Krankheitsbilder

Maligne Hyperthermie

Die maligne Hyperthermie ist eine pharmakogenetische Muskelerkrankung, bei der volatile Anästhetika und Suxamethonium eine hypermetabole Krise auslösen. Im Kern geht es um den RYR1-Pathomechanismus, die Sofortmaßnahmen mit Dantrolen, dessen Bevorratung und die triggerfreie Narkose.

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Dein roter Faden7 Punkte
  • Definition: Die maligne Hyperthermie ist eine autosomal-dominante pharmakogenetische Myopathie, bei der volatile Anästhetika und Suxamethonium eine hypermetabole Krise auslösen.
  • Pathomechanismus: Ein mutierter RYR1 setzt unter Triggern unkontrolliert Ca²⁺ aus dem SR frei, Kontraktion und SERCA verbrauchen ATP und erzeugen CO₂, Laktat und Wärme, am Ende steht die Rhabdomyolyse.
  • Früh- vs. Spätzeichen: Früh steigen endtidales CO₂ und Herzfrequenz, dazu Masseterspasmus und Rigor; spät folgen Hyperthermie, Azidose, Hyperkaliämie mit Arrhythmien und Nierenversagen.
  • Sofortmaßnahmen: Trigger stoppen, mit reinem Sauerstoff hyperventilieren, Hilfe rufen und Dantrolen als wiederholten i.v.-Bolus bis zur Stabilisierung geben, ergänzt durch Kaliumsenkung, Azidoseausgleich, physikalische Kühlung und Diurese.
  • Wechselwirkung: Calciumkanalblocker wie Verapamil und Diltiazem werden neben Dantrolen gemieden, weil Hyperkaliämie und Herzinsuffizienz drohen.
  • Bevorratung: Dantrolen muss überall, wo Trigger eingesetzt werden, in ausreichender Menge mit Wasser für Injektionszwecke sofort verfügbar sein.
  • Triggerfreie Narkose: Bei Disposition Propofol, Opioide und nichtdepolarisierende Relaxanzien oder Regionalanästhesie, keine volatilen Anästhetika und kein Suxamethonium.

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Überblick

Die maligne Hyperthermie (MH) ist eine pharmakogenetische Erkrankung der Skelettmuskulatur. Bei disponierten Menschen lösen Triggersubstanzen eine lebensbedrohliche hypermetabole Krise aus, ohne Trigger sind sie meist unauffällig. Trigger sind alle volatilen Inhalationsanästhetika und das depolarisierende Muskelrelaxans Suxamethonium.

Krisen sind selten, unbehandelt aber häufig tödlich. Mit frühem Dantrolen ist die Letalität gering, deshalb muss es überall verfügbar sein, wo Trigger eingesetzt werden.

  • Frühzeichen: Anstieg des endtidalen CO₂ trotz Ventilation, Tachykardie, Masseterspasmus (Kiefersperre durch tonische Kontraktion der Kaumuskulatur nach Suxamethonium), generalisierter Rigor.
  • Spätzeichen: Hyperthermie, gemischte Azidose, Hyperkaliämie mit Arrhythmien, Myoglobinurie bis Nierenversagen.
  • Abgrenzung: malignes neuroleptisches Syndrom, Serotonin-Syndrom, Sepsis.
  • Disposition abklären: In-vitro-Kontrakturtest und Gentest (Pharmakogenetik).
📖 Definition: In-vitro-Kontrakturtest

Muskelbiopsat wird in vitro Halothan und Koffein ausgesetzt; eine Kontraktur schon bei niedrigen Konzentrationen zeigt die MH-Disposition an. Er gilt als Goldstandard, weil ein negativer Gentest die Disposition nicht ausschließt.

Pathophysiologie und Angriffspunkte

Der Defekt sitzt in der elektromechanischen Kopplung des Skelettmuskels, deren Physiologie unter Neuromuskuläre Übertragung erklärt ist. Die Kette vom Gen zum Organversagen erklärt jede Therapiemaßnahme.

  1. Genetik: Mutationen im RYR1 (Ca²⁺-Freisetzungskanal des sarkoplasmatischen Retikulums, SR), selten in CACNA1S (Dihydropyridinrezeptor); autosomal-dominant mit variabler Penetranz → eine frühere unauffällige Narkose schließt MH nicht aus.
  2. Trigger: volatiles Anästhetikum oder Suxamethonium → mutierter RYR1 öffnet übermäßig → unkontrollierter Ca²⁺-Ausstrom aus dem SR ins Zytosol.
  3. Hypermetabolismus: Dauerkontraktion und SERCA-Pumpe verbrauchen massiv ATP → O₂-Verbrauch und CO₂ ↑ (aerob), Laktat ↑ (anaerob), Wärme.
  4. Rhabdomyolyse: ATP erschöpft → Membranschaden → K⁺, Myoglobin und CK ins Blut → Hyperkaliämie, Arrhythmien, Myoglobinurie, akutes Nierenversagen.
💡 Merke

Das erste Zeichen der MH ist meist der CO₂-Anstieg, nicht das Fieber: Die Temperatur steigt erst, wenn der Hypermetabolismus schon läuft.

Prüferinnenfrage
Wie grenzen Sie die maligne Hyperthermie vom malignen neuroleptischen Syndrom ab?
Antwort anzeigen

Die MH ist ein peripherer Muskeldefekt: Unter Triggern setzt der mutierte RYR1 Ca²⁺ frei, die Krise beginnt intra- oder früh postoperativ innerhalb von Minuten bis Stunden, oft mit CO₂-Anstieg. Das maligne neuroleptische Syndrom ist zentral bedingt durch D₂-Blockade, entwickelt sich unter Antipsychotika über Tage und geht mit Bewusstseinsstörung einher. Gemeinsam sind Rigor, Fieber und CK-Anstieg, deshalb ist die Anamnese (Narkose vs. Antipsychotikum) entscheidend.

Daraus ergeben sich ein kausaler und mehrere symptomatische Angriffspunkte.

Schema einer Muskelzelle mit Ryanodinrezeptor, Calciumausstrom aus dem sarkoplasmatischen Retikulum und den Folgen CO₂, Laktat, Wärme und Kalium, mit eingezeichneten Angriffspunkten der Therapie

Maligne Hyperthermie: Trigger öffnen den mutierten RYR1, der Ca²⁺-Überschuss treibt den Hypermetabolismus; Dantrolen setzt kausal am RYR1 an.
Angriffspunkt Arzneistoffklasse Effekt
Trigger (volatile Anästhetika, Suxamethonium) Triggerstopp, Fortführung mit Propofol Auslöser entfernt
RYR1 im SR Dantrolen Ca²⁺-Freisetzung ↓, kausal
Hyperkaliämie Insulin mit Glucose, Calcium (Kaliumstörungen) K⁺ nach intrazellulär, Myokardschutz
Azidose (CO₂, Laktat) Hyperventilation, Natriumhydrogencarbonat (Azidose) pH ↑
Myoglobinurie Volumen, Schleifendiuretika Nierenschutz

Therapie

Ziel ist, den Hypermetabolismus sofort zu unterbrechen und die Komplikationen abzufangen. Behandelt wird schon beim Verdacht, nicht erst nach Bestätigung.

Akuttherapie

Die ersten Minuten folgen einem festen Ablauf.

Ablaufdiagramm der Sofortmaßnahmen bei maligner Hyperthermie vom Verdacht bis zur Intensivüberwachung

Akuttherapie der MH-Krise: Auf Triggerstopp, Sauerstoff und Hilferuf folgen wiederholte Dantrolen-Boli, Komplikationsbehandlung und Intensivüberwachung wegen Rezidivgefahr.
  1. Trigger stoppen: Verdampfer schließen, kein weiteres Suxamethonium; Narkose mit Propofol fortführen, Eingriff möglichst beenden.
  2. Hyperventilieren mit reinem Sauerstoff: hoher Frischgasfluss wäscht das Anästhetikum aus und eliminiert CO₂.
  3. Hilfe rufen: Die Dantrolen-Zubereitung braucht mehrere Hände.
  4. Dantrolen i.v.: rascher Bolus, wiederholt bis zur Stabilisierung.
  5. Komplikationen behandeln und überwachen: Blutgasanalyse, K⁺, CK, Myoglobin, Temperatur.

Dantrolen ist das einzige kausale Antidot; der Mechanismus steht unter Zentrale Muskelrelaxanzien.

  • Gabe: gewichtsbezogen als Bolus, Wiederholung in kurzen Abständen, bis Tachykardie, CO₂, Azidose und Temperatur sich bessern; werden sehr große Mengen nötig, die Diagnose überdenken.
  • Zubereitung: Lyophilisat, schlecht wasserlöslich, nur mit Wasser für Injektionszwecke lösen; viele Durchstechflaschen, daher zeitaufwendig.
  • Applikation: stark alkalische Lösung → Venenreizung, Paravasat gewebsschädigend → sicherer, großlumiger Zugang.
  • Rezidiv: innerhalb von 24 h möglich → Intensivüberwachung, erneute Gabe.
  • Danach: Muskelschwäche und Benommenheit bis 48 h → kein Autofahren.

Dantrolen ersetzt die symptomatische Therapie nicht, es ergänzt sie.

Problem Maßnahme warum
Hyperkaliämie Insulin mit Glucose, Calcium i.v. Na⁺/K⁺-ATPase verschiebt K⁺ in die Zelle; Ca²⁺ stabilisiert die Myokardmembran
Azidose Hyperventilation, bei schwerer Azidose Natriumhydrogencarbonat CO₂ abatmen, Laktat puffern
Hyperthermie physikalisch kühlen (kalte Infusionen, Oberfläche) Antipyretika unwirksam: Wärme stammt aus dem Muskelstoffwechsel, der hypothalamische Sollwert ist unverändert
Myoglobinurie Volumen, forcierte Diurese verhindert tubuläre Myoglobinpräzipitation
Arrhythmien K⁺ und Azidose korrigieren, ggf. Amiodaron oder Betablocker meist Folge der Hyperkaliämie
⚠️ Achtung: Calciumkanalblocker und Dantrolen

Verapamil und Diltiazem nicht mit Dantrolen kombinieren: Fallberichte und Tierversuche zeigen Hyperkaliämie und Herzinsuffizienz. Für die Arrhythmietherapie andere Klassen wählen (Calciumkanalblocker).

Bevorratung

Dantrolen muss überall sofort griffbereit sein, wo Triggersubstanzen eingesetzt werden: OP, Aufwachraum, ambulante Anästhesie.

  • Menge: genug für die Initialtherapie eines schweren Erwachsenen vor Ort, Nachschub kurzfristig über die Krankenhausapotheke oder regionale Absprachen.
  • Ausstattung: mit Wasser für Injektionszwecke, Spritzen, Überleitsystemen und Ablaufschema an einem Ort.
  • Kontrolle: selten gebraucht und teuer → Verfall regelmäßig prüfen, Bestand trotzdem nicht unterschreiten.

Triggerfreie Narkose

Bei bekannter oder vermuteter Disposition wird eine triggerfreie Narkose geführt: keine volatilen Anästhetika, kein Suxamethonium, ein Narkosegerät ohne Verdampfer und vorher gespült.

Zweispaltige Gegenüberstellung von MH-Triggern und sicheren Anästhetika und Relaxanzien

Trigger und triggerfreie Substanzen in der Anästhesie.
A Trigger
  • Sevofluran, Desfluran, Isofluran
  • Suxamethonium
B Triggerfrei
Fall aus der Apotheke
Narkoseplanung bei Disposition

Die Anästhesistin fragt in der Krankenhausapotheke nach: Ein 25-jähriger Patient soll eine Leistenhernie operiert bekommen. Sein Vater hatte eine MH-Krise, sein eigener In-vitro-Kontrakturtest war positiv.

  1. Welche Substanzen sind für Narkose und Relaxation geeignet?
  2. Soll Dantrolen vorab prophylaktisch gegeben werden?
Lösung anzeigen
  1. Geeignet ist eine total intravenöse Anästhesie mit Propofol und Opioid, relaxiert mit einem nichtdepolarisierenden Relaxans, alternativ eine Regionalanästhesie. Volatile Anästhetika und Suxamethonium scheiden aus, weil sie den mutierten RYR1 öffnen und die Ca²⁺-Freisetzung auslösen.
  2. Nein, unter triggerfreier Narkose ist eine Prophylaxe nicht nötig und brächte nur Muskelschwäche und Benommenheit. Dantrolen wird aber griffbereit gehalten, und der Patient wird postoperativ überwacht.

Teste dich

Teste dich mit 9 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Reihenfolge

Aussage 2

Nach erfolgreicher Behandlung kann innerhalb von 24 Stunden ein Rezidiv der Krise auftreten.

Deshalb folgen Intensivüberwachung und bei Bedarf erneute Dantrolen-Gabe.

Warum?

Aussage 4

Propofol ist für eine triggerfreie Narkose geeignet.

Propofol ist kein Trigger; ausgeschlossen sind volatile Anästhetika und Suxamethonium.

Aussage 5

Dantrolen-Lyophilisat wird mit isotoner Kochsalzlösung rekonstituiert.

Dantrolen wird nur mit Wasser für Injektionszwecke gelöst.

Aussage 6

Eine frühere komplikationslose Narkose mit volatilen Anästhetika spricht nicht sicher gegen eine MH-Disposition.

Die Vererbung ist autosomal-dominant mit variabler Penetranz, eine Krise tritt nicht bei jeder Triggerexposition auf.

Aussage 7

Das früheste Zeichen einer MH-Krise ist meist der Anstieg der Körpertemperatur.

Früh steigen das endtidale CO₂ und die Herzfrequenz; die Hyperthermie ist ein Spätzeichen.

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