Arzneistoffe

Spasmolytika

Spasmolytika lösen Spasmen der glatten Muskulatur im Magen-Darm-Trakt sowie in Gallen- und Harnwegen. Den Kern bilden zwei Wirkprinzipien: das neurotrope, quartäre Parasympatholytikum Butylscopolamin und die muskulotropen Substanzen Mebeverin und Pfefferminzöl.

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  • Einordnung: Spasmolytika senken symptomatisch den Tonus glatter Muskulatur bei krampfartigen Schmerzen von Darm, Galle und Harnwegen.
  • Zwei Wirkprinzipien: neurotrop durch Muscarinblockade (Butylscopolamin) oder muskulotrop direkt an Ionenkanälen der Muskelzelle (Mebeverin, Pfefferminzöl).
  • Quartäres Amin: Butylscopolamin ist permanent geladen, daher kaum oral resorbiert und nicht ZNS-gängig, also ohne zentrale Effekte.
  • Anwendung: Butylscopolamin parenteral bei Gallen- und Nierenkolik, oft mit Metamizol; Mebeverin und Pfefferminzöl beim Reizdarmsyndrom.
  • Kinetik: Mebeverin unterliegt raschem esterolytischem First-Pass, Pfefferminzöl braucht magensaftresistente Kapseln.
  • UAW und KI: Butylscopolamin macht periphere anticholinerge Effekte, daher kontraindiziert bei Engwinkelglaukom, Tachyarrhythmie, Harnverhalt, Myasthenie und Stenosen; Pfefferminzöl verursacht Sodbrennen.
  • Wechselwirkungen: additive anticholinerge Last mit Trizyklika, alten H₁-Antihistaminika und Antipsychotika.

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Überblick

Spasmolytika senken den Tonus der glatten Muskulatur von Magen-Darm-Trakt, Gallen- und Harnwegen und lindern so krampfartige Bauchschmerzen. Nach dem Angriffsort unterscheidet man zwei Prinzipien:

A Neurotrope Spasmolytika

Hemmen die nervale Erregung der Muskelzelle, praktisch durch Blockade muscarinerger Rezeptoren (Parasympatholytika). Wirken nur, soweit der Spasmus cholinerg getrieben ist.

B Muskulotrope Spasmolytika

Wirken direkt an der Muskelzelle (Ionenkanäle), unabhängig vom Transmitter. Daher ohne anticholinerge UAW.

  • Indikationen: Gallen- und Nierenkolik, krampfartige Magen-Darm-Beschwerden, Reizdarmsyndrom.
  • Stellenwert: symptomatisch, die Ursache bleibt unberührt.

Der typische Vertreter ist Butylscopolamin, ein quartäres Scopolamin-Derivat.

Butylscopolamin
Spasmolytika · Leitsubstanz
  • Prinzip: kompetitiver Antagonist an Muscarinrezeptoren (v. a. M₃) der glatten Muskulatur.
  • Kinetik: quartäres Amin, daher kaum oral resorbiert und nicht ZNS-gängig.
  • Einsatz: parenteral bei Koliken, oral und rektal bei leichteren Spasmen.
  • Besonderheit: keine zentralen Effekte, anders als das tertiäre Scopolamin.

Vertreter

Die Vertreter unterscheidet man nach dem Wirkprinzip: Butylscopolamin als einziges gebräuchliches neurotropes Spasmolytikum, daneben die muskulotropen Substanzen synthetischer oder pflanzlicher Herkunft. Allen gemeinsam ist die rein symptomatische Relaxation glatter Muskulatur.

Wirkstoffe
Neurotrop
Butylscopolamin quartär, parenteral bei Kolik
Muskulotrop, synthetisch
Mebeverin Retardkapsel
Denaverin
Muskulotrop, pflanzlich
Pfefferminzöl Menthol, magensaftresistente Kapsel

Wirkmechanismus

Acetylcholin kontrahiert die glatte Muskulatur des Gastrointestinaltrakts über M₃-Rezeptoren (Grundlagen: cholinerges System). Alle Spasmolytika senken am Ende den zytosolischen Ca²⁺-Spiegel, greifen aber an unterschiedlichen Stellen der Kette an:

Schema einer glatten Muskelzelle mit Muscarinrezeptor und Ionenkanälen, an denen Butylscopolamin, Mebeverin und Menthol angreifen.

Angriffspunkte der Spasmolytika an der glatten Muskelzelle: neurotrop am Rezeptor, muskulotrop an Ionenkanälen.
  1. Rezeptor: Acetylcholin aktiviert M₃ → Gq → Phospholipase C → IP₃. Hier blockiert Butylscopolamin kompetitiv.
  2. Ca²⁺-Freisetzung und Depolarisation: IP₃ setzt Ca²⁺ aus dem endoplasmatischen Retikulum frei, Depolarisation öffnet L-Typ-Ca²⁺-Kanäle. Hier wirken Mebeverin (Na⁺- und Ca²⁺-Kanalhemmung, lokalanästhetikaähnlich) und Menthol aus Pfefferminzöl (Hemmung des Ca²⁺-Einstroms).
  3. Kontraktion: Ca²⁺-Calmodulin aktiviert die Myosin-leichte-Ketten-Kinase. Weniger Ca²⁺ bedeutet Relaxation.

Struktur und Wirkung: Die N-Butylierung macht aus dem tertiären Scopolamin ein quartäres Ammonium mit permanenter positiver Ladung. Es passiert die Blut-Hirn-Schranke nicht, daher keine Sedierung und kein zentrales anticholinerges Syndrom. Ein schwacher ganglienblockierender Anteil trägt zur Spasmolyse bei.

Strukturformeln von Scopolamin und Butylscopolamin mit hervorgehobenem Stickstoffatom.

Scopolamin (tertiär, ZNS-gängig) und Butylscopolamin (quartär, nicht ZNS-gängig, oral kaum resorbiert).

Wirkungen und Anwendung

Die Wirkungen ergeben sich direkt aus der Tonussenkung der glatten Muskulatur:

  • Gallen- und Nierenkolik: Butylscopolamin parenteral löst den Spasmus der Hohlorgane, oft kombiniert mit Metamizol, das selbst spasmolytisch und analgetisch wirkt.
  • Krampfartige Magen-Darm-Beschwerden: Butylscopolamin oral oder rektal, Mebeverin.
  • Reizdarmsyndrom: Spasmolytika und Pfefferminzöl gehören nach der deutschen Leitlinie zur Erstlinie, Pfefferminzöl wirkt v. a. auf Schmerz und Blähungen. Belegt ist die kurzfristige Wirkung, Langzeitdaten fehlen.
  • Diarrhö: spasmolytische Begleittherapie individuell möglich, ohne gute Datenlage.
  • Diagnostik: Butylscopolamin i.v. relaxiert den Darm für Endoskopie und Bildgebung.

Pharmakokinetik

Struktur und Arzneiform bestimmen hier die Kinetik:

  • Butylscopolamin: als quartäres Amin oral und rektal sehr gering bioverfügbar, daher bei Koliken i.v., i.m. oder s.c. Die Wirkung oraler Formen beruht vermutlich auf lokalen Effekten an der Darmwand.
  • Mebeverin: Ester mit ausgeprägtem First-Pass, Esterasen spalten ihn rasch in Veratrumsäure und Mebeverinalkohol. Retardkapseln verlängern die Wirkung.
  • Pfefferminzöl: magensaftresistente Kapseln setzen das Öl erst im Dünndarm frei. Nicht zerkauen; Antazida, H₂-Blocker und PPI heben den Magen-pH und können den Überzug vorzeitig lösen.

Unerwünschte Wirkungen

Die UAW von Butylscopolamin sind periphere anticholinerge Effekte und treten v. a. nach parenteraler Gabe auf, weil oral kaum Wirkstoff systemisch ankommt. Die muskulotropen Substanzen sind gut verträglich.

Schema der unerwünschten Wirkungen: Spasmolytika, ausgehend vom Mechanismus, je Organ mit Piktogramm (ZNS, Mund, Herz, Auge, Blase, Gefäße).

Periphere anticholinerge Wirkungen von Butylscopolamin; das ZNS bleibt ausgespart.
UAW warum
Mund
Mundtrockenheit M₃-Blockade der Speicheldrüsen
Herz
Tachykardie M₂-Blockade am Sinusknoten
Auge
Akkommodationsstörung, Mydriasis M₃-Blockade an Ziliar- und Sphinktermuskel
Blase
Harnverhalt Detrusor relaxiert
Gefäße · ZNS
Blutdruckabfall, Schwindel nach i.v. Vasodilatation, ganglionäre Komponente
Magen-Darm
Sodbrennen (Pfefferminzöl) Menthol relaxiert den unteren Ösophagussphinkter, v. a. bei vorzeitiger Freisetzung

Zentrale Effekte fehlen bei Butylscopolamin, weil es die Blut-Hirn-Schranke nicht überwindet. Selten sind allergische Reaktionen, bei Pfefferminzöl auch perianales Brennen.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Die Kontraindikationen von Butylscopolamin folgen aus der Muscarinblockade an Auge, Herz, Blase und Darm:

  • Engwinkelglaukom: Mydriasis verlegt den Kammerwinkel.
  • Tachyarrhythmie: M₂-Blockade beschleunigt die Herzfrequenz weiter.
  • Harnverhalt mit Restharn, etwa bei Prostatahyperplasie: Detrusorrelaxation verschärft die Obstruktion.
  • Myasthenia gravis: anticholinerge Wirkung verstärkt die Schwäche.
  • Mechanische Stenosen, paralytischer Ileus, Megakolon: weitere Hemmung der Motilität.
  • Pfefferminzöl: Gallenwegsverschluss, Cholangitis, Vorsicht bei Refluxkrankheit.

Wechselwirkungen betreffen v. a. die anticholinerge Last (Parasympatholytika):

  • Additive Anticholinergika: trizyklische Antidepressiva, H₁-Antihistaminika der 1. Generation, Antipsychotika, Amantadin.
  • β-Sympathomimetika: verstärkte Tachykardie.
  • Metoclopramid: gegenseitige Abschwächung der Wirkung auf die Motilität.
⚠️ Achtung: Butylscopolamin i.v.

Parenteral bei Tachyarrhythmie oder Herzinsuffizienz nur unter Überwachung: Tachykardie und Blutdruckabfall können kardial dekompensieren lassen.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Neurotrope und muskulotrope Spasmolytika unterscheiden sich in Angriffsort, Verträglichkeit und Einsatzgebiet:

Merkmal Butylscopolamin Mebeverin Pfefferminzöl
Prinzip neurotrop, M₃-Antagonist muskulotrop, Na⁺/Ca²⁺-Kanäle muskulotrop, Ca²⁺-Kanäle
Applikation parenteral, oral, rektal oral, retardiert oral, magensaftresistent
Anticholinerge UAW ja nein nein
Typischer Einsatz akute Kolik Reizdarm, Spasmen Reizdarm
Prüferinnenfrage
Warum geben Sie Butylscopolamin bei einer Kolik intravenös und nicht als Tablette?
Antwort anzeigen

Als quartäres Amin ist Butylscopolamin permanent geladen und wird oral kaum resorbiert, die systemische Wirkung wäre unsicher und verzögert. Intravenös erreicht es die glatte Muskulatur der Gallen- oder Harnwege sofort und vollständig. Die fehlende ZNS-Gängigkeit bleibt dabei erhalten, sodass auch parenteral nur periphere anticholinerge UAW auftreten.

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Zuordnen

Aussage 2

Butylscopolamin wird als tertiäres Amin oral gut resorbiert.

Butylscopolamin ist ein quartäres Amin mit permanenter Ladung und daher oral sehr gering bioverfügbar; bei Koliken gibt man es parenteral.

Lückentext

Aussage 4

Mebeverin wirkt muskulotrop und verursacht in therapeutischer Dosis keine anticholinergen Nebenwirkungen.

Mebeverin greift direkt an Na⁺- und Ca²⁺-Kanälen der Muskelzelle an, nicht an Muscarinrezeptoren.

Aussage 5

Ein Engwinkelglaukom ist eine Kontraindikation für Butylscopolamin.

Die anticholinerge Mydriasis kann den Kammerwinkel verlegen und einen Glaukomanfall auslösen.

Warum?

Aussage 7

Butylscopolamin hemmt die Kontraktion glatter Muskulatur durch Agonismus an M₂-Rezeptoren.

Butylscopolamin ist ein kompetitiver Antagonist, v. a. an M₃-Rezeptoren, die über Gq und IP₃ die Kontraktion vermitteln.

Aussage 8

Pfefferminzöl kann Sodbrennen auslösen, weil Menthol den unteren Ösophagussphinkter relaxiert.

Deshalb wird es in magensaftresistenten Kapseln gegeben, die erst im Dünndarm freisetzen.

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