Arzneistoffe

Schilddrüsenhormone

Levothyroxin (T4) und Liothyronin (T3) ersetzen fehlendes Schilddrüsenhormon und wirken über nukleäre Thyroidhormonrezeptoren. Im Kern geht es um T4 als lang wirksames Prohormon, die störanfällige Resorption und unerwünschte Wirkungen, die fast immer Zeichen einer Übersubstitution sind.

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Dein roter Faden6 Punkte
  • Einordnung: Levothyroxin (T4) und Liothyronin (T3) sind synthetische, körperidentische Schilddrüsenhormone zur Substitution; Levothyroxin ist Mittel der Wahl.
  • Mechanismus: T4 ist ein Prohormon, das durch 5’-Deiodierung zu T3 aktiviert wird; T3 bindet den nukleären Thyroidhormonrezeptor (Heterodimer mit RXR) und steigert die Transkription z. B. von Na⁺/K⁺-ATPase und β₁-Rezeptoren.
  • Indikationen: Hypothyreose als Monotherapie, Struma-Rezidivprophylaxe nach Operation und TSH-suppressive Therapie nach differenziertem Schilddrüsenkarzinom.
  • Kinetik und Einnahme: Halbwertszeit etwa eine Woche, TSH-Kontrolle nach etwa sechs Wochen; nüchtern 30 Minuten vor dem Frühstück, beim eingestellten Präparat bleiben.
  • UAW: fast immer iatrogene Hyperthyreose mit Tachykardie, Vorhofflimmern, Angina bei KHK und Knochendichteverlust; Ältere niedrig beginnend einstellen.
  • KI und WW: unbehandelte Nebenniereninsuffizienz und akuter Infarkt; Resorptionshemmer wie Calcium, Eisen, Colestyramin und PPI, Estrogene über TBG, Enzyminduktoren, Wirkverstärkung von Vitamin-K-Antagonisten.

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Überblick

Schilddrüsenhormone sind synthetische, mit den körpereigenen identische Iodthyronine: Levothyroxin (L-T4) und Liothyronin (L-T3). Sie ersetzen fehlendes Hormon und wirken wie dieses über nukleäre Thyroidhormonrezeptoren, die die Transkription stoffwechselsteuernder Gene regulieren.

  • Prohormon vs. Wirkform: T4 wird erst im Gewebe zu T3 aktiviert. Deshalb wirkt Levothyroxin träge und ist gut steuerbar.
  • Physiologisches Hormon: Unerwünschte Wirkungen sind praktisch immer Zeichen einer Überdosierung (iatrogene Hyperthyreose).
  • Haupteinsatz Substitution: Hypothyreose jeder Ursache, dazu Struma-Rezidivprophylaxe und TSH-Suppression nach Schilddrüsenkarzinom.
  • Fixkombination mit Iodid: Levothyroxin plus Kaliumiodid bei Iodmangelstruma. Das Iodid selbst ist bei den Thyreostatika erklärt.

Der typische Vertreter ist Levothyroxin, das Mittel der Wahl für die Dauersubstitution.

Levothyroxin
Schilddrüsenhormone · Leitsubstanz
  • Prinzip: L-Enantiomer von T4, peripher durch 5’-Deiodierung zu T3 aktiviert
  • Kinetik: \(t_{1/2}\) etwa eine Woche, sehr hohe Plasmaproteinbindung, Steady State erst nach Wochen
  • Einsatz: Hypothyreose, Struma-Rezidivprophylaxe, TSH-suppressive Therapie
  • Besonderheit: nüchtern einnehmen, Resorption durch Nahrung und viele Arzneistoffe störbar

Vertreter

Beide Wirkstoffe sind strukturgleich mit den körpereigenen Hormonen und unterscheiden sich nur um ein Iodatom (T3 fehlt das 5’-Iod). Daraus folgt der pharmakologische Unterschied: T4 ist das lang wirksame Prohormon, T3 die rasch und kurz wirkende Wirkform. Fixkombinationen (T4 plus T3, T4 plus Kaliumiodid) enthalten keine weiteren Wirkstoffe.

Wirkstoffe
Prohormon (T4)
Levothyroxin lang wirksam, Standard
Wirkform (T3)
Liothyronin kurz wirksam, Sonderfälle

Wirkmechanismus

Levothyroxin ist ein Prohormon: Erst die 5’-Deiodierung durch die Deiodasen DIO1 und DIO2 erzeugt das aktive T3 (Synthese und Deiodierung: Hypothalamus- und Hypophysenhormone). Weil DIO2 gewebespezifisch reguliert wird, steuert jedes Gewebe seine T3-Versorgung zum Teil selbst.

  1. Zellaufnahme: T4 und T3 gelangen über Transporter (MCT8, OATP1C1) in die Zielzelle.
  2. Aktivierung: intrazellulär T4 → T3; T3 bindet den Rezeptor mit etwa zehnfach höherer Affinität.
  3. Rezeptor: Der nukleäre Thyroidhormonrezeptor (TRα, TRβ) sitzt als Heterodimer mit RXR an Thyroid-Hormone-Response-Elements der DNA. Ohne Ligand bindet er Korepressoren, mit T3 Koaktivatoren.
  4. Genexpression: Transkription ↑ z. B. von Na⁺/K⁺-ATPase, SERCA2 und β₁-Adrenozeptor; TRH- und TSH-Gene werden gehemmt (negative Rückkopplung). Der Effekt setzt mit Latenz von Tagen ein.

Daneben gibt es nichtgenomische Effekte über das Membranintegrin αvβ3 und an Mitochondrien; für die Therapie spielen sie kaum eine Rolle. Prinzipien nukleärer Rezeptoren: Grundlagen der Hormonwirkung.

Schema einer Zielzelle mit T4-Aufnahme, Umwandlung zu T3 und Bindung von T3 an einen Rezeptor im Zellkern, der die Genexpression aktiviert.

Levothyroxin wirkt als Prohormon: Erst intrazellulär gebildetes T3 schaltet über den nukleären Thyroidhormonrezeptor Zielgene an.

Wirkungen und Anwendung

Die Wirkungen entsprechen dem euthyreoten Zustand und werden erst bei Über- oder Unterversorgung auffällig.

  • Grundumsatz: O₂-Verbrauch und Thermogenese ↑, Lipolyse ↑, LDL ↓ über mehr LDL-Rezeptoren.
  • Herz-Kreislauf: positiv chrono- und inotrop, weil mehr β₁-Rezeptoren und SERCA2 exprimiert werden.
  • ZNS: Antrieb und Wachheit; unverzichtbar für die Hirnreifung bei Fetus und Kind.
  • Hypothyreose: Mittel der Wahl als Monotherapie, meist lebenslang. Bei sekundärer Hypothyreose Steuerung über fT4, weil TSH nicht aussagekräftig ist.
  • Struma: Rezidivprophylaxe nach Operation; bei Knoten geringer Nutzen, auch die Kombination mit Iodid verkleinert kaum relevant.
  • TSH-suppressive Therapie: nach differenziertem Schilddrüsenkarzinom wird TSH bewusst unter den Referenzbereich gesenkt, weil TSH Wachstumsreiz für verbliebene Tumorzellen ist. Der Preis ist eine subklinische Hyperthyreose, daher heute risikoadaptiert.
  • Mit Thyreostatika: als Ergänzung, um eine Hypothyreose unter Thyreostase zu verhindern (Thyreostatika).

Pharmakokinetik

Die lange Halbwertszeit von T4 sorgt für stabile Spiegel, verzögert aber jede Kontrolle.

  • Halbwertszeit: etwa eine Woche (bei Hypothyreose länger) → Steady State und aussagekräftiger TSH-Wert erst nach etwa sechs Wochen.
  • Resorption: im Dünndarm, unvollständig und säureabhängig; gestört durch Nahrung, Kaffee, Achlorhydrie, Zöliakie.
  • Einnahme: nüchtern mit Wasser, etwa 30 Minuten vor dem Frühstück, täglich gleich.
  • Verteilung und Abbau: fast vollständig an TBG, Transthyretin und Albumin gebunden; Deiodierung sowie Glucuronidierung mit enterohepatischem Kreislauf.
  • Liothyronin: \(t_{1/2}\) etwa ein Tag, Wirkbeginn nach Stunden, deutliche Spiegelschwankungen.
  • Präparatewechsel bei enger Dosierung: Levothyroxin wird in feinen Stufen dosiert, weil kleine Unterschiede TSH verschieben. Präparate verschiedener Hersteller dürfen innerhalb der Bioäquivalenzgrenzen voneinander abweichen, daher beim eingestellten Präparat bleiben und nach einem Wechsel TSH kontrollieren.

Unerwünschte Wirkungen

Richtig dosiert ersetzt Levothyroxin nur, was fehlt. Unerwünschte Wirkungen sind daher Folge einer Übersubstitution und spiegeln die Hormonwirkungen wider. Ältere und Menschen mit KHK werden deshalb niedrig beginnend und langsam steigernd eingestellt.

Schema der unerwünschten Wirkungen: Schilddrüsenhormone, ausgehend vom Mechanismus, je Organ mit Piktogramm (Herz, ZNS, Haut, Magen-Darm, Knochen).

Übersubstitution mit Levothyroxin erzeugt das Bild einer Hyperthyreose.
UAW warum
Herz
Tachykardie, Vorhofflimmern β₁-Expression und Erregbarkeit ↑
Herz
Angina pectoris bei KHK myokardialer O₂-Bedarf ↑
ZNS
Unruhe, Tremor, Schlafstörung ZNS-Aktivierung, Katecholamin-Sensibilisierung
Stoffwechsel · Magen-Darm
Schwitzen, Gewichtsverlust, Diarrhö Grundumsatz und Darmmotilität ↑
Knochen
Knochendichteverlust Knochenumbau ↑, Osteoklasten überwiegen, v. a. postmenopausal

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die Kontraindikationen folgen aus dem gesteigerten Stoffwechsel und O₂-Bedarf.

  • Unbehandelte Nebenniereninsuffizienz: T4 beschleunigt den Cortisolabbau → Addison-Krise.
  • Akuter Myokardinfarkt, akute Myokarditis: O₂-Bedarf ↑.
  • Unbehandelte Hyperthyreose.
  • Kombination mit Thyreostatika in der Schwangerschaft: Thyreostatika passieren die Plazenta, T4 kaum → fetale Hypothyreose.
⚠️ Achtung: Erst Cortisol, dann Thyroxin

Bei sekundärer Hypothyreose vor Levothyroxin eine kortikotrope Insuffizienz ausschließen oder mit Hydrocortison behandeln, sonst droht die Demaskierung bis zur Addison-Krise.

Wechselwirkungen betreffen vor allem die Resorption (Arzneimittelwechselwirkungen):

Schematischer Weg vom Magen über den Dünndarm ins Blut und zur Leber mit markierten Stellen, an denen andere Arzneistoffe die Levothyroxin-Wirkung mindern.

Wo die Levothyroxin-Wirkung verloren geht: Auflösung und Resorption, TBG-Bindung und Abbau als Angriffsorte von Wechselwirkungen.
  • Resorptionshemmer: Calcium, Eisen, Antazida, Sucralfat (Komplexbildung), Colestyramin (Bindung, enterohepatischer Kreislauf unterbrochen), PPI (Magen-pH ↑) → mehrere Stunden Abstand.
  • Orale Estrogene: TBG-Synthese ↑ → freies T4 ↓, Bedarf steigt.
  • Enzyminduktoren: Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin beschleunigen den Abbau → Bedarf ↑.
  • Vitamin-K-Antagonisten: Wirkung ↑, weil Gerinnungsfaktoren schneller abgebaut werden → INR bei Dosisänderung kontrollieren.
Fall aus der Apotheke
TSH-Anstieg unter Dauertherapie

Eine 68-jährige Patientin ist seit Jahren stabil auf Levothyroxin eingestellt, jetzt ist ihr TSH erhöht. Seit zwei Monaten nimmt sie zusätzlich Calcium und Omeprazol, alles morgens zusammen mit Levothyroxin zum Frühstückskaffee.

  1. Wie erklären Sie den TSH-Anstieg?
  2. Wie beraten Sie die Patientin?
Lösung anzeigen
  1. Calcium bildet mit Levothyroxin schwer resorbierbare Komplexe, der höhere Magen-pH unter Omeprazol verschlechtert die Auflösung, Kaffee und Frühstück mindern die Resorption zusätzlich. Weniger T4 enthemmt die hypophysäre TSH-Sekretion.
  2. Levothyroxin nüchtern mit Wasser etwa 30 Minuten vor dem Frühstück, Calcium mit mehreren Stunden Abstand. TSH nach etwa sechs Wochen kontrollieren lassen, weil sich der neue Steady State erst dann einstellt.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Beide Wirkstoffe sind dasselbe Hormon in zwei Stufen; entscheidend ist die Kinetik.

Merkmal Levothyroxin (T4) Liothyronin (T3)
Rolle Prohormon Wirkform
Halbwertszeit etwa eine Woche etwa ein Tag
Spiegel gleichmäßig Spitzen nach Einnahme
Steuerung über TSH zuverlässig erschwert
Stellenwert Standard Sonderfälle

Die T4/T3-Kombination war der Monotherapie in Studien mehrheitlich nicht überlegen. Die deutsche Leitlinie rät daher von ihr ab, ebenso von natürlichen Schilddrüsenextrakten.

Prüferinnenfrage
Warum geben Sie das Prohormon T4 und nicht gleich die Wirkform T3?
Antwort anzeigen

T4 liefert mit seiner Halbwertszeit von etwa einer Woche gleichmäßige Spiegel bei einmal täglicher Gabe. Die Aktivierung zu T3 übernehmen die Deiodasen bedarfsgerecht im Gewebe, wie beim Gesunden. T3 flutet dagegen rasch an, erzeugt Spiegelspitzen mit Tachykardie und Palpitationen, und der TSH-Wert bildet die Einstellung schlechter ab.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Warum?

Aussage 2

Orale Estrogene senken den Levothyroxin-Bedarf, weil sie die TBG-Synthese hemmen.

Orale Estrogene steigern die TBG-Synthese, freies T4 sinkt, der Bedarf steigt.

Aussage 3

Schilddrüsenhormone schwächen die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten ab.

Sie verstärken die Wirkung, weil Gerinnungsfaktoren schneller abgebaut werden; deshalb INR bei Dosisänderung kontrollieren.

Reihenfolge

Zuordnen

Aussage 6

T3 bindet mit höherer Affinität an den Thyroidhormonrezeptor als T4.

T3 bindet etwa zehnfach stärker; T4 ist das Prohormon, das erst durch 5’-Deiodierung aktiviert wird.

Aussage 7

Liothyronin wird wegen seiner langen Halbwertszeit zur Dauersubstitution bevorzugt.

Liothyronin hat eine kurze Halbwertszeit von etwa einem Tag mit Spiegelspitzen; Standard der Substitution ist Levothyroxin.

Aussage 8

Wegen der Halbwertszeit von etwa einer Woche ist der TSH-Wert nach einer Dosisänderung erst nach etwa sechs Wochen aussagekräftig.

Der Steady State stellt sich nach etwa vier bis fünf Halbwertszeiten ein, also nach mehreren Wochen.

Lückentext

Prüferin fragt

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