Periphere Durchblutungsstörungen
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist die Atherosklerose der Beinarterien und ein Marker für generalisierte Atherosklerose. Den Kern bildet die Trennung zwischen prognoseverbessernder Therapie (Thrombozytenhemmung, Statin, Rivaroxaban plus ASS) und symptomatischer Therapie (Gehtraining, Cilostazol, Naftidrofuryl). Dazu kommt das Raynaud-Syndrom als funktionelle Vasospastik.
Dein roter Faden
- Einordnung: Die pAVK ist die Atherosklerose der Beinarterien und ein Marker generalisierter Atherosklerose mit hohem Infarkt- und Schlaganfallrisiko.
- Stadien: Claudicatio intermittens ist das Leitsymptom; Fontaine I bis IV reicht von asymptomatisch über Gehstrecke über bzw. unter 200 m bis Ruheschmerz und Nekrose, ein Knöchel-Arm-Index unter 0,9 sichert die Diagnose.
- Pathophysiologie: Die Stenose führt unter Belastung zur Ischämie, die Atherothrombose zu akuten Verschlüssen in allen Gefäßregionen.
- Prognoseverbessernd: ASS oder Clopidogrel als Dauertherapie, ein hochintensives Statin bei jeder pAVK und bei hohem Risiko niedrig dosiertes Rivaroxaban plus ASS.
- Gehstrecke: Strukturiertes Gehtraining und Rauchstopp zuerst; Cilostazol (PDE-3-Hemmer, kontraindiziert bei Herzinsuffizienz) und Naftidrofuryl (5-HT₂-Antagonist) nur symptomatisch.
- Raynaud: Funktioneller Vasospasmus; Kälteschutz, Dihydropyridin-Calciumkanalblocker, bei schwerer sekundärer Form Iloprost i. v.
- Medikationsanalyse: Triptane und Ergotamin sind bei pAVK kontraindiziert, Betablocker und Stimulanzien können ein Raynaud-Syndrom verschlechtern.
Überblick
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist eine atherosklerotische Einengung oder ein Verschluss der Extremitätenarterien, ganz überwiegend der Bein- und Beckenarterien. Sie ist ein Marker generalisierter Atherosklerose: Viele Betroffene haben zugleich eine KHK oder eine Karotisstenose und sterben eher an Infarkt oder Schlaganfall als am Bein. Abzugrenzen ist das Raynaud-Syndrom, eine anfallsartige, funktionelle Vasospastik der Fingerarterien ohne fixierte Stenose.
Leitsymptom ist die Claudicatio intermittens, ein belastungsabhängiger Wadenschmerz, der im Stehen rasch abklingt („Schaufensterkrankheit“). Klinisch wird nach Fontaine eingeteilt:
| Fontaine-Stadium | Klinik |
|---|---|
| I | asymptomatisch, nur apparativ nachweisbar |
| II a / II b | Claudicatio, schmerzfreie Gehstrecke über bzw. unter 200 m |
| III | ischämischer Ruheschmerz |
| IV | Nekrose, Gangrän |
Stadium III und IV bilden die kritische Extremitätenischämie mit drohendem Verlust der Extremität.
Quotient aus systolischem Knöchel- und Armdruck (ABI). Werte unter 0,9 sichern die pAVK; bei Mediasklerose (Diabetes, Niereninsuffizienz) ist er falsch hoch.
Pathophysiologie und Angriffspunkte
Grundlage ist die Atherosklerose, deren Entstehung bei der koronaren Herzkrankheit erklärt ist. Für die Therapie zählt die Kette von der Stenose zum Symptom und zur Atherothrombose:
- Stenose: Der Ruhebedarf der Muskulatur wird gedeckt, Kollateralen kompensieren teilweise.
- Belastungsischämie: Beim Gehen steigt der O₂-Bedarf, der Fluss hinter der Stenose kann nicht mitsteigen → anaerober Stoffwechsel, Laktat → Claudicatio.
- Ruheischämie: Die Perfusion reicht auch in Ruhe nicht → Ruheschmerz, Nekrose.
- Atherothrombose: Plaqueruptur aktiviert Thrombozyten und Gerinnung → akuter Verschluss im Bein, ebenso in Koronarien und Hirnarterien.
Daraus folgen zwei Therapieebenen: Thrombozyten, Gerinnung und LDL bestimmen die Prognose, Gefäßtonus und Muskelstoffwechsel die Gehstrecke.
Beim Raynaud-Syndrom lösen Kälte oder Stress einen überschießenden, vorwiegend α₂-adrenerg vermittelten Vasospasmus der Digitalarterien aus (Weiß-Blau-Rot-Verfärbung). Die primäre Form ist harmlos, die sekundäre begleitet vor allem Kollagenosen wie die systemische Sklerose und kann digitale Ulzera verursachen.
| Angriffspunkt | Arzneistoffklasse | Effekt |
|---|---|---|
| Thrombozyten (COX-1/TXA₂, P2Y12) | ASS, P2Y12-Antagonisten | Atherothrombose ↓ |
| Faktor Xa | niedrig dosiertes Rivaroxaban (DOAK) | Thrombinbildung ↓ |
| LDL-Cholesterin, Plaque | Statine | Plaquestabilisierung, Ereignisse ↓ |
| PDE-3 in Thrombozyten und Gefäßmuskel | Cilostazol | cAMP ↑, Gehstrecke ↑ |
| 5-HT₂-Rezeptor | Naftidrofuryl | Vasokonstriktion ↓, Gehstrecke ↑ |
| L-Typ-Ca²⁺-Kanal der Gefäßmuskulatur | Calciumkanalblocker (Dihydropyridine) | Vasodilatation beim Raynaud |
| IP-Rezeptor | Prostanoide wie Iloprost (Eicosanoide) | Vasodilatation, Plättchenhemmung |
Therapie
Ziele sind, Infarkt, Schlaganfall und Amputation zu verhindern und Gehstrecke sowie Lebensqualität zu verbessern. Die Basis ist nicht-medikamentös: strukturiertes Gehtraining verlängert die Gehstrecke über Kollateralbildung am wirksamsten, der Rauchstopp (Tabakabhängigkeit) bremst die Progression. Blutdruck (Hypertonie, bei Diabetes Ziel unter 140/90 mmHg) und Diabetes werden konsequent eingestellt, mit Metformin als erster Wahl bei Typ-2-Diabetes.
Prognose und Gehstrecke
Prognoseverbessernd wirken nur Thrombozytenhemmung, Statine und die duale Hemmung mit Rivaroxaban. Die Nischenstoffe verbessern allein die Gehstrecke.
| Klasse | Stellenwert | Begründung |
|---|---|---|
| ASS oder Clopidogrel | symptomatische pAVK, dauerhaft als Monotherapie | senkt Infarkt, Schlaganfall, vaskulären Tod; Clopidogrel gleichwertig, bei pAVK eher etwas wirksamer |
| Statine | jede pAVK, hochintensiv | senken kardiovaskuläre und Extremitätenereignisse; LDL-Ziel nach europäischer Empfehlung unter 55 mg/dl |
| niedrig dosiertes Rivaroxaban plus ASS | hohes ischämisches Risiko, auch nach Revaskularisation | Faktor-Xa-Hemmung senkt zusätzlich Ereignisse und Amputationen, um den Preis von mehr Blutungen |
| Cilostazol, Naftidrofuryl | Stadium II, wenn Training nicht reicht | Gehstrecke ↑, kein Prognoseeffekt; Erfolg nach einigen Monaten prüfen |
Bei asymptomatischer pAVK ohne weitere Indikation wird nicht routinemäßig thrombozytenhemmend behandelt, das Statin bleibt.
- Cilostazol: hemmt die Phosphodiesterase 3 → cAMP ↑ in Thrombozyten und Gefäßmuskulatur → Aggregationshemmung, Vasodilatation. UAW: Kopfschmerz, Diarrhö, Palpitationen und Tachykardie (cAMP ↑ am Herzen). Abbau über CYP3A4 und CYP2C19, bei starken Hemmern Dosis reduzieren.
- Naftidrofuryl: blockiert 5-HT₂-Rezeptoren → serotoninvermittelte Vasokonstriktion und Plättchenaggregation ↓, aerober Muskelstoffwechsel ↑. UAW: Magen-Darm-Beschwerden, selten Leberschäden; zur Mahlzeit mit reichlich Flüssigkeit einnehmen (Ösophagusschädigung).
Kontraindiziert bei Herzinsuffizienz, weil PDE-3-Hemmung dort proarrhythmisch wirkt und die Mortalität erhöht; ebenso bei instabiler Angina, frischem Infarkt, Tachyarrhythmien und neben zwei weiteren Antithrombotika.
Bei kritischer Ischämie oder stark limitierender Claudicatio wird endovaskulär oder operativ revaskularisiert, danach folgen zeitlich begrenzt duale Plättchenhemmung oder Rivaroxaban plus ASS. Prostanoide i. v. bleiben die Ausnahme, wenn keine Revaskularisation möglich ist.
Raynaud-Syndrom
Basis sind Kälteschutz und Rauchverzicht, medikamentös vor allem bei sekundärer Form:
- Dihydropyridine (Nifedipin retardiert, Amlodipin): erste Wahl, weil sie gefäßselektiv L-Typ-Kanäle blockieren; UAW Flush, Kopfschmerz, Knöchelödeme.
- Iloprost i. v.: bei schwerem sekundärem Raynaud mit digitalen Ulzera; Prostacyclin-Analogon, IP-Rezeptor → Gs → cAMP ↑; UAW Flush, Kopfschmerz, Hypotonie.
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Dihydropyridine wirken bevorzugt an den L-Typ-Kanälen der Gefäßmuskulatur und dilatieren die Digitalarterien kräftig. Verapamil wirkt stärker am Herzen (Sinus- und AV-Knoten) und dilatiert schwächer, Bradykardie begrenzt den Einsatz. Retardiert gibt man Nifedipin, damit Reflextachykardie und Flush gering bleiben.
Arzneimittel, die verschlechtern
In der Medikationsanalyse fallen vor allem Vasokonstriktoren auf:
| Arzneimittel | Problem | warum |
|---|---|---|
| Triptane, Ergotamin | kontraindiziert bei pAVK und Raynaud | 5-HT₁B- bzw. α-adrenerge Vasokonstriktion |
| Betablocker | Raynaud kann zunehmen; bei pAVK nicht kontraindiziert | β₂-vermittelte Dilatation entfällt, α-Tonus überwiegt |
| Methylphenidat, Amphetamine | Raynaud, periphere Vaskulopathie | Noradrenalin ↑ → α₁-Vasokonstriktion |
Ein 68-jähriger Raucher mit pAVK Fontaine II b und Typ-2-Diabetes nimmt ASS, Ramipril und Metformin. Aus einer älteren Verordnung hat er Sumatriptan für Migräneattacken. Sein LDL liegt bei 140 mg/dl.
- Was fehlt in der Dauermedikation?
- Was passt nicht zur Erkrankung?
Lösung anzeigen
- Es fehlt ein hochintensives Statin: Bei pAVK liegt sehr hohes Risiko vor, das LDL ist weit über dem Ziel, und Statine senken kardiovaskuläre wie Extremitätenereignisse. Dazu gehören Rauchstopp und Gehtraining.
- Sumatriptan ist bei pAVK kontraindiziert, weil es über 5-HT₁B-Rezeptoren Gefäße verengt und die Ischämie verschlechtern kann. Rücksprache mit der Ärztin wegen einer anderen Akuttherapie der Migräne.
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Zuordnen
Aussage 2
Naftidrofuryl verbessert die Gehstrecke über eine Hemmung der Phosphodiesterase 3.
Naftidrofuryl blockiert 5-HT₂-Rezeptoren; die PDE-3-Hemmung ist das Prinzip von Cilostazol.
Reihenfolge
Aussage 4
Fontaine-Stadium II b ist durch einen ischämischen Ruheschmerz gekennzeichnet.
II b bedeutet Claudicatio mit schmerzfreier Gehstrecke unter 200 m; der Ruheschmerz definiert Stadium III.
Warum?
Aussage 6
Ein Knöchel-Arm-Index unter 0,9 spricht für eine pAVK.
Ein Knöcheldruck deutlich unter dem Armdruck zeigt eine hämodynamisch relevante Stenose; bei Mediasklerose kann der Index falsch hoch sein.
Lückentext
Aussage 8
Ein hochintensives Statin ist bei jeder pAVK angezeigt, auch im asymptomatischen Stadium.
Die pAVK bedeutet sehr hohes kardiovaskuläres Risiko; Statine senken kardiovaskuläre und Extremitätenereignisse.
Aussage 9
Cilostazol senkt bei pAVK die kardiovaskuläre Mortalität.
Cilostazol verbessert nur die Gehstrecke; prognoseverbessernd sind Thrombozytenhemmung, Statine und Rivaroxaban plus ASS.
Aussage 10
Iloprost ist ein Prostacyclin-Analogon, das über den IP-Rezeptor cAMP erhöht.
Über IP-Rezeptor und Gs steigt cAMP, das führt zu Vasodilatation und Plättchenhemmung.
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