Grundlagen

Opioidrezeptoren und Opioidwirkungen

Endogene Opioide, die vier Opioidrezeptoren und ihre Gi/o-Signalkette. Daraus abgeleitet die Klasseneffekte aller Opioide: Wirkungen, UAW, Toleranz, Entzug und die Angriffspunkte der Opioidklassen.

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  • Endogenes System: β-Endorphin (POMC), Enkephaline (Proenkephalin) und Dynorphine (Prodynorphin) wirken in Hinterhorn, Hirnstamm, limbischem System und Darm als körpereigene Schmerzhemmung.
  • Rezeptoren und Signal: μ, κ, δ und NOP sind Gi/o-gekoppelt; cAMP sinkt, GIRK-Kanäle hyperpolarisieren postsynaptisch, Ca²⁺-Kanal-Hemmung senkt präsynaptisch die Transmitterfreisetzung, im PAG und in der VTA wirken Opioide über Disinhibition.
  • Ligandentypen: Reine Agonisten, Partialagonist Buprenorphin, gemischte Agonisten-Antagonisten wie Nalbuphin und Antagonisten unterscheiden sich in intrinsischer Aktivität; hohe Affinität bei geringer Aktivität verdrängt Vollagonisten und erschwert die Antagonisierung.
  • Wirkungen: Analgesie, Sedierung, Euphorie, Atemdepression durch verminderte CO₂-Empfindlichkeit, Miosis, Antitussion, Emesis, Obstipation und Harnverhalt folgen aus der Rezeptorverteilung, Morphin setzt zusätzlich Histamin frei.
  • Toleranz und Entzug: Desensitisierung, Internalisierung und cAMP-Superaktivierung erklären Toleranz und physische Abhängigkeit, der Entzug ist ein noradrenerger cAMP-Rebound, gegen Miosis und Obstipation entsteht keine Toleranz.
  • Angriffspunkte: μ-Agonisten zur Analgesie und Antitussion, kompetitive Antagonisten bei Intoxikation, peripher beschränkte Liganden wie Loperamid und PAMORA im Darm, Substitution bei Abhängigkeit.

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Endogenes Opioidsystem

Endogene Opioide sind Neuropeptide, die als körpereigenes Schmerzhemmsystem dieselben Rezeptoren aktivieren, die alle Opioid-Arzneistoffe nutzen. Sie entstehen aus drei Vorläuferproteinen.

  • β-Endorphin: aus Proopiomelanocortin (POMC), bei Stress gemeinsam mit ACTH freigesetzt → μ, δ
  • Enkephaline (Met-, Leu-): aus Proenkephalin, rasch durch Neprilysin (Enkephalinase) abgebaut → δ, μ
  • Dynorphine: aus Prodynorphin → κ
  • Nociceptin (Orphanin FQ): kein klassisches Opioid → NOP-Rezeptor

Sie wirken im Hinterhorn, im Hirnstamm (periaquäduktales Grau, PAG; rostrale ventromediale Medulla), im limbischen System und im enterischen Nervensystem. Physiologisch dämpfen sie Schmerz bei Stress und Verletzung (stressinduzierte Analgesie) und modulieren Affekt, Belohnung und Darmmotilität.

Rezeptortypen und Signaltransduktion

Alle Opioidrezeptoren sind Gi/o-gekoppelte GPCR (allgemein: Rezeptoren und Signaltransduktion). Sie unterscheiden sich in Verteilung und Wirkprofil.

Rezeptor Endogener Ligand Typische Wirkungen
μ (MOP) β-Endorphin, Enkephaline Analgesie, Euphorie, Atemdepression, Miosis, Obstipation, Abhängigkeit
κ (KOP) Dynorphine spinale Analgesie, Dysphorie, Sedierung, Diurese (ADH ↓), kaum Atemdepression
δ (DOP) Enkephaline modulierende Analgesie, therapeutisch ungenutzt
NOP Nociceptin anti- oder pronozizeptiv, nicht durch Naloxon blockierbar

Der μ-Rezeptor trägt die klinisch entscheidenden Wirkungen und UAW, der κ-Rezeptor die Dysphorie. Die Signalkette:

  1. Gαi: hemmt die Adenylatcyclase → cAMP ↓, PKA ↓
  2. Gβγ postsynaptisch: öffnet GIRK-Kanäle → K⁺-Ausstrom → Hyperpolarisation
  3. Gβγ präsynaptisch: hemmt spannungsabhängige Ca²⁺-Kanäle (N-Typ) → weniger Glutamat und Substanz P aus nozizeptiven Afferenzen

Im Hinterhorn wird die Übertragung auf das Projektionsneuron so prä- und postsynaptisch gedrosselt (Schmerzentstehung). Im PAG und in der ventralen tegmentalen Area (VTA) hemmen Opioide GABAerge Interneurone. Diese Disinhibition aktiviert im PAG die absteigende Schmerzhemmung, in der VTA die Dopaminfreisetzung im Nucleus accumbens (Euphorie).

Schema einer Hinterhorn-Synapse mit präsynaptischem μ-Rezeptor, der Calciumkanäle hemmt, postsynaptischem μ-Rezeptor, der Kaliumkanäle öffnet, und einer absteigenden Bahn aus dem periaquäduktalen Grau.

Opioide hemmen die Schmerzübertragung im Hinterhorn prä- und postsynaptisch und enthemmen im PAG die absteigende Schmerzhemmung.

Einteilung der Opioidliganden

Opioidliganden unterscheiden sich in Affinität und intrinsischer Aktivität (allgemein: Agonisten und Antagonisten). Beides bestimmt, was sich kombinieren und antagonisieren lässt.

Diagramm mit intrinsischer Aktivität auf der x-Achse und Affinität auf der y-Achse, in dem Naloxon, Nalbuphin, Buprenorphin, Morphin und Fentanyl eingetragen sind.

Opioidliganden nach Affinität und intrinsischer Aktivität am μ-Rezeptor.
  • Reine Agonisten: volle intrinsische Aktivität am μ-Rezeptor (Morphin, Fentanyl), kein Ceiling, Atemdepression steigt mit der Dosis
  • Partialagonist: Buprenorphin, sehr hohe μ-Affinität bei geringer intrinsischer Aktivität → Ceiling für die Atemdepression; langsame Dissoziation, daher mit Naloxon schwer verdrängbar
  • Gemischte Agonisten-Antagonisten: κ-Agonist plus μ-Antagonist oder schwacher μ-Partialagonist (Nalbuphin) → Analgesie mit Ceiling, Dysphorie über κ
  • Antagonisten: Affinität ohne intrinsische Aktivität (Naloxon, Naltrexon), verdrängen kompetitiv

Partialagonisten und gemischte Agonisten-Antagonisten verdrängen reine Agonisten vom μ-Rezeptor. Kombiniert schwächen sie deren Analgesie ab.

Prüferinnenfrage
Warum kann Buprenorphin bei einem heroinabhängigen Patienten einen Entzug auslösen?
Antwort anzeigen

Buprenorphin bindet fester an den μ-Rezeptor als Morphin und verdrängt es. Weil seine intrinsische Aktivität geringer ist, sinkt die Nettoaktivierung der Rezeptoren schlagartig. Für den adaptierten Organismus ist das ein relativer Agonistenentzug.

Zentrale und periphere Opioidwirkungen

Die Wirkungen folgen aus der Rezeptorverteilung: Die Analgesie vermitteln Hirnstammregionen, die eng mit Atem-, Husten- und Brechzentrum verschaltet sind.

Schema mit Organ-Piktogrammen und beschrifteten Wirkorten der Opioide im Gehirn, Rückenmark und Darm, farbig nach Toleranzentwicklung unterschieden.

Opioidwirkungen nach Ort; gegen Miosis und Obstipation entwickelt sich keine Toleranz.
Wirkung Ort und Mechanismus Toleranz
Analgesie Hinterhorn, PAG, Thalamus; limbisch: Schmerz weniger quälend ja
Sedierung, Euphorie Formatio reticularis; VTA-Disinhibition ja
Atemdepression Atemzentrum der Medulla reagiert schwächer auf CO₂ ja, langsamer
Antitussiv Hustenzentrum der Medulla gehemmt teilweise
Emesis, später Antiemesis erst Area postrema (außerhalb der Blut-Hirn-Schranke) erregt, dann Brechzentrum gehemmt ja
Miosis Edinger-Westphal-Kern (Parasympathikus) enthemmt nein
Obstipation Plexus myentericus: ACh ↓, Propulsion ↓, Segmenttonus ↑, Sekretion ↓ nein
Harnverhalt, Sphinkterspasmus Detrusor ↓, Sphinktertonus ↑ (Blase, Oddi) gering

Zentral dämpfende Stoffe (Benzodiazepine, Alkohol) verstärken die Atemdepression additiv, Schmerz wirkt ihr als Atemantrieb entgegen. Morphin setzt rezeptorunabhängig Histamin aus Mastzellen frei (Juckreiz, Hypotonie, Bronchospasmus). Über den Vaguskern entsteht Bradykardie, bei rascher Injektion lipophiler Agonisten wie Fentanyl eine Thoraxrigidität.

💡 Merke

Gegen Miosis und Obstipation entsteht keine Toleranz: Die Obstipation bleibt die ganze Therapie über bestehen, Stecknadelpupillen bleiben auch bei Toleranten ein Vergiftungszeichen.

Toleranz, Abhängigkeit und Entzug

Unter Dauergabe passt sich das System an die anhaltende Rezeptoraktivierung an. Opioidtoleranz heißt: Für denselben Effekt braucht es eine höhere Dosis, je nach Wirkung unterschiedlich stark.

  • Desensitisierung: G-Protein-gekoppelte Rezeptorkinasen (GRK) phosphorylieren den Rezeptor, β-Arrestin entkoppelt ihn vom G-Protein
  • Internalisierung: Endozytose → weniger Rezeptoren an der Oberfläche
  • cAMP-Superaktivierung: chronische Gi-Hemmung → kompensatorisch hochregulierte Adenylatcyclase, v. a. im Locus coeruleus

Physische Abhängigkeit ist diese Adaptation selbst und tritt auch in der Schmerztherapie auf. Psychische Abhängigkeit beruht auf dem Belohnungssystem (Abhängigkeit und Sucht).

Das Opioid-Entzugssyndrom folgt auf abruptes Absetzen oder einen Antagonisten: Die hochregulierte Adenylatcyclase ist ungebremst, der cAMP-Überschuss treibt eine noradrenerge Überaktivität. Die Symptome sind spiegelbildlich zur Opioidwirkung: Mydriasis, Tachykardie, Schwitzen, Rhinorrhö, Gänsehaut, Diarrhö, Unruhe, Schmerzen. Nach längerer Therapie daher ausschleichen.

📖 Definition: Opioidinduzierte Hyperalgesie

Paradoxe, oft diffuse Schmerzverstärkung unter Opioiden, u. a. über NMDA-Rezeptoren und spinale Glia. Anders als bei Toleranz verschlimmert eine Dosissteigerung den Schmerz.

Pharmakologische Angriffspunkte

Arzneistoffe nutzen den μ-Rezeptor auf drei Wegen: zentral aktivieren, blockieren oder die Wirkung über die Verteilung auf den Darm beschränken.

Prinzip Beispiele Einsatz
Starke μ-Agonisten Morphin, Fentanyl, Buprenorphin (partiell) starke Schmerzen
Schwache μ-Agonisten Tramadol, Tilidin mäßige Schmerzen
Kompetitive Antagonisten Naloxon, Naltrexon Intoxikation, Rückfallprophylaxe
Peripherer μ-Agonist Loperamid Diarrhö
PAMORA Methylnaltrexon, Naloxegol opioidinduzierte Obstipation
Antitussive Opioide Codein, Dihydrocodein Reizhusten
Substitution Levomethadon, Methadon, Buprenorphin Opioidabhängigkeit

Loperamid und PAMORA trennen Darm und ZNS über die Struktur: P-gp-Efflux an der Blut-Hirn-Schranke, ein quartärer Stickstoff (Methylnaltrexon) oder PEGylierung (Naloxegol) halten sie peripher.

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Lückentext

Reihenfolge

Aussage 3

Die Miosis unter Opioiden entsteht durch Enthemmung des parasympathischen Edinger-Westphal-Kerns.

Die Enthemmung des Edinger-Westphal-Kerns verengt die Pupille, und gegen diese Wirkung entsteht keine Toleranz.

Zuordnen

Aussage 5

Dynorphine wirken bevorzugt am κ-Rezeptor.

Dynorphine aus Prodynorphin sind die endogenen κ-Liganden, β-Endorphin und Enkephaline wirken vor allem an μ und δ.

Aussage 6

Loperamid wirkt kaum zentral, weil es durch P-Glykoprotein aus dem ZNS transportiert wird.

Der P-gp-Efflux an der Blut-Hirn-Schranke beschränkt den μ-Agonisten Loperamid auf den Darm.

Aussage 7

Der NOP-Rezeptor lässt sich wie der μ-Rezeptor durch Naloxon blockieren.

Der NOP-Rezeptor mit dem Liganden Nociceptin ist nicht naloxonsensitiv.

Warum?

Aussage 9

Bei opioidinduzierter Hyperalgesie bessert eine Dosissteigerung den Schmerz.

Anders als bei Toleranz verschlimmert eine Dosissteigerung den Schmerz bei opioidinduzierter Hyperalgesie.

Aussage 10

Opioidrezeptoren öffnen postsynaptisch spannungsabhängige Ca²⁺-Kanäle.

Postsynaptisch öffnet Gβγ GIRK-Kanäle (K⁺-Ausstrom, Hyperpolarisation), präsynaptisch werden spannungsabhängige Ca²⁺-Kanäle gehemmt.

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