Arzneistoffe

Spurenelemente und Mineralstoffe

Calcium, Magnesium, Zink, Selen und Fluorid als Arzneistoffe: Funktion im Körper, Einsatz bei Mangel und Kariesprophylaxe, UAW bei Überdosierung. Im Mittelpunkt stehen die Komplexbildung zweiwertiger Kationen mit anderen Arzneistoffen und die Wahl des Calciumsalzes.

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  • Einteilung: Mengenelemente wie Calcium und Magnesium liegen im Körper über 50 mg/kg vor, Spurenelemente wie Zink, Selen, Iod und Fluor darunter.
  • Funktionen: Calcium ist Knochenmineral und stabilisiert die Membranerregbarkeit, Magnesium ist Kofaktor ATP-abhängiger Enzyme und physiologischer Calciumantagonist, Zink und Selen (Selenocystein) sind Enzymkofaktoren, Fluorid bildet säurestabileres Fluorapatit.
  • Anwendungen: Calcium als Osteoporose-Basistherapie bei unzureichender Zufuhr und bei Hypokalzämie, Magnesium, Zink und Selen bei Mangel, Fluorid zur Kariesprophylaxe vor allem lokal, Iodid bei Iodmangel.
  • UAW: Calcium macht Obstipation, Hyperkalzämie und Nierensteine, Magnesium osmotische Diarrhö und bei Niereninsuffizienz Hypermagnesiämie, Überdosierung führt zu Fluorose, Kupfermangel durch Zink oder Selenose.
  • Komplexbildung: Ca²⁺, Mg²⁺ und Zn²⁺ senken die Resorption von Tetracyclinen, Fluorchinolonen, Bisphosphonaten und Levothyroxin, daher erst das Arzneimittel und dann mit Abstand der Mineralstoff.
  • Weitere WW: Calcium verstärkt die Toxizität von Herzglykosiden, Thiazide fördern Hyperkalzämie, Magnesium ist bei schwerer Niereninsuffizienz kontraindiziert.
  • Salzwahl: Calciumcarbonat hat den höchsten Calciumanteil, braucht aber Magensäure; unter PPI oder bei Steinanamnese ist Calciumcitrat besser.

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Überblick

Mineralstoffe sind anorganische, essenzielle Nahrungsbestandteile, die der Körper nicht selbst bilden kann. Arzneilich dienen sie vor allem dem Ausgleich oder der Vorbeugung eines Mangels. Nach dem Körperbestand unterscheidet man Mengen- und Spurenelemente.

📖 Definition: Mengen- und Spurenelemente

Mengenelemente (Calcium, Magnesium, Natrium, Kalium, Phosphor, Chlorid) liegen im Körper in Mengen über 50 mg/kg Körpergewicht vor. Spurenelemente (Eisen, Zink, Iod, Selen, Fluor, Kupfer u. a.) liegen darunter, ihr Bedarf liegt im Milli- bis Mikrogrammbereich.

  • Kein Rezeptor: Sie wirken als Strukturbaustein, Ion der Erregbarkeit oder Enzymkofaktor; Nutzen jenseits eines Mangels ist meist nicht belegt.
  • Salzform entscheidet: Elementanteil, Löslichkeit, Resorption und Verträglichkeit hängen am Anion.
  • Komplexbildung: Ca²⁺, Mg²⁺ und Zn²⁺ binden im Darm zahlreiche Arzneistoffe, der wichtigste Interaktionsmechanismus.
  • Andere Heimat: Eisen unter Eisenmangelanämie, Kalium und Natrium unter Kaliumstörungen.

Leitsubstanz ist Calciumcarbonat, das meistverwendete Calciumsalz.

Calciumcarbonat
Mineralstoffe · Leitsubstanz
  • Prinzip: liefert Ca²⁺ mit hohem Elementanteil, wirkt zugleich säurebindend.
  • Kinetik: löst sich nur mit Magensäure, daher zu den Mahlzeiten; Resorption sättigbar.
  • Einsatz: Osteoporose-Basistherapie bei unzureichender Zufuhr, Hypokalzämie, Phosphatbinder.
  • Besonderheit: Komplexbildner, Einnahmeabstand zu Tetracyclinen, Chinolonen, Bisphosphonaten, Levothyroxin.

Vertreter

Die Präparate unterscheiden sich nach Element und Salzform, die Elementanteil, Löslichkeit und Verträglichkeit bestimmt. Calcium, Magnesium und Zink sind zweiwertige Kationen mit gemeinsamem Interaktionsprofil, Fluorid fällt als Anion mit lokaler Wirkung am Zahn heraus.

Wirkstoffe
Calciumsalze
Calciumcarbonat säureabhängig gelöst
Calciumcitrat säureunabhängig gelöst
Magnesiumsalze
Magnesiumcitrat organisch, gut resorbiert
Magnesiumoxid anorganisch, eher laxierend
Enzymkofaktoren
Zinkgluconat
Natriumselenit anorganisches Selen
Kariesprophylaxe
Natriumfluorid

Wirkmechanismus

Mineralstoffe wirken nicht über einen Rezeptor, sondern über ihre physiologische Funktion. Die hormonelle Regulation des Calciumspiegels ist unter Calciumhomöostase und Knochenumbau beschrieben.

Schema mit Knochen, Zellmembran, Enzymen und Zahnschmelz, an denen Calcium, Magnesium, Zink, Selen und Fluorid ihre Funktion ausüben

Wirkorte der Mineralstoffe und Spurenelemente: Strukturbaustein, Ion der Erregbarkeit, Kofaktor bzw. Baustein von Enzymen und Proteinen
  • Calcium: als Hydroxylapatit Ca₁₀(PO₄)₆(OH)₂ Hauptmineral des Knochens. Extrazelluläres Ca²⁺ schirmt negative Membranladungen ab und hebt die Schwelle der Na⁺-Kanäle, deshalb macht Hypokalzämie übererregbar (Tetanie). Intrazellulär Second Messenger (elektromechanische Kopplung, Exozytose), dazu Gerinnungsfaktor IV.
  • Magnesium: Kofaktor zahlreicher ATP-abhängiger Enzyme, weil das eigentliche Substrat der Mg-ATP-Komplex ist (z. B. Na⁺/K⁺-ATPase). Physiologischer Calciumantagonist: hemmt L-Typ-Ca²⁺-Kanäle und den NMDA-Rezeptorkanal, senkt die Acetylcholinfreisetzung an der Endplatte.
  • Zink: Kofaktor von Metalloenzymen (Carboanhydrase, alkalische Phosphatase, Cu/Zn-Superoxiddismutase), Strukturelement der Zinkfinger-Transkriptionsfaktoren → Zellteilung, Immunfunktion, Wundheilung.
  • Selen: als Selenocystein im aktiven Zentrum von Glutathionperoxidasen (Peroxidabbau) und Deiodasen (T₄ → T₃).
  • Fluorid: ersetzt OH⁻ im Schmelzapatit → Fluorapatit, weniger säurelöslich; fördert die Remineralisation und hemmt die bakterielle Enolase und damit die Säurebildung im Plaque.
Prüferinnenfrage
Warum kommt es bei Fluorid vor allem auf die lokale Anwendung an?
Antwort anzeigen

Die kariostatische Wirkung entsteht an der Schmelzoberfläche: Fluorid im Speichel und Plaque fördert die Remineralisation, bildet eine Calciumfluorid-Deckschicht als Reservoir und hemmt den Säurestoffwechsel der Bakterien. Entscheidend ist eine dauerhaft vorhandene niedrige Fluoridkonzentration im Mund, nicht der Einbau während der Zahnbildung. Deshalb ist fluoridhaltige Zahnpasta die Basis, systemische Gabe nur Ergänzung.

Wirkungen und Anwendung

Eingesetzt werden Mineralstoffe bei nachgewiesenem oder absehbarem Mangel.

  • Calcium: Basistherapie der Osteoporose mit Vitamin D, primär über die Nahrung, als Supplement nur bei unzureichender Zufuhr; unter parenteralen Antiresorptiva wie Denosumab Zufuhr sichern, sonst droht Hypokalzämie. Außerdem Hypokalzämie und Hypoparathyreoidismus (Calcium- und Magnesiumstörungen), wenn möglich oral.
  • Magnesium: Mangel durch Alkohol, Diarrhö, Diuretika oder PPI-Dauertherapie. Als Antiarrhythmikum → Adenosin und Magnesium.
  • Fluorid: Kariesprophylaxe, Basis fluoridhaltige Zahnpasta, bei Kindern ergänzt durch Tabletten oder fluoridiertes Speisesalz.
  • Iodid: Iodmangelprophylaxe, v. a. in Schwangerschaft und Stillzeit (Struma).
  • Zink: Mangel bei Malabsorption, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Alkoholkrankheit, parenteraler Ernährung.
  • Selen: nachgewiesener Mangel (parenterale Ernährung, Dialyse), milde endokrine Orbitopathie; bei Hashimoto-Thyreoiditis kein belegter Nutzen.

Pharmakokinetik

Die Resorption zweiwertiger Kationen ist begrenzt und sättigbar. Salzform und Einnahmemodus bestimmen daher die verfügbare Menge.

  • Calcium aktiv: transzellulär im Duodenum über TRPV6 und Calbindin, Calcitriol-abhängig und sättigbar → mehrere kleine Einzelgaben werden besser ausgenutzt als eine große.
  • Calcium passiv: parazellulär im gesamten Dünndarm; im Alter und bei Vitamin-D-Mangel sinkt die Resorption.
  • Magnesium: organische Salze (Citrat, Aspartat) sind besser löslich als das Oxid. Nicht resorbiertes Mg²⁺ hält osmotisch Wasser im Darm, das Prinzip der osmotischen Laxanzien.
  • Elimination: Calcium, Magnesium und Fluorid renal; Fluorid lagert sich zusätzlich in Knochen und Zähne ein.

Darmepithelzelle mit Calciumaufnahme über TRPV6, Transport durch Calbindin und Ausschleusung über die Calcium-ATPase, daneben parazellulärer Fluss

Aktive, sättigbare und passive Calciumresorption im Dünndarm

Unerwünschte Wirkungen

Die UAW folgen aus der lokalen Wirkung im Darm oder aus Überdosierung. Die Fluorose ist die Schädigung von Zähnen und Knochen durch chronisch zu hohe Fluoridzufuhr.

UAW warum
Magen-Darm
Obstipation, Blähungen (Calcium) Ca²⁺ dämpft die Darmmotilität; Carbonat setzt mit Magensäure CO₂ frei
Niere
Hyperkalzämie, Milch-Alkali-Syndrom hohe Zufuhr alkalischer Calciumsalze, verstärkt durch Vitamin D, Thiazide, Niereninsuffizienz
Niere
Nierensteine Supplemente steigern die Calciumausscheidung im Urin
Gefäße
kardiovaskuläre Ereignisse (diskutiert) Calciumspitzen nach Supplementen könnten Gefäßverkalkung fördern; Daten uneinheitlich, Nahrungscalcium bevorzugt
Magen-Darm
Diarrhö (Magnesium) osmotische Wirkung nicht resorbierter Mg²⁺-Ionen
Niere
Hypermagnesiämie Kumulation bei Niereninsuffizienz → Hyporeflexie, Bradykardie, Hypotonie
Knochen · Mund
Fluorose in der Zahnentwicklung Schmelzflecken (Dentalfluorose), chronisch Skelettfluorose mit Sklerosierung
Blut
Zinküberdosierung Übelkeit; chronisch Kupfermangel (Anämie, Neutropenie), weil Zink im Enterozyten kupferbindendes Metallothionein induziert
Haut
Selenose geringe therapeutische Breite: Haarausfall, brüchige Nägel, knoblauchartiger Atemgeruch (Dimethylselenid)

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Der Kern ist die Komplexbildung: Mehrwertige Kationen bilden im Darm schwer resorbierbare Chelate oder Adsorbate, die Bioverfügbarkeit des Partners sinkt stark (Arzneimittelwechselwirkungen).

Strukturformeln von Ciprofloxacin, Doxycyclin und Alendronat, jeweils mit einem gebundenen Calciumion an den komplexierenden Gruppen

Zweiwertige Kationen bilden mit Fluorchinolonen, Tetracyclinen und Bisphosphonaten schwer resorbierbare Chelate
  • Tetracycline und Fluorchinolone: Chelat über Keto- und Carboxyl- bzw. Hydroxylgruppen → Therapieversagen.
  • Bisphosphonate: die Phosphonatgruppen binden Ca²⁺ so fest wie am Knochenapatit.
  • Levothyroxin: Adsorption → Resorption ↓, TSH steigt.
  • Weitere: Integrase-Inhibitoren, Eisen (gegenseitig).
  • Thiazide: senken die renale Ca²⁺-Ausscheidung → Hyperkalzämie.
  • PPI: verschlechtern die Lösung von Calciumcarbonat; als Dauertherapie Hypomagnesiämie.
  • KI Calcium: Hyperkalzämie, Hyperkalzurie, Calciumsteine, schwere Niereninsuffizienz.
  • KI Magnesium: schwere Niereninsuffizienz, weil die renale Elimination fehlt; Myasthenia gravis, weil Mg²⁺ die Acetylcholinfreisetzung senkt.
💡 Merke

Erst das Arzneimittel, dann mit mehreren Stunden Abstand Calcium, Magnesium oder Zink; Milch und calciumreiches Mineralwasser zählen mit.

⚠️ Achtung: Calcium und Herzglykoside

Ca²⁺ und Herzglykoside erhöhen beide das intrazelluläre Ca²⁺ im Kardiomyozyten. Hyperkalzämie oder i.v.-Calcium kann bei digitalisierten Patienten Glykosid-Arrhythmien bis zum Kammerflimmern auslösen.

Unterschiede innerhalb der Klasse

Bei Calcium ist die Salzwahl eine pharmazeutische Entscheidung: Carbonat liefert viel Calcium je Tablette, braucht aber Säure zur Lösung (CaCO₃ + 2 HCl → CaCl₂ + H₂O + CO₂).

Merkmal Calciumcarbonat Calciumcitrat
Calciumanteil hoch (etwa 40 %) etwa halb so hoch, mehr Tabletten
Lösung säureabhängig säureunabhängig
Einnahme zu den Mahlzeiten unabhängig von Mahlzeiten
unter PPI, bei Achlorhydrie schlechter resorbiert bevorzugt
Verträglichkeit Obstipation, Blähungen besser
Steinanamnese neutral Citrat hemmt Calciumoxalat-Kristallisation
Fall aus der Apotheke
Neues Bisphosphonat zur Calcium-Dauermedikation

Eine 72-jährige Patientin legt ein Rezept über Alendronat vor. Sie nimmt seit Jahren morgens zum Frühstück eine Calciumcarbonat-Kautablette und dauerhaft Pantoprazol.

  1. Was raten Sie zur Einnahme von Alendronat und Calcium?
  2. Ist Calciumcarbonat für sie das passende Salz?
Lösung anzeigen
  1. Alendronat bildet mit Ca²⁺ schwer resorbierbare Komplexe, seine ohnehin geringe Bioverfügbarkeit fiele weiter ab. Deshalb Alendronat morgens nüchtern mit Leitungswasser, ohne Milch oder Mineralwasser, und Calcium erst mit deutlichem Abstand, etwa zum Mittag- oder Abendessen.
  2. Unter Pantoprazol fehlt die Magensäure, die Calciumcarbonat zur Lösung braucht. Calciumcitrat löst sich säureunabhängig und ist die bessere Wahl; zudem prüfen, ob die Nahrung nicht schon genug Calcium liefert.

Teste dich

Teste dich mit 10 Karten
wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Aussage 1

Fluorid ersetzt im Zahnschmelz Hydroxidionen, das entstehende Fluorapatit ist leichter säurelöslich.

Der Austausch von OH⁻ gegen F⁻ stimmt, Fluorapatit ist aber weniger säurelöslich als Hydroxylapatit. Darauf beruht die Kariesprophylaxe.

Warum?

Aussage 3

Magnesium ist bei schwerer Niereninsuffizienz unproblematisch, weil es überwiegend biliär ausgeschieden wird.

Magnesium wird renal eliminiert. Bei schwerer Niereninsuffizienz kumuliert es (Hypermagnesiämie mit Hyporeflexie, Bradykardie, Hypotonie) und ist kontraindiziert.

Wer bin ich?

Aussage 5

Selen ist als Selenocystein Bestandteil der Glutathionperoxidasen und der Deiodasen.

Selenocystein sitzt im aktiven Zentrum der Glutathionperoxidasen (Peroxidabbau) und der Deiodasen (T₄ → T₃).

Aussage 6

Calciumcitrat braucht zur Lösung Magensäure und sollte deshalb unter PPI gemieden werden.

Das gilt für Calciumcarbonat. Calciumcitrat löst sich säureunabhängig und ist unter PPI oder bei Achlorhydrie das bevorzugte Salz.

Zuordnen

Aussage 8

Eine chronische Zinküberdosierung kann einen Kupfermangel verursachen, weil Zink im Enterozyten Metallothionein induziert.

Metallothionein bindet Kupfer im Enterozyten, das mit der Zelle abgeschilfert wird. Folgen sind Anämie und Neutropenie.

Lückentext

Prüferin fragt

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