Arzneistoffe

Retinoide

Retinoide sind Retinsäure-Derivate, die über die nukleären Rezeptoren RAR und RXR Verhornung, Proliferation und Talgproduktion regulieren. Den Kern bilden die Teratogenität mit Schwangerschaftsverhütungsprogramm und der Unterschied der Nachverhütung zwischen Isotretinoin und Acitretin.

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  • Einordnung: Retinoide sind Retinsäure-Derivate in drei Generationen, topisch bei Akne, systemisch bei schwerer Akne, Psoriasis, Verhornungsstörungen und chronischem Handekzem.
  • Mechanismus: Sie aktivieren nukleäre RAR/RXR-Heterodimere an Response-Elementen der DNA und regulieren so Differenzierung und Proliferation der Keratinozyten; die 3. Generation ist RARβ/γ-selektiv.
  • Wirkungen: Sie normalisieren die Verhornung, wirken komedolytisch und antiinflammatorisch; nur Isotretinoin unterdrückt die Talgdrüsen stark.
  • Indikationen: Isotretinoin bei schwerer Akne, Acitretin bei Psoriasis (v. a. pustulös), Alitretinoin beim schweren chronischen Handekzem, Adapalen und Tretinoin topisch bei Akne.
  • Teratogenität: Die Retinoid-Embryopathie ist Klasseneffekt, daher Schwangerschaftsverhütungsprogramm mit sicherer Kontrazeption und Schwangerschaftstests.
  • Kinetik Acitretin: Mit Alkohol entsteht das im Fett gespeicherte Etretinat, daher 3 Jahre Nachverhütung und Blutspendeverbot statt 1 Monat bei Isotretinoin.
  • UAW und WW: Hypervitaminose-A-ähnliche Schleimhauttrockenheit, Lipide und Leberwerte ↑, Pseudotumor cerebri; nicht mit Tetracyclinen, Vitamin A oder (Acitretin) Methotrexat kombinieren.

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Überblick

Retinoide sind Derivate der Vitamin-A-Säure (Retinsäure), die als Liganden nukleärer Retinoidsäure-Rezeptoren die Genexpression von Keratinozyten und Talgdrüsenzellen steuern. Nach der Struktur unterscheidet man drei Generationen: nichtaromatische Isomere der Retinsäure (1.), monoaromatische (2.) und polyaromatische, rezeptorselektive Retinoide (3.). Sie normalisieren Differenzierung und Verhornung und wirken damit grundsätzlich anders als Glucocorticoide, die primär antiinflammatorisch und immunsuppressiv wirken.

A Topisch
  • Wirkstoffe: Tretinoin, Isotretinoin, Adapalen, Tazaroten
  • Einsatz: leichte bis mittelschwere Akne, Basistherapie
  • Risiko: lokale Irritation, kaum systemische Exposition
B Systemisch
  • Wirkstoffe: Isotretinoin, Acitretin, Alitretinoin
  • Einsatz: schwere Akne, Psoriasis, Verhornungsstörungen, chronisches Handekzem
  • Risiko: stark teratogen, Schwangerschaftsverhütungsprogramm

Typischer Vertreter ist Isotretinoin (13-cis-Retinsäure), das wirksamste Mittel bei schwerer Akne.

Strukturformel von Isotretinoin
Isotretinoin
Retinoide · Leitsubstanz
  • Prinzip: wirkt nach intrazellulärer Isomerisierung über RAR, löst Apoptose von Sebozyten aus → Talgdrüsenatrophie
  • Kinetik: lipophil, Einnahme zur Mahlzeit, hepatischer Abbau, kein Fettdepot
  • Einsatz: schwere oder therapierefraktäre Akne; topisch bei leichter Akne
  • Besonderheit: Schwangerschaftsverhütungsprogramm, Nachverhütung ein Monat

Vertreter

Die Vertreter unterscheiden sich nach Generation, Rezeptorprofil und Applikationsweg. Gemeinsam ist allen eine Carbonsäure (oder ihr Ester) als polarer Kopf, verbunden mit einem lipophilen Ringsystem; mit zunehmender Aromatisierung steigen chemische Stabilität und Rezeptorselektivität.

Wirkstoffe
Strukturformel von Isotretinoin
Systemisch, 1. Generation Isotretinoin 13-cis, Akne
Strukturformel von Alitretinoin
Systemisch, 1. Generation Alitretinoin 9-cis, RAR und RXR
Strukturformel von Acitretin
Systemisch, 2. Generation Acitretin monoaromatisch, Psoriasis
Strukturformel von Tretinoin
Topisch Tretinoin all-trans, photolabil
Strukturformel von Adapalen
Topisch Adapalen 3. Generation, RARβ/γ
Strukturformel von Tazaroten
Topisch Tazaroten 3. Generation, Prodrug

Wirkmechanismus

Retinoide diffundieren als lipophile Moleküle in die Zelle, werden von zellulären Retinsäure-Bindungsproteinen (CRABP) aufgenommen und in den Kern transportiert. Dort aktivieren sie Retinoidsäure-Rezeptoren, ligandenaktivierte Transkriptionsfaktoren der Kernrezeptor-Superfamilie (Grundlagen: Rezeptoren und Signaltransduktion).

  1. Rezeptoren: RAR (α, β, γ; Ligand all-trans-Retinsäure) und RXR (α, β, γ; Ligand 9-cis-Retinsäure); in der Epidermis überwiegt RARγ.
  2. Heterodimer: RAR/RXR sitzt ohne Ligand an Retinoic Acid Response Elements (RARE) der DNA und hemmt über Korepressoren die Transkription.
  3. Ligandbindung: Konformationsänderung → Korepressoren lösen sich, Koaktivatoren binden → Transkription der Zielgene.
  4. Zellantwort: Keratinozyten-Differenzierung normalisiert, Hyperproliferation ↓, Kohäsion der Korneozyten ↓; in Sebozyten Apoptose.

Tretinoin aktiviert alle RAR, Alitretinoin als 9-cis-Isomer RAR und RXR (Panagonist). Isotretinoin bindet selbst kaum und wirkt nach Isomerisierung; seine Talgdrüsensuppression übertrifft alle anderen Retinoide. Die 3. Generation ist RARβ/γ-selektiv und damit auf die Haut zugeschnitten; RXR ist dagegen auch Partner anderer Kernrezeptoren (PPAR, Schilddrüsenhormon-, Vitamin-D-Rezeptor), was manche systemischen UAW erklärt.

Schema einer Keratinozyte: Retinoid tritt in die Zelle, bindet an CRABP, gelangt in den Zellkern und aktiviert ein RAR/RXR-Heterodimer an einem Response-Element der DNA; Korepressor löst sich, Koaktivator bindet, Transkription startet.

Retinoide aktivieren RAR/RXR-Heterodimere an der DNA und verändern so Differenzierung und Proliferation der Keratinozyten.

Wirkungen und Anwendung

Aus der Genregulation ergeben sich vier Wirkqualitäten:

  • Verhornung normalisiert: Hornschicht dünner, Differenzierung geordnet → Ichthyosen und andere Verhornungsstörungen.
  • Komedolytisch: follikuläre Hyperkeratose ↓, Mikrokomedonen lösen sich, neue entstehen nicht.
  • Sebosuppressiv: nur systemisches Isotretinoin, weil es die Talgdrüsen atrophieren lässt → weniger Nährboden für Cutibacterium acnes.
  • Antiinflammatorisch: Neutrophilen-Chemotaxis ↓, bei Adapalen zusätzlich TLR2-Expression ↓.

Die Indikationen folgen daraus:

  • Akne: Adapalen oder Tretinoin topisch als Basistherapie, oft mit Benzoylperoxid; Isotretinoin systemisch bei schwerer oder therapierefraktärer Akne.
  • Psoriasis: Acitretin systemisch, besonders bei pustulöser Psoriasis und Erythrodermie, bei gebärfähigen Frauen nicht empfohlen; Stellenwert unter Psoriasis.
  • Chronisches Handekzem: Alitretinoin bei schwerem Verlauf, wenn topische Therapie und Phototherapie nicht reichen (Neurodermitis).

Pharmakokinetik

Systemische Retinoide sind stark lipophil und hoch plasmaproteingebunden; entscheidend ist, ob ein Fettdepot entsteht.

  • Resorption: mit fettreicher Mahlzeit deutlich besser, daher immer zum Essen einnehmen.
  • Isotretinoin, Alitretinoin: hepatischer Abbau (Alitretinoin über CYP3A4), Halbwertszeiten im Bereich von Stunden bis etwa einem Tag, kein Depot.
  • Acitretin: selbst rasch eliminiert, aber mit Ethanol Rückveresterung zu Etretinat, seinem Ethylester; dieser ist noch lipophiler, wird im Fettgewebe gespeichert und über Monate bis Jahre freigesetzt.
  • Topisch: geringe systemische Resorption; Tazaroten wird in der Haut zur aktiven Tazarotensäure hydrolysiert.

Reaktionsschema: Acitretin mit freier Carbonsäuregruppe reagiert mit Ethanol zum Ethylester Etretinat; Pfeil zu einem Fettgewebsdepot mit langsamer Freisetzung über Jahre.

Mit Ethanol wird Acitretin zum lipophilen Ethylester Etretinat, der im Fettgewebe ein Langzeitdepot bildet.

Unerwünschte Wirkungen

Die UAW systemischer Retinoide ähneln einer Hypervitaminose A und sind dosisabhängig; die Teratogenität ist Klasseneffekt und tritt schon nach kurzer Exposition im ersten Trimenon auf.

Schema der unerwünschten Wirkungen: Retinoide, ausgehend vom Mechanismus, je Organ mit Piktogramm (Haut, Auge, Atmung, Knochen, ZNS, Leber, Schwangerschaft).

Unerwünschte Wirkungen systemischer Retinoide im Überblick, die Teratogenität als Klasseneffekt im Zentrum.
UAW warum
Schwangerschaft
Retinoid-Embryopathie: kraniofaziale und Ohrfehlbildungen, Herzfehler, ZNS-Fehlbildungen, Thymusaplasie, Aborte Retinsäure ist Morphogen: ihr Gradient steuert Hox-Gene und Neuralleistenzellen, exogene Retinoide stören die Organanlage
Haut
Cheilitis, Xerosis, Konjunktivitis, Epistaxis, Haarausfall Talg ↓, Epithel dünner und weniger verhornt
Haut
Retinoid-Dermatitis (topisch), Photosensibilität Hornschicht dünner, Barriere geschwächt
Stoffwechsel · Leber
Triglyceride und Cholesterin ↑, Transaminasen ↑ hepatische VLDL-Bildung ↑, Leberbelastung → Lipide und Leberwerte kontrollieren
ZNS
Pseudotumor cerebri intrakranieller Druck ↑: Kopfschmerz, Sehstörung, Papillenödem
ZNS
Depression, Suizidalität (v. a. Isotretinoin) Kausalität nicht gesichert, Retinoide wirken im ZNS → aufklären, beobachten
Knochen
Hyperostosen, vorzeitiger Epiphysenschluss, Myalgien Retinoide regulieren Knochenumbau und Chondrozyten; Langzeittherapie, Jugendliche
Stoffwechsel
Hypothyreose (Alitretinoin) RXR-Aktivierung senkt TSH

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Weil schon eine kurze Exposition genügt, steht die sichere Verhütung über allem (Teratogenese allgemein: Schwangerschaft und Stillzeit).

📖 Definition: Schwangerschaftsverhütungsprogramm

Verbindliche Auflagen für systemische Retinoide bei gebärfähigen Frauen: Aufklärung, sichere Kontrazeption ab einem Monat vor Beginn bis zum Ende der Nachverhütung und ärztlich überwachte Schwangerschaftstests vor, monatlich während und nach der Therapie.

💡 Merke

Nachverhütung und Blutspendeverbot: Isotretinoin und Alitretinoin 1 Monat, Acitretin 3 Jahre (Etretinat-Depot).

  • Schwangerschaft, Stillzeit: kontraindiziert, systemisch wie topisch; Methoden unter Hormonelle Kontrazeptiva.
  • Blutspende: verboten in der Nachverhütungszeit, weil das Blut eine Schwangere erreichen könnte.
  • Vitamin A: additiv → Hypervitaminose A (Vitamine).
  • Methotrexat + Acitretin: additive Hepatotoxizität, kontraindiziert.
  • Alkohol: unter Acitretin Etretinatbildung, daher für gebärfähige Frauen während und bis zwei Monate nach der Therapie tabu.
  • Weitere KI: schwere Leber- oder Niereninsuffizienz, ausgeprägte Hyperlipidämie.
⚠️ Achtung: Retinoid plus Tetracyclin

Systemische Retinoide und Tetracycline (etwa Doxycyclin bei Akne) steigern beide den intrakraniellen Druck; die Kombination ist wegen Pseudotumor cerebri kontraindiziert.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Bei den systemischen Retinoiden entscheiden Indikation und Depotbildung, bei den topischen Stabilität und Verträglichkeit.

Merkmal Isotretinoin Acitretin Alitretinoin
Struktur, Rezeptor 1. Gen., 13-cis, RAR nach Isomerisierung 2. Gen., monoaromatisch, RAR 1. Gen., 9-cis, RAR und RXR
Hauptindikation schwere Akne Psoriasis, Verhornungsstörungen chronisches Handekzem
Talgsuppression stark gering gering
Depot nein Etretinat (mit Alkohol) nein
Nachverhütung 1 Monat 3 Jahre 1 Monat

Topische Retinoide verursachen vor allem Irritation; das teratogene Risiko ist wegen geringer Resorption klein, aus Vorsicht gelten sie in der Schwangerschaft dennoch als kontraindiziert.

Prüferinnenfrage
Warum verwendet man topisch heute meist Adapalen statt Tretinoin?
Antwort anzeigen

Tretinoin ist ein Polyen und wird durch Licht und Benzoylperoxid oxidativ abgebaut, deshalb abends und getrennt von Benzoylperoxid anzuwenden. Adapalen ist ein polyaromatisches Naphthoesäure-Derivat, licht- und oxidationsstabil und daher in einer Fixkombination mit Benzoylperoxid möglich. Als RARβ/γ-selektiver, lipophiler Wirkstoff reichert es sich im Follikel an, wirkt zusätzlich antiinflammatorisch und reizt bei vergleichbarer komedolytischer Wirkung weniger.

Teste dich

Teste dich mit 11 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

RAR und RXR sind membranständige G-Protein-gekoppelte Rezeptoren.

RAR und RXR sind nukleäre Rezeptoren, ligandenaktivierte Transkriptionsfaktoren, die als Heterodimer an Response-Elemente der DNA binden.

Aussage 2

Acitretin wird unter Alkohol zu Etretinat verestert, das im Fettgewebe gespeichert wird.

Etretinat ist der lipophile Ethylester von Acitretin und wird über Monate bis Jahre aus dem Fettgewebe freigesetzt.

Zuordnen

Aussage 4

Doxycyclin ist ein geeigneter Kombinationspartner für systemisches Isotretinoin bei schwerer Akne.

Retinoide und Tetracycline steigern beide den intrakraniellen Druck; die Kombination ist wegen Pseudotumor cerebri kontraindiziert.

Lückentext

Aussage 6

Adapalen ist ein RARα-selektives Retinoid der 1. Generation.

Adapalen ist ein polyaromatisches Retinoid der 3. Generation und RARβ/γ-selektiv.

Wer bin ich?

Aussage 8

Alitretinoin aktiviert als 9-cis-Retinsäure sowohl RAR als auch RXR.

Alitretinoin ist ein Panagonist an RAR und RXR; die RXR-Aktivierung erklärt auch die TSH-Senkung.

Aussage 9

Die starke Talgdrüsensuppression erklärt die Sonderstellung von systemischem Isotretinoin bei schwerer Akne.

Isotretinoin löst Apoptose von Sebozyten aus und lässt die Talgdrüsen atrophieren, stärker als alle anderen Retinoide.

Warum?

Prüferin fragt

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