Grundlagen der antiviralen Therapie
Virostatika hemmen die Vermehrung von Viren, die den Stoffwechsel der Wirtszelle nutzen. Den Kern bilden das Selektivitätsproblem, der Replikationszyklus als Landkarte der Angriffspunkte, Nukleosidanaloga mit Kettenabbruch sowie Resistenz und Kombinationstherapie.
Dein roter Faden
- Selektivitätsproblem: Viren nutzen den Stoffwechsel der Wirtszelle, angreifbar sind daher nur virusspezifische Enzyme wie Polymerasen, reverse Transkriptase, Integrase, Protease und Neuraminidase.
- Virostatisch: Virostatika hemmen nur die Replikation, das Immunsystem beseitigt die Viren; latente Genome (Provirus, Episom, cccDNA) bleiben unberührt, daher Suppression statt Heilung, außer bei Hepatitis C.
- Replikationszyklus als Landkarte: Adsorption, Penetration und Uncoating, Nukleinsäuresynthese, Integration bei Retroviren, Reifung durch Proteasen und Freisetzung, jeder Schritt mit eigenem Hemmstoff.
- Nukleosid- und Nukleotidanaloga: werden intrazellulär zum Triphosphat phosphoryliert, konkurrieren mit dem natürlichen Baustein und führen mangels 3’-OH-Gruppe zum Kettenabbruch; Nukleotidanaloga wie Tenofovir überspringen den ersten Phosphorylierungsschritt.
- Weitere Prinzipien: allosterische Hemmer wie NNRTI und kompetitive Enzymhemmer wie Protease- und Integrasehemmer brauchen keine Aktivierung; Antikörper und Interferone ergänzen.
- Resistenz und Kombination: Polymerasen ohne Korrekturlesefunktion erzeugen resistente Varianten; niedrige genetische Barriere und Monotherapie fördern Resistenz, Kombinationen ohne Kreuzresistenz verhindern sie, die Viruslast zeigt den Erfolg.
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Orientierung
Viren sind obligat intrazelluläre Parasiten. Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel und nutzen Ribosomen, Energie und Bausteine der Wirtszelle. Daraus folgt das Selektivitätsproblem: Angreifbar sind nur virusspezifische Proteine oder Schritte, die sich deutlich von zellulären unterscheiden.
Arzneistoff, der die Virusreplikation hemmt, ohne Viren oder infizierte Zellen abzutöten. Die Beseitigung übernimmt das Immunsystem.
- Selektive Targets: virale Polymerasen, reverse Transkriptase, Integrase, Protease, Neuraminidase. Je stärker sie vom Wirtsenzym abweichen, desto geringer die Toxizität.
- Virostatisch statt viruzid: gehemmt wird nur die Neubildung → wirksam nur bei laufender Replikation, daher bei akuten Infektionen früh beginnen (Herpes zoster, Influenza).
- Latenz: ruhendes Virusgenom ohne Replikation, für Virostatika unangreifbar. HIV liegt als integriertes Provirus vor, Herpesviren als Episom in Neuronen, HBV als cccDNA im Zellkern → Suppression statt Heilung, Rezidiv nach Absetzen. Das Hepatitis-C-Virus bildet keine DNA-Zwischenstufe und kein Reservoir und ist daher heilbar.
Resistenz und Kombinationstherapie
RNA-Viren und Retroviren replizieren mit Polymerasen ohne Korrekturlese-Exonuklease. Bei hoher Replikationsrate entsteht im Patienten eine Quasispezies, in der resistente Einzelmutanten oft schon vor Therapiebeginn existieren und unter Monotherapie selektiert werden.
- Genetische Barriere: Zahl der Mutationen, die ein Virus für eine klinisch relevante Resistenz braucht. Niedrig bei Lamivudin, Emtricitabin und älteren NNRTI (eine Punktmutation genügt), hoch bei Dolutegravir und geboosteten Proteasehemmern.
- Kombinationstherapie: Wirkstoffe mit verschiedenen Angriffspunkten ohne Kreuzresistenz → ein Virus müsste mehrere Mutationen gleichzeitig tragen; Standard bei HIV und Hepatitis C.
- Viruslast: Menge viraler RNA oder DNA im Plasma (Kopien/ml, PCR), Maß für Wirksamkeit und Adhärenz; Ziel unter der Nachweisgrenze. Ein erneuter Anstieg spricht für mangelnde Einnahme oder Resistenz. Bei Hepatitis C bedeutet dauerhaft fehlender Nachweis nach Therapieende Heilung.
Antwort anzeigen
HIV repliziert chronisch und massenhaft mit fehleranfälliger reverser Transkriptase, sodass für jede Einzelmutation resistente Varianten vorhanden sind. Erst drei Wirkstoffe mit verschiedenen Angriffspunkten machen das gleichzeitige Auftreten aller nötigen Mutationen extrem unwahrscheinlich. Die Influenza ist dagegen kurz und selbstlimitierend: Wenige Behandlungstage reichen, bis das Immunsystem übernimmt, und für eine Selektion bleibt kaum Zeit.
Pharmakologische Angriffspunkte
Fast jeder Schritt des Replikationszyklus ist für mindestens ein Virus pharmakologisch erschlossen.
| Schritt | Target | Klasse, Beispiel | Einsatz |
|---|---|---|---|
| Entry und Fusion | CCR5, gp41 | Entry-Inhibitoren: Maraviroc, Enfuvirtid | HIV |
| DNA-Synthese | virale DNA-Polymerase | Antiherpetika: Aciclovir, Ganciclovir, Foscarnet | Herpes, CMV |
| Reverse Transkription | reverse Transkriptase | NRTI: Tenofovir, Emtricitabin; NNRTI: Doravirin | HIV; Hepatitis B: Tenofovir, Entecavir |
| RNA-Synthese | RNA-abhängige RNA-Polymerase | Sofosbuvir, Remdesivir | Hepatitis C, COVID-19 |
| Integration | Integrase | Integrase-Inhibitoren: Dolutegravir, Bictegravir | HIV |
| Reifung | virale Protease | HIV-Protease-Inhibitoren: Darunavir; Nirmatrelvir | HIV, COVID-19 |
| Transkription | Cap-abhängige Endonuklease | Baloxavirmarboxil | Influenza |
| Freisetzung | Neuraminidase | Oseltamivir, Zanamivir | Influenza |
Teste dich
Aussage 1
Nukleotidanaloga wie Tenofovir tragen bereits eine Phosphonatgruppe, sodass der erste Phosphorylierungsschritt entfällt.
Die hydrolysestabile Phosphonatgruppe ersetzt das erste Phosphat, es sind nur noch zwei Phosphorylierungen zum aktiven Triphosphat nötig.
Aussage 2
RNA-Viren und Retroviren mutieren selten, weil ihre Polymerasen eine besonders effiziente Korrekturlese-Exonuklease besitzen.
Umgekehrt: Ihren Polymerasen fehlt die Korrekturlesefunktion, daher die hohe Mutationsrate und die Bildung resistenter Varianten.
Aussage 3
NNRTI müssen wie Nukleosidanaloga intrazellulär zum Triphosphat phosphoryliert werden, bevor sie die reverse Transkriptase hemmen.
NNRTI sind allosterische Hemmer: Sie binden ohne Aktivierung in einer hydrophoben Tasche der reversen Transkriptase und verformen das aktive Zentrum.
Zuordnen
Warum?
Aussage 6
Virostatika töten freie Viren und infizierte Zellen ab und wirken daher auch ohne funktionierendes Immunsystem vollständig.
Virostatika wirken virostatisch: Sie hemmen nur die Replikation, die Beseitigung von Viren und infizierten Zellen übernimmt das Immunsystem.
Reihenfolge
Lückentext
Aussage 9
Eine niedrige genetische Barriere bedeutet, dass schon eine einzige Punktmutation eine klinisch relevante Resistenz auslösen kann, etwa bei Lamivudin.
Die genetische Barriere ist die Zahl der für eine Resistenz nötigen Mutationen; bei Lamivudin, Emtricitabin und älteren NNRTI genügt eine.
Aussage 10
Neuraminidasehemmer wie Oseltamivir hemmen die Freisetzung neu gebildeter Influenzaviren von der Zelloberfläche.
Die Neuraminidase löst neue Virionen von der Wirtszelle; ihre Hemmung blockiert den letzten Schritt des Replikationszyklus.
Prüferin fragt
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