Krankheitsbilder

HIV-Infektion

Die HIV-Infektion ist eine chronische Retrovirusinfektion, die CD4⁺-T-Zellen zerstört und sich mit antiretroviraler Therapie kontrollieren, aber nicht heilen lässt. Den Kern bilden der Replikationszyklus als Landkarte der Angriffspunkte, die Logik der Kombinationstherapie, der Interaktionscheck sowie PrEP und PEP.

✓ gelesen
Dein roter Faden6 Punkte
  • Pathogenese: HIV befällt über CD4 und CCR5 oder CXCR4 T-Helferzellen, zerstört sie über Jahre und hinterlässt ein latentes Reservoir ruhender Gedächtniszellen, das die ART nicht erreicht, daher ist die Therapie lebenslang.
  • Diagnostik und Kontrolle: Kombitest als Suchtest mit Bestätigung, CD4-Zahl für den Immunstatus, Viruslast für den Therapieerfolg, vor Beginn Resistenztest und HLA-B*57:01-Test vor Abacavir.
  • Angriffspunkte: Eintritt, Kapsid, Reverse Transkriptase, Integrase und Protease. Wegen der hohen Mutationsrate wird immer kombiniert.
  • Regimeauswahl: zwei NRTI plus Integrase-Inhibitor der 2. Generation wegen hoher genetischer Barriere und weniger Interaktionen, geboosterte PI und NNRTI als Alternativen, Zweifach- und Long-acting-Therapie nur unter Bedingungen.
  • Interaktionen: Booster und Enzyminduktoren über CYP3A, polyvalente Kationen bei Integrase-Inhibitoren, PPI bei Rilpivirin.
  • Prävention: U=U unter supprimierter Viruslast, PrEP mit TDF/FTC nach negativem HIV-Test, PEP als Dreifachkombination so früh wie möglich für 28 Tage, Cotrimoxazol-Prophylaxe bei CD4 unter 200/µl.

Kostenlos weiterlesen mit deinem Relaxed-Konto

Lege dir ein kostenloses Konto an, dann ist das ganze 2. Staatsexamen für dich frei. Kein Abo, keine Zahlungsdaten.

Kostenloses Konto anlegen

Bitte bestätige zuerst deine E-Mail-Adresse

Wir haben dir einen Link geschickt. Mit bestätigter E-Mail-Adresse liest du hier gleich weiter.

Zum Konto

Überblick

Die HIV-Infektion ist eine chronische Infektion mit dem humanen Immundefizienzvirus, einem Retrovirus, das CD4⁺-T-Helferzellen befällt und über Jahre zerstört. Unbehandelt endet sie im erworbenen Immundefektsyndrom (AIDS). Unter antiretroviraler Therapie (ART) ist sie eine behandelbare chronische Erkrankung mit nahezu normaler Lebenserwartung, aber nicht heilbar.

  • HIV-1 und HIV-2: HIV-1 dominiert weltweit. HIV-2 (v. a. Westafrika) verläuft langsamer und ist natürlich resistent gegen NNRTI und Enfuvirtid.
  • Stadien: akute Infektion (grippeähnlich, sehr hohe Viruslast, hochinfektiös) → klinisch latente Phase über Jahre → AIDS. Die CDC-Klassifikation kombiniert die klinischen Kategorien A bis C mit den CD4-Kategorien 1 bis 3.
  • CD4-Zellzahl: CD4⁺-T-Zellen je µl Blut als Maß des Immunstatus. Unter 200/µl steigt das Risiko opportunistischer Infektionen stark.
  • AIDS-definierende Erkrankungen: Infektionen und Tumoren, die einen schweren Immundefekt anzeigen (Kategorie C), etwa Pneumocystis-Pneumonie, zerebrale Toxoplasmose, Ösophagus-Candidose, Kaposi-Sarkom.
  • Labor: Suchtest als Antikörper-p24-Antigen-Kombitest, Bestätigung durch Immunoblot und HIV-RNA. Die Viruslast (HIV-RNA-Kopien/ml) misst den Therapieerfolg. Vor Therapiebeginn erfolgen eine genotypische Resistenztestung und vor Abacavir ein HLA-B*57:01-Test.

Diagramm mit zwei Kurven über Jahre: Viruslast mit frühem Gipfel und späterem Anstieg, CD4-Zahl mit frühem Einbruch und langsamem Abfall

Viruslast und CD4-Zellzahl im unbehandelten Verlauf der HIV-Infektion

Pathophysiologie und Angriffspunkte

HIV bindet mit dem Hüllprotein gp120 an CD4 und einen Korezeptor (CCR5 oder CXCR4) und vermehrt sich in einem mehrstufigen Zyklus, dessen Enzyme und Strukturproteine die Ziele der ART sind. Mechanismen und UAW stehen auf den Seiten der Klassen.

Schema einer CD4-Zelle mit dem HIV-Lebenszyklus, an jedem Schritt markiert: Entry-Inhibitoren, Lenacapavir, NRTI und NNRTI, Integrase-Inhibitoren, Protease-Inhibitoren

Replikationszyklus von HIV und die Angriffspunkte der antiretroviralen Klassen
  1. Anheftung: gp120 an CD4, dann an CCR5 oder CXCR4 → Entry-Inhibitoren (Maraviroc an CCR5, Fostemsavir an gp120).
  2. Fusion: gp41 verschmilzt Virus- und Zellmembran → Enfuvirtid.
  3. Kapsidtransport: Das Kapsid bringt das Genom zum Zellkern → Lenacapavir.
  4. Reverse Transkription: virale RNA → doppelsträngige DNA → NRTI (Kettenabbruch), NNRTI (allosterisch).
  5. Integration: Die Integrase baut die Virus-DNA als Provirus ins Wirtsgenom ein → Integrase-Inhibitoren.
  6. Reifung: Die Protease spaltet Gag-Pol-Vorläufer in funktionsfähige Proteine → HIV-Protease-Inhibitoren.

Die CD4-Depletion beginnt schon in der akuten Phase, besonders im darmassoziierten lymphatischen Gewebe. Direkte Zytopathie, Pyroptose und chronische Immunaktivierung lassen die Zellzahl danach über Jahre sinken. Zwei Eigenschaften des Virus bestimmen die Therapie:

  • Hohe Mutationsrate: Die Reverse Transkriptase hat keine Korrekturlesefunktion, zugleich entstehen täglich enorm viele Virionen → in jedem Patienten eine Quasispezies mit vorbestehenden Resistenzmutanten (genetische Barriere).
  • Latentes Reservoir: Es verhindert die Heilung (siehe Definition).
📖 Definition: Latentes HIV-Reservoir

Langlebige ruhende CD4⁺-Gedächtniszellen mit integriertem, transkriptionell stillem Provirus. Die ART hemmt nur replizierende Viren und erreicht das Reservoir nicht, nach Absetzen steigt die Viruslast wieder an.

Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
Korezeptor CCR5, gp120, gp41 Entry-Inhibitoren Eintritt in die Zelle blockiert
Kapsid Kapsid-Inhibitor (Lenacapavir) Kernimport und Kapsidaufbau gestört
Reverse Transkriptase NRTI, NNRTI keine provirale DNA
Integrase Integrase-Inhibitoren kein Einbau ins Wirtsgenom
Protease HIV-Protease-Inhibitoren unreife, nicht infektiöse Virionen
Prüferinnenfrage
Warum behandeln Sie HIV nie mit einem einzelnen Wirkstoff?
Antwort anzeigen

Weil bei hohem Virusumsatz und fehlender Korrekturlesefunktion der Reversen Transkriptase praktisch jede Punktmutation täglich neu entsteht. Eine Monotherapie selektiert die vorhandenen resistenten Varianten und versagt rasch. Eine Kombination mehrerer Angriffspunkte verlangt mehrere gleichzeitige Mutationen in einem Genom, und das ist sehr unwahrscheinlich.

Therapie

Die ART ist bei jeder HIV-Infektion indiziert, unabhängig von der CD4-Zahl, und beginnt möglichst bald nach der Diagnose. Ziel ist eine Viruslast dauerhaft unter der Nachweisgrenze. Das stoppt die CD4-Depletion, erlaubt die Immunrekonstitution und verhindert Resistenzen und Übertragungen.

📖 Definition: U=U

Undetectable = Untransmittable: Wer unter ART dauerhaft eine Viruslast unter der Nachweisgrenze hat, überträgt HIV sexuell nicht.

Regime

Standard ist die Dreifachkombination aus zwei NRTI als Backbone und einer Ankersubstanz, möglichst als eine Tablette (Single-Tablet-Regime).

Schematischer Baukasten mit zwei NRTI-Bausteinen als Basis und einem Ankerbaustein mit drei Varianten

Aufbau eines antiretroviralen Regimes aus zwei NRTI als Backbone und einer Ankersubstanz, daneben Zweifachtherapie und Long-acting-ART als Sonderformen
Baustein Typische Wahl Begründung
Backbone NRTI: Tenofovir (TAF oder TDF) + Emtricitabin oder Lamivudin gut verträglich, zugleich gegen HBV wirksam; Abacavir nur nach negativem HLA-B*57:01-Test
Anker, bevorzugt Integrase-Inhibitoren der 2. Generation: Dolutegravir, Bictegravir hohe genetische Barriere, kein Booster, wenig Interaktionen, rasche Suppression
Alternative geboosterter Protease-Inhibitor: Darunavir sehr hohe Barriere, aber Booster-Interaktionen
Alternative NNRTI: Doravirin, Rilpivirin gut verträglich, aber niedrige genetische Barriere
Multiresistenz Entry-Inhibitoren, Lenacapavir neue Angriffspunkte ohne Kreuzresistenz
  • Zweifachtherapie: Dolutegravir + Lamivudin ist möglich ohne HBV-Koinfektion, ohne Resistenz und ohne sehr hohe Viruslast. Sie spart einen NRTI und dessen Langzeittoxizität. Bei Hepatitis B gehört Tenofovir ins Regime, weil Lamivudin allein rasch HBV-Resistenzen selektiert.
  • Long-acting-ART: Cabotegravir + Rilpivirin werden intramuskulär im Abstand von Monaten gegeben, als Erhaltung bei supprimierter Viruslast. Nachteil ist die lange Abklingphase mit subtherapeutischen Spiegeln, daher Resistenzrisiko bei verpassten Injektionen.
  • Lenacapavir (Kapsid-Inhibitor): bindet zwischen benachbarte Kapsidprotein-Untereinheiten und stört Kernimport, Kapsidaufbau und Reifung. Die sehr lange Halbwertszeit erlaubt subkutane Depotgaben in großen Abständen. Einsatz bei multiresistentem HIV-1 in Kombination, inzwischen auch zur PrEP. Wichtigste UAW sind Knötchen an der Injektionsstelle. Als CYP3A-, P-gp- und UGT1A1-Substrat verträgt es keine starken Induktoren.

Interaktionscheck

Viele Ankersubstanzen sind CYP3A- oder Transportersubstrate, Booster hemmen stark. Jede neue Verordnung und jedes Selbstmedikationspräparat gehört deshalb geprüft (Arzneimittelwechselwirkungen).

  • Booster (Ritonavir, Cobicistat): CYP3A-Hemmung → Spiegel ↑ etwa von Statinen und inhalativen Glucocorticoiden (Cushing-Syndrom).
  • Enzyminduktoren: Rifampicin, Carbamazepin, Johanniskraut → Ankerspiegel ↓ → Therapieversagen und Resistenz, relevant bei Tuberkulose-Koinfektion.
  • Polyvalente Kationen: Mg²⁺, Al³⁺, Ca²⁺, Fe²⁺ chelatieren Integrase-Inhibitoren → zeitversetzt einnehmen.
  • PPI: Rilpivirin braucht saures Magenmilieu, daher kontraindiziert.
  • Dolutegravir, Bictegravir: hemmen OCT2/MATE1 → Metformin ↑, Kreatinin ↑ ohne echten GFR-Abfall.

PrEP und PEP

Antiretrovirale Arzneistoffe schützen auch HIV-Negative: vor einer Exposition als Präexpositionsprophylaxe (PrEP), danach als HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP).

A PrEP
  • Wer: HIV-Negative mit erhöhtem Expositionsrisiko
  • Was: TDF/FTC, täglich oder anlassbezogen
  • Kontrolle: negativer HIV-Test vor Beginn, danach regelmäßig HIV-Test, STI-Screening, Nierenfunktion
B PEP
  • Wann: so schnell wie möglich, ideal innerhalb von 2 h, spätestens 24 h (perkutan) bzw. 72 h (Schleimhaut)
  • Was: TDF/FTC + Raltegravir, Dolutegravir oder Darunavir/r; alternativ Bictegravir/FTC/TAF
  • Dauer: 28 Tage, danach HIV-Test; prüfen, ob eine PrEP sinnvoll ist
Prüferinnenfrage
Warum genügen zur PrEP zwei Wirkstoffe, während die PEP drei braucht?
Antwort anzeigen

Bei der PrEP treffen hohe Gewebespiegel von Tenofovir und Emtricitabin auf wenige übertragene Viren und verhindern schon die erste reverse Transkription. Bei der PEP kann die Infektion bereits laufen, deshalb wird wie in der Therapie dreifach kombiniert. Aus demselben Grund ist vor der PrEP ein negativer HIV-Test nötig: Bei unerkannter Infektion wären zwei NRTI eine unzureichende Therapie, die Resistenzen gegen beide selektiert.

Opportunistische Infektionen und IRIS

Bei niedriger CD4-Zahl schützt eine Primärprophylaxe vor den häufigsten opportunistischen Infektionen. Sie endet, wenn die CD4-Zahl unter ART stabil ansteigt.

  • CD4 unter 200/µl: Cotrimoxazol gegen Pneumocystis-Pneumonie, unter 100/µl mit positiver Serologie zugleich gegen Toxoplasmose.
  • Immunrekonstitutionssyndrom (IRIS): In den ersten Wochen nach ART-Beginn reagiert das erholte Immunsystem überschießend auf vorhandene Erreger (Mykobakterien, Kryptokokken, CMV) → paradoxe Verschlechterung. Bei Tuberkulose oder Kryptokokkenmeningitis wird der ART-Beginn deshalb zeitlich abgestimmt, die ART läuft weiter, ggf. ergänzt um Glucocorticoide.

Teste dich

Teste dich mit 11 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Reihenfolge

Lückentext

Aussage 3

Dolutegravir erhöht das Serumkreatinin über eine Hemmung von OCT2/MATE1, ohne dass die GFR tatsächlich sinkt.

Richtig. Die tubuläre Kreatininsekretion wird gehemmt. Dieselben Transporter erklären den Anstieg der Metformin-Spiegel.

Aussage 4

Lenacapavir hemmt die Integrase und verhindert so den Einbau der Virus-DNA ins Wirtsgenom.

Falsch. Lenacapavir ist ein Kapsid-Inhibitor. Es bindet zwischen Kapsidprotein-Untereinheiten und stört Kernimport, Kapsidaufbau und Reifung. Die Integrase hemmen die Integrase-Inhibitoren.

Aussage 5

Zur PEP genügt wie zur PrEP die Zweifachkombination TDF/FTC.

Falsch. Die PEP ist eine Dreifachkombination, etwa TDF/FTC plus Raltegravir, Dolutegravir oder Darunavir/r, weil die Infektion bereits begonnen haben kann. Nur die PrEP kommt mit TDF/FTC aus.

Aussage 6

Das latente HIV-Reservoir besteht aus aktiv replizierenden Zellen, die von der ART gezielt erreicht werden.

Falsch. Das Reservoir besteht aus ruhenden CD4⁺-Gedächtniszellen mit transkriptionell stillem Provirus. Die ART hemmt nur replizierende Viren und erreicht es nicht, deshalb ist die Therapie lebenslang.

Warum?

Zuordnen

Aussage 9

Polyvalente Kationen wie Mg²⁺ oder Ca²⁺ vermindern durch Chelatbildung die Wirkung von Integrase-Inhibitoren.

Richtig. Antazida und Mineralstoffpräparate müssen daher zeitversetzt eingenommen werden.

Aussage 10

HIV-2 ist natürlich resistent gegen NNRTI.

Richtig. HIV-2 spricht weder auf NNRTI noch auf Enfuvirtid an, das schränkt die Regimeauswahl ein.

Prüferin fragt

Fehler entdeckt oder eine Idee? Wir verbessern die Inhalte laufend. Melde es uns gerne über dieses Formular ❤️

Teile der Inhalte wurden mithilfe von KI-Systemen erstellt und werden fortlaufend redaktionell geprüft. Trotz Sorgfalt können Fehler enthalten sein. Wichtige Informationen bitte anhand offizieller Quellen prüfen. Relaxed ins Stex ist ein unabhängiges Angebot und steht in keiner Kooperation mit dem IMPP. Das Angebot ist weder vom IMPP autorisiert noch mit diesem verbunden.

Zurück nach oben