Krankheitsbilder

Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose ist eine autoimmune, demyelinisierende Entzündung des ZNS. Den Kern bilden die Angriffspunkte entlang der Lymphozytenwanderung, die Schubtherapie mit Methylprednisolon und die verlaufsmodifizierende Therapie nach Wirksamkeitskategorien mit ihren Sicherheitsrisiken (Bradykardie, PML, Rebound).

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  • Einordnung: Die MS ist eine chronisch-entzündliche, demyelinisierende Autoimmunerkrankung des ZNS mit den Verlaufsformen KIS, RRMS, SPMS und PPMS.
  • Pathophysiologie: Autoreaktive T- und B-Zellen werden peripher aktiviert, verlassen über S1P₁ die Lymphknoten, passieren via α4-Integrin die Blut-Hirn-Schranke und zerstören Myelin und Axone.
  • Angriffspunkte: Proliferation (Basistherapeutika, Cladribin), Lymphozytenaustritt (S1P-Modulatoren), Schrankenpassage (Natalizumab), B-Zellen (CD20-Antikörper), akute Entzündung (Glucocorticoide).
  • Schubtherapie: Hochdosiertes Methylprednisolon über drei bis fünf Tage beschleunigt die Rückbildung, ändert aber nicht den Langzeitverlauf; bei Versagen Plasmapherese oder Immunadsorption.
  • Verlaufsmodifikation: Kategorie 1 ist der Standardbeginn, bei Aktivität oder hochaktivem Verlauf folgen Kategorie 2 (S1P-Modulatoren, Cladribin) oder 3 (Natalizumab, CD20-Antikörper); bei PPMS nur CD20-Antikörper.
  • Sicherheit: Bei S1P-Modulatoren Erstgabe-Bradykardie und Makulaödem, bei Natalizumab PML je nach JCV-Status, nach Absetzen beider Rebound; Cladribin ist teratogen.
  • Symptomatik: Spastik mit Baclofen, Tizanidin oder Nabiximols; Fampridin verbessert als K⁺-Kanal-Blocker die Gehfähigkeit, Vorsicht bei Krampfanfällen und Niereninsuffizienz.

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Überblick

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, demyelinisierende Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Sie beginnt meist zwischen 20 und 40 Jahren, und Frauen erkranken deutlich häufiger. In Deutschland sind über 250.000 Menschen betroffen. Welche Immuntherapie infrage kommt, hängt von der Verlaufsform ab:

Verlaufsform Kennzeichen
Klinisch isoliertes Syndrom (KIS) erstes MS-typisches Ereignis, Diagnosekriterien noch nicht erfüllt
Schubförmig-remittierend (RRMS) Schübe mit Rückbildung, häufigste Form zu Beginn
Sekundär progredient (SPMS) nach RRMS schleichende Progression, aktiv oder nicht aktiv
Primär progredient (PPMS) von Beginn an progredient

Für die Therapie zählen KIS, RRMS und aktive SPMS zur schubförmigen MS (RMS).

📖 Definition: Schub

Neue oder sich verschlechternde neurologische Symptome, die mindestens 24 Stunden anhalten und frühestens 30 Tage nach dem letzten Ereignis auftreten. Sie dürfen nicht durch Fieber oder einen Infekt erklärbar sein (Uhthoff-Phänomen).

Typisch sind Optikusneuritis und Sensibilitätsstörungen, später kommen Spastik, Fatigue und Blasenstörungen hinzu. Die McDonald-Kriterien belegen die räumliche und zeitliche Dissemination der Herde in Klinik und MRT. Oligoklonale Banden sind IgG-Banden, die nur im Liquor und nicht im Serum vorkommen und eine Antikörperbildung im ZNS anzeigen. Sie können den Nachweis der zeitlichen Dissemination ersetzen.

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Die MS gilt als T-Zell-vermittelte Autoimmunerkrankung. B-Zellen wirken als Antigen-präsentierende Zellen maßgeblich mit (Immunologie: Grundlagen der Immunabwehr). Jeder Schritt der Kette ist ein Angriffspunkt:

  1. Aktivierung: Autoreaktive CD4⁺-T-Zellen (Th1, Th17) und B-Zellen proliferieren in den Lymphknoten.
  2. Austritt: Über den S1P₁-Rezeptor folgen sie dem Sphingosin-1-phosphat-Gradienten ins Blut.
  3. Schrankenpassage: α4β1-Integrin (VLA-4) bindet an VCAM-1 am Endothel der Blut-Hirn-Schranke.
  4. Demyelinisierung: Im ZNS werden die Zellen reaktiviert und rekrutieren Makrophagen und Mikroglia, die das Myelin zerstören (Plaques).
  5. Axonaler Schaden: Axonverlust macht die Behinderung bleibend.

Schema: Lymphknoten, Blutgefäß und Blut-Hirn-Schranke mit Lymphozyten auf dem Weg ins ZNS, an jeder Station die blockierende Arzneistoffklasse

Angriffspunkte der MS-Therapie entlang der Lymphozytenwanderung

Demyelinisierung, der Verlust der Markscheide, verlangsamt oder blockiert die saltatorische Erregungsleitung (Aufbau des Nervensystems). Früh dominiert die Entzündung mit gestörter Schranke, später eine Neurodegeneration hinter geschlossener Schranke. Deshalb wirken Immuntherapien bei progredientem Verlauf schwächer.

Als Risikofaktoren gelten EBV-Infektion, Vitamin-D-Mangel, Rauchen und eine genetische Disposition (HLA-DR15).

Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
Lymphozytenaktivierung und -proliferation MS-Basistherapeutika, Cladribin weniger autoreaktive Zellen
Lymphozytenaustritt (S1P₁) S1P-Rezeptor-Modulatoren Lymphozyten bleiben im Lymphknoten
Schrankenpassage (α4-Integrin) Natalizumab keine Einwanderung ins ZNS
B-Zellen (CD20), Lymphozyten (CD52) CD20- und CD52-Antikörper Depletion
Akute Entzündung im ZNS Glucocorticoide Ödem ↓, Schranke abgedichtet
Leitungsblock demyelinisierter Axone Fampridin K⁺-Kanal-Block → bessere Leitung
Spastik Zentrale Muskelrelaxanzien, Cannabinoide Muskeltonus ↓

Therapie

Ziel der Therapie ist, Schübe, Progression und MRT-Aktivität zu verhindern und die Lebensqualität zu erhalten. Immuntherapeutika heilen die MS nicht, sie modifizieren den Verlauf.

Schubtherapie

Standard ist hochdosiertes Methylprednisolon über drei bis fünf Tage, möglichst früh nach Symptombeginn. Die i.v.-Gabe ist etabliert, oral hochdosiert ist gleichwertig. Die Rückbildung erfolgt schneller, künftige Schübe und die Langzeitbehinderung bleiben jedoch unbeeinflusst.

  • Warum Methylprednisolon: Es hat eine geringere mineralocorticoide Wirkung, eine höhere Rezeptoraffinität und eine bessere Liquorgängigkeit als Prednisolon. Unter der Therapie Blutzucker, Blutdruck und Elektrolyte kontrollieren.
  • Eskalation: erneuter, höher dosierter Puls und/oder Plasmapherese bzw. Immunadsorption im MS-Zentrum.

Verlaufsmodifizierende Therapie

Die deutsche Leitlinie ordnet die Immuntherapeutika nach ihrer Schubreduktion in drei Wirksamkeitskategorien. Höhere Wirksamkeit geht mit größeren Risiken einher. Die Kategorien sind eine Auswahlhilfe, keine feste Sequenz.

Kategorie Wirkstoffe Einsatz
1 Basistherapeutika: Beta-Interferone, Glatirameroide, Fumarate, Teriflunomid Standardbeginn; Wahl nach UAW, Komorbidität, Kinderwunsch
2 S1P-Rezeptor-Modulatoren, Cladribin hochaktiver Verlauf oder Aktivität unter Kategorie 1
3 Natalizumab, CD20-Antikörper (Ocrelizumab, Ofatumumab, Ublituximab); Alemtuzumab nur als Reserve (sekundäre Autoimmunerkrankungen) hochaktiver Verlauf; JCV-positiv → CD20-Antikörper

Bei der Eskalation beginnt man mit Kategorie 1. Zeigt sich entzündliche Aktivität, beurteilt frühestens nach sechs Monaten, wird auf Kategorie 2 oder 3 gewechselt. Bei wahrscheinlich hochaktivem Verlauf beginnt man früh hochwirksam direkt mit Kategorie 2 oder 3, um irreversiblen axonalen Schaden zu vermeiden. Bei Unverträglichkeit ohne Krankheitsaktivität wechselt man horizontal innerhalb derselben Kategorie.

Drei gestapelte Kästen für Kategorie 1 bis 3 mit Pfeilen für Eskalation, direkten Einstieg und horizontalen Wechsel

Wirksamkeitskategorien und Strategien der verlaufsmodifizierenden MS-Therapie

Wirkprinzipien der Wirkstoffe ohne eigene Seite:

Zwei Zellen nebeneinander: Lymphozyt mit internalisiertem S1P₁-Rezeptor und Vorhofmyozyt mit geöffnetem GIRK-Kanal

Funktioneller Antagonismus von Fingolimod-Phosphat am S1P₁: Internalisierung am Lymphozyten, am Vorhofmyozyten initialer Agonismus mit Erstgabe-Bradykardie
Wirkstoff Wirkprinzip wichtigste UAW
S1P-Rezeptor-Modulatoren (Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod) funktioneller Antagonismus: S1P₁ wird internalisiert → Lymphozyten bleiben im Lymphknoten; Fingolimod ist ein Prodrug (Phosphorylierung durch Sphingosinkinase), die übrigen sind selektiver (S1P₁ bzw. S1P₁/₅) Erstgabe-Bradykardie und AV-Block (initial agonistisch am kardialen S1P₁); Makulaödem (gestörte Endothelbarriere); Infektionen (VZV); Siponimod nur nach CYP2C9-Genotypisierung
Natalizumab Antikörper gegen α4-Integrin → keine Bindung an VCAM-1, keine Schrankenpassage PML
Cladribin Purinanalogon, in Lymphozyten (viel Desoxycytidinkinase) zum Triphosphat aktiviert → Apoptose; zwei kurze orale Zyklen → Immunrekonstitution Lymphopenie, Zoster; genotoxisch und teratogen → Kontrazeption

Die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) ist eine oft tödliche ZNS-Infektion. Das reaktivierte JC-Polyomavirus zerstört dabei die Oligodendrozyten. Natalizumab begünstigt die PML, weil es auch die Immunüberwachung des ZNS aussperrt. Das Risiko steigt mit hohem JCV-Antikörper-Index, einer Therapiedauer über zwei Jahre und immunsuppressiver Vortherapie. CD20-Antikörper zeigen kein erhöhtes PML-Risiko und sind daher bei JCV-Positivität erste Wahl. Ihr Hauptrisiko sind Infektionen bei Hypogammaglobulinämie, deshalb Impfungen vorher vervollständigen.

Prüferinnenfrage
Warum muss nach der ersten Fingolimod-Gabe der Herzrhythmus überwacht werden?
Antwort anzeigen

Fingolimod-Phosphat wirkt an den S1P₁-Rezeptoren der Vorhofmyozyten zunächst als Agonist. Über Gᵢ öffnet es GIRK-Kaliumkanäle, ähnlich wie Acetylcholin am M₂-Rezeptor. Die Folgen sind Hyperpolarisation, Bradykardie und AV-Blockierungen. Erst danach wird der Rezeptor internalisiert, und der Effekt verschwindet trotz fortgesetzter Gabe. Daher ist nach der Erstgabe und nach Therapiepausen ein Monitoring nötig, die selektiveren Modulatoren werden aufdosiert. Bradykardisierende Komedikation wie Betablocker erhöht das Risiko.

⚠️ Achtung: Rebound nach Absetzen

Nach dem Absetzen von S1P-Modulatoren oder Natalizumab wandern Lymphozyten rasch ins ZNS ein, schwere Rebound-Schübe sind möglich. Das Absetzen wird deshalb geplant, gegebenenfalls mit kurzer Absicherung durch einen CD20-Antikörper oder Cladribin.

Progrediente Verlaufsformen

Bei Progression überwiegt die Neurodegeneration. Eine Immuntherapie nützt vor allem, solange noch Entzündung nachweisbar ist.

  • PPMS: nur CD20-Antikörper (Ocrelizumab, Rituximab off-label), am ehesten bei Jüngeren mit MRT-Aktivität; jenseits des 50. Lebensjahres strenge Indikation.
  • SPMS: wenn aktiv, Siponimod, Ponesimod, Beta-Interferone, Cladribin oder CD20-Antikörper; wenn nicht aktiv, keine Immuntherapie einleiten.

Mitoxantron, Methotrexat, Cyclophosphamid und intravenöse Immunglobuline werden zur Verlaufsmodifikation nicht mehr empfohlen.

Symptomatische Therapie

Die symptomatische Therapie mildert die Folgen der Demyelinisierung:

  • Spastik: Baclofen oder Tizanidin (Zentrale Muskelrelaxanzien), bei Therapieresistenz Nabiximols-Mundspray (Cannabinoide).
  • Gehfähigkeit: Fampridin (4-Aminopyridin) blockiert K⁺-Kanäle, die an demyelinisierten Axonen freiliegen → das Aktionspotenzial verlängert sich, die Leitung verbessert sich. Wichtigste UAW sind Krampfanfälle. Wegen der renalen Elimination über OCT2 ist es bei eingeschränkter Nierenfunktion und zusammen mit Cimetidin kontraindiziert.
  • Blase: Muscarinrezeptor-Antagonisten bei Drangsymptomatik.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Zuordnen

Aussage 2

Oligoklonale Banden sind im Liquor, nicht aber im Serum nachweisbar.

Sie zeigen eine Antikörperbildung innerhalb des ZNS an und können nach den McDonald-Kriterien die zeitliche Dissemination ersetzen.

Reihenfolge

Aussage 4

S1P-Rezeptor-Modulatoren verhindern den Austritt von Lymphozyten aus den Lymphknoten.

Sie internalisieren den S1P₁-Rezeptor. Die Lymphozyten können dem S1P-Gradienten nicht mehr ins Blut folgen und bleiben im Lymphknoten.

Wer bin ich?

Aussage 6

Natalizumab wirkt über eine Depletion CD20-positiver B-Zellen.

Natalizumab blockiert α4-Integrin und verhindert so die Bindung an VCAM-1 und die Passage der Blut-Hirn-Schranke. Eine B-Zell-Depletion über CD20 bewirken die CD20-Antikörper.

Aussage 7

Fampridin verbessert die Leitung demyelinisierter Axone, indem es K⁺-Kanäle öffnet.

Fampridin blockiert die freiliegenden K⁺-Kanäle. Dadurch verlängert sich das Aktionspotenzial und die Leitung verbessert sich.

Aussage 8

Hochdosiertes Methylprednisolon im Schub senkt die Langzeitbehinderung.

Es beschleunigt nur die Rückbildung der Schubsymptome. Auf künftige Schübe und die Langzeitbehinderung ist kein Effekt belegt.

Warum?

Aussage 10

Bei nicht aktiver SPMS soll keine Immuntherapie eingeleitet werden.

Ohne Schübe oder MRT-Aktivität überwiegt die Neurodegeneration, gegen die Immuntherapeutika kaum wirken.

Prüferin fragt

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