Arzneistoffe

Anthelminthika

Anthelminthika töten oder lähmen Würmer über vier Prinzipien: Tubulinhemmung (Benzimidazole), nicotinerge Dauerdepolarisation (Pyrantel), Öffnung glutamatgesteuerter Chloridkanäle (Ivermectin) und Ca²⁺-Einstrom mit Tegumentschaden (Praziquantel). Ob ein Mittel lokal im Darm oder systemisch im Gewebe wirkt, entscheidet über die Indikation.

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Dein roter Faden7 Punkte
  • Einordnung: Anthelminthika richten sich nach der Wurmklasse: Nematoden (Rundwürmer), Cestoden (Bandwürmer) und Trematoden (Saugwürmer).
  • Vier Mechanismen: Benzimidazole hemmen die β-Tubulin-Polymerisation, Pyrantel depolarisiert über Wurm-Nicotinrezeptoren (spastische Lähmung), Ivermectin öffnet glutamatgesteuerte Chloridkanäle (schlaffe Lähmung), Praziquantel löst Ca²⁺-Einstrom und Tegumentschaden aus.
  • Selektivität: Die Targets sind wurmspezifisch oder fehlen beim Säuger, Ivermectin wird zusätzlich durch P-Glykoprotein aus dem ZNS ferngehalten.
  • Lokal vs. systemisch: Mebendazol und Pyrantel wirken kaum resorbiert im Darm, Albendazol (mit fettreicher Nahrung, aktives Sulfoxid), Ivermectin und Praziquantel (hoher First-Pass) wirken systemisch.
  • Indikationen: Mebendazol bei Oxyuren mit Familienbehandlung, Ivermectin bei Strongyloidiasis und als zweite Wahl bei Skabies, Praziquantel bei Bandwürmern und Schistosomiasis, Albendazol bei Echinokokkose.
  • UAW: meist gering; Albendazol in Langzeittherapie hepatotoxisch und knochenmarkschädigend, Zerfallsreaktionen durch freigesetzte Parasitenantigene.
  • KI und WW: Benzimidazole nicht in der Schwangerschaft, Rifampicin macht Praziquantel unwirksam, P-gp-Hemmer erhöhen das ZNS-Risiko von Ivermectin.

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Überblick

Anthelminthika sind Arzneistoffe gegen Wurminfektionen (Helminthosen). Sie treffen Strukturen, die sich beim Wurm vom Wirt unterscheiden: das Tubulin der Darmzellen, die neuromuskuläre Übertragung oder das Tegument. Welches Mittel passt, bestimmen die Wurmklasse und der Sitz des Parasiten (Darmlumen oder Gewebe).

  • Nematoden (Rundwürmer): Oxyuren, Askariden, Strongyloides → Benzimidazole, Pyrantel, Ivermectin
  • Cestoden (Bandwürmer): Taenia (adulter Wurm im Darm), Echinococcus (Larvenzysten im Gewebe) → Praziquantel, Albendazol
  • Trematoden (Saugwürmer): Schistosomen, Leberegel → Praziquantel
  • Stellenwert: gut verträgliche Kurztherapien bei Darmwürmern, Langzeittherapie nur bei Gewebsbefall

Typischer Vertreter ist Mebendazol, das Standardmittel bei Darm-Nematoden.

Strukturformel von Mebendazol
Mebendazol
Benzimidazole · Leitsubstanz
  • Prinzip: hemmt die Polymerisation von β-Tubulin des Wurms → Glucoseaufnahme ↓, Energiemangel
  • Kinetik: praktisch nicht resorbiert, wirkt im Darmlumen
  • Einsatz: Oxyuriasis, Askariasis und andere intestinale Nematoden
  • Besonderheit: im ersten Trimenon meiden

Vertreter

Man unterscheidet die Vertreter nach Target und nach Resorption: lokal im Darm wirken Mebendazol und Pyrantel, systemisch Albendazol, Ivermectin und Praziquantel. Benzimidazole sind Benzimidazol-2-yl-carbamate, die am Tubulin angreifen; alle übrigen wirken über Ionenkanäle des Wurms.

Wirkstoffe
Strukturformel von Mebendazol
Benzimidazole Mebendazol kaum resorbiert
Strukturformel von Albendazol
Benzimidazole Albendazol systemisch, aktiver Metabolit
Strukturformel von Pyrantel
Nicotinrezeptor-Agonist Pyrantel spastische Lähmung
Makrocyclisches Lacton Ivermectin schlaffe Lähmung
Strukturformel von Praziquantel
Pyrazinoisochinolin Praziquantel Cestoden und Trematoden

Wirkmechanismus

Alle vier Prinzipien nutzen Targets, die beim Wurm anders gebaut sind oder beim Säuger fehlen. Das erklärt die gute Verträglichkeit.

Schema eines Wurms mit vier markierten Zielstrukturen: Tubulin der Darmzelle, Nicotinrezeptor und Chloridkanal an Nerv und Muskel sowie Calciumkanal im Tegument, jeweils mit zugeordnetem Wirkstoff

Vier Angriffspunkte der Anthelminthika an einem schematischen Wurm (Tegument nur bei Plattwürmern)
Wirkstoff Target Folge für den Wurm Selektivität
Benzimidazole β-Tubulin (Colchicin-Bindestelle) → Polymerisation ↓ Mikrotubuli der Darmzellen zerfallen → Glucoseaufnahme ↓, Glykogen erschöpft, Tod über Tage höhere Affinität zu Wurm-Tubulin
Pyrantel nicotinischer ACh-Rezeptor der Wurmmuskulatur (Agonist) Dauerdepolarisation → spastische Lähmung, Abgang mit der Peristaltik wurmspezifischer Rezeptorsubtyp, kaum resorbiert
Ivermectin glutamatgesteuerte Cl⁻-Kanäle (Öffnung) Cl⁻-Einstrom, Hyperpolarisation → schlaffe Lähmung von Pharynx und Muskulatur Kanal fehlt beim Säuger; GABA_A-Rezeptoren im ZNS durch P-Glykoprotein (P-gp) der Blut-Hirn-Schranke geschützt
Praziquantel Ca²⁺-permeabler Kationenkanal (TRPM-Typ) Ca²⁺-Einstrom → spastische Kontraktion, Vakuolisierung des Teguments → Antigene für die Immunabwehr freigelegt parasitenspezifischer Kanal

Pyrantel wirkt am Wurm wie ein depolarisierender Blocker an der Endplatte (Prinzip der Nicotinrezeptor-Liganden).

📖 Definition: Glutamatgesteuerter Chloridkanal

Ligandengesteuerter Cl⁻-Kanal in Nerven- und Muskelzellen von Wirbellosen (Nematoden, Arthropoden). Seine Öffnung hyperpolarisiert die Zelle und hemmt so die Erregung.

Wirkungen und Anwendung

Die Wirkung ist wurmspezifisch, die Indikation folgt aus Wurmklasse und Lokalisation.

  • Oxyuriasis: Befall mit dem Madenwurm (Enterobius vermicularis), nächtlicher perianaler Juckreiz, Autoinfektion über Eier an den Fingern → Mebendazol oder Pyrantel, Wiederholung nach zwei bis drei Wochen, Familienbehandlung, weil Mitbewohner meist mitbefallen sind
  • Askariasis und andere Darm-Nematoden: Mebendazol, Albendazol, Pyrantel
  • Strongyloidiasis: Ivermectin, weil systemisch und auch gegen Larven im Gewebe wirksam
  • Bandwürmer (Taenia): Praziquantel
  • Echinokokkose: Larvenzysten des Hunde- (zystisch) oder Fuchsbandwurms (alveolär), vor allem in der Leber; der Mensch ist Fehlzwischenwirt → Albendazol über lange Zeit, auch peri- und postoperativ
  • Schistosomiasis: Praziquantel
  • Skabies: Ivermectin oral als zweite Wahl nach Permethrin, erste Wahl in Sondersituationen (Ektoparasitosen); bei COVID-19 ohne gesicherten Nutzen

Pharmakokinetik

Entscheidend ist der Gegensatz lokal gegen systemisch.

  • Mebendazol, Pyrantel: schlecht wasserlöslich bzw. als Embonat kaum resorbiert → hohe Konzentration im Darmlumen, wenig systemische UAW
  • Albendazol: Resorption durch fettreiche Mahlzeit deutlich gesteigert; First-Pass zum aktiven Albendazolsulfoxid, das Gewebe, Zysten und Liquor erreicht
  • Ivermectin: lipophil, CYP3A4-Substrat und P-gp-Substrat, nüchtern einnehmen
  • Praziquantel: gut resorbiert, aber ausgeprägter First-Pass (CYP3A4) → niedrige Bioverfügbarkeit, Einnahme zur Mahlzeit

Strukturformeln von Mebendazol mit Benzoylrest und Albendazol mit Propylthiorest am Benzimidazol-Carbamat, Pfeil zur Oxidation des Schwefels zum Sulfoxid

Benzimidazol-Carbamate: Mebendazol, Albendazol und Albendazolsulfoxid
Prüferinnenfrage
Warum genügt bei Oxyuren Mebendazol, während man bei Echinokokkose Albendazol gibt?
Antwort anzeigen

Oxyuren leben im Darmlumen, dort wirkt das kaum resorbierte Mebendazol in hoher Konzentration und belastet den Wirt kaum. Echinococcus-Zysten liegen im Gewebe, meist in der Leber. Dorthin gelangt nur ein resorbiertes Benzimidazol: Albendazol wird mit fettreicher Nahrung aufgenommen und zum aktiven Sulfoxid metabolisiert, das in die Zysten penetriert.

Unerwünschte Wirkungen

Bei Kurztherapie sind die UAW meist gering, weil die Targets wurmspezifisch sind und die lokal wirkenden Mittel kaum resorbiert werden.

UAW warum
Magen-Darm
Bauchschmerzen, Übelkeit, Diarrhö (häufig, mild) lokale Wirkung, Wurmabgang
Leber
Transaminasenanstieg, Hepatitis (Albendazol, Langzeit) hohe systemische Exposition, hepatischer Metabolismus → Leberwerte kontrollieren
Blut
Leukopenie bis Panzytopenie, Alopezie (Albendazol, Langzeit) Tubulinhemmung trifft bei Dauerexposition auch proliferierende Wirtszellen → Blutbild
Immunsystem
Fieber, Juckreiz, Exanthem; Krampfanfälle bei Neurozystizerkose Immunreaktion auf Antigene zerfallender Parasiten, ggf. Glucocorticoide
ZNS
Schwindel, Kopfschmerz, Benommenheit (Praziquantel, selten Ivermectin) zentrale Wirkung; Ivermectin vor allem bei erhöhter ZNS-Konzentration

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die Kontraindikationen folgen aus Mechanismus und Kinetik.

  • Schwangerschaft (Benzimidazole): Tubulinhemmung stört die Mitose, im Tierversuch teratogen → Albendazol kontraindiziert, Mebendazol im ersten Trimenon meiden; Pyrantel als Alternative, weil kaum resorbiert
  • Augenzystizerkose (Praziquantel): Zerfall der Larven im Auge schädigt das Gewebe
  • Ivermectin und P-gp: P-gp-Hemmer (Ciclosporin, Verapamil, Clarithromycin) können die ZNS-Konzentration erhöhen; Vitamin-K-Antagonisten: INR-Anstieg beschrieben
  • CYP-Induktoren (Carbamazepin, Phenytoin, Dexamethason): senken Praziquantel- und Albendazolsulfoxid-Spiegel
  • CYP3A4-Hemmer, Grapefruitsaft: erhöhen Praziquantel-Spiegel
  • Mebendazol und Metronidazol: schwere Hautreaktionen beschrieben, Kombination meiden
⚠️ Achtung: Praziquantel und Rifampicin

Rifampicin induziert CYP3A4 so stark, dass Praziquantel kaum noch wirksame Spiegel erreicht. Die Kombination ist kontraindiziert, Rifampicin ist vorher abzusetzen.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Die Wahl folgt der Wurmklasse und dem Ort des Befalls. Lokal wirkende Mittel genügen für den Darm, Gewebsbefall braucht resorbierte Substanzen.

Schema mit Nematoden, Cestoden und Trematoden, jeweils mit Befallsort Darm oder Gewebe und Pfeilen zu Mebendazol, Pyrantel, Ivermectin, Albendazol und Praziquantel

Wurmklasse und Befallsort bestimmen das Anthelminthikum
Erreger (Klasse) Mittel Begründung
Oxyuren, Askariden (Nematoden) Mebendazol, Pyrantel Darmlumen, lokal ausreichend
Strongyloides (Nematode) Ivermectin systemisch, erfasst Larven
Taenia (Cestode, adult) Praziquantel Tegumentschaden
Echinococcus (Cestode, Larven) Albendazol Sulfoxid erreicht Zysten
Schistosomen (Trematoden) Praziquantel Ca²⁺-Kanal der Trematoden

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Ivermectin führt über eine Dauerdepolarisation zur spastischen Lähmung des Wurms.

Falsch: Ivermectin öffnet glutamatgesteuerte Chloridkanäle, hyperpolarisiert und lähmt schlaff. Die spastische Lähmung durch Depolarisation ist der Mechanismus von Pyrantel.

Warum?

Aussage 3

Bei Echinokokkose ist Albendazol das Mittel der Wahl, weil sein aktiver Metabolit die Larvenzysten im Gewebe erreicht.

Die Zysten liegen vor allem in der Leber, dort wirkt nur ein resorbiertes Benzimidazol; Mebendazol bleibt weitgehend im Darm.

Aussage 4

Die Resorption von Albendazol wird durch eine fettreiche Mahlzeit gesteigert.

Albendazol ist schlecht wasserlöslich, mit Fett steigt die Resorption deutlich; das aktive Albendazolsulfoxid erreicht dann Gewebe und Zysten.

Lückentext

Aussage 6

Benzimidazole hemmen die Polymerisation von β-Tubulin im Wurm.

Sie binden an die Colchicin-Bindestelle des Wurm-Tubulins, die Mikrotubuli der Darmzellen zerfallen und die Glucoseaufnahme bricht ein.

Zuordnen

Wer bin ich?

Aussage 9

Rifampicin erhöht die Plasmaspiegel von Praziquantel durch CYP3A4-Hemmung.

Falsch: Rifampicin induziert CYP3A4 und senkt die Praziquantel-Spiegel so stark, dass die Kombination kontraindiziert ist.

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