Arzneistoffe

DPP-4-Inhibitoren

DPP-4-Inhibitoren (Gliptine) hemmen den Abbau der körpereigenen Inkretine GLP-1 und GIP und verstärken so die glucoseabhängige Insulinsekretion. Im Kern geht es um ihre physiologische Wirkobergrenze, den Stellenwert ohne Endpunktnutzen und den Vergleich mit den GLP-1-Rezeptor-Agonisten.

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Dein roter Faden7 Punkte
  • Einordnung: Gliptine sind orale Inkretinverstärker, die den Abbau von endogenem GLP-1 und GIP durch DPP-4 hemmen.
  • Mechanismus: Mehr aktives GLP-1 und GIP steigern über cAMP glucoseabhängig die Insulinsekretion und senken Glucagon.
  • Grenze: Die Inkretinspiegel bleiben physiologisch, deshalb nur moderate HbA1c-Senkung, gewichtsneutral und kaum Hypoglykämien.
  • Stellenwert: Kombinationspartner bei Typ-2-Diabetes, auch bei eGFR < 30, aber ohne kardiovaskulären oder renalen Endpunktnutzen.
  • Kinetik: Sitagliptin, Vildagliptin und Saxagliptin werden renal eliminiert und angepasst, Linagliptin biliär ohne Anpassung.
  • UAW und KI: Pankreatitis, bullöses Pemphigoid, Arthralgien, Herzinsuffizienz-Signal unter Saxagliptin; Hypoglykämie nur mit Sulfonylharnstoff oder Insulin.
  • Vergleich: GLP-1-RA wirken pharmakologisch, stärker, senken das Gewicht und haben Endpunktnutzen; nie mit Gliptinen kombinieren.

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Überblick

DPP-4-Inhibitoren (Gliptine) hemmen die Dipeptidylpeptidase 4, das Enzym, das die Inkretine GLP-1 und GIP innerhalb von Minuten inaktiviert. Sie erhöhen so die Spiegel der körpereigenen Inkretine und verstärken deren glucoseabhängige Wirkung auf Insulin- und Glucagonsekretion.

  • Oral: Tablette, meist einmal täglich, kaum Interaktionen.
  • Glucoseabhängig: allein kaum Hypoglykämien, anders als Sulfonylharnstoffe und Insulin.
  • Gewichtsneutral: weil nur physiologische Inkretinspiegel entstehen.
  • Stellenwert: Kombinationspartner bei Typ-2-Diabetes mit moderater HbA1c-Senkung, ohne belegten kardiovaskulären oder renalen Nutzen.
📖 Definition: Inkretinverstärker

Arzneistoffe, die nicht selbst am Inkretinrezeptor angreifen, sondern den Abbau der endogenen Inkretine hemmen. Ihre Wirkung bleibt an die körpereigene Sekretion gebunden, im Gegensatz zu den Inkretinmimetika (GLP-1-Rezeptor-Agonisten).

Typischer Vertreter ist Sitagliptin.

Sitagliptin
DPP-4-Inhibitoren · Leitsubstanz
  • Prinzip: kompetitiver, nicht kovalenter DPP-4-Hemmer (β-Aminosäure-Derivat mit Trifluorphenylrest).
  • Kinetik: hohe orale Bioverfügbarkeit, überwiegend unverändert renal → Dosis an die eGFR anpassen.
  • Einsatz: Typ-2-Diabetes, häufig als Fixkombination mit Metformin.
  • Besonderheit: kaum CYP-Metabolismus, daher wenige Interaktionen.

Vertreter

Alle Gliptine hemmen DPP-4 selektiv und kompetitiv; sie unterscheiden sich in der Bindungsart und vor allem im Eliminationsweg. Vildagliptin und Saxagliptin tragen eine Cyanopyrrolidin-Gruppe, deren Nitril mit dem Serin im aktiven Zentrum ein reversibles kovalentes Imidat-Addukt bildet. Sitagliptin und Linagliptin binden nicht kovalent, Linagliptin wird als Xanthinderivat überwiegend biliär eliminiert.

Wirkstoffe
Cyanopyrrolidine (kovalent-reversibel)
Vildagliptin zweimal täglich
Saxagliptin CYP3A4, aktiver Metabolit
Nicht kovalent
Sitagliptin renal eliminiert
Linagliptin Xanthinderivat, biliär

Wirkmechanismus

DPP-4 (CD26) ist eine membranständige und zirkulierende Serinprotease, die GLP-1 und GIP durch Abspaltung des N-terminalen Dipeptids inaktiviert (zum Inkretineffekt). Gliptine setzen genau dort an:

  1. DPP-4-Hemmung: Blockade des aktiven Zentrums → Abbau von aktivem GLP-1 und GIP ↓.
  2. Inkretinspiegel ↑: postprandial mehr aktives endogenes GLP-1 und GIP.
  3. β-Zelle: Gs-gekoppelter Rezeptor → cAMP ↑ → PKA und Epac2 → Insulinexozytose ↑, aber nur bei erhöhter Glucose.
  4. α-Zelle: Glucagonsekretion ↓ → hepatische Glucoseproduktion ↓.
  5. Ergebnis: postprandiale und Nüchternglucose ↓.

Die Wirkung hat eine physiologische Obergrenze: Gehemmt wird nur der Abbau dessen, was L- und K-Zellen selbst sezernieren. Die Spiegel bleiben weit unter denen der DPP-4-resistenten GLP-1-Rezeptor-Agonisten, deshalb fehlen relevante Effekte auf Magenentleerung und Sättigung.

Schema: Inkretinfreisetzung aus dem Darm, Abbau durch DPP-4, Hemmung durch Gliptin, Wirkung auf β- und α-Zellen des Pankreas

Gliptine hemmen DPP-4 und erhöhen so die Spiegel der endogenen Inkretine GLP-1 und GIP, die glucoseabhängig die Insulinfreisetzung steigern; GLP-1 senkt zudem die Glucagonsekretion.
Prüferinnenfrage
Warum verursachen Gliptine allein kaum Hypoglykämien?
Antwort anzeigen

GLP-1 potenziert die Insulinsekretion nur, wenn Glucose die β-Zelle über den Verschluss der K-ATP-Kanäle bereits depolarisiert hat: Der cAMP-Weg verstärkt die Ca²⁺-getriggerte Exozytose, startet sie aber nicht. Sinkt die Glucose, öffnen die K-ATP-Kanäle wieder und der Effekt erlischt. Sulfonylharnstoffe schließen die Kanäle dagegen direkt und glucoseunabhängig. Zudem bleibt die gegenregulatorische Glucagonfreisetzung bei Hypoglykämie erhalten.

Wirkungen und Anwendung

Die Wirkungen folgen aus der moderaten, glucoseabhängigen Inkretinverstärkung.

  • HbA1c: moderate Senkung, geringer als unter GLP-1-RA.
  • Gewicht: neutral.
  • Hypoglykämie: geringes Risiko, solange kein Sulfonylharnstoff oder Insulin dazukommt.
  • Typ-2-Diabetes: Kombinationspartner, meist zu Metformin, auch als Fixkombination; nach der Nationalen VersorgungsLeitlinie eine Option als zusätzliches Medikament (Diabetes mellitus).
  • Eingeschränkte Nierenfunktion: auch bei eGFR < 30 einsetzbar, wo viele Antidiabetika ausscheiden (Niereninsuffizienz).
  • Endpunkte: Kardiovaskuläre Sicherheitsstudien zeigten Nichtunterlegenheit, aber keinen Nutzen für Herz oder Niere. Bei kardiovaskulärer oder renaler Erkrankung werden daher SGLT2-Inhibitoren oder GLP-1-RA bevorzugt.

Pharmakokinetik

Gemeinsam sind gute orale Bioverfügbarkeit, Gabe einmal täglich (Vildagliptin zweimal) und geringe CYP-Beteiligung; den Unterschied macht der Eliminationsweg.

  • Sitagliptin: überwiegend unverändert renal, auch tubulär sezerniert → Dosis nach eGFR anpassen.
  • Vildagliptin: Hydrolyse der Cyanogruppe ohne CYP, Metabolite renal → Anpassung.
  • Saxagliptin: CYP3A4/5 → aktiver Hydroxymetabolit, renal → Anpassung und CYP3A4-Interaktionen.
  • Linagliptin: überwiegend unverändert biliär (P-gp-Substrat); sättigbare Bindung an DPP-4 → nichtlineare Kinetik, lange terminale Halbwertszeit, keine Anpassung bei Niereninsuffizienz.

Unerwünschte Wirkungen

Die Klasse ist insgesamt gut verträglich; mehrere seltene UAW sind als Signale beschrieben, ihr Mechanismus ist nicht sicher geklärt.

UAW warum
Stoffwechsel
Hypoglykämie (gering) glucoseabhängige Insulinfreisetzung; Risiko ↑ mit Sulfonylharnstoff oder Insulin
Magen-Darm
Akute Pankreatitis (selten) Signal, Mechanismus unklar → bei anhaltenden Oberbauchschmerzen absetzen
Haut
Bullöses Pemphigoid (selten) DPP-4 (CD26) auf T-Zellen und in der Haut; veränderte Immunreaktion vermutet → absetzen
Muskel
Arthralgien (selten, teils schwer) unklar; bessern sich nach Absetzen
Herz
Herzinsuffizienz-Hospitalisierung (Saxagliptin) Signal einer Sicherheitsstudie, Klasseneffekt nicht belegt
Leber
Transaminasen ↑ (Vildagliptin) selten hepatotoxisch → Leberwerte kontrollieren

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die Kontraindikationen ergeben sich vor allem aus den UAW-Signalen und dem Wirkprinzip.

  • Pankreatitis in der Anamnese: nicht einsetzen, wegen des Pankreatitis-Signals.
  • Typ-1-Diabetes, Ketoazidose: keine Indikation, weil ohne funktionsfähige β-Zellen nichts zu verstärken ist.
  • Herzinsuffizienz: Saxagliptin meiden (Herzinsuffizienz).
  • Leberinsuffizienz: kein Vildagliptin.
  • GLP-1-RA: nicht kombinieren, weil derselbe Rezeptor bereits pharmakologisch aktiviert wird und ein Gliptin nichts addiert.
  • ACE-Hemmer: Angioödemrisiko ↑, weil DPP-4 auch Substanz P abbaut.
  • Pharmakokinetik: wenige Interaktionen; Ausnahme Saxagliptin mit starken CYP3A4-Hemmern (Dosis reduzieren) sowie Induktoren wie Rifampicin (Wirkverlust, auch bei Linagliptin über P-gp und CYP3A4).
⚠️ Achtung: Sulfonylharnstoff oder Insulin

Zusätzlich zu einem glucoseunabhängigen Sekretagogum oder zu Insulin treten unter Gliptinen Hypoglykämien auf. Dosisreduktion von Sulfonylharnstoff oder Insulin erwägen.

Fall aus der Apotheke
Neuer GLP-1-RA zur Fixkombination

Ein Patient mit Typ-2-Diabetes und KHK nimmt seit Jahren eine Fixkombination aus Sitagliptin und Metformin. Neu verordnet ist Semaglutid s.c., die Fixkombination steht unverändert im Medikationsplan.

  1. Ist die gemeinsame Gabe sinnvoll?
  2. Was schlagen Sie vor?
Lösung anzeigen
  1. Nein. Semaglutid ist DPP-4-resistent und aktiviert den GLP-1-Rezeptor bereits pharmakologisch; Sitagliptin erhöht nur die endogenen Inkretine und bringt am selben Rezeptor keinen zusätzlichen Effekt.
  2. Rücksprache mit dem Arzt: Sitagliptin absetzen und Metformin als Monopräparat weiterführen. Bei KHK ist der GLP-1-RA wegen des belegten kardiovaskulären Nutzens die bessere Wahl.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Innerhalb der Klasse unterscheidet vor allem der Eliminationsweg: Bei Niereninsuffizienz ist Linagliptin ohne Anpassung einsetzbar, Sitagliptin nur mit eGFR-adaptierter Dosis. Wichtiger in der Praxis ist der Vergleich mit den GLP-1-RA, die dasselbe System angreifen.

Balkendiagramm der GLP-1-Aktivität unter Gliptin und unter GLP-1-Rezeptor-Agonist mit zugeordneten Effekten

Gliptine bleiben im physiologischen Bereich der GLP-1-Aktivität, GLP-1-RA erreichen pharmakologische Spiegel.
Merkmal DPP-4-Inhibitoren GLP-1-RA
Prinzip Inkretinverstärker Inkretinmimetikum (DPP-4-resistent)
GLP-1-Aktivität physiologisch pharmakologisch
HbA1c-Senkung moderat stark
Gewicht neutral Abnahme (Sättigung, Magenentleerung ↓)
Kardiovaskuläre Endpunkte neutral Nutzen für mehrere Vertreter
Gastrointestinale UAW selten häufig
Applikation oral s.c., Semaglutid auch oral
💡 Merke

Gliptine verstärken nur, was der Körper selbst sezerniert: daher glucoseabhängig, gewichtsneutral und schwächer als GLP-1-RA.

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Lückentext

Aussage 2

Linagliptin wird überwiegend biliär ausgeschieden und braucht bei Niereninsuffizienz keine Dosisanpassung.

Linagliptin wird überwiegend unverändert biliär eliminiert, im Gegensatz zu den renal eliminierten übrigen Gliptinen.

Warum?

Aussage 4

Über erhöhtes GLP-1 steigern Gliptine die Glucagonsekretion der α-Zelle.

GLP-1 hemmt die Glucagonsekretion und senkt so die hepatische Glucoseproduktion.

Aussage 5

In kardiovaskulären Sicherheitsstudien senkten Gliptine die kardiovaskuläre Mortalität.

Die Studien zeigten nur Nichtunterlegenheit, also Sicherheit, aber keinen Nutzen auf kardiovaskuläre oder renale Endpunkte.

Aussage 6

Saxagliptin wird über CYP3A4/5 zu einem aktiven Metaboliten umgesetzt.

Deshalb ist Saxagliptin der Vertreter mit relevanten CYP3A4-Interaktionen.

Reihenfolge

Zuordnen

Aussage 9

DPP-4-Inhibitoren führen wie GLP-1-Rezeptor-Agonisten zu einer deutlichen Gewichtsabnahme.

Gliptine sind gewichtsneutral, weil sie nur physiologische Inkretinspiegel erzeugen; die Gewichtsabnahme ist typisch für GLP-1-RA.

Aussage 10

Das Nitril der Cyanopyrrolidine Vildagliptin und Saxagliptin bildet mit dem Serin im aktiven Zentrum der DPP-4 ein reversibles kovalentes Addukt.

Sitagliptin und Linagliptin binden dagegen nicht kovalent.

Prüferin fragt

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