos-)Phenytoin i.v. andere Targets, vergleichbar wirksam
3 refraktär Narkose mit Propofol, Midazolam oder Thiopental maximale GABA-A-Verstärkung, intubiert, EEG-gesteuert
4 superrefraktär Ketamin, Isofluran, ketogene Diät u. a. NMDA-Antagonismus, Einzelfall

Stufe 1: Benzodiazepine

Die beste Evidenz haben Lorazepam i.v. und Midazolam i.m., klar überlegen ist keines der Benzodiazepine. Entscheidend sind Applikationsweg und Tempo.

Zwei Strukturformeln von Midazolam, verbunden durch Gleichgewichtspfeile, links die offene Form im Sauren, rechts die geschlossene Form bei pH 7,4.

Ringöffnung und Ringschluss von Midazolam in Abhängigkeit vom pH
  • Lorazepam i.v.: weniger lipophil als Diazepam, verteilt sich langsamer aus dem ZNS um und wirkt daher länger antikonvulsiv; Injektionslösung gekühlt lagern.
  • Midazolam i.m., i.n. oder bukkal: erste Wahl ohne venösen Zugang, weil es in saurer Lösung als ringoffene, wasserlösliche Form vorliegt und sich bei physiologischem pH zur lipophilen Form schließt → rasch im ZNS.
  • Diazepam i.v. oder rektal: setzt schnell ein, wird aber rasch ins Fettgewebe umverteilt, die antikonvulsive Wirkung ist trotz langer Halbwertszeit kurz.
  • Clonazepam i.v.: gleichwertige Alternative.
Prüferinnenfrage
Warum soll das Benzodiazepin früh und ausreichend hoch dosiert werden, obwohl es atemdepressiv wirkt?
Antwort anzeigen

Mit jeder Minute Status werden synaptische GABA-A-Rezeptoren internalisiert, das Benzodiazepin verliert sein Target. Eine zu niedrige Dosis verbraucht dieses kurze Zeitfenster, ohne den Status zu beenden. Die Atemdepression ist mit Intubationsbereitschaft beherrschbar, der fortbestehende Status verursacht dagegen selbst Hypoxie, Aspiration und Neuronenschäden. Unterdosierung ist deshalb der häufigste Therapiefehler.

Stufe 2: Antiepileptika i.v.

Zuerst wird geprüft, ob das Benzodiazepin ausreichend dosiert war. Levetiracetam, Valproat und Fosphenytoin wirkten im direkten Vergleich gleich häufig und sind daher gleichrangig. Fosphenytoin, ein wasserlöslicher Phosphatester-Prodrug, wird in Deutschland nicht vermarktet, praktisch steht Phenytoin zur Verfügung.

Wirkstoff Vorteil Achten auf
Levetiracetam kaum Interaktionen (kein CYP-Metabolismus), kreislaufneutral renale Elimination → Nierenfunktion; Gereiztheit; für SE off-label
Valproat kaum sedierend, kreislaufneutral; beim Absencenstatus zugelassen Leberschaden, Mitochondriopathie, Hyperammonämie, Teratogenität; Carbapeneme senken den Spiegel
Phenytoin zugelassen; bei Vortherapie mit zu niedrigem Spiegel Bradykardie, Hypotonie → EKG, langsam infundieren; stark alkalisch → Venenreizung, Nekrose bei Paravasat, fällt in Glucose aus
Phenobarbital zugelassene Alternative Sedierung, Atemdepression additiv zum Benzodiazepin
Lacosamid 2. Wahl, wenig Interaktionen PR-Verlängerung; off-label
💡 Merke

Zeit ist Rezeptor: Benzodiazepin sofort und voll dosiert, höchstens einmal wiederholen, dann ohne Zögern Stufe 2.

Stufe 3 und 4: Narkose und superrefraktärer Status

Hält der Status trotz Stufe 2 an, folgt eine Narkose mit Injektionsanästhetika auf der Intensivstation.

  • Narkotika: Propofol, Midazolam in anästhetischer Dosis, beide kombiniert oder Thiopental.
  • Rahmen: intubiert und beatmet, kontinuierliches EEG beim Einleiten, Überwachen und Ausschleichen.
  • Fokaler NCSE: ein therapeutisches Koma ist verzichtbar, weil dessen Risiken den Nutzen oft übersteigen.
  • Superrefraktär: ketogene Diät; erwägen lassen sich Ketamin, Isofluran, hochdosiertes Thiopental, Epilepsiechirurgie oder EKT. Nicht empfohlen: Allopregnanolon (nicht besser als Placebo) und Hypothermie.
Prüferinnenfrage
Warum kann Ketamin noch wirken, wenn GABAerge Substanzen versagt haben?
Antwort anzeigen

Im späten Status sind GABA-A-Rezeptoren internalisiert, NMDA-Rezeptoren dagegen vermehrt synaptisch eingebaut. GABAerge Stoffe verlieren ihr Target, der NMDA-Antagonist Ketamin gewinnt eines und dämpft zugleich die Exzitotoxizität. Zudem wirkt Ketamin sympathomimetisch und senkt den Blutdruck kaum, anders als Propofol oder Thiopental. Die Evidenz beruht auf Beobachtungsdaten, daher nur eine Kann-Empfehlung.

Begleitmaßnahmen

Parallel zur Pharmakotherapie gilt:

  • Vitalfunktionen: ABCDE-Schema, Schutz vor Verletzung, Intubationsbereitschaft.
  • Blutzucker: messen, Hypoglykämie mit Glucose i.v. ausgleichen; bei Alkoholabhängigkeit Thiamin vor oder mit der Glucose (Wernicke-Enzephalopathie).
  • Ursache: Antiepileptika-Spiegel bestimmen, Auslöser beseitigen, danach die Dauertherapie der Epilepsie anpassen.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Ein nonkonvulsiver Status epilepticus lässt sich sicher nur im EEG nachweisen.

Ohne deutliche motorische Zeichen zeigt er sich nur als Bewusstseinsstörung oder Verwirrtheit, gesichert wird er im EEG.

Aussage 2

Ein generalisiert tonisch-klonischer Anfall wird ab einer Dauer von 5 Minuten als Status epilepticus behandelt.

5 Minuten ist die operationale Zeitgrenze t1 für tonisch-klonische Anfälle, ab der behandelt werden muss.

Zuordnen

Aussage 4

Phenytoin wird zur Infusion bevorzugt in Glucose 5 % verdünnt.

Die stark alkalische Phenytoin-Lösung fällt in Glucoselösung aus. Zudem reizt sie Venen und verursacht bei Paravasat Nekrosen.

Aussage 5

Mit zunehmender Dauer des Status werden synaptische NMDA-Rezeptoren internalisiert, was die Benzodiazepin-Resistenz erklärt.

Internalisiert werden synaptische GABA-A-Rezeptoren, das erklärt die Benzodiazepin-Resistenz. NMDA-Rezeptoren werden dagegen vermehrt in die Synapse eingebaut.

Reihenfolge

Lückentext

Aussage 8

Midazolam lässt sich ohne venösen Zugang intramuskulär oder intranasal geben, weil es in saurer Lösung als wasserlösliche, ringoffene Form vorliegt.

Bei physiologischem pH schließt sich der Ring zur lipophilen Form, die rasch ins ZNS gelangt.

Warum?

Aussage 10

Allopregnanolon wird beim superrefraktären Status epilepticus empfohlen.

Allopregnanolon war in einer Studie nicht besser als Placebo und soll nicht eingesetzt werden. Erwägen lassen sich Ketamin, Isofluran, hochdosiertes Thiopental und ketogene Diät.

Prüferin fragt

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