Arzneistoffe

Antimetaboliten

Antimetaboliten sind falsche Bausteine der Nucleotidsynthese: Folsäureantagonisten, Pyrimidin- und Purin-Analoga hemmen DHFR, Thymidylatsynthase oder die DNA-Synthese. Den Kern bilden die Mechanismen, die Aktivierung und der Abbau der Prodrugs (DPD, TPMT, Xanthinoxidase), die Folinsäure und die lebensbedrohlichen Wechselwirkungen.

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  • Prinzip: Antimetaboliten sind falsche Substrate der Nucleotidsynthese und wirken S-Phase-spezifisch auf schnell proliferierendes Gewebe.
  • Folatzyklus: Methotrexat hemmt die DHFR, Pemetrexed v. a. die Thymidylatsynthase, 5-FU blockiert die TS über FdUMP im ternären Komplex.
  • Nucleosid-Analoga: Cytarabin und Gemcitabin werden zum Triphosphat phosphoryliert und führen zum Kettenabbruch, Azacitidin hemmt die DNMT und hypomethyliert.
  • Prodrugs und Abbau: Capecitabin wird tumorbetont aktiviert, 5-FU über DPD und Mercaptopurin über TPMT und Xanthinoxidase abgebaut.
  • UAW: Myelosuppression und Mukositis als Klasseneffekt, dazu Hand-Fuß-Syndrom, Koronarspasmen unter Fluoropyrimidinen und Nieren-, Leber-, Lungentoxizität unter MTX.
  • Folinsäure: verstärkt 5-FU als Modulator und dient nach Hochdosis-MTX als Rescue, weil sie die DHFR umgeht.
  • Lebensbedrohliche Wechselwirkungen: Brivudin oder DPD-Mangel mit Fluoropyrimidinen, Allopurinol mit Mercaptopurin, NSAR und Penicilline mit Methotrexat.

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Überblick

Antimetaboliten sind Strukturanaloga von Nucleinsäurebausteinen oder ihren Cofaktoren. Sie hemmen Schlüsselenzyme der Nucleotidsynthese oder werden als falsches Substrat in DNA und RNA eingebaut. Deshalb wirken sie S-Phase-spezifisch und treffen alles, was schnell proliferiert: Tumor, Knochenmark und Schleimhaut (allgemeine Prinzipien unter Zytostatika allgemein).

  • Folsäureantagonisten: hemmen folatabhängige Enzyme (DHFR, Thymidylatsynthase).
  • Pyrimidin-Analoga: Fluoropyrimidine und Cytidin-Analoga.
  • Purin-Analoga: Thiopurine, v. a. in der Leukämie-Erhaltungstherapie.
  • Hypomethylierende Substanzen: Azacitidin, epigenetisch wirksam, am Rand der Klasse.
  • Stellenwert: Rückgrat vieler Kombinationsprotokolle bei Leukämien und soliden Tumoren.

Typischer Vertreter ist Methotrexat, der klassische Folsäureantagonist.

Strukturformel von Methotrexat
Methotrexat
Antimetaboliten · Leitsubstanz
  • Prinzip: fest bindender, kompetitiver DHFR-Hemmer → Tetrahydrofolat-Mangel → Thymidylat- und Purinsynthese ↓
  • Kinetik: Aufnahme über den reduzierten Folat-Carrier, intrazellulär polyglutamiert, überwiegend renal eliminiert
  • Einsatz: hochdosiert bei ALL, ZNS-Lymphomen, Osteosarkom; niedrig dosiert als csDMARD
  • Besonderheit: Hochdosis nur mit Folinsäure-Rescue, Spiegelkontrolle und Harnalkalisierung

Vertreter

Man unterscheidet die Vertreter nach dem nachgeahmten Baustein (Folat, Pyrimidin, Purin) und danach, ob sie direkt wirken oder erst aus einem Prodrug freigesetzt bzw. intrazellulär phosphoryliert werden. Gemeinsam ist allen die Abhängigkeit von Transportern und Enzymen der Zielzelle, was Selektivität, Resistenz und pharmakogenetische Risiken erklärt.

Wirkstoffe
Strukturformel von Methotrexat
Folsäureantagonisten Methotrexat
Strukturformel von Pemetrexed
Folsäureantagonisten Pemetrexed Multitarget
Strukturformel von Fluorouracil
Fluoropyrimidine Fluorouracil
Strukturformel von Capecitabin
Fluoropyrimidine Capecitabin orales Prodrug
Strukturformel von Cytarabin
Cytidin-Analoga Cytarabin
Strukturformel von Gemcitabin
Cytidin-Analoga Gemcitabin
Strukturformel von Mercaptopurin
Purin-Analoga Mercaptopurin
Strukturformel von Azacitidin
Hypomethylierende Substanzen Azacitidin

Wirkmechanismus

Zentral ist der Folatzyklus. Die Dihydrofolatreduktase (DHFR) regeneriert Tetrahydrofolat (THF) aus Dihydrofolat, die Thymidylatsynthase (TS) methyliert dUMP zu dTMP und verbraucht dabei 5,10-Methylen-THF. Ohne DHFR fehlt THF, ohne TS fehlt Thymidin: Die DNA-Synthese bricht ab.

Kreisschema Dihydrofolat zu Tetrahydrofolat zu Methylen-THF; Methotrexat hemmt DHFR, Pemetrexed und FdUMP hemmen die Thymidylatsynthase, Folinsäure speist hinter der DHFR ein

Folatzyklus: DHFR und Thymidylatsynthase als Angriffspunkte der Antimetaboliten
  • Methotrexat: bindet DHFR um Größenordnungen fester als Dihydrofolat. Polyglutamate (Folylpolyglutamat-Synthase) bleiben in der Zelle und hemmen zusätzlich TS und Enzyme der Purinsynthese.
  • Pemetrexed: Multitarget-Folatantagonist, hemmt v. a. TS, daneben DHFR und GARFT (Purinsynthese).
  • 5-FU: wird zu FdUMP, das mit TS und 5,10-Methylen-THF einen kovalenten ternären Komplex bildet. Folinsäure füllt den Methylen-THF-Pool und stabilisiert den Komplex. Zusätzlich Einbau als FUTP in RNA.
  • Cytarabin, Gemcitabin: über Desoxycytidinkinase zum Triphosphat phosphoryliert, Einbau in DNA → Kettenabbruch. Gemcitabin hemmt als Diphosphat zusätzlich die Ribonucleotidreduktase (Selbstverstärkung).
  • Mercaptopurin: über HGPRT zu Thio-IMP → de-novo-Purinsynthese ↓; Thioguanin-Nucleotide werden in DNA eingebaut.
  • Azacitidin: in DNA eingebaut, fängt die DNA-Methyltransferase (DNMT) kovalent ab und führt zu ihrem Abbau.
📖 Definition: Hypomethylierung

Verlust der Cytosin-Methylierung in CpG-Inseln nach DNMT-Hemmung. Stillgelegte Tumorsuppressorgene werden wieder abgelesen, maligne Zellen differenzieren oder gehen in Apoptose.

Wirkungen und Anwendung

Die Wirkung ist zytotoxisch und proliferationsabhängig, eingesetzt wird fast immer in Kombinationsprotokollen.

  • Methotrexat: ALL (auch intrathekal zur ZNS-Prophylaxe), ZNS-Lymphome, Osteosarkom; niedrig dosiert bei Autoimmunerkrankungen (csDMARD).
  • Pemetrexed: nicht-plattenepitheliales NSCLC, Pleuramesotheliom.
  • 5-FU, Capecitabin: kolorektales, Magen- und Pankreaskarzinom; Capecitabin auch beim Mammakarzinom.
  • Cytarabin: AML, Induktion und hochdosierte Konsolidierung.
  • Gemcitabin: Pankreas-, Harnblasenkarzinom, NSCLC, Ovarial- und Mammakarzinom.
  • Mercaptopurin: Erhaltungstherapie der ALL.
  • Azacitidin: MDS und AML bei nicht intensiv behandelbaren Patienten, auch kombiniert mit Venetoclax.

Pharmakokinetik

Aktivierende und abbauende Enzyme entscheiden bei mehreren Vertretern über Wirkung und Toxizität (genetische Grundlagen unter Pharmakogenetik).

  • Capecitabin: orales Prodrug, dreistufig aktiviert: Carboxylesterase (Leber) → Cytidindeaminase → Thymidinphosphorylase, die im Tumor stärker exprimiert ist → tumorbetonte 5-FU-Freisetzung.
  • 5-FU: i. v., sehr kurze Halbwertszeit, weil überwiegend durch die Dihydropyrimidin-Dehydrogenase (DPD) der Leber abgebaut.
  • Mercaptopurin: hoher First-Pass durch Xanthinoxidase, zusätzlich S-Methylierung durch TPMT. Geringe TPMT-Aktivität → Thioguanin-Nucleotide akkumulieren → schwere Myelosuppression. Azathioprin ist sein Prodrug (antiproliferative Immunsuppressiva).
  • Methotrexat: renal, glomerulär und tubulär über OAT sezerniert. Reichert sich in Ergüssen und Aszites an (Third Space) und wird verzögert freigesetzt → protrahierte Toxizität; nach Hochdosis Spiegelkontrolle.

Ablaufschema: Capecitabin in Leber und Tumor in drei Schritten zu 5-FU aktiviert, 5-FU durch DPD abgebaut, Brivudin-Metabolit hemmt DPD

Aktivierung von Capecitabin zu 5-FU und Abbau von 5-FU über DPD, die der Brivudin-Metabolit Bromvinyluracil hemmt

Reaktionsschema mit Mercaptopurin in der Mitte, Pfeil zu Thioguanin-Nucleotiden über HGPRT, Abbau über TPMT und Xanthinoxidase, Allopurinol blockiert die Xanthinoxidase

Mercaptopurin zwischen Aktivierung und zwei Abbauwegen

Unerwünschte Wirkungen

Die Klasseneffekte folgen direkt aus der Proliferationsabhängigkeit, die substanzspezifischen aus Verteilung und Metaboliten.

UAW warum
Blut
Myelosuppression allen
Magen-Darm
Mukositis, Diarrhö 5-FU, MTX
Haut
Hand-Fuß-Syndrom (schmerzhafte Rötung, Schwellung, Schuppung an Handflächen und Fußsohlen) Capecitabin, 5-FU-Dauerinfusion
Herz
Koronarspasmen, Angina 5-FU, Capecitabin
Niere
Nephrotoxizität Hochdosis-MTX
Leber · Atmung
Hepato-, Pneumotoxizität MTX
ZNS · Auge
Zerebellotoxizität, Konjunktivitis Hochdosis-Cytarabin

Folinsäure-Rescue: Nach Hochdosis-MTX gibt man zeitversetzt Folinsäure (5-Formyl-THF). Sie wird ohne DHFR in aktive Folate überführt und umgeht die Blockade in gesunden Zellen, nachdem die Wirkung auf den Tumor eingetreten ist. Dauer und Menge richten sich nach dem MTX-Spiegel, bei Nierenversagen spaltet Glucarpidase MTX extrazellulär.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die gefährlichsten Probleme betreffen die Abbau- und Ausscheidungswege.

  • DPD-Mangel: 5-FU kumuliert → schwere, teils tödliche Toxizität. Vor 5-FU und Capecitabin wird getestet (DPYD-Genotyp oder Uracil-Spiegel); vollständiger Mangel ist Kontraindikation, partieller erfordert Dosisreduktion.
  • Allopurinol, Febuxostat + Mercaptopurin: Xanthinoxidase gehemmt → Mercaptopurin-Spiegel steigt stark → Myelotoxizität; Dosis deutlich senken (Urikostatika).
  • MTX + NSAR, PPI, Penicilline: renale Clearance bzw. tubuläre Sekretion ↓ → MTX-Spiegel ↑. Trimethoprim wirkt zusätzlich additiv folatantagonistisch (Folsäureantagonisten).
  • Niereninsuffizienz: MTX und Pemetrexed werden renal eliminiert → bei eingeschränkter GFR Dosisanpassung oder Kontraindikation.
  • Pemetrexed: Prämedikation mit Folsäure und Vitamin B₁₂ senkt Myelo- und Schleimhauttoxizität, Dexamethason beugt Hautreaktionen vor.
  • Schwangerschaft: alle teratogen.
⚠️ Achtung: Brivudin und Fluoropyrimidine

Der Brivudin-Metabolit Bromvinyluracil hemmt DPD irreversibel. Unter 5-FU oder Capecitabin drohen tödliche Vergiftungen, daher mindestens vier Wochen Abstand (Antiherpetika).

Unterschiede innerhalb der Klasse

Innerhalb der Pyrimidin-Analoga unterscheiden sich die Paare vor allem in Applikation, Aktivierung und Einsatzgebiet.

Wirkstoff Applikation Besonderheit
5-FU i. v., Bolus oder Dauerinfusion mit Folinsäure kombiniert, DPD-Abbau
Capecitabin oral Prodrug, tumorbetonte Aktivierung, mehr Hand-Fuß-Syndrom
Cytarabin i. v., s. c., intrathekal Cytidindeaminase-Abbau, v. a. AML
Gemcitabin i. v. hemmt zusätzlich Ribonucleotidreduktase, v. a. solide Tumoren
Prüferinnenfrage
Folinsäure verstärkt 5-FU, hebt aber Methotrexat auf. Wie passt das zusammen?
Antwort anzeigen

Bei 5-FU ist Folinsäure Modulator: Sie liefert 5,10-Methylen-THF, das den ternären Komplex aus FdUMP und Thymidylatsynthase stabilisiert, die Hemmung wird stärker und länger. Bei Methotrexat ist sie Antidot: Sie umgeht die blockierte DHFR, weil sie bereits reduziert ist, und versorgt die Zelle wieder mit THF. Entscheidend ist also der Angriffspunkt im Folatzyklus.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Warum?

Aussage 2

Gemcitabin hemmt als Diphosphat zusätzlich die Ribonucleotidreduktase und verstärkt so seine eigene Wirkung.

Die Hemmung der Ribonucleotidreduktase senkt die konkurrierenden natürlichen Desoxynucleotide, dadurch wird mehr Gemcitabin-Triphosphat eingebaut (Selbstverstärkung).

Aussage 3

Azacitidin wird in die DNA eingebaut und fängt die DNA-Methyltransferase kovalent ab.

Die abgefangene DNMT wird abgebaut, es kommt zur Hypomethylierung, und stillgelegte Tumorsuppressorgene werden wieder abgelesen.

Lückentext

Aussage 5

Capecitabin wird im letzten Aktivierungsschritt durch die Thymidinphosphorylase zu 5-FU umgewandelt, die im Tumor stärker exprimiert ist.

Die dreistufige Aktivierung endet mit der Thymidinphosphorylase, deren höhere Aktivität im Tumorgewebe zur tumorbetonten 5-FU-Freisetzung führt.

Aussage 6

Folinsäure schwächt die zytotoxische Wirkung von 5-FU ab.

Falsch: Folinsäure verstärkt 5-FU, weil sie 5,10-Methylen-THF liefert und den ternären Komplex aus FdUMP und Thymidylatsynthase stabilisiert. Abgeschwächt wird durch Folinsäure die Wirkung von Methotrexat.

Wer bin ich?

Aussage 8

Methotrexat wird überwiegend hepatisch über CYP3A4 eliminiert.

Falsch: Methotrexat wird überwiegend renal ausgeschieden, glomerulär und durch tubuläre Sekretion über OAT. Deshalb erhöhen NSAR, PPI und Penicilline seine Spiegel.

Aussage 9

Koronarspasmen sind eine typische unerwünschte Wirkung von Hochdosis-Cytarabin.

Falsch: Koronarspasmen sind typisch für 5-FU und Capecitabin. Hochdosis-Cytarabin verursacht Zerebellotoxizität und Konjunktivitis.

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