Krankheitsbilder

Narkolepsie

Narkolepsie als zentrale Hypersomnie durch Verlust orexinerger Neurone. Im Kern geht es darum, welche Arzneistoffe die Tagesschläfrigkeit bessern, welche die Kataplexie und warum sich das aus dem Angriffspunkt ergibt.

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Dein roter Faden7 Punkte
  • Einordnung: Narkolepsie ist eine seltene chronische zentrale Hypersomnie; NT1 mit Kataplexie und Orexinmangel, NT2 ohne Kataplexie mit normalem Liquor-Orexin.
  • Pathophysiologie: Ein vermutlich autoimmuner Untergang orexinerger Neurone im lateralen Hypothalamus (HLA-DQB1*06:02) destabilisiert den Schlaf-Wach-Schalter und lässt REM-Phänomene in den Wachzustand einbrechen.
  • Symptome und Diagnostik: Tagesschläfrigkeit, Kataplexie, Schlaflähmung und hypnagoge Halluzinationen; Nachweis mit Polysomnographie und MSLT (kurze Einschlaflatenz, mindestens zwei Sleep-onset-REM-Perioden).
  • Angriffspunkte: Orexin ist nicht ersetzbar, daher Ansatz an DAT und NET, am präsynaptischen H3-Rezeptor, am GABA-B-Rezeptor und an der Monoamin-Wiederaufnahme zur REM-Suppression.
  • Tagesschläfrigkeit: Erste Wahl ohne Rangfolge sind Modafinil, Pitolisant, Natriumoxybat und Solriamfetol; Reserve sind Methylphenidat und danach Amphetamin-Derivate.
  • Kataplexie: Natriumoxybat, Pitolisant, Venlafaxin oder niedrig dosiertes Clomipramin; Antidepressiva nie abrupt absetzen wegen Rebound-Kataplexie.
  • Risiken: Natriumoxybat nicht mit Alkohol oder Sedativa kombinieren (Atemdepression), Prazosin und sedierende Arzneimittel verschlechtern die Narkolepsie.

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Überblick

Die Narkolepsie ist eine chronische zentrale Hypersomnie: Die Schlaf-Wach-Regulation ist instabil, Wachheit lässt sich am Tag nicht halten, und Elemente des REM-Schlafs brechen in den Wachzustand ein. Sie ist selten, beginnt meist im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter und beeinträchtigt Schule, Beruf und Fahrtüchtigkeit erheblich. Für die Therapie entscheidend ist die Einteilung nach Kataplexie und Orexinstatus.

A Narkolepsie Typ 1 (NT1)
  • Kataplexie und/oder Liquor-Orexin ≤ 110 pg/ml
  • Orexin-(Hypocretin-)Mangel: orexinerge Neurone weitgehend untergegangen
  • fast immer HLA-DQB1*06:02
B Narkolepsie Typ 2 (NT2)
  • keine Kataplexie, Liquor-Orexin normal
  • Ursache unklar, meist milder

Die Leitsymptome bilden eine Tetrade, dazu kommt ein fragmentierter Nachtschlaf:

  • Exzessive Tagesschläfrigkeit (EDS): imperative Einschlafattacken, kurzer Schlaf erfrischt.
  • Kataplexie: nur bei NT1, gilt als pathognomonisch.
  • Schlaflähmung und hypnagoge Halluzinationen: REM-Atonie bzw. Traumbilder beim Ein- oder Aufwachen.
  • Diagnostik: Polysomnographie, am Folgetag der Multiple Schlaflatenztest (MSLT) mit fünf Schlafgelegenheiten im Zwei-Stunden-Abstand; typisch sind eine mittlere Einschlaflatenz ≤ 8 min und mindestens zwei Sleep-onset-REM-Perioden (REM innerhalb von 15 min nach dem Einschlafen).

Zwei Hypnogramme im Vergleich, oben gesund mit spätem Einschlafen, unten Narkolepsie mit raschem Einschlafen und sofortigem REM-Schlaf.

MSLT: kurze Einschlaflatenz und Sleep-onset-REM bei Narkolepsie.
📖 Definition: Kataplexie

Plötzlicher, beidseitiger Verlust des Muskeltonus bei erhaltenem Bewusstsein, ausgelöst durch Emotionen (typisch Lachen), Dauer Sekunden bis wenige Minuten. Dabei bricht die REM-Atonie in den Wachzustand ein.

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Wachheit tragen aufsteigende Systeme aus Hirnstamm und Hypothalamus: Noradrenalin (Locus coeruleus), Histamin (tuberomamillärer Nucleus), Dopamin, Serotonin und Acetylcholin (Anatomie unter Aufbau des Nervensystems, Schlafphysiologie unter Schlafstörungen). Orexin A und B (Hypocretin 1 und 2) aus Neuronen des lateralen Hypothalamus aktivieren diese Kerne über Gq-gekoppelte OX₁- und OX₂-Rezeptoren und stabilisieren so den Wachzustand.

  1. Disposition und Auslöser: HLA-DQB1*06:02 plus Umweltfaktor (Infekte wie Influenza A/H1N1, Streptokokken) → nach der Autoimmunhypothese zerstören T-Zellen selektiv orexinerge Neurone.
  2. Orexinmangel: Bei NT1 ist der Großteil der Neurone untergegangen, Orexin im Liquor kaum messbar.
  3. Instabiler Schalter: Wach- und Schlafzentren hemmen sich gegenseitig; ohne Orexin kippt das System ständig → Einschlafattacken am Tag, fragmentierter Nachtschlaf.
  4. REM-Intrusion: Noradrenerge und serotonerge REM-Off-Neurone verlieren ihren Antrieb → REM-Atonie und Traumbilder im Wachen → Kataplexie, Schlaflähmung, Halluzinationen.

Orexin selbst lässt sich bislang nicht ersetzen: Intranasales Orexin A ist unwirksam, Orexin-2-Rezeptor-Agonisten sind noch in klinischer Prüfung. Deshalb setzt die Therapie an den nachgeschalteten Systemen an (das pharmakologische Spiegelbild sind die Orexinrezeptor-Antagonisten bei Insomnie).

Schema des Hypothalamus mit orexinergen Neuronen, Pfeilen zu monoaminergen Wachzentren und markierten Angriffspunkten von Pitolisant, Natriumoxybat, Modafinil, Solriamfetol und Antidepressiva.

Orexin stabilisiert die Wachzentren; bei Narkolepsie Typ 1 fällt es aus, die Therapie greift an den nachgeschalteten Systemen an.
Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
Dopamin- und Noradrenalintransporter (DAT, NET) Modafinil, Solriamfetol, Methylphenidat (Hemmung), Amphetamine (Freisetzung); siehe Psychostimulanzien katecholaminerge Wachheit ↑ → EDS ↓
Präsynaptischer H3-Rezeptor (Histamin) Pitolisant (inverser Agonist) Histaminfreisetzung ↑ → EDS ↓, Kataplexie ↓
GABA-B-Rezeptor Natriumoxybat (= GHB, siehe Rauschdrogen) Tiefschlaf ↑, Nachtschlaf konsolidiert → EDS ↓, Kataplexie ↓
Serotonin- und Noradrenalintransporter (SERT, NET) SNRI (Venlafaxin), Trizyklika (Clomipramin) REM-Suppression → Kataplexie ↓

Therapie

Ziel ist, Tagesschläfrigkeit und Kataplexien so weit zu senken, dass Alltag, Schule und Beruf gelingen; eine vollständige Symptomkontrolle ist selten. Basis für alle sind geplante Kurzschlafphasen am Tag, feste Schlaf- und Aktivitätszeiten und Schlafhygiene. Die Arzneistoffwahl richtet sich nach dem führenden Symptom und den Komorbiditäten.

Stufenschema nach Zielsymptom

Die deutsche Leitlinie der DGN ordnet nach Zielsymptom und gibt innerhalb der ersten Wahl mangels Vergleichsstudien keine Rangfolge vor.

Tabellarische Grafik mit Wirkstoffen in Zeilen und Symptomen in Spalten, Häkchen bei wirksamer Kombination.

Welcher Wirkstoff wirkt gegen welches Narkolepsie-Symptom.
Zielsymptom Erste Wahl Danach
Tagesschläfrigkeit Modafinil, Pitolisant, Natriumoxybat, Solriamfetol Methylphenidat, dann Amphetamin-Derivate (Dexamfetamin)
Kataplexie (mittelschwer bis schwer) Natriumoxybat, Pitolisant, Venlafaxin, niedrig dosiertes Clomipramin Kombinationen
Gestörter Nachtschlaf Natriumoxybat Benzodiazepine oder Z-Substanzen nur kurzfristig
Schlaflähmung, Halluzinationen Natriumoxybat, Pitolisant, Antidepressiva (schwache Empfehlung) Kombinationen
💡 Merke

Wachmacher (Modafinil, Solriamfetol, Stimulanzien) wirken nur gegen die Tagesschläfrigkeit, Antidepressiva nur gegen die Kataplexie. Natriumoxybat und Pitolisant decken beides ab.

Modafinil ist meist gut verträglich (Kopfschmerz, Blutdruckanstieg). Methylphenidat und Amphetamine bleiben wegen Missbrauchspotenzial, Psychosen und kardiovaskulärer Risiken Reserve. Krankheitsmodifizierende Immuntherapien und Selegilin werden nicht empfohlen.

Pitolisant, Natriumoxybat und Solriamfetol

Diese drei Wirkstoffe werden fast nur bei Narkolepsie eingesetzt und unterscheiden sich im Angriffspunkt und damit im Wirkspektrum.

Wirkstoff Wirkprinzip Wichtigste UAW und Besonderheiten
Pitolisant inverser Agonist am konstitutiv aktiven, präsynaptischen H3-Auto- und Heterorezeptor (Gi) → Freisetzung von Histamin, sekundär Noradrenalin, Dopamin, Acetylcholin ↑ Kopfschmerz, Insomnie, Übelkeit; geringes Missbrauchspotenzial (kein Dopaminanstieg im Nucleus accumbens); CYP3A4-Induktion → hormonelle Kontrazeption unsicher
Natriumoxybat Natriumsalz der γ-Hydroxybuttersäure, Agonist am GABA-B-Rezeptor; wegen kurzer Halbwertszeit abends und erneut nachts eingenommen; Tiefschlaf ↑, Effekt am Tag erst nach Wochen Übelkeit, nächtliche Verwirrtheit, Enuresis, Gewichtsverlust, Atemdepression; hohe Na⁺-Last (Hypertonie, Herzinsuffizienz); Missbrauch, unterliegt dem BtMG
Solriamfetol Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, anders als Amphetamin kein Freisetzer Insomnie, Kopfschmerz, Appetit ↓, Angst; Blutdruck und Puls ↑ → Herz-Kreislauf-Erkrankungen beachten; überwiegend renal eliminiert → an Nierenfunktion anpassen; nicht gegen Kataplexie
⚠️ Achtung: Natriumoxybat mit Sedativa

Alkohol, Benzodiazepine, Z-Substanzen und Opioide verstärken die ZNS- und Atemdepression von Natriumoxybat; die Kombination ist zu vermeiden. Eine unbehandelte Schlafapnoe kann sich unter Natriumoxybat verschlechtern.

Kataplexie und verschlechternde Arzneimittel

Gegen die Kataplexie werden Venlafaxin oder niedrig dosiertes Clomipramin eingesetzt, überwiegend off-label. Die Hemmung der Noradrenalin- und Serotonin-Wiederaufnahme verstärkt die REM-Off-Neurone und unterdrückt so REM-Schlaf und REM-Atonie.

Prüferinnenfrage
Warum helfen Antidepressiva gegen die Kataplexie, nicht aber gegen die Tagesschläfrigkeit?
Antwort anzeigen

Durch die Wiederaufnahmehemmung steigen Noradrenalin und Serotonin an den REM-Off-Neuronen, REM-Schlaf und die REM-Atonie werden unterdrückt. Das trifft die REM-Intrusion, also Kataplexie, Schlaflähmung und Halluzinationen. Den instabilen Wachzustand selbst stabilisiert das nicht; dafür braucht es dopaminerge oder histaminerge Wachheitsförderung oder einen konsolidierten Nachtschlaf durch Natriumoxybat.

Medikationsanalyse bei Narkolepsie:

  • Sedierende Arzneimittel und Alkohol: verstärken die Tagesschläfrigkeit, etwa sedierende H1-Antihistaminika.
  • Prazosin: kann Kataplexien bis zum Status cataplecticus auslösen, vermutlich weil die α1-Blockade den noradrenergen Tonus gegen die Atonie schwächt.
  • Abruptes Absetzen von Antidepressiva: Rebound-Kataplexie bis zum Status cataplecticus, daher ausschleichen.

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Teste dich mit 10 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Natriumoxybat wird nachts eingenommen und bessert über einen konsolidierten Schlaf auch die Tagesschläfrigkeit.

Als GABA-B-Agonist fördert es den Tiefschlaf und stabilisiert den Nachtschlaf; Tagesschläfrigkeit und Kataplexie nehmen über Wochen ab.

Zuordnen

Reihenfolge

Aussage 4

Modafinil ist eine gute Option zur Reduktion von Kataplexien.

Modafinil wirkt nur gegen die Tagesschläfrigkeit. Gegen Kataplexie helfen Natriumoxybat, Pitolisant und Antidepressiva wie Venlafaxin oder Clomipramin.

Aussage 5

Bei Narkolepsie Typ 2 ist das Orexin im Liquor typischerweise normal.

NT2 ist durch fehlende Kataplexie und normales Liquor-Orexin definiert; der Orexinmangel kennzeichnet NT1.

Aussage 6

Prazosin kann bei Narkolepsie Kataplexien auslösen.

Die α1-Blockade schwächt den noradrenergen Tonus, der die Atonie unterdrückt; Kataplexien bis zum Status cataplecticus sind beschrieben.

Warum?

Aussage 8

Pitolisant ist ein Antagonist am postsynaptischen H1-Rezeptor.

Pitolisant ist ein inverser Agonist am präsynaptischen H3-Rezeptor. Es steigert so die Histaminfreisetzung; eine H1-Blockade würde dagegen sedieren.

Aussage 9

Solriamfetol setzt wie Amphetamin Dopamin und Noradrenalin aus den Vesikeln frei.

Solriamfetol hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin, ist aber im Unterschied zu Amphetamin kein Freisetzer.

Prüferin fragt

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