Arzneistoffe

Mitosehemmstoffe

Mitosehemmstoffe (Vinca-Alkaloide, Taxane, Eribulin) blockieren die Zellteilung über das Tubulin der Mitosespindel. Den Kern bilden der gegensätzliche Mechanismus von Vinca-Alkaloiden und Taxanen bei gleichem Endpunkt, die Neurotoxizität als Klasseneffekt, die Lösungsvermittler der Taxane und die Applikationssicherheit von Vincristin.

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  • Einordnung: Mitosehemmstoffe sind Spindelgifte, die über Tubulin die Mitosespindel lahmlegen und M-Phase-spezifisch wirken.
  • Mechanismus: Vinca-Alkaloide hemmen die Polymerisation, Taxane die Depolymerisation, Eribulin das Wachstum am Plus-Ende; in allen Fällen fehlt die Mikrotubuli-Dynamik.
  • Endpunkt: Unbesetzte Kinetochoren halten den Spindel-Kontrollpunkt aktiv, die Zelle bleibt in der Metaphase und geht in die Apoptose.
  • Neuropathie: Klasseneffekt, weil axonaler Transport Mikrotubuli braucht; bei Vincristin dosislimitierend, dazu Obstipation bis Ileus, während Vinblastin, Vinorelbin und Docetaxel vor allem myelotoxisch sind.
  • Lösungsvermittler: Cremophor (Paclitaxel) und Polysorbat 80 (Docetaxel) lösen Hypersensitivität aus und erfordern Prämedikation; nab-Paclitaxel kommt ohne Cremophor aus.
  • Kinetik und WW: hepatischer Abbau über CYP3A4 bzw. CYP2C8, P-gp-Substrate; Azol-Antimykotika steigern die Neurotoxizität von Vincristin.
  • Applikationssicherheit: Vincristin intrathekal ist tödlich, daher nur als i.v.-Kurzinfusion im Beutel und klar gekennzeichnet.

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Überblick

Mitosehemmstoffe (Spindelgifte) binden an Tubulin und stören die Dynamik der Mikrotubuli des Spindelapparats. Die Zelle bleibt in der Metaphase stehen und geht in die Apoptose. Sie wirken damit phasenspezifisch in der M-Phase (Grundprinzipien: Zytostatika allgemein).

  • Vinca-Alkaloide: hemmen den Aufbau der Mikrotubuli.
  • Taxane: hemmen den Abbau.
  • Eribulin: hemmt das Wachstum am Plus-Ende.
  • Klasseneffekt Neuropathie: weil auch Axone für ihren Transport Mikrotubuli brauchen.
  • Einsatz: Kombinationsregime bei Lymphomen, akuter lymphatischer Leukämie (ALL) und soliden Tumoren.
📖 Definition: Spindelgift

Stoff, der über die Bindung an Tubulin die Mitosespindel funktionsunfähig macht und die Teilung in der Metaphase anhält. Dazu gehört auch Colchicin (Gicht).

Typischer Vertreter ist das Taxan Paclitaxel.

Strukturformel von Paclitaxel
Paclitaxel
Taxane · Leitsubstanz
  • Prinzip: bindet β-Tubulin im Lumen des Mikrotubulus und stabilisiert ihn.
  • Kinetik: i.v.; Abbau v. a. über CYP2C8, daneben CYP3A4, biliäre Ausscheidung, P-gp-Substrat.
  • Einsatz: Mamma-, Ovarial- und nichtkleinzelliges Bronchialkarzinom.
  • Besonderheit: in Cremophor EL gelöst, daher Prämedikation gegen Hypersensitivität.

Vertreter

Unterschieden wird nach dem Angriff am Tubulin. Vinca-Alkaloide sind dimere Indolalkaloide aus Catharanthus roseus oder deren Derivate, Taxane Diterpene aus Eiben (Taxus). Eribulin ist ein synthetisches Analogon des Schwamm-Naturstoffs Halichondrin B.

Wirkstoffe
Strukturformel von Vincristin
Vinca-Alkaloide (Polymerisationshemmer) Vincristin
Strukturformel von Vinblastin
Vinca-Alkaloide (Polymerisationshemmer) Vinblastin
Strukturformel von Vinorelbin
Vinca-Alkaloide (Polymerisationshemmer) Vinorelbin auch oral
Strukturformel von Paclitaxel
Taxane (Stabilisatoren) Paclitaxel auch als nab-Paclitaxel
Strukturformel von Docetaxel
Taxane (Stabilisatoren) Docetaxel in Polysorbat 80
Strukturformel von Eribulin
Plus-Ende-Binder Eribulin

Wirkmechanismus

Mikrotubuli sind Polymere aus α/β-Tubulin-Heterodimeren. Am Plus-Ende lagert sich GTP-beladenes Tubulin an, nach der GTP-Hydrolyse wird das Gitter instabil und kann schlagartig zerfallen. Dieser Wechsel aus Wachsen und Schrumpfen (Mikrotubuli-Dynamik) erlaubt der Spindel, die Kinetochoren der Chromosomen einzufangen und unter Spannung zu setzen.

Schema eines Mikrotubulus mit markierten Bindestellen für Vinca-Alkaloide am Plus-Ende, Taxane im Lumen und Eribulin an der Spitze sowie dem Pfeil zum Metaphasearrest

Angriffspunkte der Mitosehemmstoffe am Mikrotubulus: Vinca-Alkaloide verhindern den Aufbau, Taxane den Abbau, Eribulin das Wachstum am Plus-Ende.
A Vinca-Alkaloide
  • Bindung: Vinca-Domäne des β-Tubulins am Plus-Ende
  • Folge: Polymerisation ↓, Mikrotubuli zerfallen
B Taxane
  • Bindung: β-Tubulin im Lumen des Mikrotubulus
  • Folge: Depolymerisation ↓, starre Bündel
C Eribulin
  • Bindung: nur an den Plus-Enden
  • Folge: Wachstum ↓, Tubulin in Aggregaten gebunden

Der Mechanismus ist gegensätzlich, der Endpunkt gleich: Ohne Dynamik bleiben Kinetochoren unbesetzt, der Spindel-Kontrollpunkt hält die Zelle in der Metaphase fest. Anhaltender Arrest führt zur Apoptose.

Prüferinnenfrage
Warum wirken ein Polymerisationshemmer und ein Stabilisator gleichermaßen zytotoxisch?
Antwort anzeigen

Die Spindel lebt nicht von der Menge an Mikrotubuli, sondern von ihrem ständigen Auf- und Abbau. Nur dynamische Mikrotubuli finden die Kinetochoren und erzeugen Spannung. Ob sie fehlen (Vinca) oder starr sind (Taxane): Der Spindel-Kontrollpunkt bleibt aktiv, die Anaphase wird blockiert und die Zelle stirbt im Mitosearrest.

Wirkungen und Anwendung

Getroffen werden vor allem rasch proliferierende Zellen. Die wichtigsten Indikationen:

  • Vincristin: ALL, Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome, kindliche Tumoren.
  • Vinblastin: Hodgkin-Lymphom, Keimzelltumoren.
  • Vinorelbin: nichtkleinzelliges Bronchialkarzinom (NSCLC), Mammakarzinom.
  • Paclitaxel: Mamma-, Ovarialkarzinom, NSCLC; nab-Paclitaxel auch Pankreaskarzinom.
  • Docetaxel: Mamma-, Prostata-, Magenkarzinom, NSCLC.
  • Eribulin: vorbehandeltes metastasiertes Mammakarzinom, Liposarkom.

Mikrotubuli-Payloads wie Auristatine und Maytansinoide nutzen dasselbe Prinzip zielgerichtet in Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten.

Pharmakokinetik

Gemeinsam ist ein hepatischer Abbau mit biliärer Ausscheidung. Für Dosisanpassungen ist daher die Leber maßgeblich, nicht die Niere.

  • CYP: Vinca-Alkaloide und Docetaxel über CYP3A4, Paclitaxel v. a. über CYP2C8; Eribulin wird kaum metabolisiert.
  • P-Glykoprotein: alle sind Substrate; Überexpression im Tumor vermittelt Multidrug-Resistenz.
  • Lösungsvermittler: Taxane sind lipophil und kaum wasserlöslich, daher Paclitaxel in Cremophor EL (Polyoxyl-35-Rizinusöl), Docetaxel in Polysorbat 80 (Hilfsstofftoxikologie).
  • nab-Paclitaxel: an Albumin gebundene Nanopartikel ohne Cremophor, daher keine antiallergische Prämedikation nötig und kürzere Infusion; nicht 1:1 gegen Paclitaxel austauschbar.

Unerwünschte Wirkungen

Die UAW folgen aus zwei Zielen: proliferierendes Knochenmark und axonale Mikrotubuli.

Schema der unerwünschten Wirkungen: Mitosehemmstoffe, ausgehend vom Mechanismus, je Organ mit Piktogramm (Blut, Haut, ZNS, Magen-Darm, Gefäße).

Unerwünschte Wirkungen der Mitosehemmstoffe und die Vertreter, bei denen sie im Vordergrund stehen.
UAW warum
ZNS
periphere, sensorisch betonte Neuropathie axonaler Transport entlang der Mikrotubuli gestört, kumulativ
Magen-Darm
Obstipation bis paralytischer Ileus autonome Neuropathie des Darms
Blut
Myelosuppression, v. a. Neutropenie Mitosearrest der Vorläuferzellen
Immunsystem
Hypersensitivität (Flush, Bronchospasmus, Hypotonie) Lösungsvermittler → Histaminfreisetzung, Komplementaktivierung; Prämedikation mit Glucocorticoid, H₁- und H₂-Antagonist
Gefäße
Flüssigkeitsretention (Ödeme, Ergüsse) kumulatives Kapillarleck; Dexamethason-Prämedikation mindert es
Haut
Alopezie, Nagelveränderungen proliferierende Haarfollikel und Nagelmatrix

Zur Behandlung der Neuropathie: Neuropathische Schmerzen.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Im Mittelpunkt stehen zusätzliche Neurotoxizität und Applikationsfehler.

  • Vorbestehende Neuropathie: hereditäre Form (Charcot-Marie-Tooth) ist KI für Vincristin, sonst strenge Abwägung.
  • Schwere Leberfunktionsstörung, Neutropenie, Schwangerschaft: Kumulation, Infektgefahr, Embryotoxizität.
  • CYP3A4-Hemmer (Itraconazol, Posaconazol, Voriconazol, Clarithromycin, Ritonavir): Spiegel von Vincristin und Docetaxel ↑ → Neuropathie, Ileus, Myelosuppression; zur antimykotischen Prophylaxe besser Echinocandine statt Azol-Antimykotika.
  • CYP-Induktoren (Rifampicin, Carbamazepin, Johanniskraut): Spiegel ↓ → Wirkverlust.
  • CYP2C8-Hemmer (Clopidogrel, Gemfibrozil): Paclitaxel-Exposition ↑.
  • Paravasat: Vinca-Alkaloide sind stark gewebeschädigend.
⚠️ Achtung: Vincristin nie intrathekal

Intrathekal gegeben sind Vinca-Alkaloide tödlich (aufsteigende Myeloenzephalopathie). Deshalb nur als i.v.-Kurzinfusion im Beutel statt Spritze, getrennt von intrathekalen Zubereitungen und gekennzeichnet mit „nur intravenös“.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Vincristin und Vinblastin unterscheiden sich nur in einer Gruppe am Vindolin-Stickstoff (N-Formyl statt N-Methyl), aber im dosislimitierenden Organ. Bei den Taxanen unterscheiden Formulierung und Metabolismus.

Zwei Strukturformeln dimerer Indolalkaloide mit farbig markierter Formyl- beziehungsweise Methylgruppe

Vincristin und Vinblastin unterscheiden sich nur am Vindolin-Stickstoff.
Wirkstoff dosislimitierend Besonderheit
Vincristin Neurotoxizität kaum myelotoxisch, Ileus
Vinblastin Myelosuppression weniger neurotoxisch
Vinorelbin Myelosuppression oral verfügbar, geringere Neurotoxizität
Paclitaxel Neuropathie, Neutropenie Cremophor, CYP2C8
Docetaxel Neutropenie Polysorbat 80, Flüssigkeitsretention, CYP3A4
nab-Paclitaxel Neuropathie, Neutropenie ohne Cremophor, ohne Prämedikation
Eribulin Neutropenie Plus-Ende-Binder, kaum metabolisiert

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Taxane hemmen die Polymerisation von Tubulin zu Mikrotubuli.

Taxane stabilisieren die Mikrotubuli und hemmen die Depolymerisation. Die Polymerisation hemmen die Vinca-Alkaloide.

Aussage 2

Bei Vincristin ist die Neurotoxizität dosislimitierend, die Myelotoxizität dagegen gering.

Vincristin ist kaum myelotoxisch, aber stark neurotoxisch mit Neuropathie und Obstipation bis Ileus; Vinblastin zeigt das umgekehrte Profil.

Reihenfolge

Aussage 4

Für Dosisanpassungen der Mitosehemmstoffe ist vor allem die Leberfunktion maßgeblich.

Die Klasse wird hepatisch abgebaut und biliär ausgeschieden, die Nierenfunktion spielt eine untergeordnete Rolle.

Zuordnen

Aussage 6

nab-Paclitaxel erfordert wegen seines Albuminanteils eine Prämedikation mit Glucocorticoid und Antihistaminika.

nab-Paclitaxel ist cremophorfrei, deshalb ist die antiallergische Prämedikation nicht nötig. Sie ist bei klassischem Paclitaxel wegen Cremophor EL erforderlich.

Aussage 7

Die Flüssigkeitsretention mit Ödemen und Ergüssen ist eine typische UAW von Vincristin.

Die kumulative Flüssigkeitsretention ist typisch für Docetaxel; Dexamethason-Prämedikation mindert sie. Typisch für Vincristin sind Neuropathie und Ileus.

Aussage 8

Paclitaxel wird überwiegend über CYP2C8 abgebaut.

Paclitaxel wird vor allem über CYP2C8, daneben über CYP3A4 metabolisiert; Vinca-Alkaloide und Docetaxel überwiegend über CYP3A4.

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