Krankheitsbilder

Hypo- und Hypernatriämie

Hypo- und Hypernatriämie sind vor allem Störungen des Wasserhaushalts. Im Kern geht es um arzneimittelinduzierte Hyponatriämie, SIADH und die begrenzte Korrekturgeschwindigkeit, die vor dem osmotischen Demyelinisierungssyndrom schützt.

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Dein roter Faden7 Punkte
  • Einordnung: Hypo- und Hypernatriämie sind vor allem Wasserstörungen, die Hyponatriämie ist die häufigste Elektrolytstörung, besonders bei Älteren.
  • Volumenstatus: Hypovoläm durch Na⁺- und Wasserverlust, euvoläm vor allem durch SIADH, hypervoläm bei Herzinsuffizienz, Leberzirrhose und nephrotischem Syndrom; fast immer hält ADH Wasser zurück.
  • Arzneistoffe: Thiazide, SSRI, Carbamazepin und Desmopressin sind typische, leicht behebbare Auslöser, besonders bei älteren Frauen in den ersten Therapiewochen.
  • Akut vs. chronisch: Akut droht das Hirnödem und hypertone NaCl-Lösung als Bolus ist indiziert; chronisch hat sich das Gehirn durch Abgabe von Osmolyten adaptiert.
  • Korrekturgrenze: Höchstens 10 mmol/l in den ersten 24 h, sonst droht das osmotische Demyelinisierungssyndrom; Überkorrektur mit Glucose 5 % und Desmopressin bremsen.
  • SIADH chronisch: Auslöser absetzen, Flüssigkeitsrestriktion, dann Harnstoff, ggf. mit Schleifendiuretikum; Kochsalz hilft nicht, Tolvaptan nur ausnahmsweise wegen Überkorrekturgefahr.
  • Hypernatriämie: Meist Wasserverlust bei fehlendem Trinken, Ausgleich langsam mit freiem Wasser und Behandlung der Ursache.

Überblick

Die Hyponatriämie (Serum-Natrium < 135 mmol/l) und die Hypernatriämie (> 145 mmol/l) sind in erster Linie Störungen des Wasserhaushalts. Entscheidend ist meist nicht die Natriummenge, sondern ein relativer Überschuss oder Mangel an freiem Wasser. Die Hyponatriämie ist die häufigste Elektrolytstörung, besonders bei älteren und hospitalisierten Menschen, und oft arzneimittelbedingt. Schon milde chronische Formen begünstigen Gangunsicherheit und Stürze.

  • Volumenstatus: hypo-, eu- oder hypervoläm; bestimmt Ursache und Therapie.
  • Akuität: akut (< 48 h) oder chronisch (≥ 48 h oder unbekannt); bestimmt, wie schnell korrigiert werden darf.
  • Symptome: Übelkeit, Kopfschmerz, Verwirrtheit, Gangstörung bis Krampfanfall und Koma; sie hängen stärker von der Geschwindigkeit als vom absoluten Wert ab.
  • Labor: Serumosmolalität (erniedrigt bei echter Hyponatriämie), Urinosmolalität (> 100 mosm/kg zeigt wirksames ADH), Urin-Natrium (hoch bei SIADH und Diuretika).
  • Pseudohyponatriämie: Messartefakt bei starker Hyperlipidämie oder Paraproteinämie, Osmolalität normal. Abzugrenzen ist die Hyperglykämie: Glucose zieht Wasser aus den Zellen und verdünnt das Natrium.
💡 Merke

Hyponatriämie ist meist zu viel Wasser, nicht zu wenig Natrium; Hypernatriämie meist zu wenig Wasser.

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Bei der Hyponatriämie übersteigt die Wasserzufuhr die Fähigkeit der Niere, freies Wasser auszuscheiden, fast immer weil ADH (Vasopressin) über V₂-Rezeptoren im Sammelrohr Wasser zurückhält. Die Osmoregulation selbst steht unter Wasser- und Elektrolythaushalt.

Schematisches Nephron mit markierten Wirkorten von Thiaziden, Schleifendiuretika, Harnstoff, Desmopressin und Tolvaptan sowie dem ADH-gesteuerten Wassereinstrom im Sammelrohr

Angriffspunkte bei Natriumstörungen im Nephron: Ursachen (Thiazide, Desmopressin) und Therapie (Schleifendiuretika, Harnstoff, Tolvaptan)
  • Hypovoläm: Natrium- und Wasserverlust (Erbrechen, Diarrhö, Diuretika); der Volumenmangel stimuliert ADH nicht-osmotisch, getrunkenes Wasser bleibt im Körper.
  • Euvoläm: vor allem SIADH, außerdem Hypothyreose und Glucocorticoidmangel.
  • Hypervoläm: Herzinsuffizienz, Leberzirrhose, nephrotisches Syndrom; das effektiv verminderte arterielle Volumen aktiviert ADH und RAAS, es entstehen Ödeme trotz Verdünnung.
📖 Definition: SIADH

Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion: ADH wirkt trotz Hypoosmolalität und normalem Volumen, der Urin ist inadäquat konzentriert und natriumreich. Auslöser sind Tumoren (v. a. kleinzelliges Bronchialkarzinom), ZNS- und Lungenerkrankungen, Schmerz, Übelkeit, die postoperative Phase und Arzneistoffe.

Arzneistoffe sind eine häufige und zugleich leicht behebbare Ursache. Das Risiko ist bei älteren Frauen und in den ersten Wochen nach Therapiebeginn am höchsten.

Arzneistoff Mechanismus
Thiazide NCC-Hemmung im Verdünnungssegment: Na⁺-Verlust, freies Wasser wird schlecht ausgeschieden; Markgradient und ADH-Wirkung bleiben erhalten
SSRI, SNRI SIADH durch serotonerg gesteigerte ADH-Freisetzung
Carbamazepin, Oxcarbazepin (Natriumkanalblocker) SIADH-ähnlich: ADH-Freisetzung ↑, renale ADH-Empfindlichkeit ↑
Desmopressin V₂-Agonist → Antidiurese, gefährlich bei unveränderter Trinkmenge (Nykturie im Alter)
Weitere Antipsychotika, Trizyklika, Cyclophosphamid, Vincristin, Opioide, MDMA

Schleifendiuretika verursachen seltener eine Hyponatriämie, weil sie den Markgradienten abbauen und damit auch die ADH-abhängige Wasserrückresorption schwächen. Gefährlich wird die Hyponatriämie über das Gehirn:

  1. Hypotonie: Serum-Na⁺ ↓ → osmotischer Gradient vom Extrazellulärraum in die Zellen.
  2. Hirnödem: Wasser strömt in Astrozyten und Neurone, der Schädel begrenzt die Ausdehnung → Hirndruck, Krampfanfall.
  3. Adaptation: Innerhalb von etwa 48 h geben Hirnzellen Elektrolyte und organische Osmolyte (Glutamat, Taurin, myo-Inositol) ab → Zellvolumen normalisiert sich.
  4. Zu schnelle Korrektur: Der Extrazellulärraum wird für die adaptierten Zellen relativ hyperton → Wasser strömt aus, Osmolyte kehren nur langsam zurück → Demyelinisierung, v. a. im Pons.

Vier Zellskizzen mit Wasser- und Osmolytbewegungen: normal, Ödem, Adaptation durch Osmolytabgabe, Schrumpfung bei Überkorrektur

Zellvolumen im Gehirn bei Hyponatriämie, Adaptation und zu schneller Korrektur

Die Hypernatriämie entsteht fast immer durch Wasserverlust ohne ausreichendes Trinken. Durst schützt, solange er empfunden wird und Wasser erreichbar ist; gefährdet sind daher Ältere, Pflegebedürftige und Bewusstseinsgetrübte.

  • Wasserverlust: renal (Diabetes insipidus, auch durch Lithium; osmotische Diurese), extrarenal (Fieber, Diarrhö).
  • Natriumzufuhr: selten, iatrogen durch hypertone NaCl- oder Natriumhydrogencarbonat-Lösung.
Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
Natrium- und Volumendefizit hypertone NaCl-Lösung, isotone Volumenersatzmittel Na⁺ ↑, ADH-Reiz bei Hypovolämie ↓
Wasserzufuhr Flüssigkeitsrestriktion Wasserbilanz negativ
V₂-Rezeptor im Sammelrohr Vaptane (Tolvaptan) Aquarese
Osmotische Last im Tubulus Harnstoff oral obligate Wasserausscheidung
Markgradient der Henle-Schleife Schleifendiuretika Konzentrierfähigkeit ↓, freies Wasser ↑
Auslösende Arzneistoffe Thiazide, SSRI, Carbamazepin, Desmopressin absetzen ADH-Wirkung bzw. Na⁺-Verlust ↓
Wasserdefizit (Hypernatriämie) freies Wasser, Glucose-5-%-Lösung Na⁺ ↓

Therapie

Ziel ist, Hirnödem und Symptome rasch zu beherrschen, ohne das Natrium zu schnell anzuheben, und die Ursache zu beseitigen. Nach der europäischen Hyponatriämie-Leitlinie richtet sich die Intensität nach den Symptomen, die Wahl der Maßnahme nach dem Volumenstatus; das Natrium wird engmaschig kontrolliert.

Flussdiagramm von Symptomschwere über Volumenstatus zu den jeweiligen Therapiemaßnahmen mit Hinweis auf die Korrekturgrenze

Therapiealgorithmus der Hyponatriämie nach Symptomen und Volumenstatus
Situation Vorgehen Begründung
Schwere Symptome (Krampf, Koma) hypertone NaCl-Lösung (3 %) als Bolus, ggf. wiederholt kleiner Na⁺-Anstieg senkt den Hirndruck rasch
Akut (< 48 h), moderate Symptome ebenfalls Bolus, Ursache beseitigen Gehirn nicht adaptiert, Verschlechterung droht
Chronisch, mild oder asymptomatisch Auslöser absetzen, Flüssigkeitsrestriktion ODS-Risiko überwiegt den Nutzen schneller Korrektur
Hypovoläm isotone NaCl-Lösung Volumen ↑ → nicht-osmotischer ADH-Reiz entfällt
Euvoläm (SIADH) Restriktion → Harnstoff ± Schleifendiuretikum freies Wasser ausscheiden
Hypervoläm Grunderkrankung (Herzinsuffizienz, Leberzirrhose), Restriktion, Schleifendiuretika Volumen und ADH-Stimulus ↓

Bei SIADH ist die Urinosmolalität durch ADH hoch fixiert. Isotone NaCl-Lösung oder Kochsalztabletten liefern Natrium, das mit weniger Wasser ausgeschieden wird, als zugeführt wurde: Das Natrium sinkt eher weiter. Wirksam ist nur, was die Zufuhr freien Wassers senkt oder seine Ausscheidung erhöht.

  • Flüssigkeitsrestriktion: Basis, aber schlecht eingehalten und bei sehr konzentriertem Urin wenig wirksam.
  • Harnstoff (oral): osmotische Last im Tubulus erzwingt Wasserausscheidung; von der Leitlinie vor den Vaptanen empfohlen, kontrollierte Studien fehlen; bitterer Geschmack.
  • Schleifendiuretika: ergänzend, weil sie die Konzentrierfähigkeit mindern.
  • Tolvaptan: V₂-Antagonist mit reiner Aquarese (Details unter Vaptane); wirksam, aber Gefahr der Überkorrektur, daher stationäre Einleitung und kein Standard bei SIADH.
⚠️ Achtung: Korrekturgrenze

Das Natrium in den ersten 24 h um höchstens 10 mmol/l anheben, bei Alkoholkrankheit, Mangelernährung, Hypokaliämie oder Leberzirrhose vorsichtiger. Sonst droht das osmotische Demyelinisierungssyndrom (ODS): Tage später Dysarthrie, Dysphagie, Tetraparese bis Locked-in-Syndrom, oft irreversibel.

Überkorrektur droht vor allem, wenn der ADH-Reiz plötzlich wegfällt (Volumen ausgeglichen, Thiazid oder Desmopressin abgesetzt): Es setzt eine Wasserdiurese ein. Gegengesteuert wird mit Glucose-5-%-Lösung und Desmopressin als Korrekturbremse.

Prüferinnenfrage
Warum korrigieren Sie eine akute Hyponatriämie zügig, eine chronische aber langsam?
Antwort anzeigen

Bei akuter Hyponatriämie hatte das Gehirn keine Zeit, Osmolyte abzugeben; das Hirnödem ist lebensbedrohlich, eine rasche Anhebung nötig und ungefährlich. Bei chronischer Hyponatriämie sind die Osmolyte bereits ausgeschleust. Steigt das Natrium schnell, verlieren die Zellen Wasser, bevor sie Osmolyte nachbilden können, und es kommt zur Demyelinisierung. Auch bei schweren Symptomen gilt deshalb: Bolus bis zur klinischen Besserung, dann die Korrekturgrenze einhalten.

Hypernatriämie

Das Wasserdefizit wird mit freiem Wasser ausgeglichen: oral, über Sonde oder intravenös als Glucose-5-%-Lösung, deren Glucose verstoffwechselt wird. Chronische Formen werden langsam korrigiert, weil das Gehirn osmotisch adaptiert ist und eine zu rasche Senkung ein Hirnödem auslöst. Die Ursache wird mitbehandelt, etwa mit Desmopressin beim zentralen Diabetes insipidus.

Fall aus der Apotheke
Verwirrtheit nach neuer Medikation

Die Tochter einer 82-jährigen Kundin berichtet von zunehmender Verwirrtheit und einem Sturz; der Hausarzt hat ein Natrium von 124 mmol/l gemessen. Dauermedikation: Hydrochlorothiazid und Ramipril, seit drei Wochen Citalopram.

  1. Welche Arzneistoffe kommen als Ursache in Frage?
  2. Worauf ist zu achten, wenn die Auslöser abgesetzt werden?
Lösung anzeigen
  1. Hydrochlorothiazid stört die Ausscheidung freien Wassers und fördert den Natriumverlust, Citalopram kann ein SIADH auslösen, typischerweise in den ersten Wochen und bei Älteren. Beide Effekte addieren sich, eine Rücksprache mit dem Arzt zum Absetzen oder Umstellen ist angezeigt.
  2. Fällt der Auslöser weg, kann eine Wasserdiurese das Natrium spontan rasch anheben. Das Natrium muss daher engmaschig kontrolliert werden, damit die Korrekturgrenze eingehalten wird; große Trinkmengen sind bis dahin zu vermeiden.

Teste dich

Teste dich mit 10 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Bei hypovolämer Hyponatriämie ist isotone NaCl-Lösung die Therapie der Wahl, weil der Volumenausgleich den nicht-osmotischen ADH-Reiz beseitigt.

Der Volumenmangel stimuliert ADH; wird das Volumen ersetzt, fällt dieser Reiz weg und freies Wasser wird wieder ausgeschieden.

Zuordnen

Aussage 3

Bei chronischer Hyponatriämie soll das Serum-Natrium in den ersten 24 Stunden um höchstens 10 mmol/l steigen.

Eine schnellere Korrektur kann bei adaptiertem Gehirn ein osmotisches Demyelinisierungssyndrom auslösen; bei Risikopatienten ist noch vorsichtiger vorzugehen.

Warum?

Reihenfolge

Lückentext

Aussage 7

Bei der Adaptation an eine chronische Hyponatriämie nehmen Hirnzellen zusätzliche organische Osmolyte auf.

Umgekehrt: Hirnzellen geben Elektrolyte und organische Osmolyte wie Glutamat, Taurin und myo-Inositol ab, um ihr Volumen zu normalisieren.

Aussage 8

Die Pseudohyponatriämie geht mit einer erniedrigten Serumosmolalität einher.

Die Pseudohyponatriämie ist ein Messartefakt bei Hyperlipidämie oder Paraproteinämie; die Serumosmolalität ist normal.

Aussage 9

Tolvaptan wird bei SIADH stationär eingeleitet, weil es durch reine Aquarese zu einer Überkorrektur führen kann.

Die V₂-Blockade steigert die Ausscheidung freien Wassers, das Natrium kann zu schnell steigen; deshalb ist Tolvaptan kein Standard bei SIADH.

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