Krankheitsbilder

Erektile Dysfunktion

Die erektile Dysfunktion ist meist vaskulär-endothelial bedingt und ein Frühzeichen kardiovaskulärer Erkrankung. Kern der Seite sind die NO-cGMP-Physiologie der Erektion, arzneimittelinduzierte Ursachen und die Therapiestufen von der Ursachenbehandlung über PDE-5-Hemmer bis zu Alprostadil.

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  • Definition und Bedeutung: Die ED ist meist organisch-vaskulär oder gemischt und ein Frühzeichen kardiovaskulärer Erkrankung, weil die kleinen Penisarterien früher betroffen sind als die Koronarien.
  • Erektionsphysiologie: Parasympathisch-nitrerge Fasern setzen NO frei, die sGC bildet cGMP, Ca²⁺ sinkt, die Schwellkörpermuskulatur relaxiert und die Venookklusion erzeugt Rigidität; PDE-5 und α₁-Noradrenalin beenden die Erektion.
  • Ursachen: Endotheliale Dysfunktion bei Diabetes, Hypertonie und Rauchen, Neuropathie, Hypogonadismus und Arzneistoffe wie Betablocker, Thiazide, SSRI, Antipsychotika, Antiandrogene und 5α-Reduktase-Hemmer.
  • Angriffspunkte: PDE-5-Hemmer erhöhen cGMP und brauchen dafür NO, Alprostadil erhöht cAMP über EP-Rezeptoren unabhängig von NO, Testosteron nur bei Hypogonadismus.
  • Therapiestufen: Kardiovaskuläre Abklärung, Lebensstil und Umstellung auslösender Arzneistoffe, dann PDE-5-Hemmer als Erstlinie, danach Alprostadil lokal (SKAT, intraurethral, topisch) mit Priapismusrisiko, zuletzt Hilfsmittel und Implantate.
  • Nitrat-Kontraindikation: PDE-5-Hemmer mit Nitraten, NO-Donatoren oder sGC-Stimulatoren führen zu massivem cGMP-Anstieg und lebensbedrohlicher Hypotonie.

Überblick

Die erektile Dysfunktion (ED) ist die anhaltende oder wiederkehrende Unfähigkeit, eine für befriedigenden Geschlechtsverkehr ausreichende Erektion zu erreichen oder aufrechtzuerhalten. Sie ist häufig, ihre Prävalenz steigt mit dem Alter deutlich.

  • Organisch: überwiegend vaskulär-endothelial, daneben neurogen, hormonell oder arzneimittelinduziert.
  • Psychogen: Leistungsangst, Partnerschaftskonflikte, Depression, typischerweise mit erhaltenen nächtlichen Erektionen.
  • Gemischt: die häufigste Form, weil eine organische ED fast immer psychisch überlagert wird.

Die ED gilt als Markersymptom kardiovaskulärer Erkrankung: Endotheliale Dysfunktion und Atherosklerose zeigen sich in den kleinkalibrigen Penisarterien oft Jahre vor der koronaren Herzkrankheit. Zur Abklärung gehören Sexualanamnese mit Fragebogen (etwa IIEF, International Index of Erectile Function), kardiovaskuläre Risikoabschätzung und Labor (Glucose bzw. HbA1c, Lipide, morgendliches Gesamttestosteron).

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Die Erektion ist ein hämodynamisches Ereignis: Entscheidend ist die Relaxation der glatten Muskulatur in den Schwellkörpertrabekeln und Arteriae helicinae. Gesteuert wird sie parasympathisch-nitrerg, beendet durch Sympathikus und cGMP-Abbau.

Schema einer glatten Muskelzelle im Schwellkörper: NO aktiviert die lösliche Guanylatcyclase und erhöht cGMP, PDE-5 baut cGMP ab und wird von PDE-5-Hemmern blockiert; Alprostadil aktiviert EP-Rezeptoren und erhöht cAMP; beide senken Calcium und führen zur Relaxation

Relaxation der Schwellkörpermuskulatur über cGMP und cAMP mit den Angriffspunkten von PDE-5-Hemmern und Alprostadil
  1. Stimulation: Sexuelle Reize aktivieren über die Nn. cavernosi nitrerge Fasern → NO aus neuronaler NO-Synthase (nNOS), verstärkt durch endotheliale NO-Synthase (eNOS).
  2. NO-cGMP: NO aktiviert die lösliche Guanylatcyclase (sGC) → cGMP ↑ → Proteinkinase G → zytosolisches Ca²⁺ ↓ → Relaxation.
  3. Füllung: Arterieller Einstrom füllt die Sinusoide, diese komprimieren die subtunikalen Venolen gegen die Tunica albuginea (Venookklusion) → Rigidität.
  4. Detumeszenz: PDE-5 baut cGMP ab, Noradrenalin kontrahiert die Muskulatur über α₁-Rezeptoren → venöser Abstrom.

Zwei Querschnitte des Schwellkörpers nebeneinander, links schlaff mit engen Sinusoiden und offenen Venolen, rechts erigiert mit erweiterten Sinusoiden, die die Venolen gegen die Tunica albuginea drücken

Schwellkörper schlaff und erigiert: Füllung der Sinusoide und Kompression der Venolen

Jede Störung dieser Kette kann eine ED auslösen:

  • Vaskulär-endothelial: Diabetes, Hypertonie, Rauchen und Dyslipidämie senken über oxidativen Stress die NO-Bioverfügbarkeit und verengen die zuführenden Arterien.
  • Neurogen: diabetische Neuropathie, Nervenschädigung nach radikaler Prostatektomie, Querschnittlähmung, MS → kaum nitrerge NO-Freisetzung.
  • Hormonell: Hypogonadismus senkt die Libido und die NOS-Expression im Schwellkörper.
  • Arzneimittelinduziert: zentral (Libido), hormonell (Testosteron, Prolaktin) oder hämodynamisch (Übersicht unter Therapie).

Pharmakologisch lässt sich die Relaxation über zwei Second Messenger erzwingen, cGMP und cAMP, dazu kommt die hormonelle Grundlage.

Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
PDE-5 (cGMP-Abbau) PDE-5-Hemmer cGMP ↑, verstärkt das NO-Signal
EP-Rezeptor → Adenylatcyclase Alprostadil (PGE₁, Eicosanoide) cAMP ↑, NO-unabhängige Relaxation
Androgenrezeptor Testosteron (Androgene) Libido ↑, NO-System erhalten

Therapie

Ziel ist zuerst die Behandlung von Ursache und Risikofaktoren, erst danach die symptomatische Wiederherstellung der Erektionsfähigkeit. Vor jeder Therapie steht die kardiovaskuläre Risikoabklärung, weil Geschlechtsverkehr eine körperliche Belastung ist und die ED auf eine unerkannte KHK hinweisen kann.

Treppenschema mit fünf Stufen von der kardiovaskulären Abklärung bis zum Schwellkörperimplantat, seitlich Testosteron bei Hypogonadismus

Therapiestufen der erektilen Dysfunktion
Stufe Maßnahme Begründung
1 Lebensstil (Gewicht ↓, Rauchstopp, wenig Alkohol), Diabetes und Blutdruck einstellen, auslösende Arzneistoffe umstellen, ggf. Psychotherapie bessert Endothelfunktion, beseitigt Auslöser
2 PDE-5-Hemmer oral Therapie der Wahl, wirksam und einfach
3 Alprostadil lokal NO-unabhängig, bei Versagen oder KI der PDE-5-Hemmer, Spezialisten vorbehalten
4 Vakuumerektionshilfe, Schwellkörperimplantat mechanische Rückfallebene

Testosteron kommt in jeder Stufe hinzu, aber nur bei nachgewiesenem Hypogonadismus.

Auslösende Arzneistoffe

In der Medikationsanalyse lohnt der Blick auf Arzneistoffe, die Libido, Hormonachse oder Perfusion beeinträchtigen.

Arzneistoff warum Alternative
Betablocker nicht ganz geklärt: zentral, Perfusionsdruck ↓, Nocebo Nebivolol (NO-Freisetzung), ACE-Hemmer, AT1-Antagonisten
Thiazide Mechanismus unklar ACE-Hemmer, AT1-Antagonisten
Spironolacton Androgenrezeptor-Antagonismus Eplerenon (selektiver, MRA)
SSRI, SNRI serotonerge Hemmung von Dopamin: Libido ↓, Ejakulation verzögert Bupropion, Mirtazapin
Antipsychotika D₂-Blockade → Prolaktin ↑ → Testosteron ↓ prolaktinneutrale Substanz wie Aripiprazol
5α-Reduktase-Hemmer, Antiandrogene, GnRH-Analoga DHT bzw. Testosteron ↓ oder Androgenwirkung blockiert Indikation prüfen

PDE-5-Hemmer

Sildenafil, Vardenafil, Tadalafil und Avanafil verstärken das physiologische NO-Signal und wirken deshalb nur bei sexueller Stimulation. Sie sind vergleichbar wirksam, gewählt wird nach Wirkprofil und Anwendungsmuster:

  • Bei Bedarf: Sildenafil und Vardenafil (Wirkdauer einige Stunden), Avanafil (rascher Wirkeintritt).
  • Langes Wirkfenster oder täglich: Tadalafil (lange Halbwertszeit, Wirkfenster bis 36 h), auch als tägliche Einnahme für spontane Sexualität.
  • Kontraindikation: organische Nitrate, andere NO-Donatoren und sGC-Stimulatoren, weil mehr cGMP-Bildung und gehemmter Abbau sich zu einer lebensbedrohlichen Hypotonie addieren.

Alprostadil

Alprostadil ist synthetisches Prostaglandin E₁. Es aktiviert Gs-gekoppelte EP-Rezeptoren der Schwellkörpermuskulatur → Adenylatcyclase → cAMP ↑ → Proteinkinase A → Relaxation, unabhängig von NO und Nervenfunktion.

  • Intrakavernös (SKAT): Bei der Schwellkörper-Autoinjektionstherapie injiziert der geschulte Patient selbst in den Schwellkörper. Am wirksamsten, Erektion nach wenigen Minuten auch ohne Stimulation.
  • Intraurethral: Stäbchen in die Harnröhre, Übertritt ins Corpus spongiosum, schwächer wirksam.
  • Topisch: Creme an der Harnröhrenmündung mit Permeationsverstärker.
  • UAW: Penisschmerz, bei SKAT Hämatome und Fibrose nach wiederholter Injektion, vor allem Priapismus.
📖 Definition: Priapismus

Erektion über vier Stunden ohne sexuelle Erregung. Notfall, weil die Blutstase zu Hypoxie, Azidose und irreversibler Schwellkörperfibrose führt; behandelt wird mit Aspiration und intrakavernösem α-Sympathomimetikum.

Prüferinnenfrage
Warum versagen PDE-5-Hemmer nach einer nervenschädigenden Prostatektomie oft, während Alprostadil noch wirkt?
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PDE-5-Hemmer bilden selbst kein cGMP, sie bremsen nur dessen Abbau. Ohne nitrerge Nervenfasern wird kaum NO freigesetzt, also entsteht kaum cGMP, das man schützen könnte. Alprostadil erhöht dagegen über EP-Rezeptoren und Adenylatcyclase cAMP direkt in der glatten Muskulatur und umgeht damit Nerv und NO vollständig.

Testosteron und Weiteres

Testosteron (Androgene) nur bei nachgewiesenem Hypogonadismus (wiederholt erniedrigtes morgendliches Testosteron plus Symptome), nach Abklärung anderer endokriner Achsen wie Schilddrüse und Nebenniere. Es bessert die Libido und kann das Ansprechen auf PDE-5-Hemmer verbessern, bei normalem Spiegel nützt es nicht. Apomorphin und Yohimbin spielen nach der deutschen Leitlinie keine Rolle.

Fall aus der Apotheke
Medikationsanalyse bei Erektionsstörung

Ein 64-jähriger Kunde mit Typ-2-Diabetes, Hypertonie und Depression fragt nach einem Mittel gegen Erektionsstörungen. Dauermedikation: Metformin, Metoprolol, Hydrochlorothiazid, Sertralin; ein Nitrat ist nicht verordnet.

  1. Was trägt zu seiner ED bei?
  2. Welches Vorgehen ist sinnvoll?
Lösung anzeigen
  1. Diabetes und Hypertonie schädigen Endothel und Nerven und senken so die NO-Bildung. Zusätzlich können Metoprolol und Hydrochlorothiazid eine ED begünstigen, Sertralin dämpft serotonerg Libido und Ejakulation.
  2. Ärztliche Abklärung einschließlich kardiovaskulärem Risiko, weil die ED auf eine KHK hinweisen kann. Möglich sind die Umstellung auf ACE-Hemmer oder AT1-Antagonist bzw. Nebivolol und auf Bupropion oder Mirtazapin; bleibt die ED bestehen, ist ein PDE-5-Hemmer Erstlinie, da keine Nitrate eingenommen werden.

Teste dich

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Reihenfolge

Warum?

Aussage 3

Alprostadil erhöht in der Schwellkörpermuskulatur cGMP, indem es die lösliche Guanylatcyclase aktiviert.

Alprostadil (PGE₁) aktiviert Gs-gekoppelte EP-Rezeptoren und steigert über die Adenylatcyclase cAMP, unabhängig von NO.

Aussage 4

Antipsychotika können eine ED über D₂-Blockade, Prolaktinanstieg und sinkendes Testosteron auslösen.

Dopamin hemmt die Prolaktinsekretion; fällt diese Hemmung weg, unterdrückt Prolaktin die gonadotrope Achse.

Aussage 5

Die Detumeszenz wird durch Acetylcholin über Muscarinrezeptoren eingeleitet.

Die Detumeszenz beruht auf dem cGMP-Abbau durch PDE-5 und der Kontraktion der glatten Muskulatur durch Noradrenalin über α₁-Rezeptoren.

Zuordnen

Aussage 7

PDE-5-Hemmer lösen auch ohne sexuelle Stimulation eine Erektion aus.

Sie hemmen nur den cGMP-Abbau; cGMP entsteht erst, wenn bei Stimulation NO freigesetzt wird. Ohne Stimulation wirken sie nicht.

Aussage 8

Tadalafil eignet sich wegen seines langen Wirkfensters auch zur täglichen Einnahme.

Tadalafil hat eine lange Halbwertszeit mit einem Wirkfenster bis 36 h und ist auch als tägliche Einnahme für spontane Sexualität möglich.

Lückentext

Prüferin fragt

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