Indikationsimpfungen
Indikations-, Berufs- und Reiseimpfungen sowie die postexpositionelle Immunprophylaxe: wer zusätzlich zu den Standardimpfungen geimpft wird und warum. Im Mittelpunkt stehen Lebend- vs. Totimpfstoff bei Reiseimpfungen, FSME und Tollwut sowie die Logik der Prophylaxe nach Exposition.
Dein roter Faden
- Einteilung: Neben den Standardimpfungen gibt es Indikations-, Berufs- und Reiseimpfungen sowie die postexpositionelle Prophylaxe einschließlich Riegelungsimpfung.
- Risikogruppen: Hepatitis B, Pneumokokken (Konjugatimpfstoff), Meningokokken und Influenza schützen Menschen mit Grunderkrankung oder beruflicher Exposition; unter Immunsuppression keine Lebendimpfstoffe.
- FSME: Totimpfstoff für Risikogebiete, Schnellimmunisierungsschema bei kurzfristigem Bedarf, keine postexpositionelle Impfung und kein Schutz vor Borreliose.
- Tollwut: präexpositionell bei Tierkontakt; nach Exposition je nach Grad keine Maßnahme, Impfung oder Impfung plus Immunglobulin in die Wunde.
- Reiseimpfungen: Gelbfieber und Typhus oral sind Lebendimpfstoffe, Typhus parenteral, Japanische Enzephalitis und Cholera Totimpfstoffe; Antibiotika inaktivieren den oralen Typhusimpfstoff.
- PEP-Prinzip: Aktive Impfung wirkt, wenn die Inkubationszeit länger ist als die Zeit bis zum Schutz; Immunglobuline überbrücken bei Ungeimpften und Risikopersonen (Tetanus nach Impfstatus und Wunde, Hepatitis B nach anti-HBs).
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Einteilung
Indikationsimpfungen ergänzen die Standardimpfungen, die für alle Menschen einer Altersgruppe gelten. Sie zielen auf Personen mit individuell erhöhtem Risiko für Ansteckung, schweren Verlauf oder Weitergabe an Gefährdete. Impfstofftypen und Immunglobuline erklärt die Seite Grundlagen der Impfung. Die STIKO unterscheidet:
- Indikationsimpfung: wegen Grunderkrankung, Lebensumständen oder Wohnort (FSME im Risikogebiet).
- Berufliche Impfung: Schutz von Beschäftigten und Patienten, etwa Hepatitis B im Gesundheitswesen.
- Reiseimpfung: gegen Erreger des Reiselands, teils als Einreisevorschrift (Gelbfieber).
- Postexpositionelle Prophylaxe: nach Erregerkontakt; dazu die Riegelungsimpfung, bei der Kontaktpersonen in Gemeinschaftseinrichtungen rasch geimpft werden, um einen Ausbruch abzuriegeln (Masern, Meningokokken, Hepatitis A).
Grunderkrankung und Beruf
Bei Grunderkrankungen zählt, ob die Infektion schwerer verläuft, im Beruf die Exposition gegenüber Blut, Stuhl oder Patienten.
- Hepatitis B: rekombinanter HBsAg-Totimpfstoff bei Dialyse, Immundefizienz, Lebererkrankung und im Gesundheitswesen; bei Risikopersonen Erfolgskontrolle mit Ziel anti-HBs ≥ 100 IE/l (Hepatitis B).
- Hepatitis A: Totimpfstoff für Reisende, Kanalarbeiter, Kita-Personal und Leberkranke, auch kombiniert mit Hepatitis B.
- Meningokokken: ACWY-Konjugat- und B-Impfstoff bei Asplenie, Komplementdefekten und Laborpersonal; ACWY ist für Pilgerreisen nach Mekka vorgeschrieben.
- Pneumokokken: Konjugatimpfstoff (PCV20) bei Immundefizienz und chronischen Organkrankheiten, weil das Trägerprotein die Antwort T-Zell-abhängig macht, mit Gedächtnis.
- Influenza: jährlich bei chronisch Kranken, Schwangeren, Pflegeheimbewohnern und medizinischem Personal (Influenza).
Unter relevanter Immunsuppression sind Lebendimpfstoffe kontraindiziert, Totimpfstoffe wirken schwächer. Daher möglichst vor Therapiebeginn impfen.
Eculizumab und Ravulizumab blockieren C5 und damit den Membranangriffskomplex, der Neisserien lysiert. Vor Therapiebeginn gegen Meningokokken ACWY und B impfen, sonst überbrückend Antibiotikaprophylaxe.
FSME und Tollwut
FSME und Tollwut sind Zoonosen: FSME übertragen Zecken, Tollwut der Speichel infizierter Tiere.
FSME
Geimpft wird, wer sich in Risikogebieten mit Zeckenexposition aufhält; das RKI weist sie aus (vor allem Süddeutschland).
- Impfstoff: inaktiviertes Virus, Grundimmunisierung mit drei Impfungen, Auffrischung in mehrjährigem Abstand; keine postexpositionelle Impfung, kein Schutz vor der ebenfalls durch Zecken übertragenen Borreliose.
- Schnellimmunisierungsschema: verkürzte Abstände der ersten Impfungen, sodass Schutz nach wenigen Wochen statt Monaten besteht (kurzfristige Reise); die erste Auffrischung folgt dafür früher.
Tollwut
Deutschland ist frei von terrestrischer Tollwut, Risiken sind Fledermäuse, importierte Tiere und Reisen. Der Impfstoff enthält inaktiviertes Virus aus Zellkultur.
- Präexpositionell: Tierärzte, Laborpersonal, Fledermausschützer, Reisende mit Tierkontakt; Vorgeimpfte brauchen nach Exposition nur zwei Auffrischungen und kein Immunglobulin.
- Grad I (Berühren, Füttern, Lecken intakter Haut): keine Prophylaxe.
- Grad II (Knabbern, Kratzer ohne Blut, Lecken verletzter Haut): Impfung.
- Grad III (blutende Biss- oder Kratzwunde, Speichel auf Schleimhaut, Fledermauskontakt): Impfung plus Tollwut-Immunglobulin in und um die Wunde, nach gründlicher Spülung mit Seife und Wasser.
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Das Virus vermehrt sich zunächst lokal und wandert dann retrograd axonal ins ZNS, die Inkubationszeit beträgt meist Wochen bis Monate. In dieser Zeit bildet die Impfung neutralisierende Antikörper. Bei Grad III überbrückt das Immunglobulin die ersten Tage und neutralisiert Virus direkt in der Wunde. Mit Symptombeginn verläuft Tollwut praktisch immer tödlich, deshalb ohne Aufschub.
Reiseimpfungen
Reiseimpfungen richten sich nach Ziel, Dauer und Reisestil. Zur Beratung gehören auch die Standardimpfungen und die Malariaprophylaxe; die häufigste Reiseimpfung ist Hepatitis A.
| Impfung | Impfstoff | Besonderheit |
|---|---|---|
| Gelbfieber | Lebendimpfstoff (17D-Virus, in Hühnereiern gezüchtet) | nur in zugelassenen Impfstellen; Einreisevorschrift, gültig ab dem 10. Tag; KI: Immunsuppression, Hühnereiweißallergie, Säuglinge unter 6 Monaten (Impfenzephalitis), Vorsicht im höheren Alter |
| Typhus oral | Lebendimpfstoff (attenuierte Salmonella Typhi Ty21a) | magensaftresistente Kapseln, nüchtern, kühl lagern; Abstand zu Antibiotika, die die Impfbakterien abtöten; Schutz etwa ein Jahr |
| Typhus parenteral | Totimpfstoff (Vi-Kapselpolysaccharid) | einmalig i.m., Schutz etwa drei Jahre; erst ab 2 Jahren, weil T-Zell-unabhängig; geeignet bei Immunsuppression |
| Japanische Enzephalitis | inaktiviertes Virus aus Vero-Zellen | ländliches Süd- und Südostasien (Reisfelder, Schweinehaltung); Schnellschema möglich |
| Cholera | oraler Totimpfstoff: inaktivierte Vibrionen plus Choleratoxin-B-Untereinheit | Hydrogencarbonat-Puffer gegen Magensäure; nur bei hohem Risiko (Katastrophenhilfe) |
Typhusimpfungen schützen unvollständig, Lebensmittel- und Trinkwasserhygiene bleiben nötig. Gegen Dengue empfiehlt die STIKO den Lebendimpfstoff nur nach gesicherter früherer Infektion, weil die Zweitinfektion schwerer verlaufen kann; für Chikungunya sind neue Impfstoffe zugelassen.
Postexpositionelle Immunprophylaxe
Die postexpositionelle Immunprophylaxe nutzt, dass viele Erreger eine längere Inkubationszeit haben, als die Impfung bis zum Schutz braucht. Wo das nicht reicht oder Lebendimpfstoffe verboten sind, überbrücken Immunglobuline die Lücke.
Bei Verletzungen richtet sich die Tetanusprophylaxe nach Impfstatus und Wunde, bevorzugt mit Tdap, um Pertussis mitaufzufrischen.
| Impfstatus | saubere, geringfügige Wunde | alle anderen Wunden |
|---|---|---|
| unbekannt oder < 3 Impfungen | Td(ap) | Td(ap) plus Tetanus-Immunglobulin |
| ≥ 3 Impfungen | Td(ap), wenn letzte Impfung > 10 Jahre | Td(ap), wenn letzte Impfung > 5 Jahre |
- Hepatitis-B-Exposition (z. B. Nadelstich): bei anti-HBs ≥ 100 IE/l keine Maßnahme, bei 10 bis 99 IE/l Impfung, bei < 10 IE/l oder ungeimpft Impfung plus Hepatitis-B-Immunglobulin, so rasch wie möglich; ebenso Neugeborene HBsAg-positiver Mütter.
- Varizellen: ungeimpfte Seronegative innerhalb von 5 Tagen impfen; Schwangere, Immunsupprimierte und Neugeborene erhalten Varizella-Zoster-Immunglobulin.
- Masern: MMR-Impfung innerhalb von 3 Tagen ab 9 Monaten; Säuglinge, Schwangere und Immunsupprimierte erhalten humanes Immunglobulin.
Gegen HIV schützt keine Impfung, sondern die medikamentöse Postexpositionsprophylaxe.
Teste dich
Aussage 1
Der parenterale Vi-Polysaccharid-Typhusimpfstoff ist erst ab 2 Jahren einsetzbar, weil Polysaccharide eine T-Zell-unabhängige Antwort auslösen.
Kleinkinder bilden auf reine Polysaccharidantigene kaum Antikörper, da die T-Zell-Hilfe fehlt.
Aussage 2
Ein vollständig gegen Tetanus Geimpfter mit tiefer, verschmutzter Wunde, dessen letzte Impfung sieben Jahre zurückliegt, erhält eine Td(ap)-Auffrischung.
Bei allen nicht sauberen oder nicht geringfügigen Wunden wird aufgefrischt, wenn die letzte Impfung mehr als 5 Jahre zurückliegt; Immunglobulin ist bei ≥ 3 Impfungen nicht nötig.
Warum?
Aussage 4
Der Gelbfieberimpfstoff ist ein Totimpfstoff und darf deshalb auch unter Immunsuppression gegeben werden.
Der Gelbfieberimpfstoff enthält das attenuierte Lebendvirus 17D. Er ist unter Immunsuppression kontraindiziert.
Lückentext
Zuordnen
Aussage 7
Nach einem Zeckenstich in einem Risikogebiet kann die FSME-Impfung postexpositionell gegeben werden.
Eine postexpositionelle FSME-Impfung gibt es nicht. Schutz bietet nur die rechtzeitige Grundimmunisierung, bei Bedarf im Schnellimmunisierungsschema.
Aussage 8
Bei einer blutenden Bisswunde durch ein tollwutverdächtiges Tier erhält eine ungeimpfte Person die Impfung plus Tollwut-Immunglobulin in und um die Wunde.
Das ist eine Grad-III-Exposition. Das Immunglobulin überbrückt die Zeit, bis die Impfung eigene Antikörper erzeugt.
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