Grundlagen

Zytostatika allgemein

Klassische Zytostatika greifen DNA, Nucleotidsynthese oder Mitosespindel an und treffen so jede schnell proliferierende Zelle. Den Kern bilden die Einteilung nach Angriffsort, die Zellzyklusspezifität und die gemeinsamen, aus dem Wirkprinzip folgenden Toxizitäten.

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Dein roter Faden6 Punkte
  • Einteilung: Klassische Zytostatika greifen DNA (Alkylanzien, Platin, Topoisomerase-Hemmstoffe, zytostatische Antibiotika), Nucleotidsynthese (Antimetaboliten) oder Mitose (Mitosehemmstoffe) an.
  • Zellzyklusspezifität: Phasenspezifische Substanzen wie Antimetaboliten und Mitosehemmstoffe wirken zeitabhängig, zyklusspezifische wie Alkylanzien und Platin konzentrationsabhängig.
  • Applikation: Phasenspezifische Substanzen profitieren von langer Exposition (Dauerinfusion, orale Prodrugs), zyklusspezifische werden als Bolus oder Kurzinfusion gegeben.
  • Gemeinsame Toxizität: Geschädigt wird jedes schnell proliferierende Gewebe: Myelosuppression, Mukositis, Alopezie, Gonadotoxizität, Teratogenität, Sekundärmalignome.
  • Nadir und Steuerung: Der Neutrophilen-Tiefpunkt liegt meist bei 7 bis 14 Tagen und bestimmt das Zyklusintervall; dosiert wird nach Blutbild, Nieren- und Leberfunktion bei geringer therapeutischer Breite.
  • Umgang und Sicherheit: Viele Zytostatika sind CMR-Stoffe, daher zentrale Zubereitung an der Sicherheitswerkbank; vesikante Substanzen verursachen bei Paravasat Nekrosen.

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Einteilung

Klassische Zytostatika hemmen die Zellteilung, indem sie DNA, Nucleotidsynthese oder Mitoseapparat schädigen. Sie unterscheiden dabei nicht zwischen Tumor- und Normalzelle, sondern zwischen proliferierender und ruhender Zelle. Die Einordnung in die Gesamtstrategie steht bei den Prinzipien der Tumortherapie. Die gebräuchliche Einteilung folgt dem Angriffsort.

Angriffsort Klasse Typische Vertreter
DNA-Schädigung Alkylanzien Cyclophosphamid, Melphalan, Bendamustin
DNA-Schädigung Platinverbindungen Cisplatin, Carboplatin, Oxaliplatin
DNA-Topologie Topoisomerase-Hemmstoffe Irinotecan, Etoposid
DNA-Interkalation Zytostatische Antibiotika Doxorubicin, Bleomycin, Mitomycin
Synthesehemmung Antimetaboliten Methotrexat, Fluorouracil, Gemcitabin
Mitose Mitosehemmstoffe Vincristin, Paclitaxel

Zellzyklusspezifität

Zellzyklusspezifität beschreibt, ob ein Zytostatikum nur Zellen in einer bestimmten Zellzyklusphase schädigt oder proliferierende Zellen unabhängig von der Phase. Die Regulation des Zyklus selbst steht bei der Tumorentstehung.

Kreisförmiger Zellzyklus mit den Phasen G1, S, G2, M und G0, an denen die Zytostatikaklassen je nach Phasenspezifität eingezeichnet sind

Zellzyklusspezifität: Antimetaboliten in S, Mitosehemmstoffe in M, Alkylanzien, Platinverbindungen und Anthrazykline in allen Phasen, Nitrosoharnstoffe auch in G₀
A Phasenspezifisch

Nur in einer Phase wirksam: Antimetaboliten (S), Mitosehemmstoffe (M), Etoposid (S/G₂), Bleomycin (G₂). Wirkung zeitabhängig, oberhalb einer Schwellenkonzentration Plateau.

B Zyklusspezifisch

In allen Phasen proliferierender Zellen, kaum in G₀: Alkylanzien, Platinverbindungen, Anthrazykline. Wirkung konzentrationsabhängig, steile Dosis-Wirkungs-Kurve.

C Zyklusunspezifisch

Auch ruhende G₀-Zellen werden geschädigt, z. B. Nitrosoharnstoffe (Carmustin, Lomustin).

Bei phasenspezifischen Substanzen steht zu jedem Zeitpunkt nur ein Teil der Zellen in der empfindlichen Phase. Entscheidend ist daher die Expositionsdauer: Dauerinfusion, wiederholte Gaben oder orale Prodrugs (Capecitabin) erfassen auch nachrückende Zellen. Zyklusspezifische Substanzen wirken über die Spitzenkonzentration und werden als Bolus oder Kurzinfusion gegeben.

Prüferinnenfrage
Warum sprechen langsam wachsende Tumoren oft schlecht auf Zytostatika an?
Antwort anzeigen

Zytostatika treffen vor allem Zellen im Zyklus. Bei niedriger Wachstumsfraktion ruhen die meisten Tumorzellen in G₀ und sind für phasen- und zyklusspezifische Substanzen kaum erreichbar. Tumoren mit hoher Wachstumsfraktion wie akute Leukämien, Lymphome oder Hodentumoren sprechen deshalb gut an. Ruhende Zellen können später wieder in den Zyklus eintreten, ein Grund für die Gabe mehrerer Zyklen.

Gemeinsame unerwünschte Wirkungen

Die Klasseneffekte folgen direkt aus dem Wirkprinzip: Geschädigt wird jedes Gewebe mit hoher Teilungsrate.

UAW warum
Myelosuppression (Neutropenie, Thrombozytopenie, Anämie) hämatopoetische Vorläuferzellen teilen sich ständig
Mukositis, Diarrhö Darm- und Mundepithel erneuern sich in Tagen, Barriereverlust begünstigt Infektionen
Alopezie Haarmatrix in der Anagenphase, meist reversibel
Übelkeit, Erbrechen Serotoninfreisetzung aus enterochromaffinen Zellen, Area postrema; Ausmaß substanzabhängig (Emetogenität)
Gonadotoxizität Spermatogenese und Follikelreifung, ggf. Kryokonservierung vor Therapie
Teratogenität embryonales Gewebe proliferiert, daher sichere Kontrazeption (Schwangerschaft)
Mutagenität, Sekundärmalignome DNA-Schäden in Normalzellen; MDS/AML nach Alkylanzien (Jahre) und Topoisomerase-II-Hemmern (früher)

Myelosuppression ist die Hemmung der Blutbildung im Knochenmark. Granulozyten zirkulieren nur Stunden bis Tage, Thrombozyten etwa eine Woche, Erythrozyten rund 120 Tage. Deshalb fällt zuerst die Neutrophilenzahl, die Anämie entwickelt sich langsam.

Kurvendiagramm mit drei Linien für Neutrophile, Thrombozyten und Hämoglobin über die Zeit; die Neutrophilenkurve fällt zuerst und am tiefsten und erholt sich bis Woche drei bis vier

Blutbildverlauf nach Chemotherapie: Neutrophilen-Nadir nach etwa 7 bis 14 Tagen, Erholung bis zum nächsten Zyklus
📖 Definition: Nadir

Tiefpunkt der Blutzellzahl nach einer Gabe, meist nach etwa 7 bis 14 Tagen; die Erholung bis Woche 3 bis 4 bestimmt das übliche Zyklusintervall. Verzögert ist er etwa bei Nitrosoharnstoffen und Mitomycin.

Die Behandlung von Neutropenie und weiteren Toxizitäten gehört zur Supportivtherapie. Daneben gibt es substanzspezifische Organtoxizitäten:

  • Herz: Anthrazykline, kumulativ dosisabhängige Kardiomyopathie
  • Niere, Innenohr: Cisplatin
  • Periphere Nerven: Vincristin, Taxane, Oxaliplatin
  • Lunge: Bleomycin (Fibrose)
  • Harnblase: Cyclophosphamid, Ifosfamid (hämorrhagische Zystitis durch Acrolein)
💡 Merke

Je schneller sich ein Gewebe erneuert, desto früher trifft es die Chemotherapie: Knochenmark, Schleimhäute, Haarfollikel, Keimzellen.

Dosislimitierung und Therapiesteuerung

Zytostatika haben eine geringe therapeutische Breite, weil derselbe Mechanismus Tumor und Normalgewebe trifft und die Dosis-Wirkungs-Kurven beider eng beieinander liegen.

📖 Definition: Dosislimitierende Toxizität

Die unerwünschte Wirkung, die als erste eine weitere Dosissteigerung verbietet (DLT). Meist ist es die Myelosuppression, bei manchen Substanzen eine Organtoxizität (Vincristin: Neuropathie, Bleomycin: Lunge).

  • Körperoberfläche: übliche Bezugsgröße der Dosis; Carboplatin wird stattdessen nach Ziel-AUC aus der Nierenfunktion berechnet, weil es renal eliminiert wird.
  • Blutbild vor jedem Zyklus: Neutrophile und Thrombozyten unter der Schwelle → Zyklus verschieben oder Dosis reduzieren.
  • Niere: Anpassung bei renal eliminierten Substanzen (Cisplatin, Carboplatin, Methotrexat).
  • Leber: Anpassung bei hepatisch-biliärer Elimination (Anthrazykline, Taxane, Vinca-Alkaloide).
  • Kumulativdosis: Obergrenzen bei Anthrazyklinen und Bleomycin.
  • Pharmakogenetik: DPD-Mangel vor Fluoropyrimidinen ausschließen (Pharmakogenetik).

Umgang mit Zytostatika

Viele Zytostatika sind CMR-Arzneistoffe: kanzerogen, mutagen oder reproduktionstoxisch (englisch carcinogenic, mutagenic, toxic for reproduction). Das folgt aus der DNA-Schädigung, die auch beim Personal wirkt, das die Substanzen zubereitet.

  • Zentrale Zubereitung: in der Apotheke an einer Zytostatika-Sicherheitswerkbank oder im Isolator, aseptisch und personengeschützt zugleich.
  • Schutzausrüstung: Schutzkittel, geeignete Handschuhe (doppelt), geschlossene Transfersysteme gegen Aerosole.
  • Personal: Schwangere und Stillende arbeiten nicht mit CMR-Stoffen.
  • Kontamination: Spill-Kit, Entsorgung als Sonderabfall; Ausscheidungen der Patienten enthalten tagelang Wirkstoff.

Nach dem Gewebeschaden bei Austritt ins Gewebe (Paravasat) unterscheidet man:

  • Vesikant: blasenbildend bis nekrotisierend, Gewebeschaden fortschreitend; Anthrazykline, Vinca-Alkaloide, Mitomycin.
  • Irritant: lokale Entzündung und Schmerz ohne Nekrose, z. B. Carboplatin, Etoposid.

Das Vorgehen bei Paravasaten steht bei der Supportivtherapie.

Pharmakologische Angriffspunkte

Die Klassen lassen sich auf drei Angriffsorte in der proliferierenden Zelle zurückführen. Die Mechanismen im Einzelnen erklären die Klassenseiten.

Zellschema mit drei markierten Angriffsorten: DNA im Kern, Nucleotidsynthese im Zytoplasma und Mitosespindel, jeweils mit den zugehörigen Zytostatikaklassen beschriftet

Angriffsorte klassischer Zytostatika: DNA, Nucleotidsynthese und Mitosespindel
Angriffspunkt Klasse Effekt
DNA-Basen (N7-Guanin) Alkylanzien Quervernetzung → Strangbrüche, Apoptose
DNA (Platin-Addukte) Platinverbindungen Intrastrang-Vernetzung → Replikationsblock
Topoisomerase I/II Topoisomerase-Hemmstoffe stabilisierter Spaltkomplex → Strangbrüche
DNA-Interkalation, Radikale Zytostatische Antibiotika Topoisomerase-II-Hemmung, oxidative Schäden
Folat- und Nucleotidstoffwechsel Antimetaboliten Nucleotidmangel, falscher Einbau in DNA/RNA
β-Tubulin Mitosehemmstoffe gestörte Spindeldynamik → Mitosearrest

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Zyklusspezifische Zytostatika wie Alkylanzien werden bevorzugt als Dauerinfusion gegeben, weil ihre Wirkung von der Expositionsdauer abhängt.

Zyklusspezifische Substanzen wirken konzentrationsabhängig und werden als Bolus oder Kurzinfusion gegeben. Die Dauerinfusion nutzt man bei phasenspezifischen Substanzen.

Aussage 2

Antimetaboliten wie Methotrexat wirken überwiegend in der S-Phase des Zellzyklus.

Antimetaboliten stören die Nucleotid- und DNA-Synthese und sind daher phasenspezifisch für die S-Phase.

Aussage 3

Anthrazykline und Vinca-Alkaloide gehören zu den vesikanten Zytostatika.

Vesikante Substanzen wirken bei Paravasat blasenbildend bis nekrotisierend; dazu zählen Anthrazykline, Vinca-Alkaloide und Mitomycin.

Zuordnen

Aussage 5

Carboplatin wird nach einer Ziel-AUC dosiert, die aus der Leberfunktion berechnet wird.

Carboplatin wird renal eliminiert, die Ziel-AUC wird deshalb aus der Nierenfunktion berechnet.

Warum?

Aussage 7

Bei einer Myelosuppression entwickelt sich die Anämie langsamer als die Neutropenie, weil Erythrozyten deutlich länger leben als Granulozyten.

Erythrozyten leben rund 120 Tage, Granulozyten nur Stunden bis Tage. Eine gehemmte Nachbildung zeigt sich daher zuerst bei den Neutrophilen.

Lückentext

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