Arzneistoffe

Parathormon-Analoga

Teriparatid und Abaloparatid sind osteoanabole Peptidagonisten am PTH1-Rezeptor. Kern der Seite ist das Paradox, dass nur die intermittierende Gabe Knochen aufbaut, dazu die begrenzte Therapiedauer mit antiresorptiver Anschlusstherapie.

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Dein roter Faden6 Punkte
  • Einordnung: Teriparatid und Abaloparatid sind osteoanabole Peptidagonisten am PTH1-Rezeptor, die anders als Antiresorptiva neuen Knochen aufbauen.
  • Paradox: Intermittierende Spitzen stimulieren direkt Osteoblasten und senken Sklerostin, bevor die RANKL-vermittelte Resorption nachzieht (anaboles Fenster); kontinuierliche Exposition hält RANKL hoch und wirkt katabol.
  • Abaloparatid: Das PTHrP-Analogon bindet bevorzugt die RG-Konformation, das kürzere cAMP-Signal bedeutet weniger Hypercalcämie, aber mehr Palpitationen.
  • Indikation und Sequenz: Schwere Osteoporose mit sehr hohem Frakturrisiko, starke Senkung vertebraler Frakturen; Dauer begrenzt (24 bzw. 18 Monate), danach immer ein Antiresorptivum.
  • UAW: Hypercalcämie über die Niere, Orthostase und Tachykardie durch Vasodilatation, Übelkeit, Wadenkrämpfe, Osteosarkome im Tierversuch.
  • KI und WW: Hypercalcämie, Hyperparathyreoidismus, Morbus Paget, Skelettbestrahlung, offene Epiphysen, schwere Niereninsuffizienz; Vorsicht mit Herzglykosiden wegen Calciumanstieg.

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Überblick

Parathormon-Analoga (PTH-Analoga) sind Peptidagonisten am PTH1-Rezeptor, die bei einmal täglicher subkutaner Gabe die Knochenbildung stärker steigern als den Abbau. Sie sind damit osteoanabol: Sie bauen neuen Knochen auf, während Bisphosphonate und Denosumab nur die Resorption bremsen.

  • Osteoanabol statt antiresorptiv: Osteoblasten werden aktiviert, Knochenmasse und Mikroarchitektur nehmen zu, vor allem im trabekulären Knochen.
  • Nur intermittierend wirksam: Der anabole Effekt hängt an kurzen Konzentrationsspitzen, kontinuierliche Exposition wirkt katabol.
  • Indikation: schwere Osteoporose mit sehr hohem Frakturrisiko.
  • Stellenwert: zeitlich begrenzte Therapie, danach immer antiresorptive Anschlusstherapie; das zweite osteoanabole Prinzip sind die Sklerostin-Antikörper.

Typischer Vertreter ist Teriparatid, das N-terminale Fragment des humanen Parathormons.

Teriparatid
Parathormon-Analoga · Leitsubstanz
  • Prinzip: rekombinantes humanes PTH(1–34), voller Agonist am PTH1-Rezeptor
  • Kinetik: Peptid, daher nur s.c. per Fertigpen; rasche Resorption, sehr kurze Halbwertszeit, proteolytischer Abbau in Leber und Niere
  • Einsatz: Osteoporose bei Frauen und Männern mit hohem Frakturrisiko, auch glucocorticoidinduziert
  • Besonderheit: Biosimilars verfügbar; Pen im Kühlschrank lagern

Die kurze Halbwertszeit ist kein Nachteil, sondern Voraussetzung der Wirkung.

Vertreter

Beide Vertreter sind Peptide aus 34 Aminosäuren, die den N-Terminus des natürlichen Liganden nachbilden, denn dieser Abschnitt genügt zur Aktivierung des PTH1-Rezeptors. Sie unterscheiden sich in der Herkunft der Sequenz und damit in der bevorzugten Rezeptorkonformation. Beide werden täglich subkutan injiziert.

Wirkstoffe
PTH-Analogon
Teriparatid PTH 1–34, rekombinant
PTHrP-Analogon
Abaloparatid synthetisch, modifizierte Sequenz

Wirkmechanismus

Der PTH1-Rezeptor ist ein vorwiegend Gs-gekoppelter GPCR auf Osteoblasten, Osteozyten und Nierentubuluszellen (Physiologie: Calciumhomöostase und Knochenumbau). Am Knochen entscheidet nicht die Dosis, sondern das Zeitprofil der Rezeptoraktivierung über die Netto-Wirkung.

Zwei Kurvendiagramme: tägliche Konzentrationsspitzen führen zu früh steigendem P1NP und spät steigendem CTX mit markiertem anabolem Fenster; dauerhaft hoher Spiegel führt zu überwiegender Resorption.

Intermittierende PTH1-Stimulation steigert die Knochenbildung vor der Resorption (anaboles Fenster), kontinuierliche Exposition wirkt katabol.
  1. Kurze Spitze: s.c.-Injektion → Plasmaspitze für wenige Stunden → PTH1-Rezeptor → cAMP ↑ → PKA.
  2. Osteoblasten: Differenzierung aus Vorläufern ↑, Apoptose ↓, ruhende Bone-Lining-Zellen werden reaktiviert.
  3. Osteozyten: Sklerostin ↓ → Wnt-Signalweg enthemmt → Knochenbildung ↑.
  4. Verzögerte Kopplung: RANKL ↑ und OPG ↓ setzen später und schwächer ein → Resorption zieht nach.
  5. Netto: Formation > Resorption → Knochenmasse ↑.

Schema einer Knochenoberfläche mit Osteozyt, Osteoblast und Osteoklast; Pfeile vom PTH1-Rezeptor über cAMP zu Knochenbildung und gestrichelt über RANKL zur Resorption.

PTH1-Rezeptor-Signalweg im Knochen: direkte Osteoblastenstimulation und verzögerte RANKL-vermittelte Resorption.
📖 Definition: Anaboles Fenster

Zeitraum, in dem unter intermittierender PTH1-Stimulation die Knochenbildung (Marker P1NP) schon stark, die Resorption (Marker CTX) aber noch wenig angestiegen ist. Solange es offen ist, wird netto Knochen aufgebaut; mit dem Nachziehen der Resorption schließt es sich über die Therapiemonate.

Prüferinnenfrage
Warum baut dasselbe Hormon bei intermittierender Gabe Knochen auf, während ein dauerhaft erhöhter PTH-Spiegel Knochen abbaut?
Antwort anzeigen

Bei einer kurzen Spitze überwiegen die direkten Effekte auf Osteoblasten und Osteozyten: mehr Differenzierung, längeres Überleben, Sklerostin-Suppression. Die indirekte Osteoklastenaktivierung über RANKL braucht eine anhaltende Stimulation und bleibt deshalb gering. Bei kontinuierlicher Exposition bleiben RANKL hoch und OPG niedrig, Osteoklasten werden laufend rekrutiert und die Resorption überwiegt, wie beim primären Hyperparathyreoidismus. Kurze Halbwertszeit und einmal tägliche Injektion sind also Teil des Wirkprinzips.

Abaloparatid ist ein Analogon des PTH-verwandten Peptids (PTHrP). Der Rezeptor kann zwei Konformationen einnehmen: R0 (G-Protein-unabhängig hochaffin, lang anhaltendes cAMP-Signal) und RG (G-Protein-gekoppelt, kurzes Signal). Abaloparatid bindet bevorzugt RG, Teriparatid auch R0; das kürzere Signal fördert die Formation bei geringerer Resorptions- und Calciumantwort.

Gegenüberstellung zweier Rezeptorzustände mit unterschiedlich langen cAMP-Kurven und zugeordneten Wirkstoffen.

R0- vs. RG-Konformation des PTH1-Rezeptors: Signaldauer und Calciumprofil von Teriparatid und Abaloparatid.

Wirkungen und Anwendung

Der Knochenzuwachs ist an der Wirbelsäule am größten, weil trabekulärer Knochen die größte Umbauoberfläche hat.

  • Knochendichte: deutlicher Anstieg, vor allem lumbal, kortikal geringer.
  • Frakturen: starke Senkung vertebraler Frakturen, auch nichtvertebrale Frakturen werden seltener; Wirbelfrakturen sinken stärker als unter einem oralen Bisphosphonat.
  • Indikation: Osteoporose mit sehr hohem Frakturrisiko, etwa bei bestehenden Wirbelkörperfrakturen; Teriparatid auch bei Männern und glucocorticoidinduzierter Osteoporose, Abaloparatid nur bei postmenopausalen Frauen.
  • Begrenzte Dauer: Teriparatid insgesamt höchstens 24 Monate, Abaloparatid höchstens 18 Monate, keine Wiederholung, weil das anabole Fenster sich schließt und das Osteosarkom-Signal aus dem Tier zur Vorsicht zwingt.
  • Sequenz: danach ein Antiresorptivum, sonst geht der Zuwachs innerhalb von Monaten verloren; anabol vor antiresorptiv ist günstiger als umgekehrt.

Unerwünschte Wirkungen

Die meisten UAW folgen aus der Rezeptorwirkung außerhalb des Knochens, in Niere und Gefäßwand.

UAW warum
Niere
Hypercalcämie (leicht, einige Stunden nach Injektion), Hypercalciurie PTH1-Rezeptor in der Niere: Ca²⁺-Rückresorption ↑, Calcitriol ↑ → intestinale Ca²⁺-Resorption ↑
Gefäße · Herz
Orthostase, Schwindel, Tachykardie, Palpitationen Vasodilatation über PTH1-Rezeptoren der Gefäßmuskulatur, reflektorische Tachykardie (bei Abaloparatid häufiger)
ZNS
Übelkeit, Kopfschmerz Calciumspitze und Vasodilatation
Muskel
Wadenkrämpfe, Gliederschmerzen Mechanismus unklar, Verschiebungen im Calcium-Phosphat-Haushalt diskutiert
Stoffwechsel
Hyperurikämie renale Harnsäureausscheidung ↓
Knochen
Osteosarkom bei Ratten dauerhafte Osteoblastenstimulation, dosis- und dauerabhängig; beim Menschen kein klares Signal → Dauerbegrenzung
Fall aus der Apotheke
Schwindel nach der ersten Injektion

Eine 74-jährige Patientin mit mehreren Wirbelkörperfrakturen spritzt seit drei Tagen Teriparatid. Sie berichtet, ihr werde kurz nach der Injektion schwindlig, das Herz klopfe.

  1. Woran liegt das?
  2. Was raten Sie ihr?
Lösung anzeigen
  1. Typisch ist eine orthostatische Reaktion: Der Wirkstoff aktiviert PTH1-Rezeptoren der Gefäßmuskulatur, der Gefäßtonus sinkt, das Herz gegenreguliert mit Tachykardie. Sie tritt vor allem in den ersten Stunden nach der Injektion und zu Therapiebeginn auf und lässt meist nach.
  2. Im Sitzen oder Liegen injizieren und danach nicht sofort aufstehen. Bleibt der Schwindel oder kommen Übelkeit und Muskelschwäche hinzu, ärztlich das Calcium kontrollieren lassen, weil auch eine Hypercalcämie dahinterstecken kann.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die Kontraindikationen folgen aus zwei Risiken: zusätzliche Calciumlast und Stimulation von Knochengewebe mit erhöhtem Osteosarkomrisiko.

  • Hypercalcämie, primärer Hyperparathyreoidismus: Calcium steigt weiter, die Erkrankung beruht ohnehin auf PTH-Überschuss.
  • Morbus Paget, ungeklärt erhöhte alkalische Phosphatase: gesteigerter Knochenumsatz, erhöhtes Osteosarkomrisiko.
  • Strahlentherapie des Skeletts, Knochentumoren oder -metastasen: erhöhtes Osteosarkomrisiko.
  • Offene Epiphysen: proliferative Wachstumsfugen, daher nicht bei Kindern und Jugendlichen.
  • Schwere Niereninsuffizienz: gestörte Calciumausscheidung, Hypercalcämie-Risiko.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: keine Daten.
⚠️ Achtung: Herzglykoside

Herzglykoside erhöhen das intrazelluläre Ca²⁺ der Herzmuskelzelle; schon die vorübergehende Hypercalcämie nach der Injektion verstärkt das und begünstigt Arrhythmien. Unter Herzglykosiden Calcium kontrollieren und auf Toxizitätszeichen achten.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Beide Wirkstoffe senken vertebrale Frakturen vergleichbar stark. Sie unterscheiden sich vor allem in der Rezeptorkonformation und dem daraus folgenden Calciumprofil.

Merkmal Teriparatid Abaloparatid
Sequenz PTH(1–34) PTHrP(1–34)-Analogon
Rezeptorkonformation R0 und RG bevorzugt RG, kürzeres cAMP-Signal
Hypercalcämie häufiger seltener
Palpitationen, Tachykardie seltener häufiger
Zulassung Frauen, Männer, glucocorticoidinduziert nur postmenopausale Frauen
Maximale Dauer 24 Monate 18 Monate

Abzugrenzen ist der Hormonersatz beim Hypoparathyreoidismus: Palopegteriparatid setzt als Prodrug Teriparatid gleichmäßig über den Tag frei und ersetzt so Basalspiegel, wirkt also gerade nicht intermittierend (Nebenschilddrüsenerkrankungen).

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Teste dich mit 10 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Bei Jugendlichen mit offenen Epiphysen ist Teriparatid bevorzugt, weil wachsender Knochen besonders gut anspricht.

Offene Epiphysen sind eine Kontraindikation, weil die proliferativen Wachstumsfugen im Hinblick auf das Osteosarkom-Signal aus dem Tierversuch ein Risiko darstellen.

Lückentext

Aussage 3

Kontinuierlich erhöhte PTH-Spiegel steigern die Knochenmasse stärker als eine intermittierende Gabe.

Kontinuierliche Exposition hält RANKL hoch und OPG niedrig, die Resorption überwiegt, es wirkt katabol. Anabol wirkt nur die intermittierende Gabe.

Wer bin ich?

Aussage 5

Teriparatid wirkt osteoanabol vor allem, indem es RANKL hemmt.

Teriparatid stimuliert direkt Osteoblasten und senkt Sklerostin. RANKL steigt sogar, nur verzögert und schwächer; eine RANKL-Hemmung ist das Prinzip von Denosumab.

Aussage 6

Die orthostatische Hypotonie nach der Injektion beruht auf einer PTH1-Rezeptor-vermittelten Vasodilatation.

PTH1-Rezeptoren auf der Gefäßmuskulatur vermitteln eine Vasodilatation, das Herz reagiert reflektorisch mit Tachykardie.

Aussage 7

Abaloparatid ist ein Analogon des PTH-verwandten Peptids PTHrP.

Abaloparatid leitet sich von PTHrP(1–34) ab, Teriparatid dagegen von PTH(1–34).

Warum?

Aussage 9

Nach Ende einer Teriparatid-Therapie folgt eine antiresorptive Anschlusstherapie, weil der Knochenzuwachs sonst wieder verloren geht.

Ohne Antiresorptivum geht der Zuwachs innerhalb von Monaten verloren, deshalb folgt ein Bisphosphonat oder Denosumab.

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