Vergiftungsbehandlung und Toxidrome
Akute Vergiftungen werden in fester Reihenfolge behandelt: Vitalfunktionen sichern, das Gift über Toxidrome erkennen, Resorption verhindern, Elimination beschleunigen. Kern sind die Unterscheidung anticholinerg gegen cholinerg und die Frage, welches Verfahren die Kinetik des Gifts überhaupt erlaubt.
Dein roter Faden
- Vitalfunktionen zuerst: Atemweg, Atmung und Kreislauf werden gesichert, bevor an Giftentfernung gedacht wird; dann Anamnese, Giftinformationszentrum und Asservierung.
- Toxidrome: Pupille, Haut, Schleimhäute, Herzfrequenz und Bewusstsein führen zur Giftgruppe, bevor die Analytik vorliegt.
- Anticholinerg vs. cholinerg: Mydriasis, trockene heiße Haut und Delir stehen gegen Miosis, Schwitzen, Bronchorrhö und Bradykardie; die Haut trennt anticholinerg auch vom sympathomimetischen Toxidrom.
- Primäre Giftentfernung kritisch: Aktivkohle ist Mittel der Wahl für adsorbierbare Stoffe bei geschützten Atemwegen, Magenspülung nur ausnahmsweise, induziertes Erbrechen obsolet.
- Sekundäre Giftentfernung nach Kinetik: wiederholte Kohle bei enterohepatischem Kreislauf, Harnalkalisierung bei schwachen Säuren, Hämodialyse bei kleinen, wenig proteingebundenen Stoffen mit kleinem Verteilungsvolumen.
- Verätzungen und Tenside: Säuren bilden eine Koagulations-, Laugen eine tiefere Kolliquationsnekrose; kein Erbrechen, keine Neutralisation; bei Tensiden Entschäumer gegen Schaumaspiration.
Kostenlos weiterlesen mit deinem Relaxed-Konto
Lege dir ein kostenloses Konto an, dann ist das ganze 2. Staatsexamen für dich frei. Kein Abo, keine Zahlungsdaten.
Bitte bestätige zuerst deine E-Mail-Adresse
Wir haben dir einen Link geschickt. Mit bestätigter E-Mail-Adresse liest du hier gleich weiter.
Allgemeines Vorgehen
Die Vergiftungsbehandlung folgt einer festen Reihenfolge: erst stabilisieren, dann identifizieren, dann das Gift entfernen oder antagonisieren. Sie ist angewandte Kinetik, denn Resorption, Verteilung und Elimination entscheiden, welche Maßnahme überhaupt wirken kann. Begriffe wie Toxizität und Exposition stehen bei den Grundbegriffen der Toxikologie.
- Vitalfunktionen sichern: Atemweg, Atmung, Kreislauf, Bewusstsein. Die Atemwegssicherung geht jeder Giftentfernung vor, weil Hypoxie und Aspiration häufiger töten als das Gift selbst.
- Anamnese: was, wie viel, wann, auf welchem Weg, mit welchen Begleitstoffen; Packungen und Reste sichern.
- Giftinformationszentrum: stoffbezogene Risikobewertung und Therapieempfehlung, rund um die Uhr erreichbar.
- Asservierung: Blut, Urin, ggf. Erbrochenes vor Therapiebeginn; die toxikologische Analytik bestätigt den Verdacht und erlaubt Spiegelkontrollen (etwa Paracetamol, Lithium).
- Giftentfernung und Antidot: nur, wenn der Nutzen das Risiko überwiegt; spezifische Antidote nach Identifikation.
Bei Erwachsenen dominieren Arzneimittel (Benzodiazepine, Antidepressiva, Paracetamol, Opioide) und Alkohol, oft als Mischintoxikation in suizidaler Absicht. Bei Kleinkindern überwiegen akzidentelle Ingestionen von Haushaltsprodukten, Pflanzen und Arzneimitteln, die meist harmlos verlaufen.
Toxidrome
Ist das Gift unbekannt, führt der klinische Befund zur Giftgruppe und damit zur Therapie.
Kombination von Symptomen und Befunden, die typisch für eine Giftgruppe mit gemeinsamem Mechanismus ist. Es erlaubt Therapieentscheidungen, bevor die Analytik vorliegt.
Geprüft werden Pupille, Haut, Schleimhäute, Darmgeräusche, Herzfrequenz, Temperatur und Bewusstsein. Am wichtigsten ist das Gegensatzpaar am Muscarinrezeptor, dessen Physiologie beim cholinergen System steht.
- Auslöser: Atropin, Scopolamin, Tollkirsche, H1-Antihistaminika der 1. Generation, trizyklische Antidepressiva
- Pupille: Mydriasis, Akkommodationsstörung
- Haut: trocken, heiß, gerötet (keine M₃-vermittelte Schweißsekretion)
- Schleimhäute: trocken
- Weiteres: Tachykardie, Hyperthermie, Harnverhalt, Darmatonie, Delir
- Auslöser: Organophosphate, Carbamate, Muscarin-haltige Pilze
- Pupille: Miosis
- Haut: schweißnass
- Schleimhäute: Speichel- und Tränenfluss, Bronchorrhö
- Weiteres: Bradykardie, Bronchospasmus, Diarrhö, Erbrechen; nicotinerg Faszikulationen bis Atemlähmung
Details und Therapie stehen beim anticholinergen Syndrom und bei der Organophosphatvergiftung.
Anticholinerg: rot wie eine Rübe, heiß wie ein Ofen, trocken wie ein Knochen, blind wie ein Maulwurf, verrückt wie ein Hutmacher.
Die übrigen Toxidrome lassen sich an wenigen Leitbefunden auseinanderhalten.
| Toxidrom | Leitbefunde | Typische Auslöser |
|---|---|---|
| Sympathomimetisch | Mydriasis, Schwitzen, Tachykardie, Hypertonie, Hyperthermie, Agitation, Krampfanfälle | Cocain, Amphetamine, Theophyllin |
| Opioid | stecknadelkopfgroße Pupillen, Atemdepression, Koma | Morphin, Fentanyl, Heroin |
| Sedativ-hypnotisch | Koma, Ataxie, Pupillen meist unauffällig, als Monointoxikation mäßige Atemdepression | Benzodiazepine, Z-Substanzen, Ethanol |
| Serotonerg | Klonus, Hyperreflexie, Hyperthermie, Schwitzen, Agitation, Diarrhö | Kombination serotonerger Stoffe (Serotonin-Syndrom) |
Antwort anzeigen
An der Haut. Die Schweißdrüsen sind sympathisch, aber cholinerg über M₃-Rezeptoren innerviert: Anticholinergika machen die Haut trocken, Sympathomimetika steigern das Schwitzen. Die Mydriasis entsteht dagegen auf beiden Wegen, einmal durch Blockade des M. sphincter pupillae, einmal durch α₁-Aktivierung des M. dilatator. Zusätzlich sprechen spärliche Darmgeräusche und eine volle Blase für anticholinerg.
Primäre Giftentfernung
Die primäre Giftentfernung soll die Resorption eines noch nicht aufgenommenen Gifts verhindern. Sie nützt nur früh und ist keine Routine, weil jedes Verfahren durch Aspiration schaden kann.
Aktivkohle ist das Verfahren der Wahl: Poröser Kohlenstoff mit sehr großer innerer Oberfläche bindet Gifte unspezifisch über Van-der-Waals-Kräfte, am besten lipophile, ungeladene organische Moleküle.
- Indikation: potenziell toxische Menge eines adsorbierbaren Stoffs, möglichst innerhalb der ersten Stunde; später noch sinnvoll bei Retardpräparaten und Darmatonie (Anticholinergika, Opioide).
- Nicht adsorbierbar: Alkohole und Glykole, Säuren und Laugen, Ionen wie Lithium, Eisen, Kalium, weil sie zu klein oder geladen sind.
- Kontraindikationen: ungeschützte Atemwege bei Bewusstseinsstörung (Aspiration), Verätzung (behindert die Endoskopie), Ileus.
- Magenspülung: nur ausnahmsweise bei lebensbedrohlicher Menge, sehr früh und am intubierten Patienten, weil Aspiration und Perforation drohen und ein Nutzen nicht belegt ist.
- Induziertes Erbrechen: obsolet. Ipecac wirkt unzuverlässig, verzögert die Kohlegabe und erhöht das Aspirationsrisiko; Kochsalzlösung verursacht gefährliche Hypernatriämie.
- Darmspülung: orthograd mit Polyethylenglykol-Elektrolyt-Lösung bei Retardpräparaten, Eisen, Lithium und Bodypackern. Laxanzien allein verbessern die Prognose nicht.
Sekundäre Giftentfernung
Die sekundäre Giftentfernung beschleunigt die Elimination eines bereits resorbierten Gifts. Nur was frei im Plasma vorliegt, lässt sich entfernen. Ein großes Verteilungsvolumen oder eine hohe Plasmaproteinbindung machen extrakorporale Verfahren daher wirkungslos (Verteilung und Plasmaproteinbindung).
| Verfahren | Prinzip | Geeignete Gifte |
|---|---|---|
| Wiederholte Aktivkohle | unterbricht den enterohepatischen Kreislauf, bindet Gift, das aus dem Blut ins Darmlumen diffundiert | Carbamazepin, Phenobarbital, Theophyllin, Dapson |
| Harnalkalisierung | Natriumhydrogencarbonat hebt den Urin-pH → schwache Säuren ionisiert → tubuläre Rückresorption ↓ | Salicylate, Phenobarbital |
| Hämodialyse | Diffusion kleiner, wasserlöslicher, kaum proteingebundener Stoffe mit kleinem Verteilungsvolumen; korrigiert zugleich Azidose und Elektrolyte | Lithium, Methanol, Ethylenglykol, Salicylate, Metformin (Laktatazidose) |
| Hämoperfusion | Blut strömt über einen Adsorber und erfasst auch proteingebundene Stoffe | Theophyllin (heute selten) |
Das Prinzip der Ionenfalle steht bei der Ausscheidung. Bei der Harnalkalisierung muss Kalium ausgeglichen werden, weil die Niere bei Hypokaliämie H⁺ statt K⁺ sezerniert und der Urin sauer bleibt.
Säuren, Laugen und Tenside
Ätzende Stoffe schädigen das Gewebe direkt, Art und Tiefe der Nekrose hängen vom pH ab.
- Säuren → Koagulationsnekrose: Die Eiweißdenaturierung bildet einen festen Schorf, der das weitere Eindringen begrenzt; betroffen ist vor allem der Magen.
- Laugen → Kolliquationsnekrose: Verseifung von Membranlipiden und Proteinauflösung verflüssigen das Gewebe, die Lauge dringt in die Tiefe; Ösophagusperforation und Strikturen drohen, daher gefährlicher.
- Erstmaßnahmen: Mund ausspülen, schluckweise Wasser trinken lassen, frühe Endoskopie.
- Tenside: lokal wenig toxisch; die Gefahr ist Schaum, der beim Erbrechen aspiriert wird und eine chemische Pneumonitis auslöst.
- Entschäumer: Simeticon oder Dimeticon senken die Oberflächenspannung der Schaumblasen, die zerfallen; das Aspirationsrisiko sinkt.
Kein Erbrechen auslösen (erneute Passage), keine Neutralisation (exotherme Reaktion, Gasbildung), keine Aktivkohle und keine Magenspülung.
Teste dich
Lückentext
Aussage 2
Die Harnalkalisierung beschleunigt vor allem die Ausscheidung schwacher Säuren wie Salicylat.
Im alkalischen Urin liegen schwache Säuren ionisiert vor und werden tubulär nicht rückresorbiert.
Zuordnen
Aussage 4
Miosis spricht gegen ein anticholinerges Toxidrom und passt zu cholinerger oder Opioidvergiftung.
Anticholinergika erweitern die Pupille. Miosis findet sich beim cholinergen und beim Opioid-Toxidrom.
Aussage 5
Aktivkohle bindet Lithium gut und ist bei Lithiumintoxikation die wichtigste primäre Maßnahme.
Lithium ist ein kleines Ion und wird von Aktivkohle nicht adsorbiert. In Frage kommen Darmspülung und vor allem Hämodialyse.
Warum?
Aussage 7
Induziertes Erbrechen mit Ipecac ist bei Kleinkindern weiterhin das Mittel der Wahl.
Induziertes Erbrechen ist obsolet: unzuverlässig, verzögert die Kohlegabe und erhöht das Aspirationsrisiko. Mittel der Wahl ist Aktivkohle.
Aussage 8
Ein großes Verteilungsvolumen macht eine Hämodialyse wenig wirksam.
Bei großem Verteilungsvolumen liegt das Gift überwiegend im Gewebe und ist im Plasma für die Dialyse kaum verfügbar.
Aussage 9
Säuren verursachen eine Kolliquationsnekrose mit ausgeprägter Tiefenwirkung.
Säuren bilden eine Koagulationsnekrose mit begrenzendem Schorf. Die Kolliquationsnekrose mit Tiefenwirkung entsteht durch Laugen.
Prüferin fragt
Fehler entdeckt oder eine Idee? Wir verbessern die Inhalte laufend. Melde es uns gerne über dieses Formular ❤️
Teile der Inhalte wurden mithilfe von KI-Systemen erstellt und werden fortlaufend redaktionell geprüft. Trotz Sorgfalt können Fehler enthalten sein. Wichtige Informationen bitte anhand offizieller Quellen prüfen. Relaxed ins Stex ist ein unabhängiges Angebot und steht in keiner Kooperation mit dem IMPP. Das Angebot ist weder vom IMPP autorisiert noch mit diesem verbunden.