Grundlagen

Cholinerges System

Acetylcholin von der Synthese bis zum Abbau, die Muscarin- und Nicotinrezeptoren mit Subtypen, Kopplung und Organwirkungen sowie die pharmakologischen Angriffspunkte. Den Kern bilden der Gegensatz G-Protein-gekoppelter M-Rezeptor gegenüber ligandengesteuertem N-Kanal und die Zuordnung der Arzneistoffklassen zu den einzelnen Schritten.

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  • Einordnung: Acetylcholin ist Transmitter aller vegetativen Ganglien, des postganglionären Parasympathikus, der motorischen Endplatte und zentraler Bahnen.
  • Lebenszyklus: Cholin-Aufnahme über CHT1 (geschwindigkeitsbestimmend), Synthese durch ChAT, Speicherung über VAChT, Ca²⁺-abhängige Exozytose über den SNARE-Komplex, Hydrolyse durch die AChE.
  • Abbau: Die AChE beendet über die katalytische Triade die Transmitterwirkung im Spalt, die Butyrylcholinesterase im Plasma spaltet Esterarzneistoffe.
  • Muscarinrezeptoren: G-Protein-gekoppelt, M1, M3 und M5 über Gq (Ca²⁺ ↑), M2 und M4 über Gi (cAMP ↓, GIRK); M2 bremst das Herz, M3 kontrahiert glatte Muskulatur, steigert die Sekretion und dilatiert Gefäße über endotheliales NO.
  • Nicotinrezeptoren: pentamere Kationenkanäle, muskulär, ganglionär und zentral; Ganglienerregung oder -blockade trifft beide Systeme, am Organ entscheidet der dominierende Tonus.
  • Angriffspunkte: Botulinumtoxin hemmt die Freisetzung, direkte und indirekte Parasympathomimetika verstärken, Parasympatholytika blockieren M-Rezeptoren, Nicotinrezeptor-Liganden wirken an N-Rezeptoren; quartär oder tertiär bestimmt die ZNS-Gängigkeit.

Orientierung

Acetylcholin (ACh) ist der Transmitter aller präganglionären vegetativen Neurone, der postganglionären parasympathischen Neurone, der motorischen Endplatte und zahlreicher zentraler Bahnen. Aus diesem einen System leiten sich Parasympathomimetika, Parasympatholytika, Muskelrelaxanzien und Antidementiva ab. Die Verschaltung von Sympathikus und Parasympathikus steht bei Anatomie und Physiologie des vegetativen Nervensystems.

  • Vegetativ: alle Ganglien beider Systeme, Nebennierenmark, parasympathische Erfolgsorgane, sympathisch innervierte Schweißdrüsen.
  • Somatisch: motorische Endplatte (Heimat: Neuromuskuläre Übertragung).
  • Zentral: Basalkern Meynert (Kognition), Interneurone im Striatum (Motorik).

Zwei Rezeptorfamilien arbeiten nach grundverschiedenem Prinzip: Muscarinrezeptoren sind G-Protein-gekoppelt (langsam, modulierend), Nicotinrezeptoren sind ligandengesteuerte Kationenkanäle (schnell, Millisekunden). Die allgemeinen Rezeptortypen erklärt Rezeptoren und Signaltransduktion.

Lebenszyklus von Acetylcholin

Der Weg von Acetylcholin läuft vollständig in der Nervenendigung und im synaptischen Spalt ab, und jeder Schritt ist ein möglicher Angriffspunkt.

Kreislaufschema einer cholinergen Nervenendigung von der Cholin-Aufnahme über Synthese und Vesikelspeicherung bis zur Spaltung im synaptischen Spalt.

Synthese, Speicherung, Freisetzung und Abbau von Acetylcholin
  1. Cholin-Aufnahme: Der Na⁺-abhängige, hochaffine Cholintransporter (CHT1) nimmt Cholin aus dem Spalt auf; dieser Schritt ist geschwindigkeitsbestimmend für die Synthese.
  2. Synthese: Die Cholin-Acetyltransferase (ChAT) überträgt im Zytoplasma die Acetylgruppe von Acetyl-CoA auf Cholin; sie ist das Markerenzym cholinerger Neurone.
  3. Speicherung: Der vesikuläre ACh-Transporter (VAChT) pumpt ACh im Austausch gegen H⁺ in die Vesikel (Gradient durch die V-ATPase).
  4. Exozytose: Aktionspotenzial → Ca²⁺-Einstrom über spannungsabhängige Ca²⁺-Kanäle → Synaptotagmin löst die Fusion aus, der SNARE-Komplex zieht Vesikel- und Plasmamembran zusammen.
  5. Hydrolyse: Die Acetylcholinesterase spaltet ACh innerhalb von Millisekunden in Cholin und Acetat → Cholin wird wiederaufgenommen.

Der SNARE-Komplex ist ein Vier-Helix-Bündel aus Synaptobrevin (vesikulär) sowie Syntaxin und SNAP-25 (Plasmamembran); seine Bildung liefert die Energie für die Membranfusion. Seine Spaltung durch Botulinumtoxin hat dort ihre Heimat.

Das aktive Zentrum der Acetylcholinesterase (AChE) liegt am Grund einer engen, aromatisch ausgekleideten Schlucht. Die anionische Stelle bindet den quartären Stickstoff über Kation-π-Wechselwirkungen, an der esteratischen Stelle acetyliert das Serin der katalytischen Triade (Ser-His-Glu) sich selbst und wird sofort wieder hydrolysiert. Genau diese Regeneration verzögern Cholinesterasehemmer.

A Acetylcholinesterase
  • Ort: Synapsen, Endplatte, Erythrozyten
  • Substrat: hochspezifisch für ACh
  • Funktion: beendet die Transmitterwirkung
B Butyrylcholinesterase
  • Ort: Plasma (in der Leber gebildet), Glia
  • Substrat: breit, auch Esterarzneistoffe
  • Funktion: Abbau von Fremdstoffen, Bedeutung bei Suxamethonium

Muscarinrezeptoren

Muscarinrezeptoren sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren mit fünf Subtypen, die sich nach Kopplung in zwei Gruppen teilen. Gq aktiviert die Phospholipase Cβ (IP₃, DAG, Ca²⁺ ↑), Gi hemmt die Adenylatcyclase (cAMP ↓), und seine βγ-Untereinheit öffnet GIRK-Kaliumkanäle.

Zwei Signalketten nebeneinander: links Gq mit Phospholipase C und Calciumanstieg, rechts Gi mit sinkendem cAMP und geöffnetem Kaliumkanal.

Signaltransduktion der Muscarinrezeptor-Subtypen
💡 Merke

Ungerade koppeln an Gq (M1, M3, M5), gerade an Gi (M2, M4).

Subtyp Kopplung Lokalisation Wirkung
M1 Gq ZNS (Kortex, Hippocampus), vegetative Ganglien Kognition, Gedächtnis; ganglionäre Erregbarkeit ↑
M2 Gi Herz (Sinus-, AV-Knoten, Vorhöfe), präsynaptisch Frequenz ↓, AV-Überleitung ↓ (GIRK, cAMP ↓)
M3 Gq glatte Muskulatur (Bronchien, Darm, Detrusor, Pupillensphinkter, Ziliarmuskel), Drüsen, Endothel Kontraktion, Sekretion, Miosis, Nahakkommodation, NO-Freisetzung
M4, M5 Gi bzw. Gq überwiegend ZNS (Striatum, Dopaminneurone) Modulation der Dopaminfreisetzung
  • Präsynaptische Autorezeptoren (M2, M4): hemmen über Gi die weitere ACh-Freisetzung (negative Rückkopplung).
  • Heterorezeptoren: M2 auf sympathischen Endigungen dämpft die Noradrenalin-Freisetzung.
  • Endothel (M3): Ca²⁺ ↑ → endotheliale NO-Synthase → NO → lösliche Guanylatcyclase im Gefäßmuskel → cGMP ↑ → Vasodilatation.

Die meisten Widerstandsgefäße sind nicht parasympathisch innerviert. Zirkulierendes ACh dilatiert sie trotzdem, und zwar indirekt über das Endothel.

Prüferinnenfrage
Was passiert, wenn Sie Acetylcholin auf ein Gefäß mit zerstörtem Endothel geben?
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Dann kontrahiert das Gefäß. Ohne Endothel fehlt die NO-Bildung, und es bleibt nur der direkte Effekt an den M3-Rezeptoren der glatten Gefäßmuskulatur: Gq, IP₃, Ca²⁺-Anstieg, Kontraktion. Die Reaktion auf ACh dient deshalb experimentell als Test für die Endothelfunktion.

Nicotinrezeptoren

Der Nicotinrezeptor ist ein ligandengesteuerter Kationenkanal aus fünf Untereinheiten, die eine zentrale Pore umgeben. ACh bindet an zwei Stellen an den Grenzflächen der α-Untereinheiten. Erst wenn beide besetzt sind, öffnet der Kanal für Na⁺ und K⁺ (teils Ca²⁺) und depolarisiert die Zelle; bei anhaltender Besetzung desensibilisiert er.

Typ Untereinheiten Lokalisation Bedeutung
Muskulär (Nₘ) (α1)₂β1δε motorische Endplatte Skelettmuskelkontraktion, Ziel der Muskelrelaxanzien
Ganglionär (Nₙ) α3β4 vegetative Ganglien, Nebennierenmark Umschaltung beider Systeme, Adrenalinausschüttung
Zentral α4β2, α7 (homomer) ZNS, oft präsynaptisch Belohnung und Abhängigkeit (α4β2); α7 stark Ca²⁺-permeabel

Weil Sympathikus und Parasympathikus in den Ganglien nikotinerg umgeschaltet werden, treffen Ganglienerregung und -blockade beide Systeme zugleich. Das Ergebnis am Organ bestimmt der dort vorherrschende Tonus.

  • Gefäße (sympathisch dominiert): Erregung → Vasokonstriktion und Blutdruck ↑, verstärkt durch Adrenalin aus dem Nebennierenmark; Blockade → orthostatische Hypotonie.
  • Herz (in Ruhe vagal dominiert): Blockade → Tachykardie.
  • Darm, Blase, Drüsen, Auge (parasympathisch dominiert): Erregung → Motilität ↑, Übelkeit, Speichelfluss; Blockade → Obstipation, Harnverhalt, Mundtrockenheit, Mydriasis.
  • Hohe Nicotinkonzentrationen: Depolarisationsblock → Erregung schlägt in Lähmung um.

Pharmakologische Angriffspunkte

Zahlreiche Arzneistoffklassen greifen an genau einem Schritt des cholinergen Systems an.

Schema einer cholinergen Synapse mit Cholin-Aufnahme, Synthese, Speicherung, Freisetzung, Abbau durch AChE und den Rezeptoren, jeweils markiert mit den hemmenden oder aktivierenden Arzneistoffklassen.

Pharmakologische Angriffspunkte an der cholinergen Synapse
📖 Definition: Parasympathomimetikum

Direkte Parasympathomimetika aktivieren Muscarinrezeptoren selbst als Agonisten. Indirekte Parasympathomimetika hemmen die AChE und verstärken so endogenes ACh an M- und N-Rezeptoren, also nur dort, wo ACh freigesetzt wird.

Angriffspunkt Prinzip Beispiele Klasse
ACh-Freisetzung SNARE-Spaltung → keine Exozytose Botulinumtoxin Botulinumtoxin
Muscarinrezeptor Agonist (direkt) Pilocarpin, Bethanechol Muscarinrezeptor-Agonisten
Acetylcholinesterase Hemmung (indirekt) Neostigmin, Pyridostigmin, Physostigmin Cholinesterasehemmer, zentral: Acetylcholinesterasehemmer
Muscarinrezeptor Antagonist Atropin, Butylscopolamin, Tiotropium Parasympatholytika
Nicotinrezeptor Agonist, Partialagonist, Antagonist Nicotin, Vareniclin, Rocuronium Nicotinrezeptor-Liganden

Die Struktur entscheidet über den Wirkort. Quartäre Ammoniumverbindungen (Neostigmin, Butylscopolamin) sind permanent geladen, werden schlecht resorbiert und passieren die Blut-Hirn-Schranke nicht. Tertiäre Amine (Physostigmin, Atropin) wirken auch zentral, deshalb hebt nur Physostigmin ein zentrales anticholinerges Syndrom auf.

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wie in der mündlichen Prüfung iBei „Prüferin fragt“ antwortest du erst selbst, laut oder im Kopf, deckst dann die Antwort auf und hakst ab, welche Kernpunkte du genannt hast. Danach kommen Nachfragen wie in der echten Prüfung. Die übrigen Karten (Zuordnen, Reihenfolge, Warum, Richtig oder falsch) prüfen das Wissen, das du dafür brauchst.

Reihenfolge

Warum?

Zuordnen

Aussage 4

Der Nicotinrezeptor öffnet bereits, wenn eine seiner beiden ACh-Bindungsstellen besetzt ist.

Beide Bindungsstellen an den Grenzflächen der α-Untereinheiten müssen besetzt sein, erst dann öffnet der Kationenkanal.

Aussage 5

Der M2-Rezeptor am Sinusknoten ist an Gq gekoppelt und senkt die Herzfrequenz über einen Anstieg des intrazellulären Ca²⁺.

M2 ist Gi-gekoppelt: cAMP sinkt, und die βγ-Untereinheit öffnet GIRK-Kaliumkanäle. Das senkt Frequenz und AV-Überleitung.

Aussage 6

Neostigmin wirkt als quartäre Ammoniumverbindung praktisch nicht zentral, weil es die Blut-Hirn-Schranke nicht passiert.

Die permanente positive Ladung verhindert die Passage durch Membranen. Das tertiäre Physostigmin wirkt dagegen auch zentral.

Aussage 7

Die Cholin-Acetyltransferase überträgt im Zytoplasma die Acetylgruppe von Acetyl-CoA auf Cholin.

So entsteht ACh in der Nervenendigung. Die ChAT gilt als Markerenzym cholinerger Neurone.

Aussage 8

Die Butyrylcholinesterase sitzt vor allem im synaptischen Spalt und beendet dort die Wirkung von Acetylcholin.

Das leistet die Acetylcholinesterase. Die Butyrylcholinesterase kommt im Plasma vor, wird in der Leber gebildet und spaltet ein breites Spektrum an Esterarzneistoffen.

Aussage 9

Eine Ganglienblockade führt zur Tachykardie, weil das Herz in Ruhe parasympathisch dominiert ist.

Beide Systeme fallen aus. Am Herzen überwiegt der Wegfall des vagalen Tonus, daher steigt die Frequenz.

Lückentext

Prüferin fragt

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