Psychostimulanzien
Psychostimulanzien steigern Wachheit, Aufmerksamkeit und Antrieb, überwiegend durch mehr Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt. Den Kern bildet der Mechanismusvergleich: Methylphenidat hemmt die Wiederaufnahme, Amfetamine setzen die Transmitter frei. Daraus folgen Einsatz bei ADHS und Narkolepsie, UAW und Missbrauchspotenzial.
Dein roter Faden
- Einordnung: Psychostimulanzien steigern akut Wachheit, Aufmerksamkeit und Antrieb über mehr Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt.
- Mechanismus: Methylphenidat hemmt DAT und NET (impulsabhängig), Amfetamine werden aufgenommen, verdrängen Dopamin aus den Vesikeln und kehren den Transporter um (impulsunabhängig); Coffein blockiert Adenosinrezeptoren.
- Indikationen: ADHS mit Methylphenidat als erster Wahl, Narkolepsie mit Modafinil erstlinig gegen Tagesschläfrigkeit, keine Wirkung auf Kataplexie.
- Kinetik und Arzneiformen: kurze Halbwertszeit von Methylphenidat (CES1) erfordert Retardformen; Lisdexamfetamin wird in Erythrozyten langsam zu Dexamfetamin gespalten, das senkt das Missbrauchspotenzial.
- UAW: Appetitminderung und Wachstumsverzögerung, Schlafstörungen, Tachykardie und Blutdruckanstieg, Tics und Psychosen, Abhängigkeit als Folge der Katecholaminverstärkung.
- KI und Wechselwirkungen: kardiovaskuläre Erkrankungen, Hyperthyreose, Engwinkelglaukom, Psychose und Suchtanamnese; MAO-Hemmer (hypertensive Krise), Sympathomimetika, Modafinil senkt über CYP3A4 die Wirkung hormonaler Kontrazeptiva.
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Überblick
Psychostimulanzien sind zentral erregende Arzneistoffe. Sie verstärken vor allem die dopaminerge und noradrenerge Neurotransmission und steigern so Wachheit, Aufmerksamkeit und Antrieb. Anders als Antidepressiva wirken sie akut, ab der ersten Dosis.
Arzneistoff, der durch Verstärkung katecholaminerger (oder Hemmung adenosinerger) Transmission Müdigkeit unterdrückt und Wachheit, Konzentration und Antrieb akut steigert.
- Zwei Hauptprinzipien: Wiederaufnahmehemmung (Methylphenidat) vs. Freisetzung (Amfetamine); Coffein wirkt über Adenosinrezeptor-Antagonismus.
- Hauptindikationen: ADHS und Tagesschläfrigkeit bei Narkolepsie.
- Betäubungsmittel: Methylphenidat und die Amfetamine fallen unter das BtMG, Modafinil nicht, Coffein ist frei erhältlich.
- Klassentypisch: sympathomimetische UAW und ein Missbrauchspotenzial, das mit der Geschwindigkeit des Dopaminanstiegs wächst.
Leitsubstanz ist Methylphenidat, das Stimulans der ersten Wahl bei ADHS.
- Prinzip: hemmt Dopamin- (DAT) und Noradrenalintransporter (NET) → mehr Dopamin und Noradrenalin im Spalt, impulsabhängig.
- Kinetik: kurze Halbwertszeit, Esterspaltung durch Carboxylesterase 1 (CES1) zur inaktiven Ritalinsäure, daher Retardformen.
- Einsatz: ADHS (erste Wahl), Narkolepsie in zweiter Linie.
- Besonderheit: Racemat, wirksam ist das d-threo-Enantiomer (Dexmethylphenidat).
Vertreter
Die Vertreter unterscheidet man nach dem Angriff am Monoamintransporter: Methylphenidat blockiert ihn, Amfetamine werden als Substrat aufgenommen und kehren ihn um. Lisdexamfetamin ist ein Prodrug des Dexamfetamins. Modafinil und Coffein sind schwächere Wachmacher mit eigenem Mechanismus.
Wirkmechanismus
Gemeinsame Endstrecke ist mehr Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt, vor allem im präfrontalen Cortex (Aufmerksamkeit, Exekutivfunktion) und im Striatum. Der Weg dorthin unterscheidet sich grundlegend.
- Target: bindet von außen an DAT und NET und blockiert die Wiederaufnahme (ähnlich Cocain).
- Folge: verstärkt nur impulsabhängig freigesetzten Transmitter, die vesikulären Speicher bleiben unberührt.
- Target: Substrat von DAT und NET, wird in die Nervenendigung transportiert.
- Folge: verdrängt Dopamin über VMAT2 aus den Vesikeln und kehrt den Transporter um → impulsunabhängige Freisetzung (Details bei den indirekten Sympathomimetika).
Methylphenidat blockiert den Transporter, Amfetamin dreht ihn um: Hemmung verstärkt das vorhandene Signal, Freisetzung erzeugt eines.
- Lisdexamfetamin: d-Amfetamin, über eine Amidbindung an L-Lysin gekoppelt und inaktiv, bis Peptidasen der Erythrozyten die Bindung spalten.
- Modafinil: schwache DAT-Hemmung, nachgeschaltet Aktivierung orexinerger und histaminerger Wachsysteme; der Mechanismus ist nicht vollständig geklärt.
- Coffein: antagonisiert A₁- und A₂A-Rezeptoren. Adenosin reichert sich während der Wachzeit als Müdigkeitssignal an, seine Blockade enthemmt u. a. dopaminerge Bahnen. PDE-Hemmung erst bei toxischen Konzentrationen.
Wirkungen und Anwendung
Die Wirkungen folgen direkt aus der Katecholaminverstärkung.
- Zentral: Aufmerksamkeit und Impulskontrolle ↑, Wachheit und Antrieb ↑; bei ADHS keine paradoxe Dämpfung, sondern Normalisierung präfrontaler Funktion.
- Appetithemmung: über hypothalamische Katecholaminwirkung.
- ADHS: Stimulanzien sollen initial eingesetzt werden, zuerst Methylphenidat, bei Kindern danach Amfetamine; Alternativen sind Atomoxetin und Guanfacin.
- Narkolepsie: Modafinil erstlinig gegen die Tagesschläfrigkeit, Methylphenidat und Amfetamine erst in zweiter Linie; gegen Kataplexie wirkt keines.
- Coffein: Kombinationspartner in Analgetika, Apnoe-Therapie bei Frühgeborenen.
- Nicht empfohlen: Augmentation bei unipolarer Depression (kein Wirksamkeitsbeleg).
Pharmakokinetik
Methylphenidat hat eine Halbwertszeit von wenigen Stunden, deshalb bestimmt die Arzneiform das Wirkprofil über den Tag.
- Methylphenidat: Esterhydrolyse durch CES1 zu Ritalinsäure, kaum CYP-Beteiligung; unretardiert nur wenige Stunden wirksam.
- Retardformen: biphasische Pellets (Sofort- plus Retardanteil) oder osmotisches System (OROS) decken den Tag ab; morgens einnehmen, sonst leidet der Schlaf.
- Lisdexamfetamin: geschwindigkeitsbestimmende Spaltung im Blut → flacher Anstieg, lange Wirkung.
- Amfetamin: renale Ausscheidung pH-abhängig, saurer Urin beschleunigt sie (Ionenfalle).
- Coffein: Abbau über CYP1A2; Rauchen induziert, Fluvoxamin und Ciprofloxacin hemmen.
- Modafinil: induziert CYP3A4.
Unerwünschte Wirkungen
Die meisten UAW sind die Kehrseite der Katecholaminverstärkung, zentral wie peripher, und dosisabhängig.
| UAW | warum | |
|---|---|---|
Stoffwechsel |
Appetitminderung, Gewichtsverlust, Wachstumsverzögerung | hypothalamische Katecholaminwirkung; bei Kindern Größe und Gewicht kontrollieren |
ZNS |
Ein- und Durchschlafstörungen | zentrale Aktivierung bis in den Abend |
Herz · Gefäße |
Tachykardie, Blutdruckanstieg | peripher Noradrenalin ↑ |
ZNS |
Tics, Psychosen, Manie | striatale bzw. mesolimbische Dopaminüberaktivität |
ZNS |
Missbrauch, Abhängigkeit | schneller Dopaminanstieg im Nucleus accumbens (Belohnungssystem) |
Unter gleichmäßigen therapeutischen Spiegeln ist das Abhängigkeitsrisiko gering. Zum missbräuchlichen Konsum siehe Rauschdrogen und Abhängigkeit und Sucht. Modafinil verursacht selten schwere Hautreaktionen bis zum Stevens-Johnson-Syndrom.
Kontraindikationen und Wechselwirkungen
Kontraindiziert ist alles, was zusätzliche Sympathikusaktivierung oder Dopaminverstärkung nicht verträgt.
- Kardiovaskuläre Erkrankungen: schwere Hypertonie, Arrhythmien, KHK, weil Frequenz und Druck steigen.
- Hyperthyreose, Phäochromozytom: gesteigerte Katecholaminempfindlichkeit bzw. Katecholaminlast.
- Engwinkelglaukom: α-adrenerge Mydriasis.
- Psychose, Manie, Abhängigkeitsanamnese: Dopamin ↑; bei Substanzkonsum allenfalls langwirksame Präparate.
- Blutdrucksteigernde Stoffe: Sympathomimetika wie Pseudoephedrin in Erkältungsmitteln addieren sich.
- Modafinil + hormonale Kontrazeptiva: CYP3A4-Induktion → Wirkverlust, zusätzlich nicht hormonell verhüten.
Freigesetzte Katecholamine werden nicht mehr abgebaut: Gefahr der hypertensiven Krise. Kontraindiziert bis mindestens 14 Tage nach Absetzen eines MAO-Hemmers.
Unterschiede innerhalb der Klasse
Amfetamine wirken stärker als Methylphenidat, weil sie Transmitter auch ohne Impuls freisetzen; entsprechend höher sind Psychose- und Missbrauchsrisiko.
| Merkmal | Methylphenidat | Dexamfetamin | Lisdexamfetamin | Modafinil |
|---|---|---|---|---|
| Mechanismus | DAT/NET-Hemmung | Freisetzung, Transporterumkehr | Prodrug von Dexamfetamin | schwache DAT-Hemmung |
| Wirkdauer | kurz, retardiert ganztags | kurz bis mittel | lang, gleichmäßig | lang |
| Einsatz | ADHS 1. Wahl | ADHS (Kinder) nach Methylphenidat | ADHS nach Methylphenidat, Erwachsene | Narkolepsie 1. Linie |
| BtM | ja | ja | ja | nein |
Antwort anzeigen
Die Lysin-Amidbindung wird erst in den Erythrozyten gespalten, und diese Spaltung ist geschwindigkeitsbestimmend. Dadurch flutet d-Amfetamin langsam an, der Spiegel bleibt flach und die Wirkung hält ganztags. Weil das Suchtpotenzial am schnellen Dopaminanstieg hängt, sinkt es; auch Schnupfen oder Injizieren beschleunigt die Freisetzung nicht. Aufgehoben ist es nicht, Lisdexamfetamin bleibt ein Betäubungsmittel.
Teste dich
Aussage 1
Methylphenidat wird überwiegend über CYP2D6 abgebaut.
Methylphenidat wird durch die Carboxylesterase 1 (CES1) zur inaktiven Ritalinsäure hydrolysiert, CYP-Enzyme spielen kaum eine Rolle.
Warum?
Aussage 3
Modafinil wird bei Narkolepsie zur Behandlung der Kataplexie eingesetzt.
Modafinil ist erstlinig gegen die Tagesschläfrigkeit, gegen Kataplexie wirkt keines der Stimulanzien.
Aussage 4
Coffein wirkt in üblichen Mengen vor allem durch Hemmung der Phosphodiesterase.
Coffein wirkt über Antagonismus an A₁- und A₂A-Adenosinrezeptoren; PDE-Hemmung tritt erst bei toxischen Konzentrationen auf.
Aussage 5
Modafinil kann durch CYP3A4-Induktion die Wirkung hormonaler Kontrazeptiva abschwächen.
Modafinil induziert CYP3A4, die Hormonspiegel sinken; zusätzlich nicht hormonell verhüten.
Zuordnen
Aussage 7
Amfetamine setzen Dopamin auch ohne neuronalen Impuls frei.
Als Substrat des Transporters verdrängen sie Dopamin aus den Vesikeln und kehren den Transporter um, die Freisetzung ist impulsunabhängig.
Aussage 8
Saurer Urin beschleunigt die renale Ausscheidung von Amfetamin.
Amfetamin ist eine Base; im sauren Urin liegt es protoniert vor und wird nicht rückresorbiert (Ionenfalle).
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