Arzneistoffe

Artemisinin-Derivate

Artemisinin-Derivate sind die am schnellsten wirkenden Antimalariamittel: Ihre Endoperoxidbrücke wird durch Häm-Eisen im Parasiten zu Radikalen aktiviert. Kern der Seite sind der Mechanismus, die sehr kurze Halbwertszeit als Grund für die Kombinationstherapie (ACT) und Artesunat i.v. bei schwerer Malaria.

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  • Einordnung: Halbsynthetische Artemisinin-Abkömmlinge (Artemether, Artesunat, Dihydroartemisinin) sind die am schnellsten wirkenden Antimalariamittel.
  • Mechanismus: Fe²⁺-Häm aus dem Hämoglobinabbau spaltet die Endoperoxidbrücke, die entstehenden Radikale alkylieren Häm und Parasitenproteine.
  • Wirkung: Alle Blutstadien einschließlich junger Ringformen werden erfasst, die Parasitenlast sinkt je Zyklus um mehrere Zehnerpotenzen; Hypnozoiten bleiben unberührt.
  • Kinetik und ACT-Prinzip: Die Halbwertszeit von etwa einer Stunde erzwingt die Kombination mit einem lang wirksamen Partner, der Restparasiten beseitigt und Resistenzen vorbeugt.
  • Anwendung: ACT ist erste Wahl bei unkomplizierter Malaria tropica, Artesunat i.v. ist Mittel der Wahl bei schwerer Malaria, gefolgt von oraler ACT.
  • UAW: Gut verträglich, typisch ist die verzögerte Post-Artesunat-Hämolyse durch Abbau vorgeschädigter Erythrozyten, QT-Verlängerung kommt vom Partner.
  • KI und WW: Erstes Trimenon nur nach Abwägung (bei schwerer Malaria trotzdem Artesunat), starke CYP3A4-Induktoren sind bei Artemether kontraindiziert.

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Überblick

Artemisinin-Derivate sind halbsynthetische Abkömmlinge des Sesquiterpenlactons Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua). Sie werden über ihre Endoperoxidbrücke durch Häm-Eisen aktiviert und schädigen Plasmodien radikalisch. Sie senken die Parasitenlast schneller als jedes andere Antimalariamittel, werden wegen ihrer sehr kurzen Halbwertszeit aber nie allein gegeben.

  • Wirkspektrum: alle Blutstadien einschließlich junger Ringformen, dazu frühe Gametozyten; keine Wirkung auf Hypnozoiten.
  • Abgrenzung: Anders als die Chinolin-Antimalariamittel wirken sie nicht über die Hemmung der Hämozoinbildung, sondern über Radikalbildung.
  • Indikationen: unkomplizierte Malaria als Kombinationstherapie, schwere Malaria mit Artesunat i.v.
  • Stellenwert: erste Wahl bei unkomplizierter Malaria tropica, Mittel der Wahl bei komplizierter Malaria.
📖 Definition: Artemisinin-basierte Kombinationstherapie (ACT)

Fixe Kombination eines schnell wirkenden, kurzlebigen Artemisinin-Derivats mit einer langsam eliminierten Partnersubstanz (Lumefantrin, Piperaquin). Diese beseitigt die Restparasiten und schützt vor Resistenzen.

Leitsubstanz ist Artesunat, das Standardpräparat bei schwerer Malaria.

Strukturformel von Artesunat
Artesunat
Artemisinin-Derivate · Leitsubstanz
  • Prinzip: Hemisuccinat-Ester des Dihydroartemisinins; die Endoperoxidbrücke wird durch Fe²⁺-Häm zu alkylierenden Radikalen aktiviert.
  • Kinetik: wasserlöslich, daher i.v. applizierbar; Esterasen im Blut spalten es binnen Minuten zur Wirkform DHA.
  • Einsatz: schwere Malaria, auch als Überbrückung bei Erbrechen; danach immer eine orale ACT.
  • Besonderheit: verzögerte Post-Artesunat-Hämolyse, daher Hb-Kontrollen in den Wochen nach der Therapie.

Vertreter

Alle Vertreter tragen das 1,2,4-Trioxan-Gerüst mit Endoperoxidbrücke und münden in denselben Wirkmetaboliten Dihydroartemisinin (DHA). Sie unterscheiden sich in der Gruppe an C-10, die Löslichkeit, Applikation und Aktivierung bestimmt. Artemisinin selbst ist schlecht löslich und als Arzneistoff in Deutschland nicht im Handel.

Wirkstoffe
Strukturformel von Artemether
Lipophiler Ether Artemether oral mit Lumefantrin
Strukturformel von Artesunat
Hydrophiler Ester Artesunat i.v., Hemisuccinat
Strukturformel von Dihydroartemisinin
Wirkform Dihydroartemisinin oral mit Piperaquin

Wirkmechanismus

Pharmakophor ist die Endoperoxidbrücke (C–O–O–C im Trioxanring). Desoxy-Analoga ohne Peroxidbrücke sind unwirksam. Die Aktivierung setzt freies Häm-Eisen voraus, das der Parasit selbst bereitstellt:

Schema eines mit Plasmodien infizierten Erythrozyten: In der Nahrungsvakuole entsteht aus Hämoglobin Eisen-II-Häm, das die Peroxidbrücke des Artemisinins zu Radikalen spaltet, die Parasitenproteine alkylieren.

Aktivierung der Artemisinine durch Fe²⁺-Häm in der Nahrungsvakuole des Parasiten und Teilresistenz durch Kelch13-Mutation
  1. Häm-Freisetzung: Der Parasit baut in seiner Nahrungsvakuole Hämoglobin ab, dabei entsteht Fe²⁺-Häm in hoher Konzentration.
  2. Aktivierung: Fe²⁺ spaltet die Peroxidbrücke reduktiv → sauerstoffzentrierte Radikale, die zu kohlenstoffzentrierten Radikalen umlagern.
  3. Alkylierung: Die Radikale alkylieren Häm und zahlreiche Parasitenproteine (kein einzelnes Target) → Proteinschäden, oxidativer Stress.
  4. Parasitentod: Die Proteostase bricht zusammen; selektiv, weil Wirtszellen kaum freies Häm-Eisen enthalten.

Weil schon junge Ringformen mit beginnendem Hämoglobinabbau erfasst werden, sinkt die Parasitenlast je Vermehrungszyklus um mehrere Zehnerpotenzen. Das ist die schnellste Parasitenreduktion aller Antimalariamittel.

Mutationen im Kelch13-Protein (PfK13) verursachen eine Teilresistenz: Ringstadien nehmen weniger Hämoglobin auf, aktivieren weniger Wirkstoff und überdauern die kurze Exposition, die Parasitenclearance verzögert sich. Sie ist in Südostasien verbreitet, inzwischen auch in Ostafrika, und wird klinisch vor allem bedrohlich, wenn zusätzlich die Partnersubstanz versagt.

Wirkungen und Anwendung

Aus dem breiten Stadienspektrum und dem schnellen Wirkeintritt folgen die Einsatzgebiete, die das Therapieschema bei Malaria festlegt:

  • Schizontozid im Blut: rasche Entfieberung und Parasitenclearance, auch bei hoher Parasitämie.
  • Gametozytozid (frühe Gametozyten): senkt die Übertragung auf die Mücke.
  • Unkomplizierte Malaria: ACT (Artemether/Lumefantrin, DHA/Piperaquin) erste Wahl bei Malaria tropica, auch bei Malaria tertiana und Knowlesi-Malaria; bei höherer Parasitämie wegen des schnelleren Wirkeintritts gegenüber Atovaquon/Proguanil bevorzugt.
  • Schwere Malaria: Artesunat i.v. Mittel der Wahl bei Erwachsenen, Kindern und Schwangeren, weil es schneller und zuverlässiger wirkt als Chinin; danach orale ACT.
  • Grenzen: keine Hypnozoiten-Wirkung (Rezidivprophylaxe bei Malaria tertiana mit Primaquin), keine Chemoprophylaxe wegen der kurzen Halbwertszeit.

Pharmakokinetik

Die Kinetik erklärt, warum Artemisinine Kombinationspartner brauchen:

Diagramm mit kurzen Konzentrationsspitzen des Artemisinin-Derivats, einer lang anhaltenden Kurve der Partnersubstanz und einer rasch abfallenden Parasitenlast.

Kurzlebiges Artemisinin, langlebiger Partner: das Prinzip der ACT
  • Sehr kurze Halbwertszeit: Artemether, Artesunat und DHA um eine Stunde, Wirkspiegel also nur für Stunden.
  • DHA als aktiver Metabolit: Artemether wird über CYP3A4 demethyliert, Artesunat über Esterasen gespalten; DHA wird glucuronidiert und renal ausgeschieden.
  • Autoinduktion: Artemisinine induzieren den eigenen Abbau, die Spiegel sinken über die Therapietage.
  • Nahrung: Artemether/Lumefantrin mit einer fetthaltigen Mahlzeit einnehmen, weil die Resorption, vor allem von Lumefantrin, stark steigt.
Prüferinnenfrage
Warum gibt man Artemisinin-Derivate nie als Monotherapie?
Antwort anzeigen

Die Halbwertszeit liegt um eine Stunde, der Blutzyklus von P. falciparum dauert 48 Stunden. Eine kurze Monotherapie erfasst nicht alle Parasiten, es kommt zur Rekrudeszenz. Der lang wirksame Partner eliminiert die Restparasiten, und die Kombination verhindert, dass Parasiten einer Substanz allein ausgesetzt sind und Resistenzen selektiert werden.

Unerwünschte Wirkungen

Artemisinin-Derivate gehören zu den am besten verträglichen Antimalariamitteln. Viele Beschwerden sind von der Malaria selbst kaum zu trennen, relevante Risiken kommen eher von der Partnersubstanz.

UAW warum
ZNS · Magen-Darm
Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerz, Schwindel häufig, unspezifisch, überlappen mit Malaria-Symptomen
Blut
Post-Artesunat-Hämolyse ein bis drei Wochen nach i.v.-Therapie: Die Milz entfernt abgetötete Parasiten aus Erythrozyten („pitting“), diese vorgeschädigten Zellen werden später vorzeitig abgebaut
Blut
Transiente Retikulozytopenie Wirkung auf frühe erythroide Vorstufen
Herz
QT-Verlängerung kaum durch das Artemisinin, sondern durch den Partner (deutlich bei Piperaquin, daher EKG mit QTc-Kontrolle)
Schwangerschaft
Embryotoxizität im Tierversuch Untergang früher embryonaler Erythroblasten

Nach Artesunat i.v. wird deshalb das Hämoglobin in den Wochen nach Therapieende kontrolliert, auch wenn die Parasiten längst verschwunden sind.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Einschränkungen betreffen vor allem die Frühschwangerschaft und den CYP3A4-Abbau von Artemether, dazu Wechselwirkungen der Partnersubstanz:

  • Erstes Trimenon: tierexperimentell embryotoxisch, bei unkomplizierter Malaria daher strenge Nutzen-Risiko-Abwägung. Bei schwerer Malaria erhält die Schwangere Artesunat in jedem Trimenon, weil die Malaria das größere Risiko ist.
  • CYP3A4-Hemmer (Azol-Antimykotika, Ritonavir, Grapefruitsaft): Artemether- und Lumefantrin-Spiegel ↑, damit auch das QT-Risiko.
  • QT-verlängernde Arzneimittel (Makrolide, Fluorchinolone, Antipsychotika, vorangegangenes Mefloquin): additiv über den Partner, Details bei den Partnersubstanzen.
⚠️ Achtung: Starke CYP3A4-Induktoren

Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin und Johanniskraut senken die Spiegel von Artemether und Lumefantrin drastisch und gefährden den Therapieerfolg. Die Kombination ist kontraindiziert.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Die drei Vertreter wirken identisch über DHA. Sie unterscheiden sich in Löslichkeit, Applikation, Aktivierung und Partner:

Merkmal Artemether Artesunat Dihydroartemisinin
Chemie Methylether, lipophil Hemisuccinat, wasserlöslich Lactol, Wirkform
Applikation oral, fix mit Lumefantrin i.v. oral, fix mit Piperaquin
Weg zu DHA CYP3A4 Esterasen direkt aktiv, Glucuronidierung
Besonderheit Nahrungseffekt, CYP3A4-Interaktionen schwere Malaria, Post-Artesunat-Hämolyse QTc-Kontrolle wegen Piperaquin

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Aussage 1

Artemisinin-Derivate erfassen die Hypnozoiten von P. vivax und verhindern so Rezidive der Malaria tertiana.

Sie wirken auf Blutstadien und frühe Gametozyten, nicht auf Hypnozoiten. Zur Rezidivprophylaxe dient Primaquin.

Aussage 2

Die Endoperoxidbrücke der Artemisinine wird durch Fe²⁺-Häm reduktiv gespalten, wobei alkylierende Radikale entstehen.

Fe²⁺-Häm aus dem Hämoglobinabbau aktiviert das Endoperoxid zu Radikalen, die Häm und Parasitenproteine alkylieren.

Aussage 3

Artesunat lässt sich intravenös geben, weil es als lipophiler Ether besonders gut löslich ist.

Artesunat ist ein Hemisuccinat-Ester und dadurch wasserlöslich. Der lipophile Ether ist Artemether.

Lückentext

Aussage 5

Bei schwerer Malaria erhalten auch Schwangere im ersten Trimenon Artesunat i.v.

Die schwere Malaria ist das größere Risiko, deshalb wird Artesunat in jedem Trimenon eingesetzt.

Warum?

Zuordnen

Aussage 8

Die QT-Verlängerung unter Dihydroartemisinin/Piperaquin geht überwiegend auf Piperaquin zurück.

Die Artemisinine selbst verlängern das QT-Intervall kaum, deshalb sind die QTc-Kontrollen wegen des Partners nötig.

Aussage 9

Artemether wird durch Esterasen im Blut zu Dihydroartemisinin gespalten.

Artemether ist ein Methylether und wird über CYP3A4 zu DHA demethyliert. Esterasen spalten das Hemisuccinat Artesunat.

Prüferin fragt

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