Grundlagen

Allergie und Atopie

Überempfindlichkeitsreaktionen nach Coombs und Gell und die Kette der Typ-I-Allergie von der Sensibilisierung über die Mastzelle bis zur Spätphase. Den Kern bilden Mediatoren, Phasen und die daraus abgeleiteten Angriffspunkte der Antiallergika.

✓ gelesen
Dein roter Faden7 Punkte
  • Coombs und Gell: Typ I IgE und Mastzelle, Typ II zytotoxische Antikörper, Typ III Immunkomplexe, Typ IV T-Zellen; pseudoallergische Reaktionen setzen Mediatoren ohne IgE frei.
  • Sensibilisierung: Dendritische Zellen präsentieren das Allergen, IL-4 treibt die Th2-Differenzierung, IL-4 und IL-13 den IgE-Klassenwechsel, IgE belädt FcεRI auf Mastzellen und Basophilen.
  • Mastzelle: Beim Zweitkontakt quervernetzt das Allergen IgE, Ca²⁺ steigt, präformiertes Histamin und Tryptase werden freigesetzt, Leukotriene und PGD₂ neu gebildet.
  • Mediatoren und Symptome: Histamin verursacht Juckreiz, Niesen und Ödem, Cysteinyl-Leukotriene die starke Bronchokonstriktion, Tryptase dient als Labormarker.
  • Phasen: Die Frühphase läuft in Minuten über Mediatoren ab, die Spätphase nach Stunden über Eosinophile und Th2-Zellen und führt zur chronischen Entzündung.
  • Atopie und Diagnostik: genetische Neigung zur IgE-Bildung mit atopischem Marsch; Prick-Test und spezifisches IgE zeigen nur die Sensibilisierung.
  • Angriffspunkte: Immuntherapie und Biologika ganz oben, Mastzellstabilisatoren, H1- und CysLT1-Antagonisten in der Frühphase, Glucocorticoide in der Spätphase, Adrenalin als funktioneller Antagonist am Endorgan.

Kostenlos weiterlesen mit deinem Relaxed-Konto

Lege dir ein kostenloses Konto an, dann ist das ganze 2. Staatsexamen für dich frei. Kein Abo, keine Zahlungsdaten.

Kostenloses Konto anlegen

Bitte bestätige zuerst deine E-Mail-Adresse

Wir haben dir einen Link geschickt. Mit bestätigter E-Mail-Adresse liest du hier gleich weiter.

Zum Konto

Überempfindlichkeitsreaktionen

Überempfindlichkeitsreaktionen sind überschießende Immunantworten gegen an sich harmlose Antigene. Die Coombs-Gell-Klassifikation ordnet sie nach dem Effektormechanismus und zeigt damit, wo Arzneistoffe eingreifen können. Die Grundlagen der Abwehr stehen bei der Immunabwehr.

📖 Definition: Allergie

Immunologisch vermittelte Überempfindlichkeit gegen ein Antigen (Allergen) nach vorausgegangener Sensibilisierung, meist IgE-vermittelt.

Typ Mechanismus Zeit Beispiele
I (Soforttyp) IgE auf Mastzellen → Mediatorfreisetzung Minuten allergische Rhinitis, allergisches Asthma, Anaphylaxie
II (zytotoxisch) IgG/IgM gegen zellgebundene Antigene → Komplement, Phagozytose Stunden bis Tage Transfusionsreaktion, arzneimittelinduzierte hämolytische Anämie
III (Immunkomplex) Antigen-Antikörper-Komplexe lagern sich ab → Komplement, Neutrophile Stunden bis Tage Serumkrankheit, Arthus-Reaktion, exogen-allergische Alveolitis
IV (Spättyp) sensibilisierte T-Zellen, keine Antikörper 24 bis 72 h Kontaktekzem (Nickel), Tuberkulin-Reaktion

Pseudoallergische Reaktionen ähneln Typ I, setzen Mediatoren aber ohne IgE frei: direkt an der Mastzelle (Opioide, Vancomycin, Röntgenkontrastmittel) oder über einen verschobenen Arachidonsäurestoffwechsel (Analgetika-Intoleranz unter COX-Hemmern). Sie brauchen keine Sensibilisierung, treten schon beim Erstkontakt auf und sind dosisabhängig. Details zu Arzneimitteln: Arzneimittelallergie.

Sensibilisierung und Typ-2-Immunantwort

Der Erstkontakt löst noch keine Symptome aus, sondern die Sensibilisierung: Mastzellen werden mit allergenspezifischem IgE beladen. Treiber ist die Th2-Immunantwort (Typ-2-Immunantwort).

  1. Allergenkontakt: Allergene überwinden das Epithel, oft dank eigener Proteaseaktivität (Hausstaubmilbe); gereiztes Epithel setzt TSLP, IL-25 und IL-33 frei.
  2. Präsentation: Dendritische Zellen präsentieren Allergenpeptide über MHC II naiven CD4⁺-T-Zellen.
  3. Th2-Differenzierung: Unter IL-4 entstehen Th2-Zellen.
  4. IgE-Klassenwechsel: IL-4 und IL-13 schalten B-Zellen auf IgE um.
  5. Beladung: IgE bindet an FcεRI, den hochaffinen IgE-Rezeptor auf Mastzellen und Basophilen; gebundenes IgE bleibt dort wochenlang.

Die Th2-Zytokine teilen sich die Arbeit:

  • IL-4: Th2-Differenzierung und IgE-Klassenwechsel.
  • IL-5: Reifung, Rekrutierung und Überleben der Eosinophilen.
  • IL-13: IgE-Klassenwechsel, Schleimbildung, bronchiale Hyperreagibilität.

Mastzelle und Mediatoren

Beim erneuten Kontakt quervernetzt ein mehrwertiges Allergen benachbarte FcεRI-gebundene IgE-Moleküle. Über die Tyrosinkinasen Lyn und Syk, Phospholipase Cγ und IP₃ steigt das zytosolische Ca²⁺, die Granula verschmelzen mit der Membran (Degranulation). Parallel liefert die Phospholipase A₂ Arachidonsäure für neu gebildete Eicosanoide.

Mastzelle mit quervernetzten IgE-Rezeptoren, intrazellulärer Signalkette, Granula-Freisetzung und Synthese von Lipidmediatoren.

Aktivierung der Mastzelle durch IgE-Quervernetzung.
  • Präformiert (Sekunden): Histamin, Tryptase, Heparin.
  • Neu synthetisiert (Minuten bis Stunden): Cysteinyl-Leukotriene (LTC₄, LTD₄, LTE₄), PGD₂, PAF, Zytokine.
Mediator Wirkung Symptom
Histamin (H1) Vasodilatation, Permeabilität ↑, Reizung sensibler Nerven Juckreiz, Niesen, Rhinorrhö, Quaddel, Hypotonie
Cysteinyl-Leukotriene (CysLT1) starke, anhaltende Bronchokonstriktion, Schleim, Ödem Bronchialobstruktion, verstopfte Nase
PGD₂ Vasodilatation, Bronchokonstriktion, Chemotaxis von Th2-Zellen und Eosinophilen (DP2) Flush, Obstruktion, Anstoß der Spätphase
Tryptase mastzellspezifische Protease Labormarker, erhöht nach Anaphylaxie

Früh- und Spätphase

Die Typ-I-Reaktion verläuft oft zweigipflig. Die Spätphasereaktion ist keine zweite Degranulation, sondern eine zelluläre Entzündung, die Mediatoren und Zytokine der Frühphase anstoßen.

Kurve mit frühem und spätem Gipfel der Bronchialobstruktion nach Allergenexposition, beschriftet mit Mediatoren und Entzündungszellen.

Typischer zweigipfliger Verlauf der allergischen Typ-I-Reaktion.
A Frühphase
  • Beginn: Minuten, Abklingen nach etwa einer Stunde
  • Träger: Histamin, Cysteinyl-Leukotriene, PGD₂
  • Klinik: Niesen, Juckreiz, Rhinorrhö, Bronchospasmus
  • Arzneistoffe: H1- und CysLT1-Antagonisten, Adrenalin
B Spätphase
  • Beginn: nach mehreren Stunden, Maximum nach 6 bis 12 h
  • Träger: eingewanderte Eosinophile, Basophile, Th2-Zellen
  • Klinik: nasale Obstruktion, erneute Obstruktion, Hyperreagibilität
  • Arzneistoffe: Glucocorticoide, Anti-Zytokin-Antikörper

Wiederholte Spätphasen münden in chronische Entzündung mit Umbau der Atemwege. Mediatorblocker lindern daher akute Symptome, den Verlauf ändern nur Entzündungshemmer.

Prüferinnenfrage
Warum lindert ein H1-Antihistaminikum allergisches Asthma kaum, ein inhalatives Glucocorticoid aber schon?
Antwort anzeigen

Die Bronchokonstriktion tragen vor allem Cysteinyl-Leukotriene und PGD₂, Histamin spielt an den Bronchien eine Nebenrolle. Zudem ist Asthma eine chronische Spätphasen-Entzündung mit Eosinophilen und Th2-Zellen. Inhalative Glucocorticoide hemmen die Transkription der Th2-Zytokine und vermindern Eosinophile und Mastzellen, brauchen dafür aber Tage.

Atopie und Diagnostik

Atopie ist die genetisch bedingte Neigung, gegen gewöhnliche Umweltallergene IgE zu bilden. Sie ist polygen; eine gestörte Hautbarriere (Filaggrin-Mutation) begünstigt die Sensibilisierung über die Haut.

  • Atopischer Marsch: typische Abfolge im Kindesalter von Neurodermitis und Nahrungsmittelallergie zu allergischer Rhinitis und allergischem Asthma.
  • Hygienehypothese: geringe mikrobielle Vielfalt in früher Kindheit fördert eine Th2-lastige Immunantwort.
  • Kreuzallergie: IgE erkennt strukturähnliche Proteine anderer Herkunft, etwa Birkenpollen (Bet v 1) ↔︎ Apfel, Haselnuss; Latex ↔︎ Banane, Kiwi.
  • Prick-Test: Allergenlösung auf die Haut, Epidermis mit Lanzette angestochen; Quaddel nach 15 bis 20 min, verglichen mit Histamin- und NaCl-Kontrolle.
  • Spezifisches IgE: Nachweis im Serum, unabhängig von Medikation.

Beide Tests belegen nur eine Sensibilisierung; eine Allergie liegt erst bei passenden Symptomen vor.

💊 Praxistipp

H1-Antihistaminika vor einem Prick-Test einige Tage absetzen: Sie unterdrücken die Quaddel und machen den Test falsch negativ.

Pharmakologische Angriffspunkte

Die Typ-I-Kaskade bietet Angriffspunkte von der Sensibilisierung bis zum Endorgan. Je früher ein Arzneistoff eingreift, desto breiter, aber auch langsamer wirkt er.

Schema der allergischen Kaskade von Allergenpräsentation über IgE und Mastzelle bis zum Endorgan mit markierten Angriffspunkten der Arzneistoffklassen.

Angriffspunkte der Antiallergika entlang der Typ-I-Reaktion.
Ebene Prinzip Arzneistoffe
Toleranz Umlenkung der Th2- zu einer regulatorischen Antwort allergenspezifische Immuntherapie (Allergische Rhinitis)
IgE, Typ-2-Zytokine Anti-IgE senkt freies IgE und FcεRI-Beladung; Antikörper gegen IL-5, IL-4Rα, TSLP Biologika bei Asthma
Mastzelle Degranulation ↓, nur prophylaktisch Cromoglicinsäure (Mastzellstabilisatoren)
Mediatorrezeptoren Blockade von H1 bzw. CysLT1 H1-Antihistaminika, Montelukast (Leukotrienrezeptor-Antagonisten)
Entzündung Zytokintranskription ↓, Eosinophile ↓ → Spätphase Inhalative Glucocorticoide
Endorgan funktioneller Antagonismus: α₁ Vasokonstriktion, β₂ Bronchodilatation Adrenalin (Anaphylaxie)

Rezeptorantagonisten blockieren jeweils nur einen Mediator. Adrenalin steuert über eigene Rezeptoren gegen, gleich welcher Mediator wirkt, und ist deshalb bei der Anaphylaxie Mittel der Wahl.

💡 Merke

Mastzellstabilisatoren und Rezeptorantagonisten zielen auf die Frühphase, Glucocorticoide auf die Spätphase, Adrenalin wirkt am Endorgan gegen alle Mediatoren zugleich.

Teste dich

Teste dich mit 11 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Ein positiver Prick-Test belegt für sich allein nur eine Sensibilisierung.

Prick-Test und spezifisches IgE zeigen die Sensibilisierung; eine Allergie liegt erst bei passenden Symptomen vor.

Aussage 2

Tryptase ist ein präformierter Mastzellmediator und dient als Labormarker nach einer Anaphylaxie.

Tryptase ist eine mastzellspezifische Protease aus den Granula; erhöhte Werte belegen eine Mastzellaktivierung.

Warum?

Aussage 4

Typ-IV-Reaktionen nach Coombs und Gell werden durch Immunkomplexe vermittelt.

Typ IV ist der Spättyp, vermittelt durch sensibilisierte T-Zellen ohne Antikörper. Immunkomplexe kennzeichnen Typ III.

Aussage 5

IL-5 ist das entscheidende Zytokin für den IgE-Klassenwechsel der B-Zellen.

Den IgE-Klassenwechsel vermitteln IL-4 und IL-13. IL-5 steuert Reifung, Rekrutierung und Überleben der Eosinophilen.

Zuordnen

Lückentext

Aussage 8

Die Spätphasereaktion beruht vor allem auf einer zweiten Degranulation präformierter Mediatoren.

Die Spätphase ist eine zelluläre Entzündung durch eingewanderte Eosinophile, Basophile und Th2-Zellen.

Aussage 9

Pseudoallergische Reaktionen können bereits beim ersten Kontakt mit dem Auslöser auftreten.

Sie setzen Mediatoren ohne IgE frei, brauchen daher keine Sensibilisierung und sind dosisabhängig.

Reihenfolge

Prüferin fragt

Fehler entdeckt oder eine Idee? Wir verbessern die Inhalte laufend. Melde es uns gerne über dieses Formular ❤️

Teile der Inhalte wurden mithilfe von KI-Systemen erstellt und werden fortlaufend redaktionell geprüft. Trotz Sorgfalt können Fehler enthalten sein. Wichtige Informationen bitte anhand offizieller Quellen prüfen. Relaxed ins Stex ist ein unabhängiges Angebot und steht in keiner Kooperation mit dem IMPP. Das Angebot ist weder vom IMPP autorisiert noch mit diesem verbunden.

Zurück nach oben