Arzneistoffe

Fibrinolytika und Antifibrinolytika

Fibrinolytika aktivieren Plasminogen zu Plasmin und lösen frische Thromben auf, Antifibrinolytika wie Tranexamsäure hemmen genau diesen Schritt bei Blutungen. Im Kern stehen der Mechanismus der Plasminogenaktivierung, die Fibrinspezifität der rekombinanten Aktivatoren und das spiegelbildliche Risiko: Blutung bei der Lyse, Thrombose bei der Antifibrinolyse.

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  • Einordnung: Fibrinolytika aktivieren Plasminogen zu Plasmin und lösen Thromben auf, Antifibrinolytika wie Tranexamsäure hemmen diesen Schritt bei Blutungen.
  • Mechanismus: Alteplase bildet mit Plasminogen am Fibrin einen ternären Komplex, Plasmin entsteht lokal und ist dort vor α₂-Antiplasmin geschützt (Fibrinspezifität).
  • Vertreter: Reteplase und Tenecteplase sind Alteplase-Varianten mit längerer Halbwertszeit, Tenecteplase zusätzlich PAI-1-resistent und als Einzelbolus präklinisch ideal; Urokinase ist nicht fibrinspezifisch.
  • Indikationen der Lyse: ischämischer Schlaganfall, Hochrisiko-Lungenembolie, STEMI ohne rechtzeitige PCI, Katheterokklusion mit Urokinase.
  • Blutungsrisiko und KI: Plasmin löst auch hämostatisches Fibrin, die intrakranielle Blutung ist die gefährlichste UAW; wer blutet, eine frische Blutungsquelle hat oder antikoaguliert ist, wird nicht lysiert.
  • Tranexamsäure: Lysinanalogon an den Lysin-Bindungsstellen des Plasminogens, bei Trauma früh, peripartal, perioperativ, bei Hypermenorrhö und angeborener Blutungsneigung; renal eliminiert, Krampfanfälle hochdosiert, KI bei Thromboembolie.

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Überblick

Fibrinolytika (Thrombolytika) aktivieren Plasminogen zu Plasmin, das das Fibrin eines Thrombus spaltet. Antifibrinolytika hemmen genau diesen Schritt und stabilisieren Gerinnsel. Beide sind damit Gegenspieler am selben System (Einordnung bei den Antithrombotika).

  • Lysetherapie: Gabe eines Plasminogenaktivators, um einen frischen, verschließenden Thrombus aufzulösen, systemisch oder lokal über Katheter.
  • Rekombinante Aktivatoren: Alteplase und ihre Varianten wirken bevorzugt am Fibrin, ältere Substanzen (Streptokinase, Urokinase) auch auf zirkulierendes Plasminogen.
  • Antifibrinolytika: Tranexamsäure als zentraler Vertreter bei Blutungen mit gesteigerter Fibrinolyse.
  • Spiegelbildliches Risiko: Lyse → Blutung, Antifibrinolyse → Thrombose.

Typischer Vertreter der Fibrinolytika ist Alteplase, der rekombinante Gewebe-Plasminogenaktivator (rt-PA).

Alteplase
Fibrinolytika · Leitsubstanz
  • Prinzip: rekombinanter t-PA, aktiviert fibringebundenes Plasminogen zu Plasmin
  • Kinetik: Halbwertszeit wenige Minuten, rasche hepatische Clearance
  • Einsatz: ischämischer Schlaganfall, Hochrisiko-Lungenembolie, STEMI ohne rechtzeitige PCI
  • Besonderheit: fibrinspezifisch, aber nicht blutungsfrei

Vertreter

Die Plasminogenaktivatoren unterscheiden sich in Fibrinspezifität und Halbwertszeit und damit in der Applikation. Reteplase und Tenecteplase sind gentechnisch veränderte Alteplase-Varianten mit längerer Halbwertszeit. Tranexamsäure steht als Lysinanalogon auf der Gegenseite.

Wirkstoffe
Fibrinspezifisch, rekombinant
Alteplase
Reteplase Doppelbolus
Tenecteplase Einzelbolus
Nicht fibrinspezifisch
Urokinase Katheterokklusion
Antifibrinolytikum, Lysinanalogon
Tranexamsäure

Wirkmechanismus

Plasminogenaktivatoren spalten Plasminogen an einer einzigen Peptidbindung (Arg561-Val562) zur Serinprotease Plasmin, die Fibrin zu löslichen Spaltprodukten (D-Dimere) abbaut. Die physiologische Regulation durch α₂-Antiplasmin und PAI-1 steht bei der Hämostase.

📖 Definition: Fibrinspezifität

Fähigkeit eines Plasminogenaktivators, Plasminogen bevorzugt dort zu aktivieren, wo beide gemeinsam an Fibrin gebunden sind. Zirkulierendes Plasminogen und Fibrinogen bleiben weitgehend verschont.

Bei t-PA entsteht die Fibrinspezifität in vier Schritten:

  1. Bindung: t-PA bindet über Finger- und Kringle-2-Domäne an Fibrin, Plasminogen über die Lysin-Bindungsstellen seiner Kringle-Domänen an Lysinreste des Fibrins.
  2. Ternärer Komplex: Am Fibrin steigt die Aktivierungsrate um ein Vielfaches → Plasmin entsteht lokal im Thrombus.
  3. Schutz: Fibringebundenes Plasmin ist vor α₂-Antiplasmin geschützt, freies wird rasch inaktiviert.
  4. Lyse: Fibrinabbau → Rekanalisation.

Schema einer Fibrinfaser, an die Plasminogen und t-PA binden; Plasmin spaltet Fibrin, PAI-1 und α₂-Antiplasmin als Hemmstoffe, Tranexamsäure blockiert die Lysin-Bindung des Plasminogens.

Plasminogenaktivierung am Fibrin: Angriffspunkte von Fibrinolytika und Tranexamsäure

PAI-1-Resistenz verlängert die Wirkung im Thrombus: Tenecteplase ist durch den Austausch von vier Aminosäuren an der PAI-1-Bindungsstelle weitgehend unempfindlich gegen den Inhibitor. Streptokinase (in Deutschland nicht mehr im Handel) ist kein Enzym, sondern ein bakterielles Protein, das mit Plasminogen einen Aktivatorkomplex bildet, ohne Fibrinspezifität.

Tranexamsäure besetzt als Lysinanalogon die Lysin-Bindungsstellen des Plasminogens: Es bindet nicht mehr an Fibrin und wird dort nicht aktiviert. Aprotinin hemmt dagegen als Polypeptid-Serinprotease-Inhibitor Plasmin und Kallikrein direkt und hat nur noch einen eng begrenzten Platz in der Herzchirurgie.

Strukturformeln von Lysin und Tranexamsäure mit markierter Amino- und Carboxylgruppe.

Tranexamsäure als starres Lysinanalogon

Wirkungen und Anwendung

Die Lyse wirkt nur auf frische, fibrinreiche Thromben und nur, solange das Gewebe noch zu retten ist. Deshalb zählt die Zeit.

  • Ischämischer Schlaganfall: Alteplase als einzige zugelassene medikamentöse kausale Akuttherapie, Tenecteplase als Alternative (Schlaganfall).
  • Hochrisiko-Lungenembolie: bei hämodynamischer Instabilität (Thrombose und Embolie).
  • STEMI: nur, wenn keine rechtzeitige PCI möglich ist (Akutes Koronarsyndrom).
  • Katheterokklusion: Urokinase lokal in verschlossene zentralvenöse Katheter.

Tranexamsäure senkt den Blutverlust dort, wo die Fibrinolyse gesteigert ist:

  • Trauma: früh bei lebensbedrohlicher Blutung oder Hyperfibrinolyse, nicht ungezielt jedem Verletzten und nicht später als 3 h nach dem Ereignis beginnen (Hämorrhagische Diathesen).
  • Peripartale und perioperative Blutung: etwa postpartale Blutung, Herz- und Gelenkchirurgie.
  • Hypermenorrhö: hemmt die hohe fibrinolytische Aktivität des Endometriums.
  • Angeborene Blutungsneigung: bei Schleimhautblutungen, auch als Mundspülung (Hämophilie und Von-Willebrand-Syndrom).

Pharmakokinetik

Die Applikationsform der Plasminogenaktivatoren folgt direkt aus ihrer Halbwertszeit.

  • Alteplase: \(t_{1/2}\) nur wenige Minuten durch rasche hepatische Clearance → Bolus plus anschließende Infusion.
  • Reteplase: längere Halbwertszeit → zwei Boli.
  • Tenecteplase: langsamere Clearance → gewichtsadaptierter Einzelbolus.
  • Proteine: alle Aktivatoren nur parenteral.
  • Tranexamsäure: oral, i. v. und lokal; kaum metabolisiert, überwiegend unverändert renal eliminiert → Kumulation bei Niereninsuffizienz.

Unerwünschte Wirkungen

Plasmin unterscheidet nicht zwischen Thrombus und hämostatischem Pfropf. Die Blutung ist deshalb die direkte Kehrseite des Mechanismus.

UAW warum
Blut
Blutung (Punktionsstellen, GI, urogenital) Plasmin löst auch hämostatisches Fibrin, Fibrinogen ↓
Blut
Intrakranielle Blutung gefährlichste UAW, Gefäßwand im Infarktareal geschädigt
Immunsystem
Orolinguales Angioödem Plasmin setzt Bradykinin frei, verstärkt unter ACE-Hemmern
Immunsystem
Allergie, Antikörper (Streptokinase) bakterielles Fremdprotein, daher keine Wiederholung
ZNS
Krampfanfälle (Tranexamsäure) hochdosiert, Antagonismus an GABA-A- und Glycinrezeptoren
Magen-Darm
GI-Beschwerden (Tranexamsäure) Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö bei oraler Gabe
Prüferinnenfrage
Alteplase ist doch fibrinspezifisch. Warum blutet es trotzdem?
Antwort anzeigen

Fibrinspezifität heißt nur Aktivierung am Fibrin, und auch hämostatische Pfropfe an Gefäßläsionen bestehen aus Fibrin. In therapeutischen Konzentrationen wird zudem zirkulierendes Plasminogen aktiviert, Fibrinogen sinkt. Im Infarktareal ist die Gefäßwand geschädigt, deshalb ist nach Schlaganfall die intrakranielle Einblutung das größte Risiko.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die Kontraindikationen der Lyse folgen einem Prinzip: Ausgeschlossen ist, wer blutet, eine frische Blutungsquelle hat oder bei wem eine Blutung lebensbedrohlich wäre.

  • Absolut: aktive oder intrakranielle Blutung, ZNS-Tumor oder frischer ZNS-Eingriff, Aortendissektion.
  • Relativ: kürzliche größere Operation oder Trauma, unkontrollierte Hypertonie, Schwangerschaft, Punktion nicht komprimierbarer Gefäße.
  • Thrombozytenaggregationshemmer, Antikoagulanzien: additives Blutungsrisiko.
  • ACE-Hemmer: Angioödem-Risiko ↑.
⚠️ Achtung: Lyse unter Antikoagulation

Unter wirksamer Antikoagulation (DOAK, VKA mit erhöhter INR, Heparin mit verlängerter aPTT) ist die systemische Lyse kontraindiziert, weil sich die Blutungsrisiken addieren. Ob noch relevante Spiegel vorliegen, entscheiden Einnahmezeitpunkt und Gerinnungswerte.

Für Tranexamsäure gilt die Umkehrung:

  • Thromboembolie akut oder in der Anamnese: gehemmte Fibrinolyse begünstigt neue Thromben, estrogenhaltige Kontrazeptiva addieren das Risiko.
  • Niereninsuffizienz: Dosis an die Nierenfunktion anpassen, weil sie kumuliert.
  • Krampfanamnese: erhöhte Anfallsneigung.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Die Weiterentwicklung von Alteplase zielte auf längere Halbwertszeit, Fibrinspezifität und PAI-1-Resistenz und damit auf eine einfachere Gabe.

Drei Balkendiagramme der Proteindomänen von Alteplase, Reteplase und Tenecteplase mit fehlenden Domänen bei Reteplase und markierten Mutationen bei Tenecteplase.

Domänenstruktur der rekombinanten Plasminogenaktivatoren
Merkmal Alteplase Reteplase Tenecteplase Urokinase
Struktur rekombinanter t-PA verkürzt (Kringle 2 + Protease) t-PA mit Punktmutationen humane Protease
Fibrinspezifität hoch geringer (ohne Fingerdomäne) höher keine
Halbwertszeit sehr kurz länger länger kurz
PAI-1-Resistenz gering gering hoch gering
Applikation Bolus + Infusion Doppelbolus Einzelbolus Infusion, lokal

Alle sind humane oder rekombinant-humane Proteine und kaum antigen, anders als Streptokinase. Tenecteplase eignet sich am besten präklinisch, etwa beim STEMI ohne erreichbares Katheterlabor: Ein Einzelbolus braucht keinen Perfusor, die fehleranfällige Umstellung von Bolus auf Infusion entfällt.

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Warum?

Aussage 3

Tranexamsäure hemmt die Fibrinolyse, indem sie als Serinprotease-Inhibitor das aktive Zentrum des Plasmins blockiert.

Tranexamsäure ist ein Lysinanalogon und besetzt die Lysin-Bindungsstellen des Plasminogens, sodass es nicht an Fibrin bindet. Als Serinprotease-Inhibitor wirkt Aprotinin.

Aussage 4

Urokinase aktiviert auch zirkulierendes Plasminogen, weil sie nicht fibrinspezifisch ist.

Urokinase besitzt keine Fibrinbindung und aktiviert Plasminogen unabhängig von Fibrin; eingesetzt wird sie vor allem lokal bei Katheterokklusion.

Aussage 5

Tranexamsäure wird überwiegend unverändert renal eliminiert, deshalb wird die Dosis an die Nierenfunktion angepasst.

Sie wird kaum metabolisiert und kumuliert bei Niereninsuffizienz, was das Risiko für Krampfanfälle erhöht.

Zuordnen

Aussage 7

Tenecteplase ist gegenüber PAI-1 weitgehend resistent und kann als Einzelbolus gegeben werden.

Durch den Austausch von Aminosäuren an der PAI-1-Bindungsstelle wird sie kaum gehemmt, und die langsamere Clearance erlaubt einen Einzelbolus.

Aussage 8

Reteplase ist fibrinspezifischer als Alteplase, weil ihr die Fingerdomäne fehlt.

Ohne Fingerdomäne bindet Reteplase schwächer an Fibrin und ist daher weniger fibrinspezifisch als Alteplase. Ihr Vorteil ist die längere Halbwertszeit (Doppelbolus).

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