Desinfektion und Antiseptik
Antiseptika und Desinfektionsmittel inaktivieren Mikroorganismen unspezifisch über Proteindenaturierung, Membranschädigung oder Oxidation. Den Kern bilden Alkohole, kationische Antiseptika und Povidon-Iod: ihr Spektrum mit der Sporenlücke, die Remanenz, der Eiweißfehler und die Anwendungssicherheit.
Dein roter Faden
- Begriffe: Desinfektion reduziert Erreger unter die Infektionsschwelle, Antiseptik ist Desinfektion am lebenden Gewebe, Sterilisation erfasst auch Sporen.
- Mechanismen: Alkohole denaturieren Proteine, Chlorhexidin, Octenidin und Polihexanid zerstören über ihre positive Ladung die Bakterienmembran, Iod oxidiert und iodiert Proteine.
- Spektrum: Wirksamkeitsstufen von bakterizid über begrenzt viruzid (nur behüllte Viren) bis sporizid, alle Antiseptika haben eine Sporenlücke.
- Anwendung: Alkohol für die Händedesinfektion, Kombination mit einem remanenten Kation für die Hautantisepsis, Polihexanid und Octenidin für chronische Wunden.
- UAW: Hautaustrocknung durch Alkohole, Anaphylaxie und Ototoxizität durch Chlorhexidin, Schilddrüsenstörung durch resorbiertes Iod, Nekrosen bei injiziertem Octenidin.
- KI und WW: kein Povidon-Iod bei Hyperthyreose, Radioiodtherapie und Neugeborenen, Eiweißfehler beachten, kationische Antiseptika durch anionische Tenside inaktiviert.
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Überblick
Desinfektionsmittel und Antiseptika töten oder inaktivieren Mikroorganismen unspezifisch an mehreren Angriffspunkten gleichzeitig. Deshalb entwickeln sich kaum Resistenzen. Anders als systemische oder Lokalantibiotika sind sie aber auch für menschliche Zellen zytotoxisch und bleiben auf die äußere Anwendung beschränkt.
Desinfektion reduziert Krankheitserreger so weit, dass von ihnen keine Infektion mehr ausgeht. Antiseptik ist die Desinfektion am lebenden Gewebe. Sterilisation tötet bzw. entfernt dagegen alle Mikroorganismen einschließlich Sporen.
- Haut und Hände: Alkohole, oft kombiniert mit Chlorhexidin oder Octenidin
- Schleimhaut: Octenidin, Povidon-Iod, Chlorhexidin (Mundhöhle)
- Wunden: Polihexanid, Octenidin, Povidon-Iod
- Flächen und Instrumente: Aldehyde, Peressigsäure, Chlorabspalter, quartäre Ammoniumverbindungen (nicht am Menschen)
Typischer Vertreter der kationischen Antiseptika mit Remanenz ist Chlorhexidin.
- Prinzip: dikationisches Bisbiguanid, bindet an die anionische Bakterienoberfläche und zerstört die Membran
- Kinetik: über intakte Haut und Schleimhaut praktisch nicht resorbiert, bindet an Keratin und Zahnpellikel
- Einsatz: Mundspülung, Hautantisepsis in alkoholischer Lösung
- Besonderheit: Lücken bei Sporen, Mykobakterien und unbehüllten Viren
Vertreter
Die Vertreter unterscheiden sich vor allem im Wirkprinzip und damit in Wirkeintritt, Remanenz und Gewebeverträglichkeit. Gemeinsam ist allen die fehlende sichere Wirkung gegen Sporen.
Wirkmechanismus
Alle Gruppen greifen mehrere Strukturen der Mikrobe zugleich an. Das erklärt die breite Wirkung und die seltene Resistenz, aber auch die Zytotoxizität an Wundgewebe.
- Alkohole: denaturieren Proteine und lösen Membranlipide. Dafür ist Wasser nötig, deshalb wirken wässrige Mischungen besser als absoluter Alkohol. Behüllte Viren werden über ihre Lipidhülle rasch inaktiviert, unbehüllte nur durch hochprozentiges Ethanol.
- Chlorhexidin, Octenidin: die positiv geladenen Moleküle binden an negativ geladene Zellwand- und Membranbestandteile (Teichonsäuren, Lipopolysaccharid, saure Phospholipide) → Membranintegrität ↓ → Austritt von K⁺ und Zellinhalt, in hoher Konzentration Koagulation des Zytoplasmas.
- Povidon-Iod: das Trägerpolymer Polyvidon gibt freies I₂ langsam ab (weniger Reizung als Iodtinktur). Iod oxidiert SH-Gruppen, iodiert Tyrosin- und Histidinreste und ungesättigte Fettsäuren → Enzyme und Membranen fallen aus.
- Polihexanid: lagert sich an saure Phospholipide der Bakterienmembran an und destabilisiert sie.
Säugerzellmembranen enthalten überwiegend neutrale Phospholipide und Cholesterol. Das erklärt die relative Selektivität der kationischen Antiseptika und die gute Gewebeverträglichkeit von Polihexanid.
Wirkungen und Anwendung
Die Wirksamkeit wird in Stufen deklariert, die man von der Packung kennen muss:
- Bakterizid, levurozid bzw. fungizid: vegetative Bakterien, Hefen bzw. Pilze
- Tuberkulozid bzw. mykobakterizid: zusätzlich Mykobakterien (wachsreiche Zellwand)
- Begrenzt viruzid: nur behüllte Viren (HIV, HBV, HCV, Influenza, SARS-CoV-2); begrenzt viruzid PLUS zusätzlich Adeno-, Noro- und Rotaviren
- Viruzid: auch alle unbehüllten Viren
- Sporizid: bakterielle Sporen
Die Sporenlücke betrifft alle Antiseptika dieser Seite. Bei Clostridioides difficile werden Sporen deshalb zusätzlich durch Händewaschen mechanisch entfernt, Flächen mit sporiziden Mitteln behandelt.
- Einwirkzeit: Mindestzeit, die das Mittel feucht einwirken muss, damit die deklarierte Wirkung erreicht wird
- Hygienische Händedesinfektion: alkoholisch, 30 s, gegen die transiente Flora vor und nach Patientenkontakt
- Chirurgische Händedesinfektion: über mehrere Minuten, Hände und Unterarme, reduziert auch die residente Flora
- Wundantiseptik: Polihexanid und Octenidin bei chronischen Wunden, Povidon-Iod bei akut kontaminierten Wunden; Alkohole nicht auf Wunden oder Schleimhaut
- Neurodermitis: ergänzend bei Superinfektion oder fehlendem Ansprechen erwägbar, weil die Haut stark mit S. aureus kolonisiert ist (Neurodermitis)
Antwort anzeigen
Der Alkohol wirkt innerhalb von Sekunden, verdunstet aber und hinterlässt keine Wirkung. Das kationische Antiseptikum bindet an Hautproteine und wirkt dadurch remanent weiter, auch gegen Keime, die aus Haarfollikeln und Talgdrüsen nachwachsen. Die Kombination verbindet also schnellen Wirkeintritt mit anhaltender Keimreduktion.
Unerwünschte Wirkungen
Lokale Reizung ist der gemeinsame Klasseneffekt, systemische Effekte entstehen nur bei Resorption oder Fehlanwendung.
| UAW | warum | |
|---|---|---|
Haut |
Hautaustrocknung, Brennen | Alkohole |
Immunsystem |
Anaphylaxie (selten) | Chlorhexidin |
Ohr · ZNS |
Oto- und Neurotoxizität | Chlorhexidin |
Mund |
Zahnverfärbung, Geschmacksstörung | Chlorhexidin |
Stoffwechsel |
Hyper- oder Hypothyreose | Povidon-Iod |
Haut |
Persistierende Ödeme, Nekrosen | Octenidin |
Octenidin nicht injizieren und Wundhöhlen nur spülen, wenn die Lösung frei abfließen kann.
Kontraindikationen und Wechselwirkungen
Die Kontraindikationen folgen aus Resorption und Zytotoxizität, die Wechselwirkungen aus der Ladung der Moleküle.
- Schilddrüse: kein Povidon-Iod bei Hyperthyreose oder Autonomie und vor oder nach Radioiodtherapie, weil Iodüberschuss die Hyperthyreose verstärkt und die Radioiodaufnahme blockiert
- Neugeborene und Frühgeborene: Povidon-Iod nur mit strenger Indikation (Hypothyreose, verfälschtes Screening), alkoholische Lösungen wegen chemischer Hautschäden der unreifen Haut meiden
- Mittelohr, Auge, ZNS: kein Chlorhexidin, weil es dort neuro- und ototoxisch wirkt
- Eiweißfehler: Blut, Eiter und Exsudat binden den Wirkstoff und vermindern die Wirkung, ausgeprägt bei Povidon-Iod; Wunde vorher reinigen
- Anionische Tenside: Seifen und Zahnpasta mit Natriumlaurylsulfat inaktivieren kationische Antiseptika, deshalb zeitlicher Abstand
- Octenidin und Povidon-Iod: nacheinander auf derselben Stelle → dunkle Verfärbung, nicht kombinieren
Eine Kundin mit Morbus Basedow nimmt Thiamazol und hat demnächst einen Termin zur Radioiodtherapie. Sie möchte für eine großflächige Schürfwunde eine Povidon-Iod-Salbe kaufen.
- Ist Povidon-Iod geeignet?
- Was empfehlen Sie stattdessen?
Lösung anzeigen
- Nein. Über die Wunde wird Iod resorbiert, das die Hyperthyreose verschlechtern kann. Zudem sättigt es die Schilddrüse, so dass das Radioiod schlechter aufgenommen wird.
- Ein iodfreies Antiseptikum wie Octenidin oder Polihexanid. Beide sind gewebeverträglich, remanent und haben einen geringen Eiweißfehler.
Unterschiede innerhalb der Klasse
Die Wahl richtet sich nach Wirkeintritt, Remanenz, Spektrum und organischer Belastung. Die Remanenzwirkung ist die anhaltende Wirkung nach der Anwendung durch Bindung an Haut und Schleimhaut.
| Wirkstoff | Wirkeintritt | Remanenz | Spektrum (Lücken) | Eiweißfehler |
|---|---|---|---|---|
| Alkohole | Sekunden | keine | breit, begrenzt viruzid (keine Sporen) | mäßig |
| Chlorhexidin | mittel | ausgeprägt | Gram-positive > Gram-negative (Sporen, Mykobakterien, unbehüllte Viren) | mäßig |
| Octenidin | schnell | ja | breit inkl. Pilze, behüllte Viren (Sporen) | gering |
| Polihexanid | langsam (Minuten) | ja | Bakterien, Pilze (Sporen, schwach viruzid) | gering |
| Povidon-Iod | schnell | gering | sehr breit inkl. Viren (Sporen nur eingeschränkt) | hoch |
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Lückentext
Aussage 2
Povidon-Iod hat einen ausgeprägten Eiweißfehler, deshalb sollten Blut und Exsudat vor der Anwendung entfernt werden.
Iod reagiert mit organischem Material und wird dadurch verbraucht. Die Wunde wird daher vorher gereinigt.
Zuordnen
Warum?
Wer bin ich?
Aussage 6
Seifen und Zahnpasta mit anionischen Tensiden können kationische Antiseptika inaktivieren.
Die anionischen Tenside bilden mit den Kationen unwirksame Komplexe, deshalb ist ein zeitlicher Abstand nötig.
Aussage 7
Alkohole haben eine ausgeprägte Remanenzwirkung, weil sie an Keratin binden.
Alkohole verdunsten und haben keine Remanenz. Remanent wirken die kationischen Antiseptika wie Chlorhexidin und Octenidin, die an Hautproteine binden.
Aussage 8
Begrenzt viruzide Mittel wirken nur gegen behüllte Viren wie HIV, HBV oder Influenzaviren.
Begrenzt viruzid bedeutet Wirksamkeit gegen behüllte Viren. Für Adeno-, Noro- und Rotaviren braucht es begrenzt viruzid PLUS, für alle unbehüllten Viren viruzid.
Aussage 9
Chlorhexidin wirkt über Oxidation von SH-Gruppen bakterieller Enzyme.
Oxidation ist der Mechanismus von Iod. Chlorhexidin ist dikationisch und schädigt die Membran über Bindung an negativ geladene Zellwand- und Membranbestandteile.
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