Grundlagen

Histamin

Histamin ist Mediator der allergischen Sofortreaktion, parakriner Stimulus der Magensäure und Neurotransmitter der Wachheit. Den Kern bilden die Zuordnung der vier Rezeptorsubtypen zu Signalweg und Wirkung und die Angriffspunkte von Freisetzung bis Rezeptor.

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  • Bildung: Histamin entsteht durch die Histidindecarboxylase aus L-Histidin und wird in Mastzellen, basophilen Granulozyten, ECL-Zellen und histaminergen Neuronen gespeichert.
  • Abbau: Ohne Wiederaufnahme inaktivieren die Diaminoxidase (extrazellulär, Darm) und die Histamin-N-Methyltransferase (intrazellulär, ZNS) mit anschließender MAO-B.
  • Freisetzung: IgE-vermittelt nach Sensibilisierung, durch Histaminliberatoren wie Morphin, Vancomycin oder Kontrastmittel schon bei Erstkontakt sowie durch physikalische Reize.
  • Rezeptoren: H1 über Gq (Vasodilatation, Permeabilität, Bronchokonstriktion, Juckreiz, Wachheit), H2 über Gs (Säure, Herz, Gefäß), H3 präsynaptisch und H4 auf Immunzellen über Gi.
  • Gefäß und Haut: H1 und H2 dilatieren zeitlich versetzt und addieren sich zur Hypotonie; die Triple response zeigt roten Fleck, Quaddel und Hof durch Axonreflex.
  • Angriffspunkte: Mastzellstabilisatoren hemmen die Freisetzung, H1- und H2-Antagonisten blockieren die Rezeptoren, Pitolisant enthemmt über H3 die Histaminfreisetzung, Adrenalin wirkt funktionell antagonistisch.

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Synthese, Speicherung und Abbau

Histamin (2-(Imidazol-4-yl)ethylamin) ist ein biogenes Amin unter den Gewebshormonen. Es entsteht durch die pyridoxalphosphatabhängige Histidindecarboxylase aus L-Histidin. Welcher Speicher betroffen ist, bestimmt die Wirkung:

  • Mastzellen: in Granula ionisch an Heparin und Proteoglykane gebunden, reichlich in Haut, Bronchial- und Darmschleimhaut sowie perivaskulär → Hauptquelle bei Allergie.
  • Basophile Granulozyten: das zirkulierende Pendant der Mastzellen.
  • ECL-Zellen (enterochromaffin-like) der Magenschleimhaut: durch Gastrin stimuliert, wirken parakrin auf die Belegzelle.
  • Histaminerge Neurone: Nucleus tuberomammillaris des Hypothalamus mit Projektionen in den Kortex → Wachheit.

Eine neuronale Wiederaufnahme wie bei Noradrenalin gibt es nicht. Inaktiviert wird enzymatisch auf zwei Wegen:

  • Diaminoxidase (DAO): extrazellulär, v. a. Darmmukosa, Niere und Plazenta; oxidative Desaminierung zu Imidazolessigsäure. Sie fängt Histamin aus der Nahrung ab, bei verminderter Aktivität (genetisch, Hemmung durch Alkohol oder Arzneistoffe) drohen Beschwerden nach histaminreichen Lebensmitteln.
  • Histamin-N-Methyltransferase (HNMT): intrazellulär, v. a. ZNS und Bronchien; Methylierung zu N-Methylhistamin, weiter durch MAO-B zu N-Methylimidazolessigsäure. Im ZNS der entscheidende Abbauweg.

Reaktionsschema mit Strukturformeln von Histidin, Histamin und den Abbauprodukten über Diaminoxidase und Histamin-N-Methyltransferase.

Synthese und die zwei Abbauwege des Histamins.

Freisetzung

Histamin wird durch Exozytose der Granula frei, gemeinsamer Endpunkt ist ein Anstieg des zytosolischen Ca²⁺. Die Auslöser unterscheiden sich darin, ob eine Sensibilisierung vorausgehen muss.

  • IgE-vermittelt: Allergen vernetzt zellgebundenes IgE am FcεRI → Ca²⁺-Anstieg → Degranulation; zusätzlich werden Tryptase, Leukotriene und Prostaglandine frei (Typ-I-Reaktion: Allergie und Atopie).
  • Histaminliberatoren: Arzneistoffe (Morphin, Codein, Vancomycin mit Red-Man-Syndrom, Atracurium, Mivacurium, iodhaltige Röntgenkontrastmittel) und Nahrungsmittel (Erdbeeren, Tomaten, Zitrusfrüchte, Schalentiere).
  • Physikalische Reize: Kälte, Wärme, Druck, Reibung (Dermographismus), UV-Licht, Anstrengung → physikalische Urtikaria.
📖 Definition: Histaminliberator

Stoff, der Mastzellen ohne vorherige Sensibilisierung und unabhängig von IgE degranuliert, oft als kationisches Molekül direkt an der Mastzelle (z. B. über den Rezeptor MRGPRX2). Die Reaktion ist dosis- und infusionsgeschwindigkeitsabhängig und tritt schon bei der ersten Gabe auf.

Klinisch entsteht so eine pseudoallergische Reaktion (Arzneimittelallergie). Deshalb wird etwa Vancomycin langsam infundiert.

Histaminrezeptoren und Wirkungen

Alle vier Subtypen sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (Signaltransduktion), die Kopplung erklärt die Wirkung. H1 und H2 tragen die peripheren Effekte, H3 und H4 modulieren.

Rezeptor Kopplung Ort Wirkung (warum)
H1 Gq → PLC → IP₃/DAG → Ca²⁺ ↑ Endothel, glatte Muskulatur, sensible Nerven, ZNS Vasodilatation (endotheliales NO); Permeabilität ↑ in postkapillären Venolen (Endothelkontraktion) → Ödem; Bronchokonstriktion, Darmkontraktion; Juckreiz; Wachheit
H2 Gs → cAMP ↑ Belegzelle, Herz, Gefäßmuskel Säuresekretion (Magensäuresekretion); positiv chrono- und inotrop; direkte Gefäßrelaxation
H3 Gi/o → cAMP ↓, Ca²⁺-Einstrom ↓ präsynaptisch, ZNS Autorezeptor: Synthese und Freisetzung von Histamin ↓; Heterorezeptor: Freisetzung von ACh, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin ↓
H4 Gi/o Mastzellen, Eosinophile, T-Zellen Chemotaxis, Juckreiz, Entzündung; bisher kein zugelassener Ligand
💡 Merke

H1 über Gq (Ca²⁺ ↑), H2 über Gs (cAMP ↑), H3 und H4 über Gi (cAMP ↓).

Zusammenspiel am Gefäß

H1 und H2 wirken am Gefäß gleichsinnig, aber zeitlich versetzt: H1 dilatiert rasch und kurz über endotheliales NO, H2 langsamer und anhaltend über cAMP direkt im Gefäßmuskel. Bei massiver Freisetzung summieren sich beide zu Flush, Kopfschmerz und Blutdruckabfall, die Tachykardie verstärkt H2 am Herz zusätzlich zur Reflexantwort.

Prüferinnenfrage
Warum genügt ein H1-Antihistaminikum allein nicht, um eine histaminbedingte Hypotonie aufzuheben?
Antwort anzeigen

Weil die Vasodilatation über zwei Rezeptoren läuft: H1 über endotheliales NO, H2 über cAMP direkt in der glatten Muskulatur. Blockiert man nur H1, bleibt die verzögerte, anhaltende H2-Komponente bestehen. Erst H1- plus H2-Blockade hebt die Blutdrucksenkung vollständig auf, deshalb kombiniert man beide etwa zur Prophylaxe vor Gabe eines Histaminliberators.

Triple response

Die Triple response nach Lewis zeigt die H1-Wirkungen an der Haut nach intradermaler Histamingabe oder kräftigem Kratzen:

Schnittbild der Haut mit Gefäßen und Nervenfaser, das die drei Komponenten der Histaminreaktion zeigt.

Triple response nach Lewis: roter Fleck und Quaddel über H₁ am Gefäß, Hof durch Axonreflex der C-Faser.
  1. Roter Fleck: lokale Dilatation von Kapillaren und Arteriolen am Ort der Einwirkung.
  2. Quaddel: Plasmaaustritt aus postkapillären Venolen → umschriebenes Ödem.
  3. Hof (Flare): Axonreflex: Histamin erregt sensible C-Fasern, deren Kollateralen antidrom Substanz P und CGRP freisetzen → Arteriolendilatation in der Umgebung.

Dazu kommt Juckreiz über H1 an sensiblen Nerven. Beim Prick-Test dient Histamin als Positivkontrolle; H1-Antihistaminika müssen vorher abgesetzt werden, sonst fällt der Test falsch negativ aus.

Pharmakologische Angriffspunkte

Histamin lässt sich an jeder Station angehen: Freisetzung, Rezeptor oder Folgewirkung. Die Arzneistoffe werden auf ihren eigenen Seiten vertieft.

Schema einer Mastzelle, die Histamin freisetzt, mit Zielorganen und Rezeptoren H1 bis H3 sowie markierten Angriffsorten der Arzneistoffe.

Histaminsystem und seine pharmakologischen Angriffspunkte.
Angriffspunkt Prinzip Einsatz
Mastzelle Mastzellstabilisatoren (Cromoglicinsäure): Degranulation ↓ nur prophylaktisch, weil freigesetztes Histamin unbeeinflusst bleibt
H1 H1-Antihistaminika (Cetirizin), inverse Agonisten allergische Rhinitis, Urtikaria; ZNS-gängige ältere Vertreter sedieren (sedierende H1-Antihistaminika)
H2 H2-Antagonisten (Famotidin) Säuresekretion ↓, heute meist durch PPI ersetzt
H3 Pitolisant, inverser Agonist Narkolepsie
funktionell Adrenalin Anaphylaxie

Pitolisant blockiert den konstitutiv aktiven H3-Autorezeptor. Die präsynaptische Bremse fällt weg, histaminerge Neurone setzen mehr Histamin frei, und über zentrale H1-Rezeptoren steigt die Wachheit: das Spiegelbild der Sedierung durch ZNS-gängige H1-Antihistaminika.

Adrenalin ist ein funktioneller Antagonist: Es bindet nicht an Histaminrezeptoren, sondern bewirkt über Adrenozeptoren die Gegenwirkung.

  • α₁: Vasokonstriktion, Permeabilität ↓ → Blutdruck ↑, Ödem ↓.
  • β₂ an Bronchien: Bronchodilatation.
  • β₂ an Mastzellen: cAMP ↑ → weitere Freisetzung ↓.

Deshalb wirkt es unabhängig davon, welcher Mediator die Reaktion trägt, und schneller als ein kompetitiver H1-Blocker, der gebundenes Histamin erst verdrängen muss.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Lückentext

Aussage 2

Mastzellstabilisatoren eignen sich zur Akutbehandlung allergischer Beschwerden.

Sie hemmen nur die Degranulation, bereits freigesetztes Histamin bleibt unbeeinflusst; daher werden sie prophylaktisch eingesetzt.

Aussage 3

H2-Rezeptoren erhöhen über Gs den cAMP-Spiegel und steigern am Herz Frequenz und Kontraktilität.

H2 koppelt an Gs, cAMP steigt; am Herz wirkt Histamin darüber positiv chrono- und inotrop.

Zuordnen

Warum?

Aussage 6

Die Diaminoxidase ist im ZNS der entscheidende Abbauweg für Histamin.

Im ZNS baut die intrazelluläre Histamin-N-Methyltransferase ab; die Diaminoxidase wirkt extrazellulär vor allem in Darmmukosa, Niere und Plazenta.

Aussage 7

Histaminliberatoren lösen eine Reaktion erst nach vorheriger Sensibilisierung aus.

Histaminliberatoren degranulieren Mastzellen IgE-unabhängig und ohne Sensibilisierung, die Reaktion tritt schon bei der ersten Gabe auf.

Reihenfolge

Aussage 9

Der Hof der Triple response entsteht durch einen Axonreflex mit antidromer Freisetzung von Substanz P und CGRP.

Histamin erregt sensible C-Fasern, deren Kollateralen Neuropeptide freisetzen und die Arteriolen in der Umgebung erweitern.

Prüferin fragt

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