Arzneistoffe

Antipsychotika der 2. Generation

Atypische Antipsychotika verbinden die D2-Blockade mit 5-HT2A-Antagonismus, schneller D2-Dissoziation oder D2-Partialagonismus und machen dadurch seltener EPS. Den Kern bilden die Konzepte der Atypizität, die substanzspezifischen UAW-Profile (Metabolik, Prolaktin, Akathisie, QT) und Clozapin als wirksames, aber riskantes Reservemittel.

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Dein roter Faden7 Punkte
  • Einordnung: Atypika dämpfen die dopaminerge Übertragung über D2 bzw. D2/D3 und machen in wirksamer Dosis deutlich seltener EPS als klassische Antipsychotika.
  • Atypizität: entsteht durch 5-HT2A-Blockade, schnelle D2-Dissoziation (Clozapin, Quetiapin), D2-Partialagonismus (Aripiprazol, Cariprazin) oder präsynaptische D2/D3-Blockade (Amisulprid niedrig dosiert).
  • Indikationen: Schizophrenie inklusive Negativsymptomatik, therapieresistente Schizophrenie (Clozapin), Manie und bipolare Depression, Augmentation bei Depression, kurzzeitig Aggression bei Demenz (Risperidon).
  • Klassen-UAW: metabolisches Syndrom durch H1-, 5-HT2C- und M3-Blockade, am stärksten unter Clozapin und Olanzapin, mit Kontrolle von Gewicht, Glucose und Lipiden.
  • Substanzspezifisch: Prolaktinanstieg unter Risperidon und Amisulprid, Akathisie unter Partialagonisten, QT-Verlängerung vor allem unter Amisulprid, Sedierung unter Quetiapin und Clozapin.
  • Clozapin als Sonderfall: wirksamstes Antipsychotikum, aber Agranulozytose, Myokarditis, Krampfanfälle und CYP1A2-Abhängigkeit (Rauchstopp, Fluvoxamin) machen es zum Reservemittel mit Blutbildkontrollen.
  • Auswahl: bei ähnlicher Wirksamkeit nach UAW-Profil, etwa Aripiprazol bei metabolischem Risiko, Vorsicht bei älteren Menschen mit Demenz wegen erhöhter Mortalität.

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Überblick

Antipsychotika der 2. Generation (Atypika) dämpfen die dopaminerge Übertragung über D2- bzw. D2/D3-Rezeptoren. Zusätzlich wirken sie über 5-HT2A-Antagonismus, schnelle D2-Dissoziation oder D2-Partialagonismus. Dadurch wirken sie antipsychotisch bei deutlich weniger extrapyramidal-motorischen Störungen (EPS) als die Antipsychotika der 1. Generation. Sie sind heute Standard, oft um den Preis metabolischer UAW.

  • Kernmerkmal: seltener EPS und Spätdyskinesien, teils Wirkung auf Negativsymptomatik.
  • Preis: Gewichtszunahme, Diabetes, Dyslipidämie, je nach Rezeptorprofil.
  • Indikationen: Schizophrenie, Manie und bipolare Depression, Augmentation bei Depression, Agitation bei Demenz.
  • Heterogene Klasse: Die Wirksamkeit unterscheidet sich wenig, das UAW-Profil stark. Danach wird ausgewählt.

Clozapin ist der Prototyp der Atypizität und das wirksamste Antipsychotikum, wegen der Agranulozytose aber Reservemittel.

Clozapin
Atypisches Antipsychotikum · Leitsubstanz
  • Prinzip: schwacher, rasch dissoziierender D2-Antagonist, stärker an D4, 5-HT2A, H1, M1 und α1
  • Kinetik: Abbau über CYP1A2 (daneben CYP3A4) zu Norclozapin, Spiegel stark vom Rauchen abhängig, Kontrolle per TDM
  • Einsatz: therapieresistente Schizophrenie, Psychosen beim Parkinson-Syndrom
  • Besonderheit: kaum EPS, kein Prolaktinanstieg, aber Agranulozytoserisiko mit Pflicht zu Blutbildkontrollen

Vertreter

Gemeinsam ist allen die antipsychotische Wirkung über D2 bzw. D2/D3. Unterscheiden lassen sie sich nach dem Rezeptorprofil: breit wirkende Multirezeptor-Antagonisten, Serotonin-Dopamin-Antagonisten, selektive D2/D3-Antagonisten und Partialagonisten. Das Profil sagt die UAW voraus.

Vergleichsdiagramm der Rezeptoraffinitäten von sieben Atypika mit zugeordneten unerwünschten Wirkungen

Rezeptorprofile der sieben Atypika, Folgen der Rezeptorblockade und Leit-UAW je Vertreter
Wirkstoffe
Multirezeptor-Antagonisten
Clozapin Reserve, Blutbildkontrolle
Olanzapin stärkste Gewichtszunahme
Quetiapin dosisabhängiges Profil
Serotonin-Dopamin-Antagonisten
Risperidon Prodrug von Paliperidon
Paliperidon aktiver Metabolit, Depot
Selektive D2/D3-Antagonisten
Amisulprid Benzamid, renal eliminiert
D2/D3-Partialagonisten
Aripiprazol
Cariprazin D3-präferent

Wirkmechanismus

Alle Atypika senken die dopaminerge Übertragung im mesolimbischen System (Grundlagen: Psychopharmakologie, Dopaminhypothese: Schizophrenie). Atypisch werden sie durch Eigenschaften, die die D2-Blockade im nigrostriatalen und tuberoinfundibulären System abmildern.

📖 Definition: Atypizität

Antipsychotische Wirkung ohne relevante EPS in wirksamer Dosis, oft mit geringerem Prolaktinanstieg und Wirkung auf Negativsymptomatik. Ein klinisches Profil, kein einheitlicher Mechanismus.

  • 5-HT2A/D2-Verhältnis: 5-HT2A-Blockade enthemmt die Dopaminfreisetzung in Striatum und präfrontalem Kortex → weniger EPS, eher günstig auf Negativsymptomatik.
  • Schnelle D2-Dissoziation: Clozapin und Quetiapin binden locker und lösen sich rasch vom Rezeptor, phasische Dopaminsignale kommen durch → kaum EPS, kein Prolaktinanstieg.
  • D2-Partialagonismus: Aripiprazol und Cariprazin haben geringe intrinsische Aktivität. Bei Dopaminüberschuss (mesolimbisch) wirken sie antagonistisch, bei Dopaminmangel (mesokortikal, Hypophyse) agonistisch.
  • Präsynaptische Blockade: Amisulprid blockiert niedrig dosiert bevorzugt D2/D3-Autorezeptoren → Dopaminfreisetzung ↑ → Effekt auf Negativsymptomatik; erst höher dosiert postsynaptisch antipsychotisch.
  • Breites Rezeptorprofil: Clozapin, Olanzapin und Quetiapin blockieren zusätzlich H1, M1, α1 und 5-HT2C → Sedierung, Gewichtszunahme, anticholinerge UAW, Orthostase.

Schema der vier dopaminergen Bahnen im Gehirn mit Markierungen, wo 5-HT2A-Blockade, schnelle D2-Dissoziation, Partialagonismus und präsynaptische Blockade ansetzen

Konzepte der Atypizität an den vier dopaminergen Bahnen
Prüferinnenfrage
Wie kann ein Partialagonist bei Positiv- und Negativsymptomatik zugleich wirken?
Antwort anzeigen

Seine intrinsische Aktivität liegt zwischen null und der des Dopamins. Mesolimbisch verdrängt er das überschießende Dopamin und senkt die Netto-Rezeptorstimulation, wirkt also antagonistisch. Mesokortikal, wo Dopamin fehlt, hebt er die Stimulation über seine Eigenaktivität an. Aus demselben Grund steigt Prolaktin nicht, an der Hypophyse bleibt eine Grundstimulation erhalten.

Wirkungen und Anwendung

Auf die Positivsymptomatik (Wahn, Halluzinationen) wirken alle vergleichbar. Bei Negativsymptomatik (Antriebsmangel, Affektverflachung) zeigen Partialagonisten und niedrig dosiertes Amisulprid Vorteile.

  • Schizophrenie: Monotherapie, Auswahl nach UAW-Profil; prädominante Negativsymptomatik → Amisulprid niedrig dosiert oder Cariprazin.
  • Therapieresistente Schizophrenie: Clozapin, nach erfolglosen adäquaten Therapieversuchen mit anderen Antipsychotika.
  • Bipolare Störung: Manie (Olanzapin, Risperidon, Aripiprazol, Quetiapin), bipolare Depression (Quetiapin), Phasenprophylaxe bei Ansprechen in der Akutphase.
  • Depression: Augmentation bei Nichtansprechen (Quetiapin, Aripiprazol), psychotische Depression in Kombination mit einem Antidepressivum.
  • Demenz und Parkinson: Risperidon kurzzeitig bei anhaltender Aggression bei Alzheimer-Demenz; Clozapin bei Psychosen beim Parkinson-Syndrom, weil es striatal kaum D2 blockiert.
  • Off-label: Olanzapin bei Chemotherapie-induziertem Erbrechen; niedrig dosiertes Quetiapin bei Insomnie ohne psychiatrische Grunderkrankung wird nicht empfohlen.

Pharmakokinetik

Die meisten Atypika werden hepatisch über CYP abgebaut, Amisulprid dagegen unverändert renal (Dosis an die Nierenfunktion anpassen, kaum CYP-Interaktionen).

  • CYP1A2: Clozapin, Olanzapin; Tabakrauch induziert das Enzym, Raucher brauchen höhere Dosen (allgemein: Wechselwirkungen). Clozapin-Spiegel per TDM.
  • CYP2D6 und 3A4: Risperidon → 9-Hydroxyrisperidon (= Paliperidon, aktiv, renal); Aripiprazol mit langer Halbwertszeit; Quetiapin über CYP3A4.
  • Quetiapin dosisabhängig: niedrig fast nur H1-Blockade (sedierend), höher 5-HT2A/D2 (antipsychotisch); Norquetiapin hemmt den Noradrenalintransporter → antidepressiv.
  • Cariprazin: über CYP3A4 zu langlebigen aktiven Metaboliten → Steady State erst nach Wochen, Wirkung und UAW klingen langsam ab.
  • Depot i.m.: Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol → sichern die Adhärenz.

Unerwünschte Wirkungen

Das metabolische Syndrom unter Antipsychotika ist die wichtigste Klassen-UAW: H1- und 5-HT2C-Blockade im Hypothalamus steigert den Appetit, dazu kommen Insulinresistenz und unter M3-Blockade eine verminderte Insulinsekretion. Folgen sind Gewichtszunahme, Typ-2-Diabetes und Dyslipidämie. Gewicht, Bauchumfang, Blutdruck, Glucose oder HbA1c und Lipide vor Beginn und regelmäßig kontrollieren.

Schema der unerwünschten Wirkungen: Antipsychotika der 2. Generation, ausgehend vom Mechanismus, je Organ mit Piktogramm (ZNS, Muskel, Leber).

Metabolisches Syndrom unter Antipsychotika: Mechanismen und Kontrolle
UAW warum
Stoffwechsel
Gewicht, Diabetes, Lipide Clozapin, Olanzapin > Quetiapin, Risperidon
ZNS · Gefäße
Sedierung, Orthostase Clozapin, Quetiapin, Olanzapin
Sexualität
Prolaktinanstieg Risperidon, Paliperidon, Amisulprid
ZNS
Akathisie Aripiprazol, Cariprazin
Herz
QT-Verlängerung Amisulprid, Quetiapin
ZNS
EPS, dosisabhängig Risperidon, Amisulprid

EPS und malignes neuroleptisches Syndrom sind seltener als unter klassischen Antipsychotika, aber möglich (Formen: 1. Generation). Clozapin hat ein eigenes Spektrum:

  • Clozapin-induzierte Agranulozytose: selten, lebensbedrohlich, meist in den ersten Monaten; vermutlich immunvermittelt über einen reaktiven Nitreniummetaboliten → Neutrophilenkontrollen.
  • Myokarditis: vor allem in den ersten Wochen (Tachykardie, Fieber).
  • Krampfanfälle: dosis- und spiegelabhängig, weil die Krampfschwelle sinkt.
  • Hypersalivation: paradox trotz anticholinerger Wirkung (M4-Agonismus, gestörter Schluckreflex).
  • Obstipation bis Ileus: M-Blockade der Darmmotorik.
Fall aus der Apotheke
Halsschmerzen unter Clozapin

Ein Mann, seit sechs Wochen auf Clozapin eingestellt, möchte Lutschtabletten und Ibuprofen gegen Halsschmerzen und Fieber.

  1. Woran denken Sie?
  2. Wie gehen Sie vor?
Lösung anzeigen
  1. Fieber und Halsentzündung in den ersten Monaten unter Clozapin sind Leitsymptome einer Agranulozytose. Ohne Neutrophile verlaufen Infekte rasch schwer, das Antipyretikum würde das Warnzeichen nur verschleiern.
  2. Keine Selbstmedikation, sondern sofort ärztliche Abklärung mit Differenzialblutbild. Bei Neutropenie wird Clozapin abgesetzt, eine Reexposition nach Agranulozytose ist kontraindiziert.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die meisten Probleme entstehen bei Clozapin aus Blutbild und CYP1A2, bei der ganzen Klasse aus QT-Zeit und zentraler Dämpfung.

  • Clozapin, Kontraindikationen: Agranulozytose in der Vorgeschichte, Knochenmarkerkrankung, unkontrollierte Epilepsie, Myokarditis, paralytischer Ileus; Beginn nur bei normalem Blutbild, Kontrollen anfangs wöchentlich, später monatlich.
  • Knochenmarktoxische Stoffe: nicht mit Clozapin kombinieren (Carbamazepin, Metamizol), weil sich das Agranulozytoserisiko addiert.
  • QT-verlängernde Stoffe: Citalopram, Makrolide, Klasse-III-Antiarrhythmika, Hypokaliämie → Torsade-de-pointes-Risiko (Herzrhythmusstörungen).
  • Zentral dämpfende Stoffe: Benzodiazepine, Opioide, Alkohol → Sedierung, Atemdepression, Hypotonie (v. a. parenterale Benzodiazepine mit Olanzapin oder Clozapin).
  • CYP3A4/2D6-Hemmer: erhöhen Spiegel von Quetiapin, Aripiprazol, Risperidon; starke CYP3A4-Hemmer sind bei Cariprazin kontraindiziert.
  • Ältere mit Demenz: erhöhte Mortalität und zerebrovaskuläre Ereignisse unter allen Antipsychotika → nur niedrig dosiert und kurz.
⚠️ Achtung: Rauchstopp und Fluvoxamin

Nach einem Rauchstopp entfällt die CYP1A2-Induktion, Clozapin- und Olanzapinspiegel steigen innerhalb von Tagen deutlich (Sedierung, Krampfanfälle). Fluvoxamin und Ciprofloxacin hemmen CYP1A2 mit derselben Folge: Spiegel kontrollieren, Dosis anpassen.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Da sich die Wirksamkeit außer bei Clozapin kaum unterscheidet, entscheidet das UAW-Profil (semiquantitativ, 0 bis +++):

Wirkstoff Metabolik Prolaktin Sedierung EPS QT
Clozapin +++ 0 +++ 0 +
Olanzapin +++ + ++ + +
Quetiapin ++ 0 ++ 0 +
Risperidon ++ +++ + ++ +
Amisulprid + +++ + + ++
Aripiprazol 0 bis + 0 (↓) + + (Akathisie) 0
Cariprazin 0 bis + 0 + + (Akathisie) 0

Aripiprazol bei metabolischem Risiko: Es blockiert H1 und 5-HT2C kaum und ist metabolisch nahezu neutral; als Partialagonist hebt es Prolaktin nicht an.

Clozapin erst bei Therapieresistenz: Es wirkt auch, wo andere versagen, doch Agranulozytose, Myokarditis und starke Metabolik rechtfertigen das nur nach erfolglosen Vortherapien und unter Blutbildkontrolle.

💡 Merke

Auswahl nach Profil: Metabolik bei Clozapin und Olanzapin, Prolaktin bei Risperidon und Amisulprid, Akathisie bei Aripiprazol und Cariprazin, Blutbild bei Clozapin.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Amisulprid wird überwiegend unverändert renal ausgeschieden.

Amisulprid wird kaum über CYP abgebaut, daher wenige CYP-Interaktionen, aber Dosisanpassung bei eingeschränkter Nierenfunktion.

Aussage 2

Quetiapin wirkt in niedriger Dosis vor allem über H1-Blockade sedierend.

Niedrig dosiert dominiert die H1-Blockade, erst höher dosiert kommt die antipsychotische 5-HT2A/D2-Blockade hinzu.

Aussage 3

Aripiprazol erhöht als starker D2-Antagonist typischerweise das Prolaktin.

Aripiprazol ist ein D2-Partialagonist. An der Hypophyse bleibt eine Grundstimulation erhalten, Prolaktin bleibt normal oder sinkt.

Aussage 4

Ein Rauchstopp senkt die Clozapin-Plasmaspiegel, weil die CYP1A2-Induktion wegfällt.

Fällt die CYP1A2-Induktion weg, wird Clozapin langsamer abgebaut: Die Spiegel steigen, mit Gefahr von Sedierung und Krampfanfällen.

Warum?

Aussage 6

Cariprazin bildet langlebige aktive Metaboliten, daher stellt sich der Steady State erst nach Wochen ein.

Die über CYP3A4 gebildeten aktiven Metaboliten haben sehr lange Halbwertszeiten, Wirkung und UAW setzen langsam ein und klingen langsam ab.

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