Arzneistoffe

AT1-Antagonisten

AT1-Antagonisten (Sartane) blockieren den Angiotensin-II-Rezeptor Typ 1 und hemmen das RAAS auf Rezeptorebene. Kern sind der Vergleich mit den ACE-Hemmern (gleiche Klasseneffekte, aber kaum Husten), die Kinetik der Prodrugs und die duale RAAS-Blockade als Negativbeispiel.

✓ gelesen
Dein roter Faden6 Punkte
  • Einordnung: Sartane sind RAAS-Hemmer auf Rezeptorebene, Leitsubstanz Candesartan, weitere Vertreter Losartan, Valsartan, Irbesartan, Telmisartan und Olmesartan.
  • Mechanismus: Kompetitive AT1-Blockade erfasst auch ACE-unabhängig gebildetes Angiotensin II, lässt Bradykinin unberührt und führt reaktiv zu Renin- und Angiotensin-II-Anstieg mit freier AT2-Stimulation.
  • Wirkungen und Indikationen: Vor- und Nachlast ↓, Anti-Remodeling, Proteinurie ↓ → Erstlinie bei Hypertonie und CKD, bei HFrEF Alternative bei ACE-Hemmer-Unverträglichkeit.
  • Kinetik: Candesartan und Olmesartan sind Esterprodrugs, Losartan wird über CYP2C9/3A4 aktiviert, Telmisartan hat die längste Halbwertszeit und wird biliär eliminiert.
  • UAW im Vergleich: Hyperkaliämie, Kreatininanstieg, Hypotonie und Fetotoxizität wie bei ACE-Hemmern, Reizhusten und Angioödem deutlich seltener, weil Bradykinin nicht ansteigt.
  • Kontraindikationen und Wechselwirkungen: Schwangerschaft und beidseitige Nierenarterienstenose; Vorsicht mit Kalium, NSAR und Lithium; die duale RAAS-Blockade mit ACE-Hemmer oder Aliskiren bringt nur Risiken.

Überblick

AT1-Antagonisten, nach ihrer gemeinsamen Endung Sartane genannt, blockieren selektiv den Angiotensin-II-Rezeptor Typ 1 (AT1) und hemmen so das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System auf der letzten Stufe. Sie senken den Blutdruck und wirken organprotektiv wie die ACE-Hemmer, lassen aber den Bradykininabbau unberührt.

  • Rezeptor statt Enzym: erfasst auch ACE-unabhängig gebildetes Angiotensin II.
  • Kein Bradykininanstieg: Reizhusten und Angioödem deutlich seltener, daher besser verträglich.
  • Gleiche Klasseneffekte: Hyperkaliämie, Kreatininanstieg und Fetotoxizität wie bei ACE-Hemmern.
  • Stellenwert: bei Hypertonie und Nephropathie gleichwertige Erstlinie neben ACE-Hemmern, bei Herzinsuffizienz Alternative bei ACE-Hemmer-Unverträglichkeit.

Typischer Vertreter ist Candesartan, ein Esterprodrug mit besonders fester Rezeptorbindung.

Strukturformel von Candesartan
Candesartan
AT1-Antagonisten · Leitsubstanz
  • Prinzip: AT1-Antagonist mit langsamer Dissoziation vom Rezeptor (insurmountabler Antagonismus).
  • Kinetik: gegeben als Candesartancilexetil, Esterspaltung schon bei der Resorption in der Darmwand; renal und biliär eliminiert.
  • Einsatz: Hypertonie, HFrEF bei ACE-Hemmer-Unverträglichkeit.
  • Besonderheit: kaum CYP-Metabolismus, daher wenig Interaktionen.

Vertreter

Alle Sartane sind nichtpeptidische Biphenylderivate, meist mit einer sauren Tetrazolgruppe als Carbonsäure-Bioisoster; Telmisartan trägt stattdessen eine Carbonsäure. Unterscheiden lassen sie sich vor allem kinetisch: Prodrug oder Wirkform, Wirkdauer und Eliminationsweg.

Wirkstoffe
Strukturformel von Candesartan
Esterprodrugs Candesartan Cilexetil-Ester
Strukturformel von Olmesartan
Esterprodrugs Olmesartan Medoxomil-Ester
Strukturformel von Losartan
Aktiver Metabolit Losartan CYP-Aktivierung, urikosurisch
Strukturformel von Valsartan
Direkt wirksam Valsartan auch im ARNI
Strukturformel von Irbesartan
Direkt wirksam Irbesartan hohe Bioverfügbarkeit
Strukturformel von Telmisartan
Direkt wirksam Telmisartan längste Halbwertszeit

Wirkmechanismus

Sartane verdrängen Angiotensin II kompetitiv vom Gq-gekoppelten AT1-Rezeptor, mit weit höherer Affinität zu AT1 als zu AT2. Daraus folgt eine Kette, die bis zur Gegenregulation reicht:

  1. AT1-Blockade: Angiotensin II kann an Gefäß, Niere, Nebenniere und Myokard nicht mehr binden.
  2. Akute Folgen: Vasokonstriktion ↓, Aldosteron- und ADH-Freisetzung ↓, Sympathikusaktivierung ↓ → Na⁺- und Wasserretention ↓.
  3. Langfristig: proliferative und fibrotische Angiotensin-II-Wirkung ↓ → Anti-Remodeling.
  4. Gegenregulation: die AT1-vermittelte Hemmung der Reninfreisetzung fällt weg → Renin und Angiotensin II steigen, das freie Angiotensin II stimuliert ungehindert AT2.

Schema des RAAS mit Blockade des AT1-Rezeptors durch ein Sartan, freiem AT2-Rezeptor, Chymase-Nebenweg und unbeeinflusstem Bradykininabbau durch ACE

Sartane blockieren AT1 am Ende der Kaskade: Chymase-Weg erfasst, Bradykininabbau unberührt, AT2 frei.

Weil der Rezeptor blockiert wird, ist gleichgültig, wie Angiotensin II entstanden ist: Auch das über Chymasen im Gewebe gebildete Angiotensin II, das unter ACE-Hemmern teilweise erhalten bleibt, wird erfasst. Da ACE (Kininase II) nicht gehemmt wird, steigt Bradykinin nicht an.

Prüferinnenfrage
Unter einem Sartan steigt Angiotensin II an. Ist das nicht kontraproduktiv?
Antwort anzeigen

Nein. Der Anstieg ist reaktiv, weil die AT1-vermittelte Rückkopplung auf die Reninfreisetzung wegfällt. Am blockierten AT1-Rezeptor bleibt das zusätzliche Angiotensin II wirkungslos, es stimuliert aber den freien AT2-Rezeptor, der eher vasodilatierend und antiproliferativ wirkt. Ob das klinisch einen Vorteil gegenüber ACE-Hemmern bringt, ist nicht belegt.

Wirkungen und Anwendung

Die Wirkungen entsprechen denen der ACE-Hemmer, weil beide dieselbe Angiotensin-II-Wirkung am AT1-Rezeptor ausschalten.

  • Hämodynamisch: Vor- und Nachlast ↓ durch Vasodilatation und Natriurese, ohne Reflextachykardie, weil der Sympathikus mitgedämpft wird.
  • Organprotektiv: Anti-Remodeling an Herz und Gefäßen; Dilatation der efferenten Arteriole senkt den intraglomerulären Druck und damit die Proteinurie.
  • Hypertonie: Erstlinie, gleich wirksam wie ACE-Hemmer und besser verträglich.
  • Herzinsuffizienz: bei HFrEF nur bei ACE-Hemmer-Unverträglichkeit oder -Kontraindikation (Candesartan, Valsartan, Losartan); Valsartan zudem Partner im ARNI.
  • Chronische Nierenkrankheit: gleichwertig zu ACE-Hemmern, bei Albuminurie zur Progressionshemmung (Losartan, Irbesartan bei diabetischer Nephropathie).
  • Wechselgrund: klassisch der ACE-Hemmer-Reizhusten.

Pharmakokinetik

Gemeinsam sind eine hohe Plasmaproteinbindung und eine überwiegend unveränderte Ausscheidung. Die Unterschiede betreffen Aktivierung und Eliminationsweg:

  • Esterprodrugs: Candesartancilexetil und Olmesartanmedoxomil; der lipophile Ester verbessert die Resorption der stark sauren Wirkform, die Hydrolyse erfolgt in der Darmwand.
  • Losartan: selbst wirksam, wird über CYP2C9 und CYP3A4 zum potenteren, länger wirksamen Carbonsäure-Metaboliten (EXP3174) oxidiert.
  • Telmisartan: lipophilster Vertreter mit der längsten Halbwertszeit, fast ausschließlich biliär eliminiert, daher bei Niereninsuffizienz günstig, bei Cholestase ungeeignet.
  • Irbesartan: hohe Bioverfügbarkeit, Abbau über CYP2C9.

Unerwünschte Wirkungen

Die meisten UAW sind Klasseneffekte der RAAS-Hemmung und deshalb identisch mit denen der ACE-Hemmer; nur die bradykininvermittelten fehlen weitgehend.

Zweispaltiger Vergleich der unerwünschten Wirkungen von ACE-Hemmern und Sartanen mit Schnittmenge der gemeinsamen Klasseneffekte

Gleiche Klasseneffekte aus der RAAS-Hemmung, Unterschied nur bei den bradykininvermittelten UAW.
UAW warum
Gefäße
Hypotonie, Schwindel (v. a. zu Beginn) Angiotensin-II-abhängiger Tonus fällt weg, verstärkt bei Volumenmangel oder Diuretika
Niere
Hyperkaliämie Aldosteron ↓ → renale K⁺-Ausscheidung ↓
Niere
Kreatininanstieg, akutes Nierenversagen efferente Arteriole dilatiert → Filtrationsdruck ↓
Schwangerschaft
Fetotoxizität RAAS für die fetale Nierenentwicklung nötig → Oligohydramnion, Nierenschäden
Atmung · Immunsystem
Reizhusten, Angioödem (selten) kein Bradykininanstieg (Mechanismus bei den ACE-Hemmern); Angioödem trotzdem möglich
Magen-Darm
Sprue-artige Enteropathie (Olmesartan, sehr selten) substanzspezifisch, Mechanismus unklar
Fall aus der Apotheke
Umstellung wegen Reizhusten

Herr M., 64 Jahre, Hypertonie, nahm bisher Ramipril und bekommt wegen trockenen Reizhustens nun Candesartan verordnet. Er fragt, ob der Husten jetzt verschwindet und ob er die restlichen Ramipril-Tabletten zur Sicherheit zusätzlich einnehmen soll.

  1. Was sagen Sie ihm zum Husten?
  2. Darf er Ramipril weiter einnehmen?
Lösung anzeigen
  1. Der Husten sollte innerhalb von Tagen bis Wochen abklingen, weil Candesartan ACE nicht hemmt und Bradykinin nicht anreichert. Die Blutdrucksenkung bleibt gleich, denn derselbe Angiotensin-II-Effekt am AT1-Rezeptor wird ausgeschaltet. Hält der Husten an, ist eine andere Ursache abzuklären.
  2. Nein. Ramipril plus Candesartan wäre eine duale RAAS-Blockade ohne Zusatznutzen, aber mit erhöhtem Risiko für Hyperkaliämie, Hypotonie und akutes Nierenversagen. Ramipril wird abgesetzt.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Kontraindikationen und Wechselwirkungen folgen aus drei Konsequenzen der AT1-Blockade: Kaliumretention, Abhängigkeit der GFR von Angiotensin II und Fetotoxizität.

  • Schwangerschaft: kontraindiziert, fetotoxisch im 2. und 3. Trimenon; bei Kinderwunsch umstellen.
  • Beidseitige Nierenarterienstenose (oder Stenose bei Einzelniere): die GFR hängt dann an der Angiotensin-II-vermittelten efferenten Konstriktion → akutes Nierenversagen.
  • Schwere Leberinsuffizienz, Cholestase: v. a. für biliär eliminierte Sartane.
  • Kalium, kaliumsparende Diuretika, MRA, Trimethoprim, Tacrolimus: additive Hyperkaliämie.
  • NSAR: schwächen die Blutdrucksenkung ab; mit Diuretikum Risiko für akutes Nierenversagen (afferente Konstriktion plus efferente Dilatation).
  • Lithium: Na⁺-Verlust steigert die tubuläre Lithium-Rückresorption → Lithiumspiegel ↑.
⚠️ Achtung: Duale RAAS-Blockade

Die Kombination zweier RAAS-Hemmer (Sartan plus ACE-Hemmer oder Aliskiren) senkt zwar die Proteinurie, erhöht aber Hyperkaliämie, Hypotonie und akutes Nierenversagen ohne Nutzen für Mortalität oder Nierenendpunkte. Mit Aliskiren ist sie bei Diabetes oder eGFR < 60 ml/min/1,73 m² kontraindiziert, mit ACE-Hemmern bei diabetischer Nephropathie.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Bei Hypertonie gelten die Sartane als weitgehend austauschbar; die Unterschiede liegen in Kinetik und wenigen Zusatzeffekten.

Wirkstoff Prodrug Halbwertszeit Elimination Besonderheit
Candesartan ja (Cilexetil) mittel renal und biliär sehr feste Rezeptorbindung
Losartan aktiver Metabolit kurz (Metabolit länger) CYP2C9/3A4, biliär und renal urikosurisch
Valsartan nein kurz überwiegend biliär Partner im ARNI
Irbesartan nein lang biliär, CYP2C9 hohe Bioverfügbarkeit
Telmisartan nein sehr lang fast nur biliär partieller PPARγ-Agonist
Olmesartan ja (Medoxomil) lang renal und biliär Sprue-artige Enteropathie

Losartan hemmt den Urattransporter URAT1 im proximalen Tubulus und senkt die Harnsäure leicht, günstig bei Hypertonie mit Gicht. Telmisartan aktiviert partiell PPARγ und verbessert experimentell die Insulinsensitivität, ein klinischer Nutzen ist nicht belegt.

ACE-Hemmer bleiben bei HFrEF wegen der breiteren Endpunktevidenz erste Wahl. Sartane sind bei Hypertonie und Nephropathie gleichwertig und die Alternative bei ACE-Hemmer-Husten; nach einem ACE-Hemmer-Angioödem nur mit Vorsicht, da Kreuzreaktionen selten vorkommen.

Teste dich

Teste dich mit 9 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Sartane erfassen auch Angiotensin II, das über Chymasen ACE-unabhängig gebildet wird.

Da der Rezeptor blockiert wird, ist der Bildungsweg des Angiotensin II gleichgültig.

Aussage 2

Telmisartan wird überwiegend renal eliminiert und ist deshalb bei Niereninsuffizienz problematisch.

Telmisartan wird fast ausschließlich biliär eliminiert; problematisch ist es bei Cholestase, bei Niereninsuffizienz eher günstig.

Warum?

Zuordnen

Aussage 5

Losartan wird über CYP2C9 und CYP3A4 zu einem potenteren Carbonsäure-Metaboliten oxidiert.

Der Metabolit EXP3174 ist stärker und länger wirksam als Losartan selbst.

Aussage 6

Hyperkaliämie tritt unter Sartanen seltener auf als unter ACE-Hemmern, weil Bradykinin nicht ansteigt.

Hyperkaliämie ist ein Klasseneffekt über die verminderte Aldosteronwirkung und betrifft beide Klassen gleichermaßen; nur Husten und Angioödem sind bradykininvermittelt und daher seltener.

Aussage 7

Unter einem Sartan sinkt der Angiotensin-II-Plasmaspiegel.

Er steigt reaktiv an, weil die AT1-vermittelte Hemmung der Reninfreisetzung wegfällt; das freie Angiotensin II stimuliert dann AT2.

Wer bin ich?

Prüferin fragt

Fehler entdeckt oder eine Idee? Wir verbessern die Inhalte laufend. Melde es uns gerne über dieses Formular ❤️

Teile der Inhalte wurden mithilfe von KI-Systemen erstellt und werden fortlaufend redaktionell geprüft. Trotz Sorgfalt können Fehler enthalten sein. Wichtige Informationen bitte anhand offizieller Quellen prüfen. Relaxed ins Stex ist ein unabhängiges Angebot und steht in keiner Kooperation mit dem IMPP. Das Angebot ist weder vom IMPP autorisiert noch mit diesem verbunden.

Zurück nach oben