Krankheitsbilder

Hyperprolaktinämie

Die Hyperprolaktinämie ist ein Befund mit vielen Ursachen. Den Kern bilden die dopaminerge Hemmung der Prolactinsekretion, die medikamenteninduzierte Form durch D2-Antagonisten und die Therapie des Prolaktinoms mit Cabergolin.

✓ gelesen
Dein roter Faden6 Punkte
  • Regulation: Prolactin steht unter tonischer Hemmung durch hypothalamisches Dopamin an D2-Rezeptoren der laktotrophen Zellen.
  • Ursachen: physiologisch, Prolaktinom, Stielkompression, Hypothyreose, Niereninsuffizienz und sehr häufig D2-Antagonisten; Makroprolactin ist ein symptomloser Laborbefund.
  • Arzneistoffe: Die Hypophyse liegt außerhalb der Blut-Hirn-Schranke, daher erhöhen Risperidon, Amisulprid, Haloperidol, Metoclopramid und auch Domperidon Prolactin stark.
  • Symptome: Prolactin hemmt die GnRH-Pulsatilität, der hypogonadotrope Hypogonadismus erklärt Amenorrhö, Infertilität und Libidoverlust, dazu Galaktorrhö.
  • Prolaktinom: Cabergolin ist Mittel der Wahl, weil es lang wirkt, wirksamer und besser verträglich ist als Bromocriptin; Absetzversuch nach mehrjähriger Normoprolaktinämie, Herzklappen bei hoher Dosis kontrollieren.
  • Medikamenteninduziert: Auslöser absetzen oder umstellen, bei Antipsychotika psychiatrisch abgestimmt auf Aripiprazol als partiellen D2-Agonisten; Dopaminagonisten können die Psychose verschlechtern.

Kostenlos weiterlesen mit deinem Relaxed-Konto

Lege dir ein kostenloses Konto an, dann ist das ganze 2. Staatsexamen für dich frei. Kein Abo, keine Zahlungsdaten.

Kostenloses Konto anlegen

Bitte bestätige zuerst deine E-Mail-Adresse

Wir haben dir einen Link geschickt. Mit bestätigter E-Mail-Adresse liest du hier gleich weiter.

Zum Konto

Überblick

Die Hyperprolaktinämie ist eine anhaltend erhöhte Prolactinkonzentration im Serum. Sie hat verschiedene Ursachen. Ein Prolaktinom, ein prolactinbildendes Adenom der laktotrophen Hypophysenzellen, ist nur eine davon, Arzneistoffe gehören zu den häufigsten.

Ursache warum Prolactin steigt
physiologisch (Schwangerschaft, Stillen, Stress) Estrogene, Saugreiz, Stressreaktion (auch bei der Blutentnahme)
medikamentös D2-Blockade an der Hypophyse
Prolaktinom autonome Sekretion der Tumorzellen
andere Sellatumoren Stielkompression, Dopamin erreicht die Hypophyse nicht (Hypophysenerkrankungen)
primäre Hypothyreose TRH ↑ stimuliert laktotrophe Zellen
Niereninsuffizienz renale Clearance ↓

Prolaktinome teilt man nach der Größe ein: das Mikroprolaktinom misst unter 10 mm, das Makroprolaktinom 10 mm oder mehr und kann auf das Chiasma opticum drücken (Gesichtsfeldausfälle).

  • Leitsymptome: bei Frauen Zyklusstörungen bis Amenorrhö, Galaktorrhö und Infertilität, bei Männern Libidoverlust und erektile Dysfunktion.
  • Diagnostik: Serum-Prolactin, Ausschluss von Makroprolactin, MRT der Sella. Davor steht immer die Arzneimittelanamnese.
📖 Definition: Makroprolactin

Komplex aus Prolactin und IgG mit hoher Molmasse, der im Immunoassay mitgemessen wird, aber kaum biologisch aktiv ist. Eine Makroprolaktinämie macht keine Symptome und wird nicht behandelt.

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Prolactin ist das einzige Hypophysenvorderlappenhormon, das überwiegend gehemmt statt stimuliert wird. Die laktotrope Achse steht unter dopaminerger Dauerbremse, und jede Störung dieser Bremse hebt den Prolactinspiegel.

Schema von Hypothalamus und Hypophyse: Dopamin hemmt über D2-Rezeptoren die laktotrophe Zelle; D2-Antagonisten heben die Hemmung auf, Cabergolin verstärkt sie; die Hypophyse liegt außerhalb der Blut-Hirn-Schranke

Dopaminerge Hemmung der Prolactinsekretion und pharmakologische Angriffspunkte
  1. Tonische Hemmung: Dopamin aus tuberoinfundibulären Neuronen gelangt über das Portalblut an D2-Rezeptoren (Gᵢ) der laktotrophen Zellen → cAMP ↓, Ca²⁺-Einstrom ↓ → Sekretion und Proliferation ↓.
  2. Enthemmung: D2-Blockade, Stielkompression oder TRH-Überschuss → Prolactin ↑.
  3. Prolactinwirkung: an der Brustdrüse Milchbildung (Galaktorrhö), im Hypothalamus Hemmung der Kisspeptin-Neurone → GnRH-Pulsatilität ↓.
  4. Hypogonadismus: LH und FSH ↓ → Estradiol bzw. Testosteron ↓ → Amenorrhö, Infertilität, Libidoverlust, auf Dauer Knochenmasse ↓.

Die Hypophyse liegt außerhalb der Blut-Hirn-Schranke. Deshalb erhöhen auch D2-Antagonisten Prolactin, die zentral kaum wirken. Substrate von P-Glykoprotein wie Risperidon, Paliperidon und Amisulprid erreichen an der Hypophyse höhere Spiegel als im Gehirn und erhöhen Prolactin besonders stark.

Ablaufdiagramm von erhöhtem Prolactin über verminderte GnRH-, LH- und FSH-Freisetzung zu niedrigen Sexualhormonen und deren Folgen

Wie Prolactin über die Hemmung der Kisspeptin-Neurone die GnRH-Pulsatilität senkt und so einen Hypogonadismus auslöst
Arzneistoffe Prolactinanstieg warum
Haloperidol und andere Antipsychotika der 1. Generation stark D2-Blockade
Risperidon, Paliperidon, Amisulprid (2. Generation) sehr stark D2-Blockade, P-gp-Substrate
Quetiapin, Clozapin, Aripiprazol kaum, Aripiprazol senkt eher rasche Dissoziation vom D2-Rezeptor bzw. partieller Agonismus
Metoclopramid, Domperidon (Prokinetika) stark D2-Blockade
SSRI, Trizyklika, Opioide, Estrogene, Methyldopa gering bis mäßig Serotonin stimuliert, μ-Agonismus und Methyldopa senken Dopamin, Estrogene aktivieren laktotrophe Zellen
Prüferinnenfrage
Warum macht Domperidon eine Hyperprolaktinämie, obwohl es kaum ins Gehirn gelangt?
Antwort anzeigen

Domperidon wird an der Blut-Hirn-Schranke durch P-Glykoprotein zurücktransportiert und wirkt deshalb kaum extrapyramidal. Die Hypophyse liegt aber außerhalb der Schranke, ebenso wie die Area postrema, an der die antiemetische Wirkung entsteht. Dort blockiert Domperidon die D2-Rezeptoren der laktotrophen Zellen ungehindert, die dopaminerge Bremse fällt weg und Prolactin steigt.

Therapeutisch gibt es zwei Wege: den D2-Rezeptor stimulieren oder den Auslöser beseitigen.

Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
D2-Rezeptor der laktotrophen Zellen Dopaminagonisten (Cabergolin) Prolactin ↓, Prolaktinom schrumpft
auslösende D2-Blockade Umstellen auf Antipsychotika der 2. Generation wie Aripiprazol, Absetzen von Metoclopramid Bremse wieder wirksam
TRH-Überschuss bei Hypothyreose Schilddrüsenhormone TRH ↓ → Prolactin normalisiert

Therapie

Ziel ist, den Hypogonadismus mit seinen Folgen (Infertilität, Knochenverlust) zu beheben, die Galaktorrhö zu beseitigen und beim Makroprolaktinom Tumor und Sehvermögen zu kontrollieren. Vor jeder Therapie werden Stressprolactin, auslösende Arzneistoffe und Makroprolactin ausgeschlossen.

Prolaktinom

Mittel der Wahl sind Dopaminagonisten. Sie normalisieren Prolactin und verkleinern den Tumor, sodass auch Makroprolaktinome primär medikamentös behandelt werden. Die Operation ist beim Mikroprolaktinom eine gleichwertige Alternative, sonst Reserve bei Resistenz oder Unverträglichkeit.

A Cabergolin
  • Wirkdauer: sehr lange Halbwertszeit → Einnahme ein- bis zweimal pro Woche
  • Wirksamkeit: normalisiert Prolactin häufiger, schrumpft den Tumor stärker, wirkt oft auch bei Bromocriptin-Resistenz
  • Verträglichkeit: weniger Übelkeit und Orthostase → Mittel der Wahl
B Bromocriptin
  • Wirkdauer: kurz → mehrmals täglich
  • Wirksamkeit: geringer
  • Verträglichkeit: mehr Übelkeit, Erbrechen, orthostatische Hypotonie
  • Stellenwert: Reserve
  • Einschleichen: niedrig beginnen, langsam steigern, abends zu einer Mahlzeit, weil Übelkeit (D2 in der Area postrema) und Orthostase dosisabhängig sind.
  • Therapiekontrolle: Prolactin, beim Makroprolaktinom zusätzlich MRT und Gesichtsfeld. Bei stabilem Prolactin ist ein MRT nur bei Lokalsymptomen oder Prolactinanstieg nötig.
  • Dauer und Absetzversuch: nach mehrjähriger Normoprolaktinämie und deutlicher Tumorverkleinerung ausschleichen. Rezidive sind häufig, daher Prolactin weiter kontrollieren.
  • Herzklappen: Cabergolin ist ein Ergolin mit 5-HT₂B-Agonismus. In den niedrigen Prolaktinom-Dosen ist die Relevanz nicht abschließend geklärt, bei hoher Dosis oder langer Therapie wird echokardiographisch kontrolliert.
  • Impulskontrollstörungen: selten (Spielsucht, Hypersexualität), aktiv danach fragen.

Kinderwunsch und Schwangerschaft

Mit sinkendem Prolactin kehrt die Ovulation oft rasch zurück. Wer keine Schwangerschaft wünscht, braucht deshalb eine Verhütung.

  • Mikroprolaktinom: Dopaminagonist bei festgestellter Schwangerschaft absetzen, weil das Wachstumsrisiko gering ist.
  • Makroprolaktinom: Die hohen Estrogenspiegel können das Tumorwachstum anregen → Gesichtsfeldkontrollen, bei Progredienz den Dopaminagonisten wieder ansetzen.
  • Prolactin: steigt in der Schwangerschaft physiologisch und taugt dann nicht als Verlaufsparameter.

Medikamenteninduzierte Hyperprolaktinämie

Bei der medikamenteninduzierten Hyperprolaktinämie ist der Auslöser das Ziel. Passt der zeitliche Zusammenhang, wird der D2-Antagonist abgesetzt oder ersetzt. Bleibt der Befund unklar, muss ein Hypophysentumor trotzdem ausgeschlossen werden.

  • Metoclopramid, Domperidon: absetzen, Prolactin normalisiert sich innerhalb weniger Tage.
  • Antipsychotika: nie abrupt absetzen (Rezidivgefahr). In Absprache mit der Psychiatrie auf ein prolactinsparendes Mittel wie Aripiprazol oder Quetiapin umstellen oder Aripiprazol zusätzlich geben, das als partieller D2-Agonist Prolactin senkt.
  • Bleibender Hypogonadismus: ist keine Umstellung möglich, Sexualhormonersatz zum Knochenschutz erwägen.

Balkendiagramm mit qualitativer Einordnung von Antipsychotika von stark prolactinerhöhend bis prolactinsenkend

Einfluss verschiedener Antipsychotika auf Prolactin (qualitativ), von stark erhöhend bis senkend
⚠️ Achtung: Dopaminagonisten bei Psychose

Cabergolin und Bromocriptin wirken der antipsychotischen D2-Blockade entgegen und können eine Psychose verschlechtern. Bei antipsychotisch behandelten Patienten kommen sie nur ausnahmsweise und psychiatrisch abgestimmt in Frage.

Fall aus der Apotheke
Folgerezept Risperidon

Eine 28-jährige Patientin holt ihr Folgerezept über Risperidon ab, das sie seit einem halben Jahr wegen einer Schizophrenie einnimmt. Sie berichtet, ihre Regel sei ausgeblieben (Schwangerschaftstest negativ), und aus der Brust trete Flüssigkeit aus.

  1. Was steckt pharmakologisch dahinter?
  2. Was empfehlen Sie, und wovon raten Sie ab?
Lösung anzeigen
  1. Risperidon und sein Metabolit Paliperidon blockieren D2-Rezeptoren an der Hypophyse, die außerhalb der Blut-Hirn-Schranke liegt, und als P-gp-Substrate dort besonders stark. Prolactin steigt: Das erklärt die Galaktorrhö, und über die gehemmte GnRH-Pulsatilität entsteht die Amenorrhö.
  2. Sie soll Risperidon nicht eigenmächtig absetzen, weil ein Psychoserezidiv droht. Empfohlen wird die Rücksprache mit der Psychiaterin: Prolactin bestimmen und auf Aripiprazol umstellen oder es ergänzen. Da die Fruchtbarkeit danach zurückkehren kann, gehört ein Hinweis zur Verhütung dazu.

Primäres Abstillen

Ist Stillen kontraindiziert oder nicht gewünscht, etwa nach einer Totgeburt, wird die Laktation kurzzeitig mit Cabergolin unterdrückt. Bromocriptin ist dafür wegen seltener schwerer kardiovaskulärer und neurologischer UAW (Schlaganfall, Herzinfarkt, Krampfanfälle) kein Routinemittel mehr.

Teste dich

Teste dich mit 9 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Bromocriptin wird wegen seiner sehr langen Halbwertszeit nur ein- bis zweimal pro Woche eingenommen.

Das gilt für Cabergolin. Bromocriptin wirkt kurz und muss mehrmals täglich eingenommen werden.

Zuordnen

Aussage 3

Aripiprazol eignet sich zur Umstellung, weil es als partieller D2-Agonist Prolactin eher senkt.

Als partieller Agonist erhält Aripiprazol eine Restaktivierung der D2-Rezeptoren an der Hypophyse und kann eine Hyperprolaktinämie sogar zurückbilden.

Aussage 4

Bei primärer Hypothyreose steigt Prolactin, weil das erhöhte TRH die laktotrophen Zellen stimuliert.

TRH stimuliert neben den thyreotropen auch die laktotrophen Zellen. Mit der Substitution von Schilddrüsenhormon sinken TRH und Prolactin.

Reihenfolge

Aussage 6

Eine symptomlose Makroprolaktinämie muss nicht behandelt werden.

Makroprolactin ist ein Komplex aus Prolactin und IgG, der im Immunoassay mitgemessen wird, aber kaum biologisch aktiv ist.

Aussage 7

Domperidon erhöht Prolactin kaum, weil es die Blut-Hirn-Schranke nicht überwindet.

Die Hypophyse liegt außerhalb der Blut-Hirn-Schranke. Domperidon blockiert dort die D2-Rezeptoren der laktotrophen Zellen und erhöht Prolactin stark.

Warum?

Prüferin fragt

Fehler entdeckt oder eine Idee? Wir verbessern die Inhalte laufend. Melde es uns gerne über dieses Formular ❤️

Teile der Inhalte wurden mithilfe von KI-Systemen erstellt und werden fortlaufend redaktionell geprüft. Trotz Sorgfalt können Fehler enthalten sein. Wichtige Informationen bitte anhand offizieller Quellen prüfen. Relaxed ins Stex ist ein unabhängiges Angebot und steht in keiner Kooperation mit dem IMPP. Das Angebot ist weder vom IMPP autorisiert noch mit diesem verbunden.

Zurück nach oben